Ming Yang treibt Europa-Expansion konsequent voran

ENERGIEWENDE · 27. AUGUST 2026

Ming Yang expandiert in Europa trotz UK-Blockade

Der chinesische Windturbinenhersteller Ming Yang verstärkt sein Europa-Geschäft mit erfahrenem Personal von der Konkurrenz. Europa-Chef Horatio Evers, zuvor Energiemanager bei BASF, hat binnen weniger Monate drei Führungskräfte von Vestas, Siemens Gamesa und Vattenfall geholt.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MIN LESEN


Ming Yang ist der drittgrößte Windturbinenhersteller der Welt, an der Börse Shanghai mit umgerechnet rund 3,6 Milliarden US-Dollar bewertet. Ming Yang expandiert nach Europa und baut den Kontinent als Wachstumsmarkt aus, wie die Financial Times berichtet. Seit September 2025 leitet Horatio Evers das Europa-Geschäft, zuvor Chef der BASF-Konzerntochter für erneuerbare Energien.

„Das hier ist kein einmaliger Versuch", sagt Evers der Financial Times. Ming Yang sei drittgrößter Windturbinenhersteller der Welt und müsse sein Portfolio diversifizieren, so Evers weiter, man gehe in die attraktivsten und größten Märkte der Welt, allen voran Europa und Südostasien.

Evers hat seither drei namhafte Führungskräfte der europäischen Windkraftbranche abgeworben: Corinna Brandt, bislang oberste Offshore-Juristin bei Vestas, wird Chefjustiziarin für Europa. Peter Wolf leitete bei Siemens Gamesa die technische Offshore-Entwicklung. Sascha Erbslöh war bei Vattenfall für Offshore-Windressourcen zuständig. Alle drei bringen das Wissen mit, das Ming Yang fehlt: Kenntnis der europäischen Kunden, Ausschreibungen und Zertifizierungsverfahren.

Vom Windkraft-Einkäufer zum Windkraft-Verkäufer

Evers selbst ist der auffälligste Personalzugang. Bei BASF führte er die 2022 gegründete BASF Renewable Energy GmbH und verantwortete die Grünstromversorgung der Konzernwerke sowie die Erneuerbaren-Strategie in Europa, China und den USA. Davor arbeitete er mehr als 20 Jahre in Führungspositionen der Energiebranche.

Wer bei einem Industriekonzern Windstrom einkauft, kennt die Auktionsmechanismen, die Preisbildung und die Ansprechpartner auf Betreiberseite von innen. Genau dieses Wissen bringt Evers nun auf die Anbieterseite. Bei seinem Amtsantritt beschrieb er den europäischen Offshore-Markt als faktisches Duopol aus Siemens Gamesa und Vestas, das mehr Wettbewerb brauche.

Pikant am Rande: BASF und Ming Yang betreiben in China bereits gemeinsam ein 500-Megawatt-Windprojekt, das den BASF-Verbundstandort Zhanjiang mit Strom versorgt. In China kauft BASF also bei Ming Yang ein, während der eigene Ex-Manager in Europa für denselben Hersteller wirbt.

Rückschlag in Großbritannien, neue Pläne in Dänemark

Die Expansion verläuft nicht geradlinig. Im März 2025 erklärte die britische Regierung, sie könne Ming-Yang-Turbinen in Offshore-Projekten aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht unterstützen. Das kippte ein geplantes Turbinenwerk in Schottland: 1,5 Milliarden Pfund Investition, 1.500 Arbeitsplätze. Zuvor hatte die Trump-Regierung in London Bedenken angemeldet, berichtete die Financial Times. Ming-Yang-Verwaltungsratschef Zhang Chuanwei warf London daraufhin vor, eine Investitionsentscheidung zu politisieren.

Ming Yang reagierte auf den Rückschlag, indem der Konzern seine Europa-Strategie im Frühjahr 2026 verstärkte, statt sie zurückzufahren. Anfang August richtete sich der Blick laut Bloomberg auf neue Offshore-Projekte in Dänemark. Evers hofft zudem, dass der neue britische Premierminister Andy Burnham die verhärtete Position gegenüber Ming Yangs Offshore-Turbinen überdenkt.

In Deutschland scheiterte der erste Anlauf: Der Projektentwickler Luxcara wollte Ming-Yang-Turbinen im Offshore-Projekt Waterkant vor Borkum einsetzen, trennte sich aber im August 2025 nach öffentlicher Kontroverse von dem Hersteller und wechselte zu Siemens Gamesa. Ein neues deutsches Projekt mit Ming-Yang-Turbinen ist derzeit nicht bekannt. Auch das seit Ende 2021 wiederholt angekündigte eigene Werk in Süddeutschland ist bislang nicht gebaut.

Wie groß ist der chinesische Anteil am europäischen Windmarkt wirklich

Die Zahlen relativieren die Dramatik der Personalie. Chinesische Hersteller lieferten 2025 nach Angaben des Global Wind Energy Council nur 446 Megawatt Turbinenleistung nach Europa, unter 3 Prozent der im selben Jahr neu installierten Gesamtkapazität. Vestas, Siemens Gamesa und Nordex halten gemeinsam weiterhin rund 85 Prozent Marktanteil, im Offshore-Segment sogar rund 94 Prozent.

Bewegung gibt es trotzdem: Der chinesische Hersteller Sany Renewable Energy installierte im Juli 2026 seine erste große Windturbine in Europa, ein 6,25-Megawatt-Modell in Spanien. Cleanthinking hatte bereits 2022 über Ming Yangs ersten Anlauf in Europa berichtet. Dass Windkraft international günstiger wird, nur nicht in Deutschland, erklärt, warum chinesische Hersteller sich verstärkt um europäische Aufträge bemühen.

Die Branche beobachtet die Entwicklung trotzdem mit Sorge. Der Verband WindEurope warnt vor möglicher Fremdkontrolle über europäische Windinfrastruktur und lehnt staatliche Unterstützung für chinesische Hersteller ab. Siemens Gamesa legte zur Messe WindEnergy Hamburg ein Positionspapier vor, das den Größenwettlauf bei Turbinen gegen europäische Wertschöpfung abwägt. Dahinter steht die Angst, dass sich bei Windturbinen wiederholt, was bei Solarmodulen geschah: ein Verdrängungswettbewerb, der große Teile der europäischen Solarindustrie das Geschäft kostete.

Dazu kommen Sicherheitsbedenken. In Großbritannien kooperiert Ming Yang mit dem Energieversorger Octopus Energy bei Windrädern an Land. Octopus baut dafür ein System auf, das Zugang, Daten und Software der Anlagen unter britischer Kontrolle hält - eine direkte Antwort auf die Debatte um mögliche staatliche Einflussnahme. Ming Yang bestreitet, dass die chinesische Regierung auf Turbinendaten in Europa zugreifen oder die Anlagen aus der Ferne abschalten könnte.

Brüssel bereitet derweil Regeln vor, die chinesische Turbinen von öffentlich geförderten Projekten ausschließen sollen; einzelne Branchenvertreter fordern noch weitergehende Marktzugangsbeschränkungen. Ob und wie diese Regeln kommen, entscheidet am Ende, ob Evers' Personaloffensive zum Türöffner wird - oder ein weiterer, gut besetzter Anlauf ohne Marktzugang bleibt.

QUELLEN

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  1. Financial Times: Chinese wind turbine manufacturers target Europe despite political obstacles, 27.08.2026.
  2. Bloomberg: Chinese Wind Firm Ming Yang Doubles Down on Europe After UK Snub, 29.04.2026.
  3. Bloomberg: Chinese Turbine Supplier Targets New Danish Offshore Wind Farms, 05.08.2026.
  4. Bloomberg: Chinese Turbine Maker Hires BASF Renewable CEO for Europe Plans, 29.09.2025.
  5. Global Wind Energy Council: Marktdaten Windkraft-Installationen Europa 2025.
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