Von Hasselmann bis Wendelstein 7-X · 23. OKTOBER 2026
I2ho7p / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0Wie die Max-Planck-Gesellschaft mit Grundlagenforschung Klima und Energie voranbringt
Die Max-Planck-Gesellschaft betreibt 85 Institute für Grundlagenforschung, bezahlt von Bund und Ländern. Klimamodelle aus Hamburg, Katalysatoren aus Mülheim und das Fusionsexperiment Wendelstein 7-X zeigen, was dabei für Klima und Energie herauskommt.
Klaus Hasselmann leitete von 1975 bis 1999 das Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. 2021 erhielt er den Physik-Nobelpreis für Modelle, die das chaotische Wetter mit dem langfristigen Klima verknüpfen. Mit seinen statistischen Methoden lässt sich die Erwärmung dem Anstieg des CO2 zuschreiben, schreibt die Max-Planck-Gesellschaft zum Nobelpreis.
Für solche Forschung gibt es die Max-Planck-Gesellschaft. Bund und Länder tragen ihre Zuschüsse je zur Hälfte, 2025 waren es etwas mehr als 2,2 Milliarden Euro. Ihre Forscher*innen gehen Fragen nach, für die es noch keinen Kunden gibt. Universitäten, Wetterdienste, der Weltklimarat und Industriepartner tragen die Ergebnisse in die Praxis.
Für Klima und Energie zählen in der Max-Planck-Gesellschaft vor allem fünf Häuser. Es sind die Institute für Meteorologie in Hamburg und für Biogeochemie in Jena, für Chemische Energiekonversion und für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr. Dazu kommt das Institut für Plasmaphysik mit seinem Fusionsexperiment in Greifswald. Sie stehen auf ganz unterschiedlichen Stufen zwischen Labor und Kraftwerk.
Inhalt
Wie ist die Max-Planck-Gesellschaft aufgebaut?
Gegründet wurde die Max-Planck-Gesellschaft am 26. Februar 1948 in Göttingen, erster Präsident war Otto Hahn. Sie trat die Nachfolge der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft von 1911 an, die die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst hatten. Ihre Generalverwaltung sitzt heute in München.
Seit dem 22. Juni 2023 führt Patrick Cramer die Gesellschaft als neunter Präsident. Er ist bis 2029 gewählt, Stand Oktober 2026. Zum Stichtag 31. Dezember 2025 arbeiteten 26.700 Menschen für die Max-Planck-Gesellschaft, über 63 Prozent davon in der Wissenschaft.
| Steckbrief | Angabe | Stand und Quelle |
|---|---|---|
| Gründung | 26. Februar 1948 in Göttingen, Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (1911) | mpg.de, 75 Jahre MPG |
| Sitz | Generalverwaltung in München | mpg.de, Zahlen und Fakten |
| Präsident | Patrick Cramer, seit 22. Juni 2023, gewählt bis 2029 | mpg.de, Stand Oktober 2026 |
| Institute | 85 Institute und Forschungseinrichtungen, davon vier Institute und eine Außenstelle im Ausland | mpg.de, Stichtag 1. Januar 2025 |
| Beschäftigte | 26.700, über 63 Prozent im wissenschaftlichen Bereich | mpg.de, Stichtag 31. Dezember 2025 |
| Öffentliche Mittel | etwas mehr als 2,2 Milliarden Euro, je zur Hälfte von Bund und Ländern | mpg.de, Jahr 2025 |
| Nobelpreise | 31 Preisträger*innen, einschließlich Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft | mpg.de, Stand Oktober 2025 |
Die Institute folgen dem Harnack-Prinzip, benannt nach Adolf von Harnack, dem ersten Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Ein Institut entsteht um führende Forscher*innen herum. Die Direktor*innen wählen Thema und Personal selbst, wie die Max-Planck-Gesellschaft in ihrem Kurzporträt beschreibt. Ist ein Forschungsfeld an den Universitäten etabliert, schließt die Gesellschaft auch Institute wieder.
Wie verbinden Hamburger Forscher Wettervorhersage und Klimamodell?
Hasselmann erklärte, warum Klimamodelle trotz des chaotischen Wetters verlässliche Aussagen liefern können. Er entwickelte zudem Verfahren, die natürliche und menschliche Fingerabdrücke im Klimasignal trennen. Damit ordnen Klimaforscher die gemessene Erwärmung dem verstärkten Treibhauseffekt zu. Wie stark sich die Erde bei doppeltem CO2-Gehalt erwärmt, beschreibt die Klimasensitivität.
Das Hamburger Institut entwickelt seit rund 20 Jahren gemeinsam mit dem Deutschen Wetterdienst und weiteren Partnern das Modell ICON. Die Varianten für Wetter und Klima teilen denselben dynamischen Kern. Im Juni 2025 kündigte das Institut an, beide Entwicklungslinien wieder zusammenzuführen. Auf modernen Supercomputern laufen inzwischen lange Klimasimulationen mit einer Auflösung, die bisher der Wettervorhersage vorbehalten war.
Mit der Konfiguration ICON XPP rechnet das Institut Simulationen für die siebte Runde des internationalen Modellvergleichs CMIP. Deren Ergebnisse sollen in den nächsten Bericht des Weltklimarats einfließen. Mit der feineren Auflösung lassen sich auch kleine Wirbel im Ozean untersuchen, die für regionale Klimafolgen wichtig sind.
Was messen Max-Planck-Forscher auf dem 325 Meter hohen Turm im Amazonas?
Rund 150 Kilometer nordöstlich von Manaus steht im Regenwald das Amazon Tall Tower Observatory, kurz ATTO, mit einem 325 Meter hohen Messturm. Das Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und das Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz betreiben die Station mit brasilianischen Partnern. Eingeweiht wurde der Turm am 22. August 2015, die Gesamtkosten lagen laut Max-Planck-Institut für Chemie bei rund 8,4 Millionen Euro.
Auf dem Turm messen die Forscher*innen Treibhausgase wie CO2, Aerosole, Wolken und Ozon. Das Jenaer Institut untersucht dort laut Projektseite den Austausch zwischen Wald und Atmosphäre, den Wasserkreislauf und den Kohlenstoffkreislauf. Ob der Regenwald auf Dauer CO2 aufnimmt, beschäftigt die Forschung zu Kipppunkten (mehr dazu: Kipppunkt Amazonas).
An ATTO entstehen Messreihen, keine Produkte. Die Max-Planck-Gesellschaft, das Bundesforschungsministerium und das brasilianische Wissenschaftsministerium führen die Station als Leuchtturmprogramm. Das Bundesforschungsministerium förderte den Aufbau von 2010 bis 2015 mit 4,5 Millionen Euro.
Welche Katalysatoren suchen die Chemiker in Mülheim?
In Mülheim an der Ruhr lässt sich verfolgen, wie lang der Weg von der Grundlagenforschung in die Fabrik sein kann. Am heutigen Max-Planck-Institut für Kohlenforschung entwickelten Franz Fischer und Kollegen 1925 ein Verfahren, das Kohle mit Katalysatoren in Benzin und Diesel verwandelt. Karl Ziegler erhielt 1963 den Chemie-Nobelpreis für die Herstellung von Polyethylen, Benjamin List 2021 für die asymmetrische Organokatalyse.
Laut Institutsporträt konzentriert sich das Mülheimer Haus heute auf Katalysatoren für nachhaltige chemische Prozesse. Eine eigene Gruppe für heterogene Katalyse, also Reaktionen an festen Oberflächen, bearbeitet Reaktionen für die Energieversorgung.
Ebenfalls in Mülheim benannte die Max-Planck-Gesellschaft 2012 ihr Institut für Bioanorganische Chemie in das Max-Planck-Institut für Chemische Energiekonversion um. Seine Chemiker*innen suchen Katalysatoren, die kleine Moleküle wie Wasser, Stickstoff und CO2 aktivieren. So sollen sich Sonnenenergie und überschüssiger Strom in chemischen Bindungen speichern lassen, etwa als grüner Wasserstoff.
Ein Beispiel liefert die Ammoniakspaltung. Wasserstoff lässt sich als Ammoniak leichter transportieren, muss am Ziel aber wieder abgespalten werden (mehr dazu: grünes Ammoniak). 2024 klärte ein Team mit Beteiligung des Mülheimer Instituts, warum Eisenkatalysatoren dabei Eisennitrid bilden. Den Katalysator stellte der Chemiekonzern Clariant, das Bundesforschungsministerium förderte das Projekt im Wasserstoff-Leitprojekt TransHyDE.
Wie weit sind die Fusionsforscher am Wendelstein 7-X?
Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik betreibt in Greifswald den Stellarator Wendelstein 7-X. Ein Ring aus 50 supraleitenden Spulen, gekühlt auf rund minus 270 Grad, hält dort das heiße Plasma im Magnetfeld. Das erste Plasma zündete am 10. Dezember 2015, die Montage hatte im April 2005 begonnen.
Im Februar 2023 hielt die Anlage ein Plasma über mehr als acht Minuten und setzte dabei 1,3 Gigajoule Energie um. Im Mai 2025 folgte ein Rekord beim Tripelprodukt aus Dichte, Temperatur und Einschlusszeit, gehalten über 43 Sekunden. Der Wert liegt laut Institut für Plasmaphysik auf dem Niveau der besten Tokamak-Experimente. Nach einer einjährigen Wartung soll der Betrieb im September 2026 wieder anlaufen.
Beim Reifegrad bleibt Wendelstein 7-X Grundlagenforschung. Die Anlage soll zeigen, ob sich das Stellarator-Prinzip für Kraftwerke eignet, Strom liefert sie nicht. Als nächstes Ziel nennt das Institut einen Puls von 30 Minuten mit hoher Energiekopplung. Über den Stand der Fusionsforschung insgesamt berichtet der Beitrag zur Kernfusion.
Der Weg dorthin war teuer. Ursprünglich sollte die Anlage 2006 fertig sein und rund 500 Millionen Euro kosten. Am Ende kostete sie laut Science Business mehr als eine Milliarde Euro, der Zeitplan verschob sich um acht Jahre. Inzwischen kooperiert das Institut mit den Cleantech-Unternehmen Proxima Fusion und Gauss Fusion, die eigene Kraftwerkskonzepte verfolgen.
Wie teilen sich Max-Planck-Gesellschaft und Fraunhofer die Arbeit?
Die Max-Planck-Gesellschaft betreibt nach eigener Aussage Grundlagenforschung in Natur-, Lebens- und Geisteswissenschaften. Ihr Geld kommt überwiegend als Grundfinanzierung von Bund und Ländern, Drittmittel und eigene Erlöse ergänzen es.
Die Fraunhofer-Gesellschaft arbeitet am anderen Ende der Kette. Mit knapp 32.000 Mitarbeitenden betreibt sie 75 Institute für anwendungsorientierte Forschung. Von ihrem jährlichen Finanzvolumen über 3,6 Milliarden Euro entfallen 3,1 Milliarden auf Vertragsforschung, wie der Jahresbericht 2025/26 des Fraunhofer IKTS ausweist. 2024 nahm Fraunhofer 867 Millionen Euro aus der Wirtschaft ein.
Fraunhofer bringt Ergebnisse über Projekte, Lizenzen und Ausgründungen in die Industrie, seine wichtigsten Kunden sind große und mittelständische Unternehmen. Für Patente und Ausgründungen unterhält die Max-Planck-Gesellschaft eine eigene Tochter, Max-Planck-Innovation. Die Ammoniakspaltung zeigt, wo sich beide Welten berühren: Das Mülheimer Institut klärte den Mechanismus, den Katalysator lieferte die Industrie.
Die Grenze verläuft fließend. Der Deutsche Wetterdienst entwickelt ICON gemeinsam mit den Hamburger Klimaforschern. Einige Max-Planck-Institute stellen Universitäten zudem Großgeräte und Bibliotheken zur Verfügung.
Wofür wurde die Max-Planck-Gesellschaft kritisiert?
Nach dem Harnack-Prinzip liegt viel Macht bei den Direktor*innen. 2018 erhoben elf aktuelle und frühere Mitarbeitende Mobbing-Vorwürfe gegen eine Direktorin in Leipzig, ähnliche Vorwürfe trafen eine Direktorin in Garching. Das Doktorandennetzwerk PhDnet forderte daraufhin in einem Positionspapier Betreuungskomitees aus mindestens drei Wissenschaftler*innen.
Inzwischen nimmt eine zentrale Stabsstelle für interne Untersuchungen Hinweise an, auf Wunsch anonym über eine externe Kanzlei. In fünf Jahren gingen dort im Schnitt rund 42 Meldungen pro Jahr ein, etwa ein Drittel betraf Führungskräfte. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung vom März 2026 hervor. Einen Bericht von Spiegel und DW vom März 2025 über das Beschwerdesystem untersagten Münchner Gerichte teilweise wegen falscher Tatsachenbehauptungen. Der Spiegel korrigierte im Januar 2026.
In Großanlagen wie Wendelstein 7-X steckt über Jahrzehnte viel Geld, ohne dass sich ein Ertrag planen lässt. Andreas Dinklage, Max-Planck-Physiker und Projektleiter bei Eurofusion, sagte 2014, der Fusion werde oft vorgeworfen, sie dauere zu lange. Das könne zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, wenn die Politik deshalb Förderentscheidungen verschiebe.
QUELLEN
- Max-Planck-Gesellschaft: Zahlen und Fakten, abgerufen 21. Oktober 2026.
- Max-Planck-Gesellschaft: Max-Planck, die Nobelpreisschmiede, 2. Oktober 2025.
- Research in Germany: Max-Planck-Gesellschaft, abgerufen 21. Oktober 2026.
- Forschung & Lehre: MPG-Doktoranden mobilisieren gegen Machtmissbrauch, 17. August 2018.
- ACS Catalysis: Studie zur Ammoniakspaltung an Eisenkatalysatoren, Ruhr-Universität Bochum, MPI für Chemische Energiekonversion, TU Berlin, IIT Genua, 6. September 2024.