GICON plant nach dem Höhenwindrad in Schipkau 100 weitere Türme

HÖCHSTES WINDRAD DER WELT · 30. OKTOBER 2026

GICON nimmt das Höhenwindrad in Schipkau im November in Betrieb

Am 19. November weiht das Dresdner Cleantech-Unternehmen GICON das Höhenwindrad in Schipkau ein. Nach der Inbetriebnahme des Höhenwindrads will GICON in der Lausitz einen Pilotwindpark mit drei bis fünf Anlagen bauen, danach sollen rund 100 folgen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


„Eine offizielle Inbetriebnahme planen wir für die zweite Novemberhälfte“, sagte GICON-Sprecher Nico Fiedler der Lausitzer Rundschau. Bis dahin stünden noch letzte Verkabelungs- und Verschraubungsarbeiten an. Seit dem 28. September ist das Höhenwindrad 365 Meter hoch, die Nabe sitzt in rund 300 Metern (mehr dazu: Wie GICON den Windrad-Weltrekord aufgestellt hat). Sein Standort liegt am südlichen Ende des Windparks Hochkippe Schipkau/Klettwitz mit rund 60 Windrädern.

GICON hat die Anlage im Auftrag der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND errichtet. Der Prototyp mit 3,8 Megawatt Nennleistung kostete 25 Millionen Euro. Das Gesamtprojekt fördert die SPRIND nach Angaben der NZZ am Sonntag mit 55 Millionen Euro.

GICON plant nach der Inbetriebnahme des Höhenwindrads eine Serie

Was GICON am Prototyp lerne, solle in einen Pilotwindpark mit drei bis fünf Anlagen fließen. Dort wolle das Unternehmen den Schritt zur Wirtschaftlichkeit und zur Markteinführung gehen, sagte Gründer Jochen Großmann der Deutschen Presse-Agentur. Später plane er rund 100 Anlagen in Deutschland, gebaut gemeinsam mit dem Lausitzer Mittelstand. In vorhandene deutsche Windparks ließen sich nach seinen Angaben 4.000 Höhenwindtürme nachrüsten.

Im Interview mit t-online nannte Großmann als dritte Stufe 1.000 bis 2.000 Türme. Auch SPRIND-Projektmanager Julius Keil nennt 1.000 bis 2.000 weitere Anlagen als Ausblick. Mit mehreren Investoren führe GICON Gespräche, aus anderen Ländern lägen Anfragen vor.

Der Ingenieurdienstleister will mit den Türmen bestehende Windparks um eine zweite Etage ergänzen, ohne dafür neue Flächen zu brauchen. „Wir bringen Offshore nach Bayern oder Baden-Württemberg, ohne Leitung“, sagte Großmann der NZZ am Sonntag. Höhenwind sei ein physikalisches Phänomen in ganz Deutschland, sagt er dem MDR. Das Unternehmen hat bereits in Nordrhein-Westfalen den Wind gemessen, in Mecklenburg-Vorpommern sind weitere Messungen geplant.

GICON setzt künftig auf Turbinen mit mehr als sieben Megawatt

Am Prototyp drehen sich Rotorblätter von rund 63 Metern Länge, der Rotordurchmesser liegt bei 126 Metern. Als man die Turbine 2023 bestellte, galten diese Blätter als Stand der Technik für Starkwindturbinen mit 3,8 Megawatt. Inzwischen gebe es zertifizierte Starkwindturbinen mit 80 bis 90 Meter langen Blättern und mehr als sieben Megawatt, sagte Fiedler. Diese Klasse wolle GICON in künftigen Höhenwindtürmen einsetzen (mehr dazu: Betreiber stellen Windräder mit doppelt so viel Leistung wie 2016 auf).

Bei 300 Metern Nabenhöhe werde die nächste Generation damit wahrscheinlich 385 bis 390 Meter hoch, sagte Großmann t-online. Er rechnet mit Rotordurchmessern von 170 bis 180 Metern als künftigem Standard. Die Idee zum Höhenwindrad verfolgt GICON seit rund 15 Jahren. Der Bau in Schipkau begann im Herbst 2024 (mehr dazu: Wie beventum und GICON das Höhenwindrad 2024 auf den Weg brachten).

Fachleute wollen erst Daten aus dem Betrieb sehen

Für die Anlage hat der Weltrekordhalter im Oktober den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2027 in der Kategorie Produkte gewonnen, verliehen wird er am 3. Dezember in Düsseldorf. Die Jury würdigt das „Potenzial für eine verlässlichere Einspeisung erneuerbarer Energie“.

„Das Potenzial für einen Gamechanger ist durchaus vorhanden“, sagt Claudia Kemfert, Energieökonomin am DIW Berlin, im MDR. Die eigentliche Neuerung sehe sie in der Auslastung, also in den Volllaststunden: der Zahl der Stunden, die eine Anlage rechnerisch unter voller Leistung läuft. Gleichmäßig erzeugter Windstrom passe besser zum Bedarf, im besten Fall gebe es weniger Phasen mit geringer Einspeisung. Für das künftige Stromsystem sei das enorm wichtig.

Nach den Windmessungen am Standort, über die die NZZ am Sonntag berichtet, käme das Höhenwindrad in Schipkau auf einen Kapazitätsfaktor von 44 Prozent. Ein Windrad in 150 Metern Höhe erreicht dort nur 27 Prozent. Der Kapazitätsfaktor gibt an, welchen Anteil seiner möglichen Jahreserzeugung ein Windrad tatsächlich liefert. GICON rechnet bei gleichem Rotordurchmesser mit etwa doppeltem Ertrag gegenüber einer konventionellen Anlage, unabhängig gemessen ist das noch nicht.

Kemfert zufolge muss sich in den kommenden Monaten und Jahren zeigen, ob die Konstruktion den Belastungen in dieser Höhe standhält. Entscheidend sei, wie viel Strom die Anlage über ihre gesamte Lebensdauer zu welchen Kosten erzeugt. GICON legt den Turm auf 20 Jahre aus.

Die Fachleute, die die NZZ am Sonntag befragt hat, nennen dieselben offenen Punkte. Po Wen Cheng von der Universität Stuttgart verweist auf den sogenannten Low-Level-Jet, einen Starkwind, der vor allem bei ruhigem Hochdruckwetter in dieser Höhe weht. Wie er auf die Turbine wirke, sei noch unbekannt. Wechselnde Windstärke und Windrichtung über die Rotorfläche könnten die Anlage stärker belasten. Ob das Lebensdauer kostet, sei offen.

Uwe Ritschel von der Universität Rostock lobt den Turmaufbau, hält die Wirtschaftlichkeit aber für unbewiesen. Wer die Turmhöhe verdopple, zahle mindestens viermal so viel für das Material. Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer IWES will den Nachlauf erforscht sehen, also die abgebremste Strömung hinter dem Rotor. Eine so hohe Anlage könnte den Windrädern darunter Wind wegnehmen.

Mit der Inbetriebnahme des Höhenwindrads beginnt das erste Betriebsjahr, nach dem das Landesamt für Umwelt Brandenburg Zwischenergebnisse zu Fledermäusen sehen will. Großmann sieht für Fledermäuse keine Gefahr, dort oben gebe es kaum welche. Das Landesamt registrierte in der Bauphase in 300 Metern allerdings doppelt so viele Fledermäuse wie in 150 Metern. Manche Arten flögen so hoch, sagt Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung; käme es zu Kollisionen, müsste GICON die Anlage zeitweise abschalten.

Wo heute das Höhenwindrad in Schipkau steht, baggerten Bergleute bis vor etwa 30 Jahren Braunkohle. An den Erlösen des Windparks sollen die Bürger*innen beteiligt werden, berichtet die NZZ. Auch den Pilotwindpark will Großmann in der Lausitz bauen. Industrieregionen müssten ihre Geschichte nicht hinter sich lassen, sagt er, sie könnten daraus die Zukunft gestalten.

QUELLEN

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  1. GICON: Pressemitteilung „GICON-Höhenwindturm gewinnt Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2027“, 16. Oktober 2026.
  2. Deutscher Nachhaltigkeitspreis: Jurybegründung GICON-Höhenwindturm, Oktober 2026.
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