KLIMAPOLITIK · 30. MAI 2026
Foto: Lars Berg / GreenpeaceProtest am Gersteinwerk: Was hinter der Kraftwerksstrategie für neue Gaskraftwerke steckt
Die Bundesregierung will 11 Gigawatt neue Gaskraftwerke bauen und dafür eine Strom-Umlage einführen. Greenpeace, BUND, Campact und Fridays for Future protestierten heute am Gersteinwerk in Hamm dagegen - und halten den Milliardenplan für überflüssig.
Rund ums Gersteinwerk in Werne bei Hamm fand heute eine der ungewöhnlichsten Klimademos des Jahres statt. Tausende Teilnehmerinnen und Teilnehmer formieren sich zum weltgrößten menschlichen Windrad - bewusst vor den Schornsteinen des RWE-Gaskraftwerks als Kulisse. Das Bündnis aus Campact, Fridays for Future, BUND und Greenpeace richtet sich unter dem Motto „Zukunft statt Gas“ gegen die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung, die neue Gaskraftwerke mit einer Leistung von 2*4,5 plus 2 Gigawatt vorsieht. Die Polizei hatte den ursprünglich geplanten Startpunkt direkt am Gersteinwerk verboten; dagegen lief am Morgen ein Eilverfahren beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.
Der Ort ist kein Zufall. Das Gersteinwerk ist eines der größten Gaskraftwerke Deutschlands und gehört RWE - jenem Konzern, dem Greenpeace-Expertin Mira Jäger vorwirft, von der aktuellen Energiepolitik zu profitieren. „Auch ohne Reiches völlig überdimensionierten Neubau fossiler Gaskraftwerke gehen in Deutschland nicht die Lichter aus“, sagte Jäger. Das Kraftwerk selbst hat eine bewegte Geschichte: 1913 als Steinkohlekraftwerk gebaut, in den 1970er-Jahren auf Erdgas umgerüstet, 2019 der letzte Kohleblock stillgelegt. Heute liefert es rund 1.000 Megawatt aus Erdgas.
Was die Kraftwerksstrategie plant - und was sie kostet
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat im Januar 2026 gemeinsam mit der EU-Kommission die Eckpunkte der Kraftwerksstrategie vereinbart und in das StromVKG gegossen.. Kern: In einem ersten Schritt werden Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 11 GW ausgeschrieben, davon 9 GW als sogenannte Langfrist-Kapazitäten. Alle neuen Anlagen müssen bis spätestens 2031 in Betrieb gehen, wasserstofffähig sein und bis 2045 vollständig dekarbonisiert werden. Damit soll die Versorgungssicherheit nach dem Kohleausstieg gewährleistet werden.
Die Finanzierung läuft über eine neue Strom-Umlage, die Haushalte und Unternehmen zahlen sollen. Die Industrie- und Handelskammern haben den Förderbedarf auf rund fünf Milliarden Euro pro Jahr beziffert - das entspricht bis zu zwei Cent pro Kilowattstunde zusätzlich auf der Stromrechnung. Die genaue Ausgestaltung soll bis 2027 im StromVKG geregelt werden, das in den kommenden Wochen ins parlamentarische Verfahren geht. Ab 2032 greift zusätzlich ein Kapazitätsmarkt, bei dem Kraftwerksbetreiber nicht nur für gelieferten Strom, sondern auch für das Bereitstellen von Kapazität vergütet werden.
Aus Brüssel kam eine bemerkenswerte Einschätzung: Die Kraftwerksstrategie von Reiche ähnelt in ihrer Gesamtgröße stark dem Entwurf, den ihr Vorgänger Robert Habeck bereits 2024 vorgelegt hatte. Der Unterschied liegt vor allem in der politischen Rahmung und in Detailfragen zur Wasserstoff-Umrüstung.
Neue Gaskraftwerke: Warum die Kritik so grundsätzlich ist
Für die Protestierenden geht es nicht um Detailfragen, sondern um eine Richtungsentscheidung. BUND-Geschäftsführerin Verena Graichen wirft Reiche vor, den Ausbau der Erneuerbaren Energien auszubremsen und gleichzeitig Milliarden in fossile Infrastruktur zu lenken. Das Bündnis argumentiert, dass Großspeicher, Demand-Response-Systeme und ein beschleunigter Wind- und Solarausbau die Versorgungslücke nach dem Kohleausstieg günstiger und klimafreundlicher schließen könnten als neue Gaskraftwerke mit jahrzehntelanger Laufzeit.
Hinzu kommt der Kostenaspekt aus Verbrauchersicht: Gaskraftwerke sind Preis-Setzer im Strommarkt. Wenn Gas teuer ist - wie nach dem russischen Angriff auf die Ukraine geschehen - steigen die Strompreise im Merit-Order-System automatisch mit. Erneuerbare Energien ohne Brennstoffkosten hingegen drücken den Börsenstrompreis. Mehr Gaskraftwerke bedeuten damit strukturell mehr Preisrisiko für Strom-Endkunden, nicht weniger.
Vertreter der Bundesregierung und der Energiewirtschaft halten dagegen, dass steuerbare Kapazitäten als Backup für Dunkelflauten unverzichtbar seien, solange Speicher und Netzausbau nicht ausreichen. Das Gersteinwerk selbst verkörpert diese Funktion: Es liefert dann Strom, wenn Wind und Sonne gerade nicht ausreichen - und steht sonst still. Die Frage, ob dafür 12 neue Gigawatt nötig sind oder ob vorhandene und modernisierte Kapazitäten reichen, ist der eigentliche Streitpunkt.
Was als nächstes passiert
Die erste Ausschreibungsrunde für die neuen Gaskraftwerke soll noch 2026 starten. Bis 2027 will die Regierung das separate Finanzierungsgesetz für die Strom-Umlage vorlegen. Parallel laufen Verhandlungen über Differenzverträge, mit denen Kraftwerksbetreiber ab 2027 die Mehrkosten beim frühzeitigen Umstieg auf Wasserstoff abfedern können sollen. Ziel ist die Umrüstung von 2 GW bis 2040 und weiteren 2 GW bis 2043.
Für die Protestierenden ist das zu wenig und zu spät. Das Hammer Klimacamp, das von Dienstag bis heute läuft, hat die Demo als Abschluss bewusst gewählt: mit dem Gersteinwerk als Symbol für eine Energiepolitik, die aus ihrer Sicht an der falschen Adresse investiert - und die Rechnung an die Stromkunden weitergibt.
Wie viele neue Gaskraftwerke plant die Bundesregierung?
In der ersten Ausschreibungsrunde werden 2026 Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 12 Gigawatt (GW) ausgeschrieben, davon 10 GW als steuerbare Langfrist-Kapazitäten. Alle Anlagen müssen bis spätestens 2031 in Betrieb gehen und wasserstoffähig sein.
Was kostet die Kraftwerksstrategie für Stromkunden?
Die Finanzierung der neuen Gaskraftwerke soll über eine Strom-Umlage laufen. Die Industrie- und Handelskammern haben den Förderbedarf auf rund fünf Milliarden Euro pro Jahr beziffert - das entspricht bis zu zwei Cent pro Kilowattstunde zusätzlich auf der Stromrechnung.
Was ist das Gersteinwerk?
Das Gersteinwerk ist ein Gaskraftwerk von RWE im Werner Stadtteil Stockum (NRW) mit einer Leistung von rund 1.000 Megawatt. Es wurde 1913 als Steinkohlekraftwerk gebaut, in den 1970er-Jahren auf Erdgas umgerüstet und 2019 der letzte Kohleblock stillgelegt.
Warum protestieren Klimaschützer gegen neue Gaskraftwerke?
Gaskraftwerke sind im europäischen Strommarkt sogenannte Preis-Setzer: Wenn Gas teuer ist, steigt der Börsenstrompreis automatisch mit. Zudem binden die Neubauten Subventionen in Milliardengröße, die aus Sicht der Kritiker besser in Erneuerbare Energien, Großspeicher und Flexibilitätssysteme fließen sollten.
QUELLEN
- BUND/Campact/Greenpeace/FFF (Presseportal, 26.5.2026) Zukunft statt Gas - Energiewende verteidigen!
- Campact (26.5.2026) Zukunft statt Gas - Pressemitteilung
- Bundeswirtschaftsministerium (15.1.2026) Grundsatzeinigung mit EU-Kommission zur Kraftwerksstrategie
- Ingenieur.de 12 GW neue Gaskraftwerke - das steckt hinter der Kraftwerksstrategie
- Wikipedia Gersteinwerk