Größter Biomasse-Deal Europas: 50.000 Tonnen CO2 aus Namibia

CARBON REMOVAL · 21. AUGUST 2026

Europas größter Deal für Biomasse-Speicherung: 50.000 Tonnen aus Namibia

Die Berliner Unternehmen Senken und Carbonsate haben einen mehrjährigen Vertrag über 50.000 Tonnen CO2-Entnahme unterzeichnet, lieferbar bis 2028. Der Kohlenstoff stammt aus der Entbuschung namibischer Savanne und wird unterirdisch eingelagert. Es ist der bislang größte europäische Vertrag über Biomasse-Speicherung.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Senken, ein Berliner Beschaffungspartner für CO2-Zertifikate, hat mit dem ebenfalls in Berlin ansässigen Carbonsate einen mehrjährigen Liefervertrag geschlossen. Bis 2028 soll Carbonsate 50.000 Tonnen dauerhaft gebundenes CO2 liefern, gewonnen über sein Puro.earth-zertifiziertes Projekt zur Biomasse-Speicherung im namibischen Otjiwarongo.

Nach Angaben der beiden Unternehmen ist es der größte europäische Vertrag über Biomasse-Speicherung und weltweit das zweitgrößte Käufer-Commitment in der Kategorie Biomasse-Vergrabung mit geologischer Speicherung. Für ein Projekt auf dem afrikanischen Kontinent sei es das bislang größte. Einen Preis je Tonne und einen Vertragswert nennt keines der beiden Unternehmen.

Wie die Biomasse-Speicherung in Namibia funktioniert

Biomasse-Speicherung bedeutet: Holz und Pflanzenreste kommen unter Luftabschluss in technische unterirdische Kammern, statt zu verbrennen oder zu verrotten. Der im Holz gebundene Kohlenstoff bleibt so aus dem Kreislauf. Puro.earth führt die Methode als Terrestrial Storage of Biomass.

Carbonsates Projekt liegt in der Savanne um Otjiwarongo. Grundlage ist die Entbuschung, im Fachjargon bush encroachment. Carbonsate selbst spricht auf seiner Projektseite von invasiver Verbuschung, eingeschleppt sind die Gehölze allerdings nicht.

Es handelt sich um heimische Dornbuscharten wie Senegalia mellifera und Dichrostachys cinerea. Sie verdichten sich durch Überweidung, ausbleibende Feuer und steigende CO2-Konzentration so stark, dass sie Weideland und offene Savanne verdrängen. Auch die GIZ, die im Auftrag des Entwicklungsministeriums bis 2024 ein eigenes Entbuschungsprogramm in Namibia betrieb, spricht ausdrücklich von heimischen Arten.

Die GIZ bezifferte 2022 die betroffene Agrar- und Savannenfläche auf bis zu 45 Millionen Hektar, mehr als die Hälfte des Landes. Carbonsate selbst nennt rund 30 Millionen Hektar. Namibia zieht inzwischen auch andere europäische Cleantech-Investitionen an, etwa das Projekt für grünes Eisen von HyIron in Oshivela.

Nach Darstellung von Carbonsate würde das anfallende Restholz sonst verbrannt oder liegen gelassen. In beiden Fällen käme das gebundene CO2 binnen weniger Jahre zurück in die Atmosphäre. Die zusätzliche Klimawirkung entsteht durch die Einlagerung, nicht durch die Entbuschung selbst.

Von Jahrhunderten ist in der Berichterstattung und auf der Unternehmensseite die Rede, zertifiziert ist weniger. Das Puro.earth-Label für dieses Projekt lautet CORC 100+, die garantierte Mindestdauer beträgt 100 Jahre, und so steht es auch auf der Projektseite von Carbonsate.

Damit ist die Biomasse-Speicherung die schwächste Permanenzklasse im gesamten Puro-Portfolio. Direct Air Capture und geologisch verpresster Kohlenstoff werden dort mit über 1.000 Jahren geführt, Pflanzenkohle mit über 200.

799 Zertifikate stehen 50.000 verkauften Tonnen gegenüber

„Die Nachfrage nach dauerhafter CO2-Entnahme läuft dem Angebot bereits davon“, sagt Senken-Gründer und CEO Adrian Wons. Die Netto-Null-Ziele der Unternehmen zielten alle auf denselben kleinen Pool verifizierter Kapazität, diese Lücke werde den Markt für das kommende Jahrzehnt bestimmen.

Die Zahlen stützen ihn. Cleanthinking hat im Marktüberblick zum zweiten Quartal 2026 beschrieben, wie weit Zusagen und tatsächliche Lieferung auseinanderliegen. Bis 2030 erwarten Marktanalysen, dass die Nachfrage nach hochwertigen dauerhaften Entnahmen das Angebot um mindestens eine Gigatonne übersteigt, wie Cleanthinking im Marktüberblick zu Direct Air Capture berichtet hat.

Im Puro.earth-Register sind für das Otjiwarongo-Projekt bislang 799 Zertifikate ausgestellt, entsprechend 799 Tonnen CO2. Es war ein einziger Ausgabevorgang im Dezember 2025, davon sind 323 stillgelegt. Verkauft sind nun 50.000 Tonnen.

Ein mehrjähriger Abnahmevertrag wirkt in diesem Marktumfeld als Finanzierungsinstrument. Er gibt Projektentwicklern die Planungssicherheit, der Nachfrage voraus Kapazität aufzubauen. Genau darauf zielt auch Carbonsate-Mitgründerin und CEO Johanna Bröll, die den Vertrag als Grundlage für den Ausbau der namibischen Speicherstandorte bezeichnet.

Auf derselben Logik beruht ein Abschluss von Anfang Juni: Climeworks schloss mit der TD Bank einen Zehnjahresvertrag über ein CDR-Portfolio, das Enhanced Rock Weathering, Pflanzenkohle und BECCS bündelt.

Was Kritiker der Methode entgegenhalten

Die Baseline-Annahme ist der wunde Punkt jedes Entbuschungsprojekts. Die biomassekritische Organisation Biofuelwatch wandte 2021 in einem Report gegen das GIZ-Programm ein, dass Verbuschung selbst Kohlenstoff in Vegetation und Böden bindet und großflächige Entbuschung die Senkenleistung der Landschaft verringert.

Die GIZ hatte dagegen eine Studie beauftragt, wonach zusätzlicher Bodenkohlenstoff den Verlust der Holzbiomasse mehr als ausgleiche. Biofuelwatch hält diese Studie für so fehlerhaft, dass sie zurückgezogen gehöre. Der Einwand zielte auf Holzexporte nach Europa, nicht auf Einlagerung, doch die Frage, wie viel Kohlenstoff stehender Busch und Boden speichern, bleibt für jede Kredit-Baseline begründungspflichtig.

Der zweite offene Punkt liegt im Lager selbst. Die Forschungsorganisation CarbonPlan führt bei Biomasse-Einlagerung die Zersetzungsrate und den Anteil entweichenden Methans als zentrale, schlecht eingegrenzte Parameter. Methan wiegt schwer, weil anaerobe Zersetzung CH4 statt CO2 freisetzt.

Carbonsate misst im Lager daher laufend CO2, Sauerstoff, Methan, Temperatur und Feuchte.

Für die Methode spricht ein Fund, den ein Team um Ning Zeng 2024 in Science beschrieb: ein 3.775 Jahre alter, vergrabener Baumstamm mit weniger als fünf Prozent Kohlenstoffverlust. Allerdings lag er in dichtem, kaum durchlässigem Ton, also unter Bedingungen, die eine technische Kammer erst nachbilden muss.

Senken schließt den dritten Mehrjahresvertrag 2026

Senken wurde von Adrian Wons und Djamel Mekibes in Berlin gegründet, startete als Marktplatz für tokenisierte Zertifikate und positioniert sich heute als kuratierender Beschaffungspartner für Unternehmen. Projekte prüft Senken über einen eigenen Sustainability Integrity Index mit mehr als 600 Datenpunkten. Auch das Otjiwarongo-Projekt hat dieses Raster durchlaufen.

Für Senken ist der Carbonsate-Vertrag der dritte mehrjährige Liefervertrag in diesem Jahr. Im Mai kam ein Abnahmevertrag mit der Lufthansa Group zustande, der Direct Air Capture von Deep Sky, industrielle Pflanzenkohle von Exomad Green und regenerative Landwirtschaft von Klim bündelt. Biomasse-Speicherung war dort nicht enthalten.

Bei Carbonsate ist bislang allein Otjiwarongo im Betrieb. Drei weitere Standorte sind in Entwicklung: Pernik in Bulgarien, Vichada in Kolumbien und ein Projekt in Kamerun. Das erklärte Unternehmensziel lautet, bis 2033 jährlich mehr als zehn Millionen Tonnen CO2 zu entnehmen.

Zwischen den 799 Tonnen von heute und zehn Millionen im Jahr 2033 liegt als nächster deklarierter Schritt eine Pipeline von gut 100.000 Tonnen. Der Vertrag mit Senken finanziert den Weg dorthin.

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