Betreiber großer Kläranlagen müssen ab 2029 Phosphor zurückgewinnen

Pflicht ab 2029, Verbände wollen Aufschub · 4. NOVEMBER 2026

Wie Deutschland beim Phosphor-Recycling den Dünger aus dem Abwasser holt

Phosphor-Recycling wird in Deutschland ab 2029 Pflicht. Betreiber großer Kläranlagen müssen den Nährstoff dann aus dem Klärschlamm oder aus dessen Asche zurückgewinnen. Die Wasserwirtschaft hält die Frist für zu knapp, das Bundesumweltministerium bleibt dabei.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 10 Min. LESEN


Rund 1,67 Millionen Tonnen Klärschlamm haben die kommunalen Kläranlagen 2024 entsorgt, meldet das Statistische Bundesamt. Nur noch zwölf Prozent davon landeten als Dünger auf Äckern, 2009 waren es 30 Prozent. Verbrannt wurden 82 Prozent. Ohne Phosphor-Recycling geht mit dem Schlamm ein großer Teil des Phosphors verloren, den Landwirte für ihre Felder brauchen.

Ohne Phosphor wächst keine Pflanze. Das Element steckt in der Erbsubstanz und in den Molekülen, mit denen Zellen Energie speichern. Einen Ersatz für Phosphor in der Landwirtschaft gibt es nicht, hält der US-Geologiedienst USGS in seinem Rohstoffbericht vom Februar 2026 fest.

Phosphor-Recycling soll den Nährstoff im Kreislauf halten und Schadstoffe vom Acker fernhalten. Die Klärschlammverordnung von 2017 macht es ab dem 1. Januar 2029 zur Pflicht. Verfahren dafür gibt es mehrere, großtechnisch laufen bisher nur wenige Anlagen. Aus der Kläranlage wird damit eine Rohstoffquelle, andernorts nutzen Stadtwerke Abwasser schon als Wärmequelle (mehr dazu: Deutschlands größte Abwasserwärmepumpe).

Warum gilt Phosphor als knapper Rohstoff

Phosphor gilt als knapp, weil sich die Vorräte auf wenige Länder konzentrieren und Deutschland keine eigenen Vorkommen besitzt. Eine absolute Knappheit sieht der USGS dagegen nicht: Engpässe bei Phosphatgestein drohen nach seiner Einschätzung derzeit nicht.

Von weltweit 73 Milliarden Tonnen Reserven an Phosphatgestein liegen laut USGS 50 Milliarden in Marokko, gut zwei Drittel. China förderte 2025 mit geschätzt 110 Millionen Tonnen am meisten, weltweit waren es 250 Millionen Tonnen. Unter den einzeln ausgewiesenen Förderländern steht mit Finnland nur ein EU-Staat, mit knapp einer Million Tonnen.

Die EU-Kommission stuft Phosphor seit 2014 als kritischen Rohstoff ein, schreibt das Umweltbundesamt (UBA). Auf der EU-Liste von 2023 stehen Phosphatgestein und Phosphor getrennt. Beide gelten laut Rohstoff-Informationssystem der EU als kritisch, keiner als strategisch (mehr dazu: Kritische Rohstoffe in Europa).

Beim Stickstoff liegt der Fall anders. Düngerhersteller gewinnen ihn aus der Luft, künftig auch mit Ökostrom als grünes Ammoniak. Phosphor dagegen muss aus Gestein abgebaut oder aus Abfällen zurückgeholt werden (mehr dazu: Das Stickstoffdünger-Problem).

Wie viel Phosphor steckt im deutschen Klärschlamm

In kommunalen Klärschlämmen stecken rund 54.000 Tonnen Phosphor im Jahr, berechnet für 2016. Damit ließen sich laut Umweltbundesamt 38 Prozent des Phosphors decken, den Deutschland für Mineraldünger braucht.

Lange brachten Betreiber den Schlamm direkt auf Felder. Mit ihm gelangen aber auch Schwermetalle, Arzneimittelrückstände und Mikroplastik in den Boden. Das Fraunhofer-Institut UMSICHT fand 2019 im Auftrag des UBA in Klärschlämmen bis zu 22.000 Mikrogramm des Antibiotikums Ciprofloxacin je Kilogramm. In allen untersuchten Rezyklaten aus dem Phosphor-Recycling lagen die Arzneimittelreste deutlich niedriger.

Verbrannt wird der Schlamm bisher oft gemeinsam mit Kohle oder Müll oder in Zementwerken. Für das Phosphor-Recycling taugt vor allem die Monoverbrennung, bei der nur Klärschlamm in den Ofen kommt. Nach dem derzeitigen technischen Stand ist die Rückgewinnung dort am effizientesten, schreibt das Statistische Bundesamt. 2024 gingen 732.000 Tonnen in solche Anlagen, 44 Prozent der entsorgten Menge.

Welche Pflichten gelten ab 2029 für Kläranlagen

Ab dem 1. Januar 2029 müssen Betreiber Klärschlamm mit mindestens 20 Gramm Phosphor je Kilogramm Trockenmasse einem Phosphor-Recycling zuführen oder verbrennen lassen. Wer eine Kläranlage mit mehr als 100.000 Einwohnerwerten betreibt, darf den Schlamm zugleich nicht mehr auf Böden ausbringen.

Der Einwohnerwert beschreibt die Ausbaugröße einer Kläranlage, er rechnet Einwohner und die Schmutzfracht aus Gewerbe zusammen. Ab 2032 gilt das Verbot auch für Anlagen über 50.000 Einwohnerwerte. Betreiber kleinerer Anlagen dürfen ihren Schlamm weiter auf Böden verwerten, wenn er die Grenzwerte einhält. Die Autoren eines Gutachtens für das UBA von 2025 halten die Hürden dafür allerdings für sehr hoch.

Betreiber haben zwei Wege. Wer den Phosphor direkt aus dem Schlamm holt, muss den Gehalt um mindestens die Hälfte oder unter 20 Gramm je Kilogramm senken. Wer den Schlamm verbrennt, muss aus der Asche mindestens 80 Prozent des Phosphors zurückgewinnen, fasst die Bayerische Staatsregierung 2022 zusammen. Alternativ dürfen Betreiber die Asche in einem Langzeitlager für ein späteres Phosphor-Recycling aufbewahren.

Ein bestimmtes Verfahren ist nicht vorgeschrieben. Bis Ende 2023 mussten alle Betreiber der Behörde berichten, wie sie die Pflicht erfüllen wollen. 2027 müssen sie ihren Schlamm erneut auf Phosphor untersuchen lassen, so steht es in Paragraf 3a der Klärschlammverordnung. Stand Oktober 2026 gelten Pflicht und Fristen unverändert.

Wie gewinnen Betreiber den Phosphor aus Abwasser und Asche zurück

Beim Phosphor-Recycling haben sich zwei Wege herausgebildet: die Fällung von Struvit auf der Kläranlage und die Aufbereitung der Klärschlammasche. Aus der Asche lässt sich weit mehr Phosphor gewinnen.

Struvit, chemisch Magnesiumammoniumphosphat, entsteht, wenn Betreiber dem Faulschlamm basisch wirkende Salze wie Magnesiumhydroxid zugeben und so den pH-Wert anheben. Das Salz fällt als Kristall aus und eignet sich als Dünger. Nach Angaben der Bayerischen Staatsregierung erfasst die Fällung nur den gelösten Phosphor, etwa ein Drittel des Gesamtgehalts. Die Vorgaben der Verordnung erreichen Betreiber damit oft nicht.

Im Routinebetrieb verbreitet ist vor allem in Norddeutschland das Verfahren AirPrex. Die Düsseldorfer Stadtentwässerung ermittelte 2018 für ein solches Verfahren einen Anstieg der Abwassergebühren um etwa zehn Cent je Kubikmeter, berichten die Gutachter von 2025.

Beim Phosphor-Recycling aus Asche lösen nasschemische Verfahren den Nährstoff mit Säure heraus. Mit dem TetraPhos-Verfahren des Entsorgers Remondis entsteht in Hamburg Phosphorsäure, dazu Gips und Fällmittel für die Kläranlage. Die Hamburger Asche enthält im Schnitt zehn Prozent Phosphor, ungewöhnlich viel. Die Anlage ist laut UBA auf rund 20.000 Tonnen Asche im Jahr ausgelegt.

Das Ash2Phos-Verfahren arbeitet mit Salzsäure und trennt Eisen und Aluminium ab. Thermische Verfahren wie EuPhoRe erhitzen Schlamm oder Asche im Drehrohrofen mit Zusätzen, die einen Teil der Schwermetalle verflüchtigen. Laut Deutscher Phosphor-Plattform (DPP) waren im Januar 2026 Anlagen in Hamburg und Mannheim in Inbetriebnahme, in Schkopau und Darmstadt im Bau.

VerfahrenAnsatzpunktProduktStand
Struvitfällung (z. B. AirPrex)Faulschlamm auf der KläranlageStruvit (Magnesiumammoniumphosphat)erfasst etwa ein Drittel des Phosphors; Routinebetrieb vor allem in Norddeutschland (Bayerische Staatsregierung, 2022)
TetraPhosKlärschlammasche, Laugung mit SäurePhosphorsäure, Gips, FällmittelHamburg, in Inbetriebnahme (DPP, Januar 2026)
Ash2PhosKlärschlammasche, Laugung mit SalzsäurePhosphorsäure, Calcium- oder AmmoniumphosphatSchkopau, im Bau (DPP, Januar 2026)
EuPhoReKlärschlamm, thermisch im Drehrohrofenbehandelte Asche als DüngerrohstoffMannheim in Inbetriebnahme, Darmstadt im Bau (DPP, Januar 2026)
Vorgabe KlärschlammSchlamm ab 20 g Phosphor je kg Trockenmasse-Gehalt halbieren oder unter 20 g senken (AbfKlärV, ab 2029)
Vorgabe AscheAsche aus Verbrennung-mindestens 80 Prozent zurückgewinnen oder Langzeitlager (AbfKlärV, ab 2029)

Der Unterschied in der Ausbeute ist groß. Die Autoren einer Ökobilanz für das UBA von 2019 setzen die Rückgewinnung aus Klärschlamm bei höchstens 40 Prozent an, aus Asche bei rund 80 Prozent. So gibt es die Bayerische Staatsregierung wieder.

Reichen die Anlagen für das Phosphor-Recycling ab 2029

Nach der Bestandsaufnahme für das Umweltbundesamt von 2025 reichen sie nicht, jedenfalls nach damaligem Planungsstand. Für 59 Prozent des Klärschlamms, der ab 2029 behandelt werden muss, waren keine geplanten Kapazitäten für das Phosphor-Recycling bekannt.

Die Studie der RWTH Aachen erschien im April 2025 als UBA-Texte 56/2025. Die Autoren schätzen die betroffene Menge auf 1,5 Millionen Tonnen Trockenmasse. Bekannte Vorhaben decken 41 Prozent davon ab, sieben Prozent über Verfahren auf der Kläranlage und 34 Prozent über die Asche. Nennenswerte Mengen an Rezyklaten gibt es noch nicht auf dem Markt.

Bei der Verbrennung sieht es besser aus. Zum Berichtszeitpunkt arbeiteten 29 Klärschlammverbrennungsanlagen, die Autoren zählten 44 Vorhaben für neue. Bis 2029 erwarten sie je nach Szenario zusätzlich 312.000 bis 851.000 Tonnen Trockenmasse Jahreskapazität.

Die Anbieter selbst sehen technisch kaum Hindernisse. In einer Umfrage für das Gutachten von 2025 meldeten sie acht Verfahren mit dem Reifegrad TRL 9, also marktreif, allerdings alle im Abwasserpfad. Mit Stand November 2024 halten die Gutachter die Anforderungen aus technischer Sicht bis 2029 für erfüllbar.

Warum streiten Wasserwirtschaft und Umweltministerium über die Frist

Verbände der Wasserwirtschaft halten die Frist für nicht einhaltbar und wollen das Phosphor-Recycling verschieben. Das Bundesumweltministerium hält am Termin 2029 fest, Stand Oktober 2026.

Uli Paetzel, Präsident der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA), forderte einen Aufschub um zehn Jahre bis 2039. Es fehle an Kapazitäten für Monoverbrennung und Rückgewinnung. Bundesumweltminister Carsten Schneider lehnte das im Februar 2026 ab, berichtet EUWID. Er nennt die Frist einen notwendigen Schritt zu einer unabhängigeren Wirtschaft.

Die DPP stellte sich im Januar 2026 gegen jede Verschiebung und verlangt ein festes Datum als Signal für Investoren. Die Behauptung der DWA, nur ein Drittel der Betreiber könne die Pflicht 2029 erfüllen, kann die Plattform nicht bestätigen. Im Mai 2026 forderte die Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft eine Neubewertung, weil sich bisher kein Verfahren großtechnisch durchgesetzt habe.

Beim dritten Branchendialog des Ministeriums am 8. Oktober 2026 blieb offen, was mit Asche geschieht, für die ab 2029 keine Anlage zum Phosphor-Recycling bereitsteht. Eine Deponiesteuer hält das Ministerium nach rechtlicher Prüfung für verfassungswidrig. Ein Fondsmodell, mit dem sich Pflichtige per Sonderabgabe freikaufen könnten, nennt es nicht zielführend, berichtet EUWID.

Wie regeln die Schweiz und Österreich das Phosphor-Recycling

Die Schweiz schreibt das Phosphor-Recycling seit 2016 vor und verlangt seit 2026 nur noch eine Teilrückgewinnung. Österreich hat eine Pflicht zum Phosphor-Recycling ab 2033 eingeführt, so das Schweizer Bundesamt für Umwelt (BAFU).

Den Kantonen hatte die Schweiz zehn Jahre Zeit gegeben. Den Termin 1. Januar 2026 konnten sie nicht halten, räumt das BAFU in seinen Erläuterungen zur Abfallverordnung ein. Der Bundesrat beschloss deshalb Ende Oktober 2025 eine neue Regel.

Je Tonne Klärschlamm-Trockensubstanz müssen Betreiber mindestens 16 Kilogramm Phosphor zurückgewinnen, etwa die Hälfte des enthaltenen Phosphors. Die Menge orientiert sich am Schweizer Bedarf an Mineraldünger, knapp 4.200 Tonnen Phosphor im Jahr. Bis Anfang 2028 legen die Kantone laut BAFU ihre Planung vor. Die ungedeckten Kosten tragen die angeschlossenen Haushalte über die Abwassergebühren.

Auch in Deutschland zahlen am Ende die Gebührenzahler. In der Verordnungsbegründung von 2017 bezifferte die Bundesregierung den jährlichen Erfüllungsaufwand auf 93,6 Millionen Euro, den einmaligen Umstellungsaufwand auf 398 Millionen Euro. Gerechnet war das auf Grundlage des ursprünglichen Regierungsentwurfs. Ob Kommunen das Phosphor-Recycling schon vor 2029 über Gebühren finanzieren dürfen, ist umstritten. Die UBA-Gutachter halten diese Kosten für gebührenfähig.

Ein geschlossener Kreislauf, wie ihn das PET-Recycling bei Getränkeflaschen kennt, entsteht beim Phosphor-Recycling erst mit Abnehmern. Viele potenzielle Käufer der Rezyklate zögern noch, stellen die Autoren der RWTH-Studie fest. Düngerhersteller und Chemieindustrie verlangen Rezyklate in gleichbleibender Qualität und in konstant großen Mengen.

QUELLEN

  1. Bundesumweltministerium: Bund, Länder und Wirtschaft stärken Rückgewinnung von Phosphor aus Klärschlamm, Pressemitteilung Nr. 101/24, 21. August 2024.
  2. Deutscher Bundestag: Verordnung zur Neuordnung der Klärschlammverwertung, Drucksache 18/12495, 24. Mai 2017.
  3. Umweltbundesamt: Arzneimittelrückstände in Rezyklaten der Phosphorrückgewinnung aus Klärschlämmen, Texte 31/2019, Fraunhofer UMSICHT, 2019.
  4. Umweltbundesamt: Ökobilanzieller Vergleich der P-Rückgewinnung aus dem Abwasserstrom mit der Düngemittelproduktion aus Rohphosphaten, 2019.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x