SPRIND-CHALLENGE · 19. OKTOBER 2026
EveryCarbonKunststoff aus Bioabfall: EveryCarbon siegt bei SPRIND
Vor drei Jahren hatte Sebastian Beblawy einen Bakterienstamm und eine Skizze auf Papier. Jetzt hat sein Team die SPRIND-Challenge gewonnen, mit Kunststoff aus Bioabfall für Gebäude. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen gab feste Ziele vor und ließ den Weg offen.
Das Cleantech-Startup EveryCarbon hat die „Circular Biomanufacturing Challenge“ der Bundesagentur für Sprunginnovationen gewonnen. Vier Teams haben nach drei Jahren die dritte Stufe abgeschlossen, mit dem Auftrag, aus kohlenstoffhaltigem Abfall im Dauerbetrieb neue Produkte herzustellen. Biomanufacturing heißt dieses Feld: Mikroorganismen erledigen in Bioreaktoren die Arbeit, für die Chemieanlagen sonst Erdöl verbrauchen.
Das Siegerteam kommt ursprünglich aus Hamburg und hat seinen Sitz heute in Tübingen. Als die Challenge im November 2023 begann, gehörte es zu den zwei von acht Startteams, die aus dem Stand losliefen, die übrigen brachten Vorarbeiten mit. Heute stellt das Cleantech-Unternehmen einen Kunststoff aus Bioabfall her, der in Gebäuden auch Jahrzehnte in feuchter Umgebung bestehen kann.
„Wir stellen Kunststoffmaterialien für technische und vor allem bautechnische Anwendungen her, aus gemischten organischen Abfällen“, sagt Mitgründer und CEO Sebastian Beblawy.
Warum Sebastian Beblawy beinahe Lehrer geworden wäre
Sebastian Beblawy wollte Biologie und Chemie unterrichten. Chemie fand er im Studium spannend, die Biologie-Vorlesungen „ganz furchtbar, es war so langweilig“, wie er der SPRIND erzählt hat. Im Gespräch mit Cleanthinking erklärt er, was ihm fehlte, nämlich eine Theorie, die das viele Wissen ordnet. „Es ist halt trotzdem nur eine Briefmarkensammlung, und niemand erklärt dir, warum die eine und die andere Briefmarke zusammengehören.“ Er überspitze, schiebt er nach.
Das änderte sich in der Arbeitsgruppe von Prof. Johannes Gescher. Dort ging es darum, aus Abfall Wertstoffe zu machen, doch das war für Beblawy nur die Leinwand. Ihn packte, dass die Gruppe mit Thermodynamik arbeitete, also mit den Gesetzen, nach denen Energie in chemischen Reaktionen umgesetzt wird. Damit ließ sich in der Biologie plötzlich etwas vorhersagen. Beblawy blieb, promovierte bei Gescher und verschrieb sich der Abfallbiotechnologie.
Eine akademische Laufbahn bis zum Ruhestand wollte er nicht, und Stellen, die Biotechnologie und Nachhaltigkeit verbanden, fand er kaum. Er wurde Clustermanager und half, Netzwerke für die Bioökonomie aufzubauen, eine Wirtschaft auf Basis nachwachsender Rohstoffe und biologischer Verfahren. Dort lernte er etablierte Unternehmen kennen und vor allem ihre Gründe, nicht in neue Technik zu investieren. „Es ging mir nicht schnell genug, ich wollte, dass da jetzt was passiert“, sagt er. „Irgendwann war ich an dem Punkt, wo ich gesagt habe: Okay, das müssen wir halt selber machen.“
Beblawy rief seinen Doktorvater an, der ihn einst zur Biologie bekehrt hatte. „Was haben wir in der Schublade?“, lautete die Frage. An einem Nachmittag gingen die beiden ihre Ideen durch. Für eine davon hätte sich das Gründungsprogramm Exist des Bundes angeboten, doch sie reizte Beblawy nicht. Zur selben Zeit lief der Aufruf der SPRIND, und der passte.
Gescher und Beblawy zeichneten ein Blockfließbild auf ein Blatt Papier, also die Schritte eines Verfahrens als Kästchen und Pfeile. Real existierte davon nur der Bakterienstamm. Genau das sagten sie der SPRIND offen. „Wir haben drei Säulen schon in der Hand, wir brauchen aber fünf und die Brücken dazwischen“, erinnert sich Beblawy an das Gespräch. Die Antwort der Agentur: „Dann beweist uns das.“
Rund acht Wochen später, so erinnert er sich, kündigte er seinen Job und arbeitete Vollzeit an der Idee. „Zwischen der Entscheidung, ich will jetzt eine Firma gründen, und dem Moment, wo ich mich zu 100 Prozent committet habe, lagen höchstens drei Monate“, sagt Beblawy. Im ersten Jahr baute das Team an der Universität den Machbarkeitsnachweis im Labor, holte zwei weitere Leute dazu und zog in die nächste Stufe ein. Erst dann gründete es das Startup.
Die SPRIND ließ das Team unterwegs den Kurs wechseln
Die SPRIND sitzt in Leipzig und fördert in ihren Challenges nicht mit Zuschüssen, sie vergibt vorkommerzielle Aufträge. Nach jeder Stufe entscheidet eine Jury, wer weitermacht. Auch der Höhenwindturm von GICON geht auf die Agentur zurück (mehr dazu: Cleanthinking-Berichte zur SPRIND).
Die Aufgabe stand im November 2023 fest, für alle Teams gleich und für die vollen drei Jahre. Gesucht war ein durchgängiger Prototyp, der kohlenstoffhaltige Abfallströme in einem kontinuierlichen Bioprozess zu neuen Produkten verarbeitet. Die Produktion musste mindestens 180 Tage am Stück laufen. Am Ende sollten mindestens drei verschiedene Produkte stehen, hergestellt mit einem modernen Fertigungsverfahren wie dem 3D-Druck. Die beiden Standardorganismen der Biotechnologie, das Darmbakterium Escherichia coli und die Bäckerhefe, waren ausgeschlossen. Den Weg zu diesen Zielen schreibt die Agentur nicht vor.
In die dritte Stufe kamen fünf Teams, vier brachten sie zu Ende. EveryCarbon bekam dafür im Oktober 2025 bis zu 2,5 Millionen Euro.
Diesen Spielraum hat das Team gebraucht. Gestartet ist es mit einer sehr breiten Technologie, die alle möglichen Rohstoffe umfasste, unter anderem Klärschlamm. „Wir haben im Laufe der Challenge aber gemerkt, dass wir uns viel stärker fokussieren müssen“, sagt Beblawy. Heute verarbeitet das Team vor allem Bioabfälle und organische Reststoffe.
Unterwegs merkte das Team auch, dass manche der anfangs geplanten Produkte den Markt nicht so erreichen würden wie gedacht, sagt Beblawy. Die Aufbereitung der Abfälle überlässt es inzwischen Betrieben, die das längst im industriellen Maßstab tun, und kauft das Zwischenprodukt zu.
Die Ziele der Challenge hat das Team nach eigener Einschätzung trotzdem erreicht, nur anders als gedacht. „Diese Challenge gibt auch die Möglichkeit, sich permanent neu zu erfinden“, sagt Beblawy. Das schätzt er an dem Format, weil es einem „die Luft lässt, Fehler zu machen, während man was baut“.
Fermentation, Aufreinigung, Polymerisation, Material: Das Team baut die ganze Kette auf einmal, und das hätte ein klassischer Investor kaum mitgetragen. „Der hätte nicht zugestimmt, dass wir so viele Baustellen auf einmal anfangen.“
Kund*innen lesen aus dem Datenblatt dieselben Anwendungen heraus
Das erste Produkt heißt ECOne. Es ist ein Polyester, dessen Grundbaustein die Bakterien liefern: 2,3-Butandiol, ein Grundstoff, der auch in Lösemitteln und Kunststoffen steckt. Die Bakterien stellen ihn aus dem Abfallgemisch her. Zum Kunststoff verknüpft wird er auf klassisch chemischem Weg. Biologisch abbaubar ist das Material absichtlich nicht.
Das hat mit dem Einsatzort zu tun. Im Bau muss ein Kunststoff Jahrzehnte halten, und wasserbeständig sind fossile Kunststoffe längst. Neu ist ein biobasierter Kunststoff, der sehr tolerant gegenüber Feuchtigkeit ist und Lebenszyklen von 30 Jahren in feuchter Umgebung schafft. So etwas finde man auf dem Markt kaum, sagt Beblawy. Der Kohlenstoff aus dem Abfall bleibt damit lange im Bauteil gebunden.
Drei Anwendungen haben sich herausgeschält. Die erste sind Dämmplatten als Ersatz für extrudiertes Polystyrol, kurz XPS. Das sind die harten, feinporigen Platten unter dem Boden in Bad und Küche oder im Keller, wo Feuchtigkeit von oben oder von außen kommt. Die zweite sind Präzisionsteile aus dem Spritzguss, die dritte Schmelzklebstoffe in der Gebäudehülle.

XPS hat sich laut Beblawy seit den 70er-Jahren kaum verändert. Wo sich so lange wenig bewegt, finden neue Unternehmen ihre Chance, Ökonomen nennen das kreative Zerstörung. Den adressierbaren Markt in Europa für solche Dämmschäume beziffert Beblawy auf rund sieben Milliarden Euro, schon eine Nische darin ist groß.
Beblawy legte das Materialdatenblatt vor, und Gesprächspartner*innen kamen von sich aus auf die Idee eines Dämmschaums, an den das Team selbst schon gedacht hatte. „Das haben wir nie geplant, dass Leute sagen: Wir könnten das Material hierfür verwenden“, sagt Beblawy.
Ein Hersteller von Dämmplatten müsste für den neuen Rohstoff keine Maschine tauschen. Das Team arbeitet daran, ein Granulat herzustellen, das mit bestehenden Maschinen bearbeitet werden kann. Diese Bedingung stand von Anfang an fest und stammt aus Beblawys Zeit als Clustermanager.
Biogasanlagen könnten mit der Vorstufe mehr verdienen als mit Methan
Hinter dem Geschäftsmodell steht eine thermodynamische Rechnung. Methan aus der Biogasanlage sei das billigste Molekül am Markt, sagt Beblawy, sein Wert entspreche dem Heizwert. Für das eigene Molekül brauche das Team weniger chemische Energie, und pro Kohlenstoffatom sei es deutlich mehr wert. Im SPRIND-Profil spricht er von einem Carbon Upgrade Factor. Der liege bei bis zum 80-Fachen des Werts von Biogas, je nach Produkt und Anwendung.
Daraus folgt ein Angebot an die Betreiber*innen. „Wenn ihr diese Vorstufe an uns verkauft, statt daraus Methan zu machen, können wir euch einen höheren Erlös bieten“, fasst Beblawy es zusammen. Nach Unternehmensangaben liefern Industriebetriebe, Biogasanlagen und Lebensmittelwerke ein vorbehandeltes, flüssiges Abfallgemisch, das Hydrolysat, an Produktionsanlagen direkt nebenan. Dort vergären Bakterien es zu 2,3-Butandiol, die Polymerisation läuft zentral. Bestehende Anlagen der Abfallwirtschaft bekämen so „ein zweites Leben, vielleicht auch eines, das unabhängig von staatlichen Subventionen funktioniert“.

Für die Testmengen, die Kund*innen aus großen Märkten verlangen, ist die bisherige Pilotanlage zu klein. Als Nächstes mietet sich das Team deshalb in bestehende Mehrzweck-Fermentationsanlagen ein, 50-mal größer als bisher. Erst wenn das Verfahren dort trägt, will es eine eigene Anlage für mindestens 30.000 Tonnen Produkt pro Jahr bauen. Das wären nach eigener Schätzung je nach Nische zwei bis fünf Prozent des Marktes.
Wo diese Anlage steht, entscheidet der Abfall. Lebensmittelreste bestehen zu 70 bis 80 Prozent aus Wasser, wer sie weit fährt, transportiert vor allem Wasser. Die erste große Anlage soll deshalb voraussichtlich in eine dicht besiedelte Industrieregion.
Später sollen kleine Anlagen direkt an Biogas- und Abfallanlagen folgen, aus der Ferne gesteuert und weitgehend autonom per KI. Bei so kleinen Anlagen entfällt laut Beblawy die Hälfte der Produktionskosten auf Personal. Fachkräfte für Bioverfahrenstechnik fehlen gerade auf dem Land, wo die Biogasanlagen stehen.

Rückblickend staunt Beblawy selbst. „Wir haben an einem Nachmittag eine Idee erarbeitet, und drei Jahre später arbeiten elf Leute daran“, acht davon in Vollzeit. Zum Ende der Challenge hat mit Biotope aus Belgien ein erster Investor unterschrieben. Am Sieg in Leipzig hing zwar kein Preisgeld mehr, sagt Beblawy. Dennoch gab das Team sein Bestes, als Signal nach innen und nach außen. „Das Team hat sich drei Jahre lang richtig reingehängt, und wenn man dafür noch mal auf die Schulter geklopft bekommt, ist das ein gutes Gefühl.“
Das Schulterklopfen ist nun da. Nach Angaben der SPRIND lief die Fermentation 180 Tage am Stück, ohne Kontamination und ohne Antibiotika, in einer Miniplant im Container. Die drei anderen Teams im Ziel sind C3 Biotech, Biophelion und AmphiStar, Biophelion kam mit 211 Tagen auf den längsten Lauf. Aus der Skizze auf dem Papier ist ein Prozess geworden, der im Dauerbetrieb trägt.
QUELLEN
- SPRIND: Circular Biomanufacturing Challenge, 19. Oktober 2026.
- TU Hamburg: TUHH-Start-up EveryCarbon erhält 2,5 Millionen Euro Förderung von SPRIND, Pressemitteilung, 23. Oktober 2025.