HOUSTON JA, BERLIN NEIN · 19. OKTOBER 2026
Screenshot CeraWeekReiches Ministerium zählt 37 Treffen mit Energiekonzernen und eines mit Umweltverbänden
Von Januar bis September hatte die Leitung des Bundeswirtschaftsministeriums keinen einzigen Termin mit Unternehmen der erneuerbaren Energien. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen hervor.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und ihre Staatssekretäre kamen in den ersten neun Monaten des Jahres auf 37 Treffen mit Energiekonzernen. Reiche selbst saß bei sieben davon am Tisch. Mit Umweltverbänden sprach die Hausleitung ein einziges Mal: Staatssekretär Frank Wetzel empfing sie am 5. März. Darüber berichtet der Spiegel, dem die Antwort vorliegt.
Das Ministerium verweist auf zahlreiche dienstliche Kontakte unterhalb der Leitungsebene. Eine vollständige Aufstellung darüber gebe es nicht. „Von einseitiger Meinungsbildung kommt einseitige Politik“, sagt der Grünen-Abgeordnete Michael Kellner, der zu Zeiten der Ampel selbst Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium war. Bis Mai 2025 leitete Reiche die E.on-Tochter Westenergie.
BWE-Präsidentin Heidebroek traf Reiche ein einziges Mal
Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE) und Geschäftsführerin der Landwind-Gruppe, hat Reiche seit deren Amtsantritt nach eigenen Angaben ein einziges Mal kurz getroffen. Kürzlich sagte sie, sie habe noch nie erlebt, dass man mit einem Wirtschaftsministerium so wenig in Dialog treten könne. Anderen Erneuerbaren-Verbänden geht es laut Spiegel ähnlich.
Inzwischen hat das Ministerium sogar sein Referat für Wind-, Solar- und Transformationsindustrien aufgelöst. Gegen EEG-Novelle und Netzpaket, die im Bundestag liegen, demonstrierten Anfang Oktober mehr als 8.000 Menschen vor dem Reichstag. Aufgerufen hatten rund 300 Organisationen aus Branche, Gewerkschaften und Umweltverbänden.
Für Houston überstimmte Reiche die eigene Fachebene
Für die Öl- und Gasindustrie nimmt sich die Ministerin dagegen Zeit. Im März reiste Reiche zur CERAWeek nach Houston, der zentralen Branchenkonferenz der Öl- und Gaswirtschaft mit jedes Jahr mehr als 10.000 Teilnehmer*innen. Interne Dokumente, die die Deutsche Umwelthilfe und FragDenStaat erst nach einer Untätigkeitsklage erhielten, zeigen, wie es dazu kam.
Eine Vorlage aus dem eigenen Haus hielt die Teilnahme der Ministerin für nicht zwingend, die Staatssekretärsebene genüge. Reiche flog selbst, geplant waren zweieinhalb Tage. Ihr sei ein „Schwerpunkt im Gasbereich wichtig“ gewesen, heißt es in einer Vorlage. Auf dem Programm standen Gespräche mit Exxon Mobil, BP, dem Chemiekonzern Dow und dem Infrastrukturinvestor Global Infrastructure Partners.
Laut Sprechzettel sollte Reiche gegenüber Exxon das Interesse deutscher Unternehmen an langfristigen Lieferverträgen für US-Flüssiggas betonen. Ein vorbereiteter Satz für ein Podium lautete, wetterabhängige Erneuerbare könnten eine G7-Volkswirtschaft nicht allein versorgen. Was die 92 Seiten über Reiches Agenda verraten, hat Cleanthinking im September ausgewertet.
Zum Gipfel der nachhaltigen Wirtschaft kam niemand aus dem Ministerium
In Berlin blieb der Platz des Ministeriums leer. Im April versammelten sich rund 450 Vorstände, Geschäftsführer*innen und Investor*innen im AXICA am Brandenburger Tor zum Sustainable Economy Summit. Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft (BNW) hatte die Mittelstandsbeauftragte und den zuständigen Staatssekretär aus Reiches Haus eingeladen. Beide sagten ab, und zwar „erst nach mehrmaligem Nachfragen“, wie BNW-Geschäftsführerin Katharina Reuter in ihrer Anmoderation berichtete.
In derselben Woche warnten Spitzenmanager von Vattenfall, RWE und EnBW im manager magazin vor Reiches Kurs. RWE-Chef Markus Krebber nannte das geplante Netzpaket „absurd“. Damit widersprechen auch Versorger, die selbst Großkraftwerke betreiben.
Die Liste der Entscheidungen, die fossile Geschäftsmodelle begünstigen, wird länger. Beim Lieferkettengesetz kam Reiche Exxon Mobil bereits entgegen. Die geplante Grüngasquote soll nur private Haushalte treffen, Industrie und Gewerbe bleiben verschont.
QUELLEN
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen zu Gesprächsterminen der Leitungsebene, Januar bis September 2026, zitiert nach DER SPIEGEL 43/2026.
- Die Zeit: Interview mit Bärbel Heidebroek, August 2026.
- Deutsche Umwelthilfe und FragDenStaat: Interne Dokumente des BMWE zur CERAWeek-Reise von Katherina Reiche, 8. September 2026.