KOMMUNALE WÄRMEPLANUNG · BAYERN · 18. AUGUST 2026
Rathausplatz mit Rathaus und Perlachturm in Augsburg (Diego Delso / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0)Kommunale Wärmeplanung Augsburg: Kühlere Fernwärme öffnet die Tür für Erneuerbare
Augsburg hat seinen Wärmeplan pünktlich vor der gesetzlichen Frist beschlossen. Die eigentliche Arbeit steckt in einem unscheinbaren Bauteil im Wolframviertel.
Augsburg, rund 308.000 Einwohner, drittgrößte Stadt Bayerns: Der Stadtrat hat die kommunale Wärmeplanung am 18. Juni 2026 beschlossen. Das Wärmeplanungsgesetz (WPG) setzt für Großstädte über 100.000 Einwohner den 30. Juni 2026 als Frist, Augsburg war damit knapp, aber sicher vorher fertig. Kern des Plans ist ein Fernwärmenetz, das umgebaut wird, um Wärme aus Flüssen und Abwärme aufnehmen zu können, sichtbar an einer neuen Koppelstation im Wolframviertel, die das Netzwasser von 120 auf 85 Grad herunterkühlt.
Status der Wärmeplanung in Augsburg
Die Stadtverwaltung hat die Wärmeplanung auf Basis des bereits Anfang 2025 veröffentlichten Energienutzungsplans Wärme (ENP Wärme) erarbeitet, gemeinsam mit den Stadtwerken Augsburg (swa) und dem Beratungsunternehmen IP Syscon. Vom 20. April bis zum 20. Mai 2026 lag der Entwurf öffentlich aus, Bürgerinnen und Bürger konnten Rückmeldungen einreichen, die das Umweltamt anschließend auswertete. Der Stadtrat bestätigte am 18. Juni 2026 das daraus überarbeitete Gesamtkonzept aus Bestandsanalyse, Potenzialanalyse, Zielszenario und Umsetzungsstrategie und gab es zur Veröffentlichung frei. Der Plan soll alle fünf Jahre fortgeschrieben werden.
Fernwärme deckt heute rund 20 Prozent des Augsburger Wärmebedarfs, dominiert wird die Versorgung noch von Erdgas und Ölheizungen. Die Stadtwerke wollen den Fernwärme-Anteil bis 2040 auf mindestens 40 Prozent steigern, langfristig bis 2045 auf rund 60 Prozent. Der Plan weist dafür Gebiete mit Fernwärme-Potenzial in den dichter bebauten Quartieren aus, während in Randlagen dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen, Biomasseheizungen oder Solarthermie als wahrscheinlicher gelten. Verbindlich für einzelne Eigentümer ist der Plan nicht, er dient als Orientierung.
Kommunale Wärmeplanung: Was das Gesetz vorschreibt → Kommunale Wärmeplanung in Deutschland
Die Koppelstation im Wolframviertel: Wie 85 Grad die Wärmewende beschleunigen
Augsburgs Wärmeplan steht auf einem technischen Detail, das leicht zu übersehen ist: der Netztemperatur. Die swa haben in der Prinzstraße im Wolframviertel eine 51 Tonnen schwere Koppelstation eingebaut, nach eigenen Angaben eine der ersten ihrer Art in Deutschland. Sie kühlt das rund 120 Grad heiße Wasser aus dem Hauptnetz auf etwa 85 Grad herunter, bevor es in den lokalen Teilstrang weiterfließt.
Der Grund für die Absenkung ist simpel, aber folgenreich: Wärmepumpen arbeiten effizient, wenn der Temperaturunterschied zwischen Quelle und Netz moderat bleibt. Ein Sprung von Flusswasser mit wenigen Grad Celsius auf 120 Grad ist technisch aufwendig und teuer, ein Sprung auf 85 Grad ist wirtschaftlich darstellbar. Die niedrigere Temperatur öffnet das Fernwärmenetz damit für eine geplante Flusswasser-Wärmepumpe am Kaufbach, die im Zuge des Neubaus des Spickelbads entstehen soll und rund 1.500 Haushalte im Wolframviertel versorgen kann.
Die Koppelstation selbst ist kein Kraftwerk und liefert keine zusätzliche Wärme, sie ist eine Schnittstelle. Genau das macht sie zum Modellfall: Ohne diesen technischen Umbau würde die geplante Wärmepumpe am Kaufbach ins Leere laufen, weil sie das bestehende Netz nicht bedienen könnte. Die swa stecken in den kommenden fünf Jahren insgesamt 250 Millionen Euro in die Fernwärme, 150 Millionen Euro davon in den Leitungsausbau, 100 Millionen Euro in neue Erzeugungsanlagen.
Mehr zur Fernwärme-Absenkung und zum Kaufbach-Projekt: Flusswasser-Wärmepumpe Augsburg: Der Kaufbach als Wärmequelle
Akteure und Perspektiven
Die Grüne Stadtratsfraktion drängt seit Längerem auf Tempo bei der Umsetzung. Dr. Stefan Wagner, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und energiepolitischer Sprecher der Grünen im Augsburger Stadtrat, bezeichnete einen vorausgegangenen Beschlussschritt als „einen echten Fortschritt" und mahnte zugleich: „Jetzt muss mehr gehen, und wir sorgen dafür, dass Augsburg bei der Wärmeplanung weiter in die schnelle Umsetzung kommt."
Die Stadtwerke Augsburg waren als technischer Partner von Beginn an in die Planung eingebunden, was in der Sache naheliegt, aber auch bedeutet: Der größte Wärmeversorger der Stadt hat seine eigenen Ausbaupläne mitgeschrieben, die der Wärmeplan nun bestätigt. Nach eigenen Angaben registrieren die swa derzeit eine stark steigende Nachfrage nach Fernwärme, sowohl bei Eigenheimbesitzern als auch aus der Industrie.
Aus der Immobilienwirtschaft kommt ein vorsichtigerer Ton: Der Wärmeplan sei eine strategische Grundlage ohne unmittelbare rechtliche Bindung für einzelne Eigentümer, konkrete Anschlusszusagen für einzelne Grundstücke liefere er nicht.
Ausblick
Die nächsten Schritte sind terminiert. Die Koppelstation im Wolframviertel ist in Betrieb, die Flusswasser-Wärmepumpe am Kaufbach folgt im Zuge des Spickelbad-Neubaus. Parallel läuft das 250-Millionen-Euro-Investitionsprogramm der swa in Leitungen und neue Erzeugungsanlagen, mit dem Ziel, den Fernwärme-Anteil bis 2040 auf 40 Prozent zu heben.
Im Hintergrund hat sich zudem der rechtliche Rahmen verschoben. Der Bund hat die ursprünglich für den 1. Juli 2026 vorgesehene 65-Prozent-Erneuerbare-Pflicht für neue Heizungen in Großstädten auf den 1. November 2026 verlegt und die Vorgabe im Zuge der GEG-Reform zum Gebäudemodernisierungsgesetz grundsätzlich gelockert. Augsburgs Wärmeplan bleibt davon unberührt: Er ist ein strategisches Orientierungsdokument ohne unmittelbare Bindung für einzelne Heizungsentscheidungen, unabhängig davon, wie streng die Anschlusspflichten am Ende ausfallen.
Die kommunale Wärmeplanung selbst wird alle fünf Jahre neu aufgelegt, die erste Fortschreibung ist damit für 2031 zu erwarten. Der Augsburger Fall zeigt ein Muster, das über die Stadt hinausweist: Ein Wärmenetz lässt sich nicht einfach für Erneuerbare öffnen, es braucht technische Zwischenschritte wie die Temperaturabsenkung, damit Flusswasser oder Abwärme überhaupt andocken können. Ob die übrigen 60 Prozent der Gebäude tatsächlich in der geplanten Geschwindigkeit auf dezentrale Wärmepumpen umsteigen, hängt von Förderbedingungen und Handwerkskapazitäten ab, die der Wärmeplan selbst nicht beeinflussen kann.
UPDATES
17. August 2026: Erstveröffentlichung.
QUELLEN
- Die Augsburger Zeitung, 18.6.2026: Kommunale Wärmeplanung: Augsburg stellt die Wärme neu auf
- Die Augsburger Zeitung, 2026: 85 statt 120 Grad: Augsburgs Fernwärme wird „cool"
- ZFK, 2026: Fernwärmeausbau: Stadtwerke Augsburg investieren eine Viertelmilliarde Euro
- Bündnis 90/Die Grünen, Stadtratsfraktion Augsburg, 2026: Wichtiger Meilenstein für die Wärmewende in Augsburg