KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · NORDRHEIN-WESTFALEN · 27. AUGUST 2026
Foto: Karsten-Thilo RaabKommunale Wärmeplanung Hagen: Wärme aus der Industrie
Die südwestfälische Stadt hat ihren Wärmeplan im eigenen Umweltamt erarbeitet. Dabei trat eine Doppelrolle zutage, die Hagen von anderen Großstädten unterscheidet: Die Industrie ist größter Wärmeverbraucher und größte Abwärmequelle zugleich.
Die Kommunale Wärmeplanung Hagen wurde am 9. Juli 2026 vom Rat der Stadt beschlossen. Fertiggestellt war sie nach Angaben der Stadt fristgerecht zum gesetzlichen Stichtag 30. Juni 2026. Die kreisfreie Stadt mit knapp 190.000 Einwohnern in Nordrhein-Westfalen hat dabei eine Zahl in den Mittelpunkt gerückt, die viele andere Wärmepläne so nicht kennen: Die Industrie verbraucht mit 49 Prozent den größten Anteil der Wärmeenergie, deutlich mehr als alle Wohngebäude zusammen. Und sie stellt zugleich das größte Abwärmepotenzial der Stadt.
Status der Wärmeplanung in Hagen
Der Rat hatte die Verwaltung im Februar 2023 mit der Erarbeitung beauftragt. Statt den Plan an ein externes Büro zu vergeben, übernahm ihn die Abteilung Generelle Umweltplanung des städtischen Umweltamts selbst, verfasst von Talha Sipahi und Lars Gehrke, ergänzt um ein Gebietsscreening eines externen wissenschaftlichen Instituts. Beteiligt wurden die Bürgerinnen und Bürger über einen Dialog im März 2026 im Ratssaal, eine gesetzliche Offenlegung vom 22. Mai bis 21. Juni 2026 und einen Infostand beim Beteiligungsmarkt zum Quartier rund um den Hauptbahnhof. Die Stadt informierte am 4. August 2026 in einer Pressemitteilung über den Beschluss.
Die Bestandsanalyse beziffert den gesamten Endenergieverbrauch für Wärme in Hagen auf 2.872,82 Gigawattstunden pro Jahr, Bezugsjahr ist 2022. Mit 81,6 Prozent stammt der Löwenanteil davon aus Erdgas, nur 2,3 Prozent aus Fernwärme. Die Treibhausgasemissionen der Wärmeversorgung liegen bei rund 728.000 Tonnen CO2-Äquivalent jährlich, davon entfällt mit 49,3 Prozent fast die Hälfte auf die Industrie.
Kommunale Wärmeplanung: Was das Gesetz vorschreibt → Kommunale Wärmeplanung in Deutschland
| Sektor | Endenergieverbrauch Wärme | Anteil |
|---|---|---|
| Industrie | 1.408,34 GWh/a | 49,0 % |
| Private Haushalte | 961,33 GWh/a | 33,5 % |
| Gewerbe, Handel, Dienstleistungen | 446,9 GWh/a | 15,6 % |
| Kommunale Einrichtungen | 56,25 GWh/a | 2,0 % |
Kommunale Wärmeplanung Hagen: Die Industrie als größter Verbraucher und größte Quelle
Für private Haushalte ist Wärme meist Heizung und Warmwasser. In der Industrie ist das anders. Der Plan hält fest: „Im Industriesektor spielt die Raumwärme und die Warmwasserbereitstellung eine untergeordnete Rolle. Hier wird Wärmeenergie in erster Linie für energieintensive Prozesse benötigt, welche für die Region zwingend erforderlich sind.“ Genannt werden die Metall verarbeitende und Glas verarbeitende Industrie sowie die Stahlverarbeitung. Einzelne Unternehmen beziehen rund 600 GWh/a Erdgas direkt ab der Hochdruckebene, also ohne den Umweg über das lokale Verteilnetz.
Weil solche Hochtemperatur-Prozesse sich weder mit Wärmepumpen noch mit klassischer Fernwärme ersetzen lassen, wiegt die Prozessabwärme dieser Anlagen umso schwerer. Die Potenzialanalyse beziffert das Angebot an Prozessabwärme aus Industrie und Gewerbe auf rund 1.030 GWh/a, verteilt auf etwa 120 Prozesse an 27 Standorten. Wie hoch der Verbrauch einzelner Firmen ausfällt, verrät der Plan nicht: Die Daten wurden anonymisiert erhoben, unter anderem über eine Unternehmensumfrage mit der SIHK zu Hagen im Mai 2025. Auch die Potenziale selbst sind bewusst nur qualitativ in drei Gruppen dargestellt. Ob eine Abwärme wirklich nutzbar ist, hängt an Temperatur, Medium, möglichen Schadstoffen und daran, wie stark ein Prozess über Tag und Jahr schwankt.
| Vorschau | Produkt | Bewertung | Preis | |
|---|---|---|---|---|
|
|
Arctic Meltdown: Die Neuvermessung der Welt |
26,00 EUR |
Wie eng Abwärme an den Fortbestand von Industrie gekoppelt ist, zeigt eine Fußnote im selben Dokument: „Potenziale der Kabel Premium Pulp & Paper stehen nicht mehr zur Verfügung.“ Die Bestandsanalyse führt in Bathey zugleich ein „ehemaliges Gewerbenetz der Kabel Premium Pulp & Paper“ mit Biomasseverstromungsanlage. Genau diese Anlage steht nun im Fokus einer der fünf Umsetzungsmaßnahmen: Enervie soll bis 2027 in einer Machbarkeitsstudie prüfen, ob sich ihre Abwärme für ein neues Fernwärmegebiet in Hagen-Kabel und Bathey nutzen lässt.
Fernwärme soll von 2,3 auf 21 Prozent wachsen
Bislang gibt es drei Fernwärmegebiete. Helfe liefert 30,7 GWh/a über 14,9 Kilometer Trasse an rund 500 Hausanschlüsse. Diese Wärme stammt zu 97 Prozent aus unvermeidbarer Abwärme der Müllverbrennungsanlage Altenhagen, ergänzt durch das ölbetriebene Fernheizkraftwerk Hagen-Helfe der E.ON Energy Solutions. Emst kommt auf rund 16 GWh über etwa 22 Kilometer und rund 370 Anschlüsse. Dort speist ein 2011 gebautes Blockheizkraftwerk der Mark-E mit 2,3 Megawatt thermischer Leistung ein, die Hauptlast tragen jedoch drei Heißwasserkessel von 1960 mit zusammen rund 5 Megawatt. Beide laufen mit Erdgas. Altenhagen/Am Ischeland liefert 19,3 GWh/a an rund 50 Anschlüsse.
Das Zielszenario, Stand 21. Mai 2026, sieht einen deutlich größeren Sprung vor: „Das Zielszenario sieht einen Wärmemix aus 21 % Fernwärme (heute: 2,3 %), 3 % Biomasse und 76 % Erneuerbare Wärme & Unvermeidbare Abwärme (dezentrale Wärmeversorgung) vor.“ Rechnerisch könnten die Anschlüsse an Fernwärmenetze von heute rund 900 auf bis zu 8.000 steigen, die künftige Fernwärme soll zu 39 Prozent aus unvermeidbarer Abwärme und zu 61 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen.
Der Plan selbst dämpft die Erwartung an dieser Stelle: Die tatsächliche Anschlussquote werde wahrscheinlich nicht bei 100 Prozent liegen. Zu beachten ist außerdem, dass sich die 21 Prozent auf einen kleineren Gesamtbedarf beziehen. Das Zielszenario rechnet mit einer Minderung des Wärmeverbrauchs um rund 300 GWh durch Sanierung. Ein Wasserstoffnetz ist für die Wärmeversorgung ausdrücklich kein Ergebnis des Zielszenarios, Wasserstoff bleibt Option für industrielle Prozesse und für Spitzenlasten der zentralen Wärmeversorgung.
Akteure und Perspektiven
Die zentrale Rolle im Umbau der Fernwärmenetze fällt der Enervie - Südwestfalen Energie und Wasser AG mit Sitz in Hagen zu, im Gebiet Emst über ihre Tochter Mark-E. In Helfe bleibt E.ON Betreiber, die Müllverbrennungsanlage betreibt weiterhin der Hagener Entsorgungsbetrieb (HEB). Diese drei teilen sich auch die kurzfristigen Umsetzungsmaßnahmen des Plans.
Politisch fiel der Ratsbeschluss in die junge Amtszeit von Oberbürgermeister Dennis Rehbein (CDU), der die Stadt seit dem 1. November 2025 leitet. Für die Hagener Hausbesitzer ändert sich vorerst nichts: Der Plan begründet keine unmittelbaren Verpflichtungen, er ist ein strategisches Planungsinstrument. Wer allerdings in einem der ausgewiesenen Prüfgebiete wohnt, sollte vor dem Einbau einer neuen Heizung die Ergebnisse der angekündigten Studien abwarten, dazu rät der Plan ausdrücklich.
Ausblick
Fünf Maßnahmen sind für 2027 terminiert, vier davon sind Studien und Planungen: die Machbarkeitsstudie Hagen-Kabel/Bathey, Netztransformationsplanungen für Emst mit Erweiterung Richtung Eppenhausen und für Altenhagen/Am Ischeland mit Erweiterung Richtung Loxbaum und Boelerheide samt Prüfung zusätzlicher Abwärme aus der Müllverbrennungsanlage, dazu eine Netztransformationsplanung für Helfe. Gebaut wird nur an einer Stelle: Das Fernwärmegebiet Helfe soll Richtung Hagener Straße erweitert werden, Gesamtinvestition rund 2 bis 2,5 Millionen Euro. Vier der fünf Maßnahmen können über die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze mit einer Quote von bis zu 50 Prozent gefördert werden. Eine Gesamtinvestitionssumme für die Hagener Wärmewende nennt der Plan nicht.
Bei der Geothermie ist der Befund zweigeteilt. Die oberflächennahe Erdwärme trägt mit einem potenziellen Jahresertrag von 1.374 GWh/a den mit Abstand größten Beitrag, mitteltiefe Sonden kommen auf 122 GWh/a. Grubenwasser steht Hagen anders als anderen Revierstädten nicht zur Verfügung. Offen bleibt die tiefe Geothermie mit rechnerisch 175 GWh/a: Im Masterplan Geothermie NRW liefen in der zweiten Jahreshälfte 2025 seismische Messungen entlang des historischen Westfälischen Hellwegs, deren Auswertung ab Sommer 2026 erwartet wird.
Den weiteren Weg hat die Stadt entlang der Stützjahre 2030, 2035 und 2040 bis zum Zieljahr 2045 angelegt. Das Umweltamt schreibt die Planung fort, die nächsten belastbaren Zahlen dürften aus den fünf Studien kommen. Cleanthinking aktualisiert diesen Beitrag, sobald sie vorliegen.
UPDATES
9. Juli 2026: Der Rat der Stadt Hagen beschließt die kommunale Wärmeplanung.
27. August 2026: Erstveröffentlichung.
QUELLEN
- Stadt Hagen, Pressemitteilung Wärmewende in Hagen: Kommunale Wärmeplanung beschlossen
- Stadt Hagen, Themenseite Kommunale Wärmeplanung
- Stadt Hagen, Bestandsanalyse nach §15 WPG
- Stadt Hagen, Potenzialanalyse nach §16 WPG
- Stadt Hagen, Zielszenario und Umsetzungsstrategie nach §§17-20 WPG
Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API