Der Weltklimarat zählt doppelt so viele Hitzewellen im Meer wie in den 1980ern

Vom „Blob“ im Pazifik bis zum Mittelmeer · 2. NOVEMBER 2026

Warum Korallen, Kelp und Kabeljau eine marine Hitzewelle oft nicht überleben

Eine marine Hitzewelle liegt vor, wenn das Meer an einem Ort mindestens fünf Tage lang ungewöhnlich warm bleibt. Solche Phasen bleichen Riffe, lassen Seegraswiesen absterben und leeren Fanggründe, oft für Jahre.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


An Land zeigt das Thermometer eine Hitzewelle sofort an. Unter Wasser bleibt eine marine Hitzewelle oft unbemerkt, bis Taucher gebleichte Riffe melden oder Fischer leere Netze einholen. Wochen ohne Wind, festsitzende Hochdrucklagen oder verlagerte Strömungen stauen die Wärme an der Oberfläche. Das Wasser bleibt dann Tage, Monate oder sogar Jahre zu warm.

Meerespflanzen und Tiere, die an ein enges Temperaturfenster angepasst sind, trifft das hart. Korallen stoßen ihre Algen ab, Seegras und Kelp sterben auf großen Flächen, Fischbestände brechen ein. Manche Küsten kehren danach nicht mehr in ihren alten Zustand zurück.

Ab wann eine marine Hitzewelle als solche gilt, haben Forscher erst 2016 international festgelegt. Seither lassen sich Hitzewellen vor Australien, Alaska und Spanien nach denselben Regeln vergleichen und Trends beziffern (mehr dazu: Extreme maritime Hitzewellen in der Klimakrise).

Wann Ozeanographen von einer marinen Hitzewelle sprechen

Ein Team aus 15 Meeres- und Klimaforschern um Alistair Hobday hat 2016 in der Fachzeitschrift Progress in Oceanography die heute übliche Definition vorgelegt. Danach herrscht eine marine Hitzewelle, wenn die Wassertemperatur mindestens fünf Tage am Stück über dem 90. Perzentil liegt. Diesen Schwellenwert berechnen die Forscher für jeden Kalendertag aus einer möglichst 30-jährigen Vergleichsreihe. Nur jeder zehnte Messwert dieses Tages lag in der Vergangenheit darüber.

Kurze Pausen beenden eine marine Hitzewelle nicht. Liegen zwischen zwei heißen Phasen höchstens zwei kühlere Tage, zählt alles als eine einzige Hitzewelle. Fünf heiße Tage, zwei kühlere und sechs weitere heiße ergeben deshalb ein Ereignis von 13 Tagen. Weil der Maßstab vom Ort abhängt, kann ein Wert vor Spitzbergen schon Alarm bedeuten, der im Roten Meer kaum auffiele.

Zwei Jahre später ergänzte dieselbe Gruppe in der Zeitschrift Oceanography vier Kategorien, angelehnt an die Skalen für Wirbelstürme. Als Maß dient der Abstand zwischen dem langjährigen Mittelwert und dem Schwellenwert. Übersteigt das Wasser den Mittelwert um das Ein- bis Zweifache dieses Abstands, gilt eine marine Hitzewelle als moderat. Ab dem Vierfachen nennen die Forscher sie extrem. Zusätzlich schlagen sie vor, Ereignisse nach Meeresgebiet und Jahr zu benennen.

KategorieBezeichnungÜberschreitung des MittelwertsBeispiel
Imoderat1- bis 2-facher Abstand zur SchwelleMittelmeer 1999
IIstark2- bis 3-fachMittelmeer 2003, Great Barrier Reef 2016
IIIschwer3- bis 4-fachNordostpazifik („Blob“) 2015
IVextremmehr als 4-fachWestaustralien 2011

Die Beispiele stammen aus der Arbeit von 2018. Wie stark eine marine Hitzewelle eingestuft wird, richtet sich nach ihrem heißesten Abschnitt. Der „Blob“ im Nordostpazifik lag nur an 13 Prozent seiner 711 Tage im schweren Bereich, hielt dafür aber fast zwei Jahre an.

Warum Korallen bei Hitze ihre Farbe verlieren

Riffbildende Korallen beherbergen winzige Algen in ihrem Gewebe, die Zooxanthellen. Nach Angaben der US-Ozeanbehörde NOAA liefern diese Algen den Großteil der Nahrung und geben den Korallen ihre Farbe. Trifft eine marine Hitzewelle das Riff, stoßen die Korallen die Algen ab und werden blass bis weiß. Gebleichte Korallen leben noch und erholen sich, wenn die Hitze rasch nachlässt. Hält der Stress an, sterben sie.

Wie gefährlich eine marine Hitzewelle für ein Riff wird, messen die Fachleute des NOAA-Programms Coral Reef Watch in Grad-Wochen. Sie addieren über zwölf Wochen jede Überschreitung, die mindestens ein Grad über dem wärmsten Monatsmittel eines Riffs liegt. Ab vier Grad-Wochen droht nach ihrer Warnskala Bleiche im ganzen Riff, ab acht sterben empfindliche Arten. Die Skala reicht bis Stufe fünf: Ab 20 Grad-Wochen droht der Verlust von mehr als 80 Prozent der Korallen.

Das vierte globale Korallenbleiche-Ereignis begann Anfang 2023, am 15. April 2024 bestätigte die NOAA es offiziell. Bis zu seinem wahrscheinlichen Ende Mitte 2025 setzte es 84 Prozent der weltweiten Riffflächen bleichender Hitze aus. In mindestens 83 Ländern und Territorien dokumentierten Forscher Massenbleiche, so die Bilanz der NOAA vom Juni 2026. „Wir sind jetzt in der Ära, in der Riffe fast jährlich bleichen“, sagt Derek Manzello, Koordinator von Coral Reef Watch.

Warme Korallenriffe überschreiten schon bei 1,4 Grad Erderhitzung ihren thermischen Kipppunkt, schreiben die Autoren des Global Tipping Points Report (mehr dazu: Kipppunkte-Bericht 2025). Um die Riffe dauerhaft zu erhalten, müsste die Erderhitzung nach ihrer Einschätzung unter 1,5 Grad sinken und sich einem Grad nähern.

Wie Seegras und Kelp in heißem Wasser verschwinden

Seegraswiesen und Kelpwälder tragen in vielen Küstengewässern ganze Lebensgemeinschaften. Fische laichen darin, Krebse und Schnecken finden Schutz. Der IPCC zählt beide in Kapitel 6 seines Sonderberichts über Ozean und Kryosphäre von 2019 zu den Schlüsselarten, die Hitzewellen im Meer bereits geschädigt haben. Für Kelpwälder und Korallenriffe erwartet er kritische Schwellen schon bei relativ geringer weiterer Erderhitzung.

Westaustralien erlebte 2011 eine marine Hitzewelle der höchsten Kategorie IV. In der Shark Bay, die einen der größten Kohlenstoffspeicher aus Seegras weltweit beherbergt, nahmen danach rund 36 Prozent der Wiesen Schaden. In den drei Jahren darauf könnten zwei bis neun Millionen Tonnen CO2 aus dem freigelegten Boden entwichen sein. So steht es in einer Studie in Nature Climate Change von 2018 (mehr dazu: Blue Carbon in Seegras und Kelp).

An derselben Küste verloren die Kelpwälder Boden. Ein Team aus 26 Forschern dokumentierte 2016 im Fachjournal Science, dass sich ihr Verbreitungsgebiet um rund 100 Kilometer zurückzog. An ihre Stelle traten dauerhafte Algenrasen, dazu kamen Fische, Korallen und Wirbellose aus subtropischen und tropischen Gewässern. Die Rasen verhindern seither, dass der Kelp zurückkehrt.

Was der „Blob“ im Nordpazifik mit dem Kabeljau machte

Im Herbst 2013 schwächte ein Hochdruckrücken die üblichen Winterwinde über dem östlichen Pazifik. Danach entstand eine marine Hitzewelle, die Forscher „The Blob“ tauften. Bis Herbst 2014 reichte sie vom Golf von Alaska bis Baja California. Das Wasser lag dort um bis zu rund vier Grad über dem Durchschnitt, rekonstruiert die US-Fischereibehörde. Erst 2016 kühlte der Nordostpazifik wieder ab.

Wie eine marine Hitzewelle einen Fischbestand leert, zeigte der Pazifische Kabeljau im Golf von Alaska. Die Bestandserhebung von 2017 zählte 71 Prozent weniger Tiere als die von 2015. Ein Team um Steven Barbeaux erklärt den Einbruch in Frontiers in Marine Science mit dem höheren Energiebedarf der Fische im warmen Wasser. Zugleich fanden die Kabeljaue weniger Beute.

Weil kaum Jungfische nachwuchsen, erwarten die Autoren eine langsame Erholung. Für 2020 schloss der zuständige Fischereirat die Kabeljau-Fischerei im Golf von Alaska erstmals wegen zu geringer Bestände, berichtete Alaska Public Media.

Weiter südlich wuchs 2015 eine Rekordblüte giftiger Algen. Die Behörden an der US-Westküste stellten daraufhin die Fischerei auf Taschenkrebse ein, ein Geschäft im Wert von Millionen Dollar. Vor Oregon zogen Forscher im Sommer 2015 fast leere Netze aus dem Wasser, wo sonst Krill schwärmt.

Einzelne Ereignisse dieser Art haben nach einer Übersicht in Science von 2021 direkte Schäden von mehr als 800 Millionen US-Dollar verursacht. Die Verluste an Leistungen der Ökosysteme, etwa an Fischbeständen und Lebensräumen, summierten sich auf über 3,1 Milliarden Dollar und reichten über mehrere Jahre.

Wie oft Mittelmeer und Nordatlantik zuletzt überhitzten

Im Mittelmeer reichte eine marine Hitzewelle 2022 bis in rund 1.500 Meter Tiefe, berichtete der EU-Meeresdienst Copernicus in seinem achten Ocean State Report von 2024. Vor den Balearen erreichte das Küstenwasser im August 2022 29,2 Grad, den höchsten Wert der Region in 40 Jahren. Im Jahr 2023 erfasste mindestens eine schwere bis extreme Hitzewelle 22 Prozent der Meeresoberfläche weltweit. Im Sommer 2023 folgte die längste marine Hitzewelle, die im Mittelmeer je gemessen wurde, so der neunte Bericht von 2025.

Im Juni 2023 erfasste eine marine Hitzewelle auch den Nordatlantik. Westlich von Irland lag die Oberfläche bis zu vier Grad über dem Mittel, schreiben Forscher um Gerard McCarthy in der Zeitschrift Weather. Seit Beginn der Satellitenmessungen 1982 war die Hitzewellen-Aktivität dort nie höher, die Wärme beschränkte sich aber auf die obersten rund 25 Meter.

Der zehnte Ocean State Report von Ende September 2026 wertet das Jahr 2024 aus. Ein Team des spanischen Meeresforschungsinstituts IMEDEA zählte im Mittelmeer 214 Hitzewellen-Tage, gemessen an der festen Vergleichsperiode 1982 bis 2011. Das übertraf den Rekord von 153 Tagen aus dem Jahr 2023. Mit gleitender 20-Jahres-Basis kommen die Autoren auf 145 Tage, nach Abzug des Erhitzungstrends auf 63. In allen drei Rechnungen verzeichnete 2024 die meisten Hitzewellen-Tage seit Beginn der Auswertung 2002.

Wie lange eine marine Hitzewelle dauert, hängt also stark vom gewählten Maßstab ab. Die Autoren verlangen deshalb, dass Studien ihre Vergleichsperiode stets offenlegen. Am stärksten traf es 2024 das östliche Mittelmeer mit 244 Hitzewellen-Tagen nach fester Basis. Die Messwerte aus dem Sommer 2026 stehen im Beitrag zum Rekord der Meerestemperatur im Juni 2026.

Wie viele marine Hitzewellen der Weltklimarat bis 2100 erwartet

Seit 1982 haben sich Hitzewellen im Meer sehr wahrscheinlich in ihrer Häufigkeit verdoppelt, hielt der IPCC 2019 im sechsten Kapitel des Ozean-Sonderberichts fest. Sie dauern länger, werden intensiver und erfassen größere Flächen. Zwischen 84 und 90 Prozent der Ereignisse von 2006 bis 2015 gehen demnach auf die menschengemachte Erderhitzung zurück. Gegenüber 1850 bis 1900 rechnete der Bericht bis Ende des Jahrhunderts mit 20- bis 50-mal so vielen Ereignissen, je nach Emissionspfad.

Der sechste Sachstandsbericht bestätigte 2021 in Kapitel 9 die Verdopplung seit den 1980er-Jahren mit hoher Sicherheit. Für 2081 bis 2100 erwarten die Autoren gegenüber 1995 bis 2014 viermal so viele Ereignisse, wenn die Emissionen rasch sinken (SSP1-2.6). Die wahrscheinliche Spanne reicht vom Doppelten bis zum Neunfachen. Bei weiter hohen Emissionen (SSP5-8.5) wären es achtmal so viele, mit einer Spanne vom Drei- bis zum 15-Fachen. Am stärksten steigt die Zahl in den tropischen Meeren und in der Arktis.

Für Fischerei, Küsten und Riffe folgen daraus zwei Hebel. Der erste ist der Ausstoß von CO2: Im niedrigen Szenario erwartet der IPCC nur halb so viele Hitzewellen im Meer wie im hohen. Dieselbe Wärme dehnt das Meerwasser aus und treibt den Meeresspiegelanstieg. Ob Riffe und Kelpwälder dauerhaft in einen anderen Zustand übergehen, untersuchen Klimaforscher unter dem Stichwort Kipppunkte im Klimasystem.

Der zweite Hebel wirkt sofort. Verlässliche Vorhersagen könnten Fischerei, Tourismus und Naturschutz weniger verwundbar machen, schrieb der IPCC 2019. In Australien geben die Forschungsbehörde CSIRO und der Wetterdienst inzwischen Ausblicke auf Meereshitze bis zu vier Monate im Voraus heraus. Ein Team um Hobday erhielt dafür im September 2026 den Eureka-Preis für Umweltforschung. Schutzgebietsverwalter, Fischer, Fischzüchter und Tourismusbetriebe sehen eine marine Hitzewelle damit kommen, bevor sie die Bestände trifft.

QUELLEN

  1. IPCC: Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate, Summary for Policymakers, Abschnitte A.2.3 und B.2.5, 2019.
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