Roda Verheyen macht Klimaschutz einklagbar

KLIMARECHT · 27. OKTOBER 2026

Roda Verheyen bekommt den Deutschen Umweltpreis 2026

Die Hamburger Umweltjuristin Roda Verheyen teilt sich die 500.000 Euro der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit dem Ingenieur Klaus Vossenkaul. Seit 25 Jahren arbeitet sie daran, Klimaschutz vor Gericht durchsetzbar zu machen. Das nächste Verfahren läuft bereits.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Verliehen wurde der Preis am Sonntag im Aachener Eurogress vor rund 1.000 Gästen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreichte ihn zum zehnten Mal in Folge und zum letzten Mal, weil seine Amtszeit 2027 endet. Es war die 34. Vergabe einer der höchstdotierten Umweltauszeichnungen Europas. Die zweite Hälfte der Dotierung geht an Klaus Vossenkaul, Gründer und Geschäftsführer der Membion GmbH aus Roetgen, der Membranfilter für die Abwasserreinigung entwickelt hat.

Verheyen sagte beim Festakt, sie sei glücklich über die Auszeichnung und zugleich extrem traurig. Die Menschheit begebe sich in die Gefahr, sich selbst auszulöschen. Die UN-Prognose von 2,8 Grad globaler Erderhitzung zum Ende des Jahrhunderts bedeute Millionen von Toten. „Kein Klimaschutz ist viel teurer als jede Klimaschutzmaßnahme", sagte die Juristin.

Steinmeier verwies in seiner Rede auf die Waldbrände des vergangenen Sommers und auf Niedrigwasser mit Stopps für die Schifffahrt. Dazu nannte er 16.000 zusätzliche Hitzetote nach Angaben des Robert Koch-Instituts. Man wisse, dass die eigene Art zu leben und zu wirtschaften zu hinterfragen sei, sagte der Bundespräsident. Verheyen habe vielen Menschen Möglichkeiten aufgezeigt, für ihre Interessen zu streiten, und ihnen Gehör verschafft im Streit mit Konzernen und Regierungen.

Roda Verheyen hält das Urteil aus Hamm für wichtiger als Karlsruhe

Steinmeier nannte ihren entscheidenden Anteil daran, dass das Bundesverfassungsgericht sein Diktum zur Klimaneutralität bis 2045 gefällt hat. Gemeint ist der Klimabeschluss des Ersten Senats vom 24. März 2021. Das Gericht erklärte das Klimaschutzgesetz von 2019 für teilweise unvereinbar mit den Grundrechten, weil Vorgaben für die Emissionsminderungen ab 2031 fehlten. Die bis 2030 zugelassenen Emissionen verbrauchen nach dieser Lesart einen großen Teil des verbleibenden Budgets und bürden späteren Generationen radikale Minderungslasten auf.

Verheyen vertrat damals neun junge Beschwerdeführerinnen und Beschwerdeführer zwischen 15 und 32 Jahren. Dazu gehörten Luisa Neubauer, Lüke Recktenwald von Langeoog und vier Geschwister Backsen von der Insel Pellworm. Getragen wurde die Beschwerde von Greenpeace und Germanwatch. Der Gesetzgeber musste bis Ende 2022 nachbessern.

Für sich selbst gewichtet Verheyen einen anderen Fall höher. Der peruanische Bergführer und Kleinbauer Saúl Luciano Lliuya klagte seit 2015 gegen RWE. Oberhalb seiner Heimatstadt Huaraz schwillt der See Laguna Palcacocha durch Gletscherschmelzwasser an und bedroht sein Haus.

Roda Verheyen und Saúl Luciano Lliuya beim Ortstermin in Huaraz, Peru
Ortstermin in Huaraz: Roda Verheyen (links) mit dem Kläger Saúl Luciano Lliuya. FOTO: WALTER HUPIU TAPIA/GERMANWATCH

Das Oberlandesgericht Hamm wies die Klage Ende Mai 2025 ab. Grundsätzlich stellte es aber fest, dass große Emittenten für die Folgen ihrer Treibhausgasemissionen anteilig haften können, auch über große Entfernungen hinweg. Gescheitert ist die Klage allein an der Risikoprognose der Gerichtsgutachter.

Verheyen hat Lliuya zehn Jahre lang vertreten. Während der Urteilsverkündung habe sie geweint, sagte sie danach. Im Interview mit der Neuen Juristischen Wochenschrift sagte sie kurz vor der Preisverleihung, sie halte dieses Urteil für wichtiger als den Beschluss aus Karlsruhe.

39 Bauern aus Pakistan klagen gegen RWE und Heidelberg Materials

Am 22. Dezember 2025 reichten 39 Bauern aus der pakistanischen Provinz Sindh Klage beim Landgericht Heidelberg ein, gegen RWE und gegen den Zementkonzern Heidelberg Materials. Ein außergerichtlicher Einigungsversuch war zuvor gescheitert. Bei der Flut 2022 wurden ihre Felder überschwemmt und mindestens zwei Ernten zerstört. Der Streitwert liegt insgesamt über einer Million Euro.

Verlangt wird Schadensersatz proportional zum Anteil der beiden Konzerne am globalen CO2-Ausstoß. Diese Rechnung lässt sich aufmachen, weil Forscher die historischen Emissionen bis zu den einzelnen Förder- und Industriekonzernen zurückverfolgt haben. Verheyen führt das Verfahren gemeinsam mit John Peters, unterstützt von medico international, dem Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte und lokalen Organisationen. Eine Entscheidung steht aus.

Greenpeace und Germanwatch legten im September 2024 zusammen mit 54.584 Mitbeschwerdeführenden Verfassungsbeschwerde gegen die novellierte Fassung des Klimaschutzgesetzes ein. Eine zweite Beschwerde betrifft den Verkehrsbereich. Sie stützt sich auf Gleichheitsrechte und auf einen Grundsatz der Transformationslastengleichheit, Beschwerdeführerinnen sind vor allem Frauen im ländlichen Raum. Verheyen vertritt die Beschwerdeführer in beiden Verfahren, Karlsruhe hat über keines entschieden.

Verheyen sieht sich als Möglichmacherin

Geboren wurde Verheyen 1972 in Düsseldorf, aufgewachsen ist sie in Hamburg. Jura studierte sie in Hamburg, London und Oslo. Ihre Promotion über Klimawandelschäden im Völkerrecht legte sie 2005 vor und bekam dafür bereits damals einen Umweltpreis.

Von 1998 bis 2001 arbeitete sie für die Klimakampagne von Friends of the Earth International. Danach beriet sie fünf Jahre freiberuflich Germanwatch, die GIZ und das Bundesumweltministerium und gehörte der deutschen Delegation zur Klimarahmenkonvention an. 2002 gründete sie mit Peter Roderick das Climate Justice Programme, ein Netzwerk für Klimaklagen.

Seit 2006 arbeitet sie als Anwältin und ist Partnerin der Hamburger Kanzlei Rechtsanwälte Günther, vier Personen arbeiten direkt mit ihr. 2019 gründete sie Green Legal Impact Germany mit und sitzt dort im Vorstand. Seit 2021 ist sie Mitglied des Hamburgischen Verfassungsgerichts, gewählt auf Vorschlag der Grünen für sechs Jahre. 2023 erschien ihr Buch „Wir alle haben ein Recht auf Zukunft", geschrieben mit Alexandra Endres.

Auf die Rolle der Klägerin will sich Verheyen dabei nicht reduzieren lassen. Sie versteht sich als Möglichmacherin mit dem Ziel, den Staat juristisch gegen die Herausforderungen der Klimakrise zu wappnen. Den Preis selbst nimmt sie als Würdigung von rund 25 Jahren Arbeit.

Die Stiftung begründet die Auszeichnung damit, dass rechtliche Vorgaben auch durchgesetzt werden müssen. Dafür habe sich Roda Verheyen mehr als zwei Jahrzehnte unermüdlich stark gemacht, sagt DBU-Generalsekretär Alexander Bonde. Sie wende abstrakte Regeln des nationalen und internationalen Rechts auf konkrete Fälle an und mache sie dadurch wirksam.

Zuvor hatten die Elektrizitätswerke Schönau sie 2021 zur Stromrebellin des Jahres gewählt. 2023 folgte der Immanuel-Kant-Allmende-Preis, 2024 der B.A.U.M.-Umwelt- und Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie International. Boston Consulting Group und manager magazin zählten sie 2021 zu den 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft.

Beide Ausgezeichneten bewiesen, „dass Zukunft in Garagen und Gerichtssälen entsteht", sagt Kai Niebert, Vorsitzender des DBU-Kuratoriums. Verheyen zeige, dass Bürgerinnen und Bürger staatliches Handeln von Gerichten korrigieren lassen könnten.

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