Die Menschheit verbraucht jedes Jahr bis zu 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies

Zweitwichtigster Rohstoff nach Wasser · 22. OKTOBER 2026

Warum ausgerechnet Bausand knapp wird

Sand und Kies sind nach Wasser der meistgenutzte Rohstoff der Welt. Für Beton taugt nur Bausand aus Gruben, Flüssen und Küsten. Wo Bagger schneller fördern, als Flüsse Nachschub liefern, rutschen Ufer ab und schrumpfen Deltas.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Dubai liegt am Rand einer der größten Sandwüsten der Erde und hat trotzdem Sand aus Australien eingeführt, ebenso Saudi-Arabien. Die Meeressandvorkommen vor ihren Küsten waren weitgehend erschöpft, berichtet das UN-Umweltprogramm UNEP in seinem Bericht „Sand and Sustainability“ von 2019. Der Sand der Wüste half ihnen beim Bauen nicht weiter.

Bausand ist ein Massengut mit eng gefassten Eigenschaften. Er muss sich im Beton mit Zement und Wasser zu einem festen Gefüge verbinden. Diese Körner liefern Kiesgruben, Flussbetten, Seen, Strände und der Meeresboden. Die Vorräte erneuern sich nur über geologische Zeiträume, der Bedarf wächst dagegen mit jeder Straße und jedem Neubau.

Wie viel Sand und Kies verbraucht die Welt?

Das UNEP schätzte den weltweiten Verbrauch 2019 auf 40 bis 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies pro Jahr. Binnen zwei Jahrzehnten hat sich die Menge verdreifacht. Der Folgebericht „Sand and Sustainability: 10 strategic recommendations to avert a crisis“ von 2022 rechnet das auf 18 Kilogramm pro Mensch und Tag um. Nur Wasser nutzt die Menschheit in größeren Mengen.

Mehr als die Hälfte der Fördermenge landet im Bau, 2012 waren es laut UNEP zwischen 25,9 und 29,6 Milliarden Tonnen. Bausand und Kies stecken als Gesteinskörnung in Beton, Mörtel und Asphalt. Quarzsand geht in Glas und Solarmodule, und auch Windräder und Wasserkraftwerke stehen auf Beton.

Der Rohstoff reist selten weit, weil der Transport schwerer Massengüter teuer ist. Vermutlich weniger als fünf Prozent der weltweiten Produktion überqueren eine Grenze, schätzte das UNEP 2019. Die große Ausnahme ist Singapur: Der Stadtstaat hat seine Landfläche in 40 Jahren um mehr als 20 Prozent vergrößert, überwiegend mit aufgeschüttetem Sand.

Rund 517 Millionen Tonnen Sand führte Singapur in 20 Jahren ein. Zwischen 1995 und 2001 kostete die importierte Tonne im Schnitt drei US-Dollar, zwischen 2003 und 2005 waren es 190 US-Dollar. Indonesien hatte im Februar 2002 die Ausfuhr vorübergehend gestoppt. Berichten zufolge waren zuvor 24 kleine indonesische Sandinseln durch den Export verschwunden.

Warum taugt Wüstensand nicht als Bausand?

Für Beton zählen Form, Größe und Mischung der Körner. Der Wind treibt Wüstensand über Jahrtausende umher und schleift seine Körner fein und rund. Solche Körner haften im Industriebeton schlecht, der Zementleim findet an der glatten Oberfläche kaum Halt. Der UNEP-Bericht von 2019 nennt Wüstensand deshalb für die meisten Zwecke unbrauchbar, obwohl er im Überfluss vorhanden ist.

In Flüssen und Gruben hat Wasser das Gestein zerlegt, abgelagert und nach Größe sortiert. Dieser Bausand bleibt rauer als die polierten Körner der Wüste. Wo Lagerstätten fehlen, zerkleinern Brecher Kies oder Festgestein zu Brechsand. Brechsand ist als Bausand industriell etabliert, braucht aber zusätzliche Aufbereitung und Investitionen.

Ganz aufgegeben hat die Forschung den Wüstensand nicht. Der UNEP-Bericht von 2019 führt feinen Wüstensand als Zuschlag im Beton in seiner Liste möglicher Ersatzstoffe. Dieselben Autoren halten fest, dass er bis dahin weder im Bau noch bei der Landgewinnung verwendbar war. Wüstensand-Beton steht damit im Stadium der Forschung.

Wie viel Sand fehlt dem Mekong-Delta?

Der meiste Bausand stammt aus Gruben an Land. Flüsse und Küsten liefern nach UNEP-Schätzung von 2019 nur zehn bis 15 Prozent. Um diesen kleinen Anteil drehen sich laut UNEP die größten ökologischen und sozialen Sorgen. Flüsse tragen Sand stetig talwärts und lagern ihn in Deltas und an Stränden ab, und wer mehr entnimmt, als nachkommt, gräbt das Flussbett tiefer.

Der UNEP-Bericht von 2022 stellt fest, dass der Abbau die natürliche Nachlieferung übersteigt. Als Folgen nennt er Erosion an Ufern und Küsten, schrumpfende Deltas und versalzene Grundwasserleiter. Staudämme verschärfen das Problem, weil sie Sediment schon flussaufwärts zurückhalten.

Am Mekong hat ein Forschungsteam um Christopher Hackney das Missverhältnis vermessen. Nach seiner Studie in Nature Sustainability von 2020 erreichen jährlich rund 6,2 Millionen Tonnen Sand das Delta in Vietnam. Am Unterlauf holen Abbaufirmen aber rund 50 Millionen Tonnen pro Jahr heraus. Bei diesem Tempo sinkt das Flussbett so weit, dass Ufer instabil werden und Häuser, Straßen und Menschenleben gefährden.

Der UNEP-Bericht von 2019 verbindet den Abbau in Laos, Thailand und Kambodscha mit der Erosion im vietnamesischen Delta. In Kambodscha jagten Dorfbewohner am Mekong die Sandbagger fort, als sie Ackerland an die Ufererosion verloren. Ein Teil der Nachfrage kam aus Singapur, dessen Landgewinnung den Abbau in Kambodscha und Vietnam antrieb.

Wie viel Bausand fördert Deutschland?

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) zählte 2024 rund 211 Millionen Tonnen verwertbaren Sand und Kies, im Wert von 2,81 Milliarden Euro. So steht es in ihrem Bericht zur Rohstoffsituation 2024. Mengen- und wertmäßig sind Sande und Kiese damit die wichtigsten mineralischen Rohstoffe im Land. Gegenüber 2023 sank die Menge um 9,1 Prozent, weil weniger gebaut wurde.

Lange lagen die veröffentlichten Zahlen deutlich zu niedrig. Eine Neuberechnung der BGR ergab für 2021 eine Rohförderung von 309 Millionen Tonnen, davon 277 Millionen verwertbar. Den Rest aus Schluff, Ton und Feinsand nutzen die Betriebe für Renaturierung und Rekultivierung. Seit 2022 rechnet auch der Bundesverband Mineralische Rohstoffe nach der BGR-Methode.

Geologisch fehlt Deutschland kein Bausand. Nach Angaben der BGR erschweren konkurrierende Flächennutzungen aber oft den Zugang zu Vorkommen und die Erweiterung von Gruben. Viele Lagerstätten sind raumordnerisch überplant. Für die 2024 genutzte Menge Bausand und Baukies setzt die BGR ein Flächenäquivalent von 7,8 Quadratkilometern an.

Im Außenhandel mit Bausand spielt Deutschland eine kleine Rolle. 2024 standen bei Kies, Sand und gebrochenem Naturstein Importe von rund 8,9 Millionen Tonnen Exporten von 16,5 Millionen Tonnen gegenüber. Die Gesamtproduktion dieser Gesteinskörnungen lag bei rund 378 Millionen Tonnen. Die BGR hält die tatsächliche Importmenge für wahrscheinlich deutlich höher.

KennzahlWertQuelle
Sand und Kies weltweit pro Jahr40 bis 50 Mrd. tUNEP, 2019 und 2022
Verbrauch pro Mensch und Tag18 kgUNEP, 2022
Anteil aus Flüssen und Küsten10 bis 15 %UNEP, 2019
Sandzufuhr ins Mekong-Delta pro Jahrca. 6,2 Mio. tHackney et al., 2020
Sandabbau am unteren Mekong pro Jahrca. 50 Mio. tHackney et al., 2020
Sand und Kies Deutschland, verwertbar 2024ca. 211 Mio. tBGR, 2025
Mineralische Bauabfälle Deutschland 2022207,9 Mio. tBGR / Kreislaufwirtschaft Bau
Daraus Recycling-Baustoffe 202275,3 Mio. tBGR / Kreislaufwirtschaft Bau
Anteil davon in Asphalt und Beton19,3 %BGR / Kreislaufwirtschaft Bau

Was ersetzt Bausand im Beton?

Der größte Ersatz liegt in alten Gebäuden und Straßen. 2022 fielen in Deutschland 207,9 Millionen Tonnen mineralische Bauabfälle an, berichtet die BGR unter Berufung auf das Monitoring der Initiative Kreislaufwirtschaft Bau. Rund 75,3 Millionen Tonnen davon bereiteten Betriebe zu Recycling-Baustoffen auf. Beim Bauschutt lag die Recyclingquote bei 81,7 Prozent, beim Straßenaufbruch bei 93 Prozent.

Die meisten Recycling-Baustoffe gingen 2022 in den Straßen- und Erdbau, zusammen 72 Prozent. In Asphalt und Beton landeten nur 19,3 Prozent. Nach der Norm DIN 1045-2 dürfen Betonhersteller bis zu 45 Volumenprozent der natürlichen Gesteinskörnung durch Recyclingmaterial ersetzen, je nach Beanspruchung weniger. So fasst es ein Infoblatt des Landesamts LANUK in Nordrhein-Westfalen von 2025 zusammen.

Für den Ersatz von Bausand zählt vor allem die feine Fraktion. Recycling-Brechsand lassen die Regeln nur in Teilen zu, in der Regel bis zu einem Recyclinganteil von insgesamt 25 Volumenprozent. Recyclingbeton mit groben Körnern ist dagegen industriell im Einsatz, in Berlin etwa beim Neubau Maison Westend. Dessen Gesteinskörnung stammt aus zwei abgerissenen Hochhäusern.

Betonbruch kann mehr als Kies ersetzen. Das Schweizer Cleantech-Unternehmen Neustark presst biogenes CO2 in recycelten Abbruchbeton, wo es dauerhaft als Mineral gebunden bleibt. Die ersten stationären Anlagen laufen seit 2022 (mehr dazu: CO2-Mineralisierung).

Der UNEP-Bericht von 2022 nennt weitere Quellen: Sand aus Erzaufbereitung, gereinigten Aushub und Baggergut. Seine Empfehlungen gehen weiter. Mineralische Abfälle sollen nicht mehr auf Deponien landen, öffentliche Bauherren sollen wiederverwendeten Sand in Ausschreibungen verlangen. Viele technische Normen sind laut UNEP noch auf Primärsand zugeschnitten, ihre Prüfverfahren passen oft nicht auf Recyclingmaterial.

Warum spart Holz im Tragwerk Bausand?

Recyclingmaterial ersetzt Bausand, der Bedarf an Gesteinskörnung bleibt dabei gleich. Weniger Sand braucht nur, wer weniger Beton verbaut. Holz im Tragwerk ersetzt Decken, Wände und Stützen aus Beton. Der UNEP-Bericht von 2022 zählt Brettsperrholz, Brettschichtholz, Stroh- und Lehmbau zu den Bauweisen, die den Sandverbrauch senken können.

Der Holzbau ist in Deutschland industriell etabliert, vor allem im Wohnungsbau. Fertigteile aus Holz verkürzen die Bauzeit, und das Holz speichert Kohlenstoff über die Lebensdauer des Gebäudes. Für Fundamente, Keller und Treppenhäuser greifen Planer meist weiter zu Beton, also auch zu Bausand.

Beton mit weniger Zement entlastet vor allem das Klima. Laut LANUK senkt Recycling-Gesteinskörnung den CO2-Ausstoß kaum, ein Berliner Pilotprojekt sparte rund ein Kilogramm je Kubikmeter, vor allem durch kürzere Transporte. Den größeren Effekt liefern Kalkstein-, Komposit- und Hochofenzemente mit weniger Klinker. Sie sind genormt und industriell verfügbar.

Einen Schritt weiter gehen Zemente ganz ohne Klinker, etwa vom französischen Hersteller Hoffmann Green, der 2019 eine erste Produktionsanlage eröffnete (mehr dazu: Zement ohne Klinker). Bei effizienten Neubauten verursachen die Baustoffe ohnehin mehr Emissionen als der Betrieb (mehr dazu: graue Energie). Jeder Kubikmeter Beton, der nicht gegossen wird, spart Zement, Kies und Bausand zugleich.

Das UNEP setzt schon beim Entwurf an. Gebäude sollen sich umbauen und weiter nutzen lassen, statt Abrissbaggern zu weichen. Eine Sanierung braucht ebenfalls Material, hinterlässt laut Bericht aber einen kleineren Fußabdruck als Abriss und Neubau. Der Bausand in einem erhaltenen Haus bleibt dort, wo er schon verbaut ist.

QUELLEN

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  1. UNEP: Pressemitteilung „Our use of sand brings us ‚up against the wall‘, says UNEP report“, 26. April 2022.
  2. Kreislaufwirtschaft Bau: Mineralische Bauabfälle Monitoring 2022, 2024 (zitiert nach BGR, Deutschland - Rohstoffsituation 2024).
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