Mainz bekommt kein Wasserstoffnetz

Kein Wasserstoff für die Wohnstraße · 2. November 2026

Mainzer Netze stoppen H2-Initialnetz Mainz mangels Abnehmer

Die Wasserstoffleitung für Industrie und Gewerbe entlang der Rheinallee kommt nicht, rund sieben Millionen Euro Landesförderung bleiben liegen. Für Haushalte wird es bundesweit kaum Wasserstoffnetze geben.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Für das Projekt „H2-Initialnetz Mainz“ hätten potenzielle Abnehmer nicht in ausreichendem Umfang zugesagt, sich anschließen zu lassen und feste Mengen abzunehmen. Ohne diese Zusagen lasse sich das H2-Initialnetz Mainz nicht wirtschaftlich vertretbar bauen und betreiben. Als weiteren Grund nennt das Unternehmen veränderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Für die bisherigen Planungen seien nur geringe Kosten angefallen, sagte ein Sprecher dem SWR. Die Entscheidung betreffe nur dieses Projekt. Wasserstoff bleibe ein wichtiger Baustein, neue Projekte seien nicht ausgeschlossen. Sie müssten aber wirtschaftlich realistisch sein. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Fördermitteln sei dem Unternehmen wichtig, berichtet Merkurist.

Weiter läuft der Energiepark Mainz, in dem die Mainzer Stadtwerke und Linde seit 2015 grünen Wasserstoff aus erneuerbarem Strom erzeugen. Laut Merkurist soll er modernisiert werden und danach weitere 14 Jahre Wasserstoff liefern.

Rheinland-Pfalz wollte das H2-Initialnetz Mainz zu zwei Dritteln bezahlen

Die Hochdruckleitung sollte rund 2,7 Kilometer lang werden. Geplant war ein Verlauf entlang der Rheinallee, vom Industrieareal in Höhe der Oberen Austraße bis zum Wirtschaftsbetrieb Mainz in Mombach, der dort das Klärwerk betreibt. Anschließen wollte das Unternehmen eine Elektrolyseanlage, die mit Strom Wasserstoff aus Wasser gewinnt, eine Wasserstofftankstelle sowie Industrie- und Gewerbebetriebe.

Im Juni 2025 hatte das rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerium dafür rund 7,07 Millionen Euro aus dem Landes-Förderwettbewerb KIPKI bewilligt. Den Bescheid übergab die damalige Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) an Stadtwerke-Vorständin Kerstin Stumpf und Netze-Geschäftsführer Michael Worch, das Foto oben zeigt die Übergabe. Die Leitung sollte nach damaligen Angaben der Mainzer Netze gut zehn Millionen Euro kosten, das Land hätte also rund zwei Drittel getragen. Ohne die Förderung sei das Projekt nicht machbar, sagte Worch damals.

Als mögliche Großabnehmer nannte die Projektmeldung vom Sommer 2025 den Glashersteller Schott, die Mainzer Mobilität mit sechs Brennstoffzellenbussen sowie Industrie- und Logistikunternehmen. Elektrolyseanlage und Tankstelle sollte das Cleantech-Unternehmen Hy2gen bauen und betreiben. Wohngebiete waren an der Leitung nicht vorgesehen. Die finale Investitionsentscheidung war für Ende 2025 angekündigt.

Stadtwerke planen kaum Wasserstoff für Haushalte

Im Oktober 2024 hat die Bundesnetzagentur das Wasserstoff-Kernnetz genehmigt. Bis 2032 sollen 9.040 Kilometer Leitungen entstehen, gedacht für Industriezentren, Speicher, Kraftwerke und Importkorridore. Wohngebiete und Hausanschlüsse nennt die Behörde in dieser Aufzählung nicht.

Die Gasleitungen in den Wohnstraßen betreiben Stadtwerke und regionale Netzbetreiber. In einer Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) im Herbst 2025 wollten nur vier Prozent der Stadtwerke ihr Gasnetz vollständig auf Wasserstoff umstellen. Knapp ein Fünftel plante, das Netz komplett stillzulegen, 46 Prozent hatten noch keine Strategie. Das Fraunhofer IFAM hält die Stilllegung der Gasnetze in der Fläche bis spätestens 2045 für das wahrscheinlichste Szenario.

Fraunhofer ISE und Öko-Institut haben rund 380 kommunale Wärmepläne für etwa 940 Kommunen ausgewertet. Darin legen Städte und Gemeinden fest, wie ihre Gebäude künftig heizen sollen. Rund zwei Drittel der Kommunen sehen für 2045 keinen Wasserstoff vor, das Rückgrat bilden Wärmepumpen und Wärmenetze.

Im bayerischen Hohenwart heizen seit Herbst 2023 zehn Privathaushalte und ein Gewerbebetrieb mit reinem Wasserstoff aus dem bestehenden Gasnetz. Den bundesweit beachteten Feldtest betreibt der Netzbetreiber Energienetze Bayern gemeinsam mit Energie Südbayern.

Für Wohnstraßen rechnet sich Wasserstoff erst recht nicht

Der Mainzer Stopp ist kein Sonderfall, sondern folgt einer einfachen Rechnung. Das H2-Initialnetz Mainz hatte die besten Bedingungen, die ein Wasserstoffnetz haben kann. Die Leitung wäre kurz gewesen, die Abnehmer wenige große Betriebe mit gleichmäßigem Bedarf, und das Land hätte zwei Drittel der Kosten getragen. Selbst dafür sagten nicht genug Unternehmen feste Mengen zu. Die Mainzer Netze ziehen daraus die richtige Konsequenz und lassen das Geld beim Land.

Ein Wasserstoffnetz für Haushalte müsste mit dem Gegenteil auskommen: Tausende Hausanschlüsse, kleine Mengen, Bedarf fast nur im Winter. Wie stark dieser Bedarf schwankt, wissen die Mainzer Stadtwerke aus eigener Erfahrung. Ab 2016 speiste der Energiepark bis zu zehn Volumenprozent Wasserstoff in das Gasnetz des Stadtteils Ebersheim ein, an dem fast nur Haushalte hängen. Im Sommer floss dort so wenig Gas, dass die Einspeisung stundenweise ruhen musste. Das beschrieb Jonas Aichinger, Leiter des Innovationsmanagements der Stadtwerke, in einem Vortrag.

Wer mit Wasserstoff heizt, braucht für dieselbe Wärme etwa vier- bis sechsmal so viel Energie wie mit einer Wärmepumpe. Das ergab eine Auswertung von 54 Studien durch den Energieforscher Jan Rosenow. Im September 2025 verortete Stadtwerke-Vorständin Kerstin Stumpf Wasserstoff in Hochtemperaturprozessen der Industrie, im Schwerlastverkehr und in Kraftwerken, die bei Dunkelflaute Strom erzeugen.

Für Hausbesitzer*innen mit Gasheizung heißt das: Wasserstoff aus der vorhandenen Leitung wird in den allermeisten Straßen nicht fließen. Ob ein Wärmenetz in die eigene Straße kommt, steht im kommunalen Wärmeplan, überall sonst führt der Weg zur Wärmepumpe.

QUELLEN

  1. DVGW-Newsroom: H2-Initialnetz Mainz: Bausteine für ein Wasserstoff-Ökosystem, 24. Juni 2025.
  2. Bundesnetzagentur: Bundesnetzagentur genehmigt Wasserstoff-Kernnetz, 22. Oktober 2024.
  3. Cell Reports Sustainability: A meta-review of 54 studies on hydrogen heating (Jan Rosenow), Januar 2024.
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