Der Bund lässt den CCS-Pionier Heidelberg Materials allein

RÜCKSCHLAG FÜR DIE CO₂-ABSCHEIDUNG · 23. OKTOBER 2026

Ohne Leitung und Speicher pausiert Heidelberg Materials CCS in Geseke

Das Zementwerk Geseke sollte ab 2029 rund 700.000 Tonnen CO₂ im Jahr abscheiden, die EU gab 191 Millionen Euro dazu. Jetzt liegt das Projekt auf Eis. Für die sichere Speicherung unvermeidbarer Emissionen ist das ein schwerer Rückschlag, und die Antwort muss aus Berlin kommen.


KOMMENTAR VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Heidelberg Materials hat sein Projekt GeZero im westfälischen Geseke pausiert. Die Rahmenbedingungen reichten noch nicht für einen tragfähigen Business Case, teilte der Zementkonzern am Donnerstag mit. Die Planung solle weiter optimiert werden, das Werk produziere unverändert Zement. Deutschland-Chef Christoph Streicher sprach von einem Entschluss nach sorgfältiger Abwägung.

GeZero sollte das erste Zementwerk Deutschlands werden, das sein CO₂ vollständig abscheidet. Ein neuer Drehofen sollte mit reinem Sauerstoff statt mit Luft feuern, damit das Abgas fast nur noch aus CO₂ besteht. Ab 2029 wollte der Konzern so rund 700.000 Tonnen im Jahr abscheiden und zunächst per Bahn zu Speichern unter der Nordsee schicken. Die EU hatte das Vorhaben Ende 2023 mit 191 Millionen Euro aus ihrem Innovationsfonds bedacht.

Heidelberg Materials fehlen für CCS in Geseke Leitung und Speicher

Den Grund nennt der Konzern offen. Die Ketten für Transport und Speicherung von CO₂ seien nicht ausgereift. Unklar sei, ob die Infrastruktur rechtzeitig und mit vertretbarem Risiko für den CO₂-Erzeuger bereitstehe. Ein Zementwerk im Binnenland hängt an Güterzügen, Pipelines, Häfen und Lagerstätten, die andere bauen und betreiben.

Der Zeitplan zeigt, wie groß diese Lücke ist. Die CO₂-Pipeline Delta Rhine Corridor von Open Grid Europe soll frühestens 2033 Kohlendioxid aus Nordrhein-Westfalen an die niederländische Grenze leiten. Sie ist Teil eines bundesweit geplanten Netzes von rund 1.000 Kilometern. Heidelberg Materials wollte in Geseke vier Jahre früher abscheiden. Die Zeit bis zum Netzanschluss hätten Züge überbrücken müssen, ohne dass jemand weiß, wann und zu welchem Preis das Netz kommt.

Auch der Speicherplatz schrumpft. Das Forschungskonsortium Geostor schätzt die geeigneten Lagerstätten unter der deutschen Nordsee inzwischen auf 0,5 bis 1,5 Milliarden Tonnen CO₂. Zwei Jahre zuvor waren es bis zu sechs Milliarden. Windparks, Schifffahrtswege und Schutzgebiete beanspruchen dieselben Flächen. An Land bleibt die Speicherung nach dem neuen CO₂-Speichergesetz verboten, solange ein Bundesland sie nicht ausdrücklich zulässt.

Zementwerke brauchen CCS für unvermeidbare Emissionen

Für Zement gibt es keine Abkürzung. Rund zwei Drittel des CO₂ eines Zementwerks entstehen, wenn Kalkstein im Ofen zu Klinker gebrannt wird, egal womit der Ofen heizt. Kein Ökostrom verhindert diese Prozessemissionen. Neue Bindemittel und Beton als CO₂-Speicher verkleinern die Menge, die Abscheidung ersetzen sie nicht. Für diese unvermeidbaren Emissionen braucht Deutschland CCS.

Heidelberg Materials zeigt seit Juni 2025 im norwegischen Brevik, dass die Abscheidung am Zementwerk funktioniert, mit den Anlaufproblemen eines Pioniers. Im britischen Padeswood baut der Konzern seit Dezember 2025 die nächste, größere Anlage. Beide Projekte entstehen dort, wo der Staat einen großen Teil des Risikos trägt. Im kanadischen Edmonton liegt ein Projekt seit August auf Eis, in Deutschland nun GeZero.

Gerade deshalb braucht Deutschland CO₂-Leitungen. Im Duisburger Stadtwald und im Mülheimer Uhlenhorst wehren sich Bürger*innen gegen die Trasse des Delta Rhine Corridor durch alten Wald, nicht gegen die Pipeline an sich. Wer eine solche Leitung baut, muss sie so naturschonend wie möglich führen und vorher klären, wer einspeisen darf. Einspeisen sollen Zement- und Kalkwerke mit ihren Prozessemissionen, keine Anlagen, deren CO₂ sich mit Strom aus Wind und Sonne vermeiden ließe.

Der Bund zahlt Mehrkosten, das Risiko trägt der Pionier

Ein Förderinstrument gibt es. Mit den Klimaschutzverträgen gleicht der Bund 15 Jahre lang die Mehrkosten aus, die Unternehmen durch klimafreundliche Verfahren entstehen, CCS ist ausdrücklich förderfähig. Seit der Runde 2026 dürfen Unternehmen vor Betriebsbeginn aussteigen, wenn kritische äußere Bedingungen ausbleiben. Das Geld fließt aber erst, wenn eine Anlage tatsächlich CO₂ einspart.

Gegen das Szenario, das Heidelberg Materials fürchtet, sichert der Bund niemanden ab. Gemeint ist eine fertige Abscheideanlage ohne Leitung, ohne Speicherplatz oder mit Transportkosten, die niemand kalkulieren kann. Geostor beziffert die Kosten für CCS auf 150 bis 250 Euro je Tonne CO₂, der Emissionshandel bepreist die Tonne mit rund 74 Euro. Der Konzern fordert deshalb einen staatlich gestützten Mechanismus, der Vorreitern dieses Risiko abnimmt, und Speicher an Land für Standorte im Binnenland.

Reiche muss CCS dort ermöglichen, wo es nötig ist

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat CCS lange als Werkzeug für fast alles behandelt. Die schwarz-rote Koalition begründete ihre neuen Gaskraftwerke zunächst auch mit CCS als Klimaschutz für Gas. Im Sommer 2025 weigerte sich Reiches Ministerium, Gaskraftwerke von der Abscheidung auszuschließen, darüber werde der Markt entscheiden. Das neue Gesetz schließt nur Kohlekraftwerke aus. In ihren jüngsten Plänen setzt Reiche bei Gaskraftwerken auf eine spätere Umstellung auf Wasserstoff.

Die Ministerin sollte daraus die Konsequenz ziehen und CCS dort durchsetzen, wo es keine Alternative gibt. Dazu gehören Klimaschutzverträge, die auch das Infrastrukturrisiko der Pioniere absichern. Dazu gehört ein CO₂-Netz mit verbindlichem Zeitplan. Und dazu gehört knapper Speicherplatz, der für Zement und Kalk reserviert ist statt für Kraftwerke, die ihr CO₂ gar nicht erst ausstoßen müssten.

Heidelberg Materials bekennt sich weiter zu einem CCS-Vorzeigeprojekt in Deutschland. Ob CCS in Geseke kommt und wann, hängt nun weniger am Konzern als an der Bundesregierung.

QUELLEN

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  1. Cemnet: Heidelberg Materials pauses GeZero CCS project, 22. Oktober 2026.
  2. Rhein-Neckar-Zeitung: Heidelberg Materials legt Pioniervorhaben „GeZero“ auf Eis, 22. Oktober 2026.
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