Rechnet sich die Energiewende? Warum sich Morten Freidel irrt

DEKARBONISIERUNG · 15. JUNI 2026

Fossile Panik: Wie Narrative gegen die Transformation an der Realität zerschellen

Rechnet sich die Energiewende? Konservative Stimmen testen derzeit Narrative, warum sich die ökologische Transformation nicht rechnen könne. Der jüngste NZZ-Beitrag von Morten Freidel stützt sich dabei auf eine Argumentation eines Ökonomen, dessen Kernaussage die Realität längst kassiert hat.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit


Fossile Panik ist in Deutschland an allen Ecken und Enden zu spüren. Akteure, die das fossile Zeitalter tendenziell verlängern wollen, probieren ein Narrativ nach dem anderen aus, um zu begründen, weshalb sich die ökologische Transformation bzw. auch nur die Energiewende nicht rechnen kann. Allen voran DIE Welt und die NZZ liefern solche Erzählungen, die bei genauerem Hinsehen oftmals an der Realität zerschellen.

Der neueste Beitrag von NZZ-Redakteur Morten Freidel führt vier „Fehlannahmen” der Energiewende vor. Sein wirtschaftliches Fundament holt er sich aus einem Kommentar des Kieler Ökonomen Stefan Kooths aus dem Juli 2023.

Genau dessen zentrale Aussage ist aber bereits an der Realität zerschellt.

Rechnet sich die Energiewende? Der Markttest, den die Welt gerade besteht

Kooths formulierte einen überprüfbaren Test. Wären Erneuerbare wirklich konkurrenzfähig, so sein Argument, würden private Akteure weltweit von selbst umsteigen. Sein Schluss damals: „Weil die Erneuerbaren diesen Markttest nicht bestehen“, lebe man nicht in dieser schönen neuen Welt.

Inzwischen findet genau dieser Umstieg in Rekordgröße statt. 2025 installierte die Welt nach Daten von Ember 814 Gigawatt Solar und Wind, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Erstmals seit 2020 stieg die fossile Stromerzeugung nicht mehr an, Erneuerbare überholten die Kohle im globalen Strommix.

Der Antrieb ist nicht Klimamoral, sondern Betriebswirtschaft. Amazon, Meta, Google und Microsoft zeichneten 2025 fast die Hälfte aller weltweiten Ökostrom-Abnahmeverträge, wie BloombergNEF dokumentiert. Amazon ist das fünfte Jahr in Folge der größte Unternehmenskäufer, ohne Subvention, allein aus Kostengründen und Versorgungssicherheit für seine Rechenzentren.

Der Markttest, den Kooths für nicht bestanden erklärte, wird also gerade in historischer Größenordnung bestanden. Freidel baut sein Wirtschaftsargument auf einem Fundament, das die Empirie der vergangenen drei Jahre weggespült hat.

Output ist nicht Produktionspotenzial

Der zweite Baustein des Narrativs lautet: Dekarbonisierung baue den Kapitalstock nur um, schaffe also kein Wachstum. Das verwechselt zwei Dinge. Ein fossiles Kraftwerk ist nicht bloß Kapital, sondern ein lebenslanger Brennstoffimport, den Wind und Sonne durch eine einmalige Investition mit Grenzkosten nahe null ersetzen.

Solar und Onshore-Wind sind laut Lazard das zehnte Jahr in Folge die günstigste Neubau-Erzeugung, während Gas zugleich ein Zehn-Jahres-Hoch bei den Stromkosten erreichte. Erneuerbare Energie wird über den Lebenszyklus also billiger, nicht teurer. Dass Wind zuletzt unter Zins- und Lieferkettendruck stand, verschiebt diese Rangfolge nicht.

Hinzu kommt der Effizienzsprung, den das Narrativ ausblendet. Direktelektrifizierung erhöht die nutzbare Energie je eingesetzter Einheit drastisch: Eine Wärmepumpe macht aus einer Kilowattstunde Strom drei bis vier Kilowattstunden Wärme, ein Elektroantrieb nutzt rund 90 Prozent der Energie statt knapp 30 beim Verbrenner. Wer behauptet, hier entstehe keine zusätzliche nutzbare Energie, rechnet in Primärenergie und übersieht die Nutzenergie. Hier mehr zum Primärenergie-Trugschluss.

Bliebe der einzig reale Einwand: Volatilität kostet Geld, Speicher und Netze müssen mitwachsen. Das stimmt und gehört sauber in die Systemkosten verbucht. Allerdings ermöglicht die Elektrifizierung die Sektorenkopplung: Aus mehreren Systemen, also Strom, Wärme und Mobilität, wird tendenziell ein effizientes System, das alleine deshalb kostengünstiger sein muss. Es trägt aber nicht die viel größere Behauptung, die Transformation rechne sich grundsätzlich nicht.

Wer dem Umbau-Narrativ folgt, übersieht den eigentlichen Hebel. Billige, heimische Energie ist ein Standortfaktor, der Kaufkraft im Land hält, statt sie als Importrechnung an Petrostaaten abfließen zu lassen. Genau diesen Vorteil testen Konzerne und Staaten gerade aus. Die Frage ist längst nicht mehr, ob sich die ökologische Transformation rechnet, sondern wie schnell sie skaliert.

QUELLEN

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  1. Morten Freidel: Mythen pflastern den Weg zur Klimaneutralität. NZZ, 15. Juni 2026.
  2. Stefan Kooths: Wirtschaft ohne Wunder. Wirtschaftliche Freiheit, 21. Juli 2023. wirtschaftlichefreiheit.de
  3. Ember: Global Electricity Review 2026. März 2026. ember-energy.org
  4. BloombergNEF: 1H 2026 Corporate Energy Market Outlook. Februar 2026. about.bnef.com
  5. Lazard: Levelized Cost of Energy+ 2025. Juni 2025. lazard.com
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