ZWEI VON DREI TOTEN GEHEN AUFS KLIMAKONTO · 24. OKTOBER 2026

Extremhitze tötete 2026 50.000 Menschen in Europas Städten
Ein Forschungsteam um das Imperial College London hat die Hitzetoten des Sommers 2026 in 854 europäischen Städten durchgerechnet. 32.619 Todesfälle führt es auf die menschengemachte Erwärmung zurück. Tödlicher war kein Sommer der Messreihe.
Zwischen Juni und August starben in diesen Städten 50.391 Menschen an den Folgen der Hitze. Erfasst sind 30 Länder, die EU-27 plus Vereinigtes Königreich, Schweiz und Norwegen, und damit rund 40 Prozent ihrer Bevölkerung. Die bisherigen Spitzenwerte der Reihe liegen weit darunter, mit 29.480 Todesfällen im Jahr 2022, 28.462 im Hitzesommer 2003 und 24.572 im vergangenen Jahr.
Für Deutschland weisen die Forschenden 6.340 Hitzetote aus, 59 Prozent davon führen sie auf die menschengemachte Erwärmung zurück. Härter traf es Italien mit 13.303 Todesfällen, dem höchsten Wert aller untersuchten Länder. Am höchsten liegt der Klimaanteil in Spanien mit 77 Prozent.
| Land | Hitzetote Sommer 2026 | Anteil Klimawandel |
|---|---|---|
| Italien | 13.303 | 66 % |
| Frankreich | 7.268 | 65 % |
| Spanien | 6.824 | 77 % |
| Deutschland | 6.340 | 59 % |
| Vereinigtes Königreich | 4.354 | 59 % |
Fast ein Drittel der Todesfälle fiel auf zwei Wochen Ende Juni
Die Hitze tötete 50.000 Menschen in einem Sommer, in dem Westeuropa im Schnitt rund 2,9 Grad über dem Mittel von 1991 bis 2020 lag. An einzelnen Tagen stieg der Abstand auf bis zu zwölf Grad. Fast ein Drittel aller Todesfälle fiel in die zwei Wochen vom 17. Juni bis zum 1. Juli, als die Tagesmitteltemperaturen mehr als fünf Grad über dem langjährigen Mittel lagen. Danach folgte der heißeste Monat der Messgeschichte.
„Für weite Teile Europas dürfte es der schlimmste Sommer der Messreihe gewesen sein", sagt Clair Barnes, Statistikerin und Klimaforscherin am Imperial College London. Barnes ist Hauptautorin des Berichts zum Sommer 2026, den das Fachblatt Nature Health zur Veröffentlichung angenommen hat. Die London School of Hygiene & Tropical Medicine hat die Ergebnisse zusammengefasst.
Fast die Hälfte der Toten war älter als 85 Jahre. Rund 6.000 Todesfälle betrafen aber Menschen unter 65 Jahren, 833 von ihnen waren zwischen 20 und 44 Jahre alt.
Am härtesten traf es Neapel. Altersstandardisiert starben dort 815 Menschen pro Million Einwohner an der Hitze, der höchste Wert aller untersuchten Städte. In den heißesten Wochen kamen 15 Prozent mehr Patienten in die Notaufnahme, berichtet Mario Guarino, Notfallmediziner am Ospedale CTO in Neapel. Ein Krebspatient im Endstadium lebte in einer heißen Dachwohnung, weil seine Familie im Sommer keinen Betrieb für den Einbau einer Klimaanlage fand.
Einen demenzkranken älteren Mann fanden Helfer nachts mit Beckenbruch auf dem Boden, nachdem seine Pflegerin abgereist war. „Die eigentliche Epidemie dieser Tage ist die Einsamkeit", sagt Guarino. Armut und Alleinleben verstärkten die Gefahr. An den beiden Arbeiten war er nicht beteiligt.
Die Forschenden vergleichen den Sommer mit einer Welt ohne Erwärmung
Keine dieser Zahlen stammt aus gezählten Totenscheinen. Die Forschenden vergleichen die gemessenen Tagestemperaturen mit einer Welt ohne menschengemachte Erwärmung, errechnet aus 36 Klimamodellen. Darüber legen sie Kurven, die den Zusammenhang zwischen Temperatur und Sterblichkeit beschreiben. Diese Kurven stammen aus realen Sterbedaten der Jahre 2000 bis 2019 aus 232 europäischen Städten, aufgeschlüsselt nach Altersgruppen. Die Temperaturen liefern die europäischen Messdatensätze ERA5-Land und E-OBS. Ländliche Räume bleiben außen vor, die Zahlen gelten für städtische Gebiete.
Die Arbeit sei ein wertvoller Beitrag, sagt David García-García, der am Instituto de Salud Carlos III in Madrid die Sterblichkeit überwacht. Er weist darauf hin, dass die Schätzungen keine tatsächlichen Sterbedaten aus dem Sommer 2026 enthalten. Auch García-García war an den beiden Arbeiten nicht beteiligt.
Erschütternd seien die absoluten Zahlen über alle 854 Gebiete hinweg, sagt Malcolm Mistry, Klima- und Gesundheitsforscher an der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Noch alarmierender sei der Anteil, den die Forschenden dem menschengemachten Klimawandel zuschreiben. Mistry ist Mitautor beider Arbeiten.
Die Begleitstudie zu den Sommern 2000 bis 2025 kommt auf über 430.000 hitzebedingte Todesfälle in 26 Jahren. Der Anteil, der auf die menschengemachte Erwärmung zurückgeht, stieg von 39 Prozent im Jahr 2000 auf 68 Prozent im Jahr 2025. Für den Sommer 2026 liegt er bei 65 Prozent. Wie weit die Verantwortung einzelner Verursacher reicht, hat eine ETH-Studie zur Klimahaftung für tödliche Hitzewellen untersucht.
Die Autoren nennen weniger fossile Verbrennung als stärksten Hebel
Seltenere und schwächere Hitzewellen töten weniger Menschen, deshalb steht das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas für die Autoren an erster Stelle. Kurzfristig helfen widerstandsfähigere Gesundheitssysteme, grünere Städte und der Zugang zu Kühlung, Trinkwasser und Schatten. Guarino nennt als zweite Linie das Nachsehen bei alleinlebenden älteren Menschen.
Klimaanlagen senken die Emissionen dabei nicht. Kühlung für Millionen Wohnungen braucht zusätzlichen Strom, der sauber erzeugt werden muss.
Weitere Entwicklungen rund um Hitze und Klimafolgen bündelt der Klima-Ticker von Cleanthinking.
QUELLEN
- Financial Times: Summer heatwave linked to 50,000 deaths in Europe, 23.10.2026.
- Washington Post: Europe's intense summer heat may have led to 50K deaths, report says, 22.10.2026.