WÄRMEWENDE · 25. SEPTEMBER 2026

Millionen Haushalte brauchen Hilfe bei den Kosten der Wärmewende
Bis 2045 müssen Eigentümer*innen, Vermietende, Unternehmen und Kommunen rund 1,8 Billionen Euro in klimaneutrale Gebäude investieren. Für die meisten Haushalte sind die Kosten der Wärmewende tragbar. Für Millionen Haushalte mit kleinem Einkommen reicht das Geld nicht.
„Die Wärmewende ist eine große, aber machbare Aufgabe", sagt Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität. In ihrem Auftrag hat das Öko-Institut in einer aktuellen Studie für 20 Haushaltsgruppen berechnet, wer die Investitionen tragen muss und wer sie tragen kann. Für Wohngebäude veranschlagen die Forschenden 1.170 Milliarden Euro, für Büros, Läden, Schulen und andere Nichtwohngebäude weitere 639 Milliarden Euro. Pro Jahr sind das rund 86 Milliarden Euro, knapp die Hälfte dessen, was die deutsche Bauwirtschaft 2024 umgesetzt hat.
Die Autor*innen haben dafür das Szenario „Klimaneutrales Deutschland" der Agora Think Tanks in ihr Gebäudemodell übertragen und mit Daten aus Zensus und Mikrozensus verknüpft. So lassen sich die Investitionen nach Gebäudetyp, Miete oder Eigentum und Nettoeinkommen aufteilen. Als leistbar setzt die Studie eine Belastung von bis zu 10 Prozent des Einkommens an, gerechnet über 20 Jahre.
Fast die Hälfte der Kosten der Wärmewende fällt ohnehin an
46 Prozent der Investitionen in Wohngebäude entfallen auf Instandhaltung und Renovierung. Diese Arbeiten stehen auch ohne Klimaschutz an: Ein Dach hält rund 40 Jahre, Fenster etwa 20. Der Heizungstausch macht 37 Prozent aus, die zusätzlichen Kosten für bessere Dämmung 17 Prozent.
| Investitionen in Wohngebäude bis 2045 | Anteil |
|---|---|
| Instandhaltung und Renovierung (ohnehin fällig) | 46 % |
| Heizungstausch | 37 % |
| Energiebedingte Mehrkosten (z. B. Dämmstoff) | 17 % |
Quelle: Öko-Institut, Klimaneutraler Gebäudebestand: Wer muss und kann wie viel investieren?
Je konsequenter Eigentümer*innen diese ohnehin fälligen Erneuerungen für den Klimaschutz nutzen, desto günstiger wird die Wärmewende. Geht eine Heizung kaputt, sollte die neue nach Ansicht der Autor*innen gleich klimazielkonform sein, weil bis 2045 kein weiterer Tausch ansteht. Die Pflicht, neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbarer Energie zu betreiben, hat die Koalition gestrichen. Die Autor*innen halten das für ein Problem (mehr dazu: Gasheizung erlaubt: Wer am Ende die Rechnung zahlt).
Bei Nichtwohngebäuden liegt der Anteil der ohnehin fälligen Instandhaltung sogar bei 56 Prozent. Rund die Hälfte der 639 Milliarden Euro entfällt auf Gebäude der öffentlichen Hand, allein auf Schulen und Kitas 136 Milliarden Euro. Zuständig sind vor allem die Kommunen. Industriegebäude hat die Studie nicht mitgerechnet, der tatsächliche Bedarf liegt also höher.
Haushalte unter 2.000 Euro müssten mehr als ein Fünftel ihres Einkommens aufbringen
Haushalte mit weniger als 2.000 Euro netto im Monat müssten bis 2045 insgesamt 286 Milliarden Euro investieren. Ihre Belastung läge bei mehr als 20 Prozent des Einkommens. Wer wenig verdient, wohnt überdurchschnittlich oft in Gebäuden von vor 1979 und heizt häufiger mit Gas oder Öl. Wärmepumpen stehen bislang vor allem in Einfamilienhäusern von Gutverdienenden.
72 Prozent der Haushalte unter 2.000 Euro wohnen zur Miete in einem Mehrfamilienhaus. Es sind rund 8,9 Millionen Haushalte, die größte der 20 Gruppen. Auf ihre Gebäude entfallen 157 Milliarden Euro, der zweitgrößte Investitionsblock der Studie. Legen Vermietende die Kosten vollständig auf die Miete um, wie das Modell annimmt, stiege die Belastung auf 22 Prozent des Einkommens.
Ob ein Mehrfamilienhaus saniert wird, entscheiden die Vermietenden. 65 Prozent der Wohnungen in Mehrfamilienhäusern gehören einzelnen Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften, viele private Kleinvermietende sind laut Studie finanziell und organisatorisch überfordert. Die Autor*innen empfehlen zentrale Anlaufstellen und Förderprogramme, nach deren Sanierung Miete und Heizkosten zusammen nicht steigen.
Vermietete Mehrfamilienhäuser heizen schon heute am häufigsten mit Fernwärme, also mit Wärme aus einem zentralen Netz statt aus dem eigenen Kessel. In der Modellierung steigt ihr Anteil bis 2045 auf rund 40 Prozent. Günstigere Fernwärmepreise entlasten deshalb vor allem kleine Einkommen. Das Bundeskabinett hat Ende August Eckpunkte für ein Wärmenetzpaket mit einer Preisaufsicht beschlossen, das angekündigte Wärmenetzgesetz steht noch aus.
Die zweite Gruppe sind 1,6 Millionen Haushalte, die ein eigenes Einfamilienhaus bewohnen und weniger als 2.000 Euro netto haben. Auf sie entfallen 84 Milliarden Euro, ihre Belastung läge bei 27 Prozent des Einkommens. Zum Vergleich: Haushalte mit mehr als 6.000 Euro netto können die Investitionen in jeder Konstellation aus dem laufenden Einkommen zahlen.
Stiftung Klimaneutralität fordert Vorfinanzierung für kleine Einkommen
Für die meisten Haushalte funktioniere das Instrumentarium aus Förderung, Beratung und Ordnungsrecht, sagt Losse-Müller. Das zeige die im Sommer reformierte Heizungsförderung, die den Einkommensbonus seit 21. Juli stärker nach Haushaltseinkommen staffelt. Bei Haushalten unter 2.000 Euro gebe es aber ein Problem, egal wie man die Fördersätze drehe. Wer nicht investieren könne, bleibe bei Öl und Gas und zahle mit jedem Jahr mehr fürs Heizen.
Die Stiftung empfiehlt deshalb für einkommensschwache Eigentümer*innen eine Sicherungsförderung. Sie solle den Eigenanteil vollständig abdecken oder zumindest die Vorfinanzierung lösen. Gemeint ist das Geld, das Haushalte für Handwerker und Heizung vorstrecken müssen, bevor die Förderung fließt. Dazu gehöre aufsuchende Beratung, die Betroffene zu Hause erreicht.
Wärmenetze sollen nach dem Willen der Stiftung über eine verbindlichere kommunale Wärmeplanung koordiniert und stärker gefördert werden. Gemeinsamer Einkauf und Betrieb von Wärmepumpen solle die Kosten senken. Langfristig will die Stiftung Wärme stärker als öffentliche Daseinsvorsorge organisieren, also als Grundversorgung, die wie Wasser und Abwasser für alle gesichert ist. Das bündele die Investitionsrisiken und ermögliche bezahlbare Lösungen für alle Haushalte.
QUELLEN
- Öko-Institut: Klimaneutraler Gebäudebestand: Wer muss und kann wie viel investieren?, September 2026.
- Öko-Institut und Stiftung Klimaneutralität (Pressemitteilung): Wärmewende auch für Haushalte mit geringem Einkommen finanzierbar machen, September 2026.
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Sozialer, effizienter und fokussierter: Anträge für neue Gebäudeförderung ab 21. Juli möglich, 9. Juli 2026.
- Agora Think Tanks: Klimaneutrales Deutschland. Von der Zielsetzung zur Umsetzung, 2024.