Netzbetreiber könnten beim Verteilnetzausbau 66 Milliarden Euro sparen

STICHTAG FÜR DIE NETZAUSBAUPLÄNE · 31. OKTOBER 2026

Verteilnetzbetreiber planen ihr Netz für Spitzen, die selten kommen

Rund 250 Milliarden Euro würde der Verteilnetzausbau bis 2045 kosten, wenn Netzbetreiber weiter jede denkbare Lastspitze einplanen. Planen sie Wärmepumpen, E-Autos und Speicher als flexible Verbraucher ein, sinkt die Summe laut Agora Energiewende um 66 Milliarden Euro.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Bis heute müssen die großen Stromverteilnetzbetreiber der Bundesnetzagentur ihre neuen Netzausbaupläne vorlegen. So schreibt es Paragraf 14d des Energiewirtschaftsgesetzes vor, alle zwei Jahre und für jeden Betreiber ab 100.000 angeschlossenen Kund*innen. Das betrifft rund 80 der mehr als 850 Verteilnetzbetreiber in Deutschland. In der ersten Runde 2024 veranschlagten sie für den Verteilnetzausbau bis 2045 zusammen 237 Milliarden Euro.

Eine öffentliche Konsultation wie beim Übertragungsnetz gibt es für diese Pläne nicht, und die Bundesnetzagentur bestätigt sie auch nicht. Sie kann aber Änderungen verlangen. Die Pläne von 2024 erfassten die Hochspannung fast vollständig, die Niederspannung in den Wohnstraßen dagegen nur zu rund 30 Prozent. Das steht in einer Studie zum kosteneffizienten Verteilnetzausbau, die Agora Energiewende am Freitag vorgelegt hat.

Die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) und das Beratungshaus Consentec haben dafür das deutsche Verteilnetz mit typischen Netzen der Nieder-, Mittel- und Hochspannung nachgebildet. Lösen die Betreiber jede Überlastung mit neuen Leitungen, Trafos und Umspannwerken, kommen die Forschenden bis 2045 auf einen Bedarf von rund 248 Milliarden Euro. Das jährliche Volumen stiege dabei von sieben Milliarden Euro im Jahr 2030 auf 16,1 Milliarden Euro im Jahr 2045. Mit den wirksamsten der untersuchten Maßnahmen sinkt der Bedarf auf rund 182 Milliarden Euro, das sind 27 Prozent weniger.

„Innovation, wo möglich, Ausbau, wo nötig“, sagt Julia Bläsius, Direktorin von Agora Energiewende Deutschland. Den Netzausbau hinauszuzögern, indem die Politik die Energiewende bremst, verschiebe die Probleme höchstens.

Netzbetreiber könnten mehr Solarleistung an einen Anschluss hängen

Bis Mitte der 2030er Jahre müssen die Netzbetreiber ihre Netze vor allem wegen neuer Solar- und Windparks verstärken. Beim ostdeutschen Verteilnetzbetreiber E.dis haben Betreiber von Wind- und Solarprojekten mit zusammen 110 Gigawatt Netzanschlüsse beantragt, wie das Handelsblatt unter Berufung auf das Unternehmen berichtet. Die höchste Last im gesamten Netzgebiet liegt bei 2,3 Gigawatt.

Die Autor*innen empfehlen deshalb die Überbauung. Dabei hängt am Netzanschluss mehr Erzeugungsleistung, als die Leitung abführen kann. In den seltenen Stunden, in denen Wind- und Solaranlagen ihre volle Leistung liefern, regelt der Netzbetreiber sie herunter. Den Ausbau für neue Einspeisung könnten die Betreiber so bis 2030 in der Mittelspannung um 59 Prozent und in der Hochspannung um 31 Prozent verringern.

Mit der dynamischen Spitzenkappung regeln Netzbetreiber nur die seltenen Solarspitzen zur Mittagszeit ab. In der Mittelspannung sinkt der Ausbaubedarf so im Jahr 2035 um ein Viertel. „Maßnahmen auf der Einspeiseseite verschaffen uns vor allem Zeit“, sagt Mareike Herrndorff, Projektleiterin der Studie bei Agora Energiewende, dem Handelsblatt. Bis 2045 summieren die Autor*innen die Einsparungen auf der Einspeiseseite auf 22,5 Milliarden Euro.

Netzbetreiber sparen beim Verteilnetzausbau vor allem über den Verbrauch

Ab Mitte der 2030er Jahre bauen die Netzbetreiber vor allem für den Verbrauch aus: für Wärmepumpen, Elektroautos, elektrische Lkw und neue Prozesse in der Industrie. Auf dieser Lastseite liegen nach der Studie 43,5 der 66 Milliarden Euro. Die Autor*innen setzen zuerst auf Preissignale. An Winterabenden mit hoher Netzauslastung würden dann vor allem die E-Autos laden, deren Fahrer*innen den Strom wirklich brauchen. In der Hochspannung sollen große Batteriespeicher dynamische Netzentgelte zahlen, die mit der Auslastung des Netzes steigen und fallen.

Als Absicherung planen die Autor*innen eine gezielte Steuerung in der Niederspannung ein. Die Grundlage existiert mit Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes bereits. Danach dürfen Netzbetreiber Wärmepumpen und Wallboxen bei Netzengpässen zeitweise drosseln, im Gegenzug für reduzierte Netzentgelte. Die Folgen halten die Autor*innen für überschaubar, weil Häuser nicht sofort auskühlten und viele E-Autos ohnehin stundenlang an der Ladesäule stünden.

Bei der Umsetzung fehlt vielerorts schon die Messtechnik. Deutschland hat nach Zahlen der EU-Regulierungsagentur Acer die zweitniedrigste Smart-Meter-Quote Europas. Jochen Schwill, Gründer des Stromanbieters Spot my Energy, berichtet im Handelsblatt, fast alle seine Kund*innen wünschten sich Netzentgelte, die sich nach der Netzsituation richten. Nur fünf bis zehn Prozent von ihnen habe Spot my Energy bisher umstellen können, weil die Netzbetreiber die gesetzlich vorgesehene Option nicht umsetzten.

Die Autor*innen sehen deshalb Bundesregierung und Bundesnetzagentur in der Pflicht. Sie sollen Regulierungsanreize schaffen, die eine bessere Auslastung der Netze honorieren, und mehr Transparenz bei den Ausbauplänen verlangen. Bisher verdienten Netzbetreiber umso mehr, je mehr Leitungen sie bauten, schreibt das Handelsblatt. Die Ersparnis aus einem schlankeren Netz käme den Stromverbraucher*innen zugute. Mit der Wirkleistungsbegrenzung und den Regeln zur Überbauung, die das Netzpaket vorsieht, beschränke sich die Bundesregierung auf pauschale Lösungen, die überwiegend auf der Einspeiseseite wirken, kritisieren die Autor*innen.

KfW beziffert die Mehrinvestitionen auf 65 Milliarden Euro im Jahr

Deutschland müsse bis 2045 rund sechs Billionen Euro in die Klimaneutralität investieren, rund 290 Milliarden Euro im Jahr. Das hat die KfW Mitte Oktober vorgerechnet. Auf die Energieversorger entfallen davon rund 1,3 Billionen Euro, vor allem für Stromnetze, Fernwärme und große Wind- und Solarparks. Die 66 Milliarden Euro aus der Agora-Studie entsprechen gut einem Prozent der Gesamtsumme und rund fünf Prozent dessen, was die Energieversorger aufbringen müssen.

Einen großen Teil der sechs Billionen müsste Deutschland laut KfW auch bei einem Festhalten an fossiler Technik investieren. Die echten Mehrkosten gegenüber fossiler Referenztechnik beziffert die KfW auf rund 65 Milliarden Euro im Jahr (mehr dazu). Die mögliche Einsparung im Verteilnetz entspricht damit rechnerisch einem vollen Jahr dieser Mehrkosten. Beide Rechnungen beruhen auf unterschiedlichen Modellen und Preisständen, die Größenordnung lässt sich dennoch vergleichen.

Ab 2030 könnten die Netzbetreiber laut Agora jedes Jahr mindestens zwei Milliarden Euro sparen, ab 2035 fünf Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Bund gibt 2026 6,5 Milliarden Euro aus, um die Netzentgelte zu senken.

Die Autor*innen nennen auch die Grenzen ihrer Rechnung. Sie unterstellen eine perfekte Vorhersage von Last und Einsparung, manche Potenziale ließen sich in der Praxis nicht voll heben. Andere Hebel wie einheitliche Betriebsmittel haben sie dagegen nicht beziffert. Im Begleitkreis der Studie saßen unter anderem die Netzbetreiber EWE Netz und Schleswig-Holstein Netz sowie der Stadtwerkeverband VKU, deren Meinung die Ergebnisse nicht zwingend wiedergeben.

Veröffentlicht werden die neuen Netzausbaupläne auf der gemeinsamen Plattform VNBdigital. Paragraf 14d verpflichtet die Betreiber schon heute, beim Verteilnetzausbau die Möglichkeiten der Nachfragesteuerung zu berücksichtigen.

QUELLEN

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  1. Agora Energiewende: Stromnetze: Modernisierung von Betrieb und Planung kann Ausbaukosten für Verteilnetze deutlich senken (Pressemitteilung), 30.10.2026.
  2. Bundesnetzagentur: Zustand und Ausbau der Strom-Verteilernetze, abgerufen am 30.10.2026.
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