Reiche-Berater empfehlen Fracking in Deutschland

Julia Verlinden (Bündnis 90/Die Grünen) warnt u.a. vor einer Gefährdung der Getränkewirtschaft durch Erdgas-Fracking.

Die wirtschaftspolitischen Berater von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche haben den nächsten energiepolitischen Kurzschluss vorgeschlagen. In einem Kurzgutachten mit dem Titel „Eskalation im Nahen Osten: Auswirkungen auf Europa – und was (nicht) zu tun ist“ bringen die vier Ökonomen Veronika Grimm, Justus Haucap, Stefan Kolev und Volker Wieland die Förderung von Erdgas durch Fracking in Deutschland ins Spiel. Die Begründung: Man wolle die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten reduzieren und ein Signal an die Industrie senden.

Der Vorschlag fällt in eine Woche, in der die Energiepreise wegen des Iran-Krieges sprunghaft gestiegen sind. Gas plus 25 Prozent, Öl plus 14 Prozent – die Straße von Hormus als Nadelöhr der fossilen Weltwirtschaft zeigt gerade in Echtzeit, was Abhängigkeit von fossilen Importen bedeutet. Doch statt den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen, greift das Beratergremium zur nächsten fossilen Lösung.


Was das Gutachten konkret vorschlägt

Der „Wissenschaftliche Beraterkreis Wirtschaftspolitik“ empfiehlt, die Gas-Extraktion durch Fracking in Deutschland zu erlauben und „ernsthaft zu prüfen“. Die Vorräte seien vorhanden: Zwischen 320 und 2.030 Milliarden Kubikmeter (bcm) lagerten in deutschen Schiefergasformationen, so das Gutachten unter Berufung auf ältere Expertenschätzungen. Zum Vergleich: Der Import von US-Flüssiggas lag 2025 bei rund 11 bcm.

Die Berater verweisen auf eine Expertenkommission des Bundestages, die zu dem Schluss kam, dass sich Risiken „erheblich reduzieren“ ließen. Gleichzeitig lehnen sie Tankrabatte, Übergewinnsteuern und staatliche Gasreserven ab. Steigende Preise signalisierten Knappheit, was erwünscht sei, damit weniger verbraucht werde. Statt Subventionen empfehlen sie: mehr langfristige Gaslieferverträge und ein Vorziehen der Körperschaftsteuersenkung.

Julia Verlinden, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, nennt den Vorschlag „extrem unverantwortlich für Mensch, Umwelt und Klima“. Solche Vorschläge führten „immer tiefer in den Sumpf aus Lobbyinteressen, Klimaschäden und teurer fossiler Energie“.

Warum Fracking in Deutschland verboten ist

Seit 2017 gelten in Deutschland strenge gesetzliche Regelungen für die Fracking-Technologie. Unkonventionelles Fracking – also die Gasförderung aus Schiefer-, Mergel-, Ton- und Kohleflözgestein – ist für kommerzielle Zwecke bis auf weiteres nicht zulässig. Das Verbot stützt sich auf das Wasserhaushaltsgesetz und resultiert aus jahrelanger wissenschaftlicher Forschung des Umweltbundesamtes (UBA).

Die Position des UBA ist eindeutig: Fracking sei und bleibe eine Risikotechnologie, die enge Leitplanken zum Schutz von Umwelt und Gesundheit brauche. Solange sich wesentliche Risiken nicht sicher vorhersagen und beherrschen ließen, solle es in Deutschland kein Fracking zur Förderung von Schiefergas geben. Das UBA empfiehlt stattdessen den Ausbau erneuerbarer Energien und die Senkung des Energiebedarfs von Gebäuden.

Die Expertenkommission Fracking des Bundestages hat ihrerseits im Bericht 2025 festgestellt, dass seit 2021 keine neuen Studien beauftragt und keine zusätzliche Literatur ausgewertet wurde. Der Stand von 2021 gelte „unverändert“. Die Wissenslücken, die ein Fracking-Moratorium begründen, sind also nicht geschlossen worden – sie bestehen fort.

Die Risiken: Grundwasser, Methan, Wasserknappheit

Die Risiken der Fracking-Technologie sind gut dokumentiert, auch wenn Befürworter argumentieren, sie seien beherrschbar. Im Kern geht es um drei Problemfelder: Grundwassergefährdung, Methanemissionen und Wasserverbrauch.

Beim Fracking werden große Mengen Wasser mit Chemikalien und Sand unter hohem Druck in Gesteinsschichten gepresst, um Gaseinschlüsse freizusetzen. Das Umweltbundesamt warnt, dass Schadstoffe ins Grundwasser gelangen können – durch Leckagen in der Verrohrung, durch geologische Störungen im Untergrund oder durch die Entsorgung des sogenannten Flowback, also des kontaminierten Rückflusswassers.

Verlinden bringt es gegenüber Cleanthinking.de auf den Punkt: Reiches Beratergremium „mit der Lobbyistin Veronika Grimm gefährdet mit so einem Vorschlag auch die Getränkewirtschaft, wie Brauereien und Mineralwasser, die auf sauberes Wasser genauso setzen wie die kommunalen Wasserwerke, die für unser Trinkwasser verantwortlich sind“.

Das zweite Problem ist das Methan. Beim Fracking entweichen große Mengen dieses Treibhausgases unkontrolliert in die Atmosphäre. Methan ist in den ersten 20 Jahren nach der Freisetzung rund 80-mal klimaschädlicher als CO₂. Robert Howarth, Professor an der Cornell University und einer der führenden Methan-Forscher weltweit, hat nachgewiesen, dass der US-Fracking-Boom zu einem Drittel des weltweiten Methan-Anstiegs seit 2008 beigetragen hat.

Seine Forschung zeigt: Wenn mehr als zwei bis drei Prozent der geförderten Gasmenge als Methan entweichen, ist die Klimabilanz von Erdgas schlechter als die von Kohle.

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Und drittens: der Wasserverbrauch. Das UBA hat in einem Factsheet gewarnt, dass Fracking die ohnehin zunehmende Wasserknappheit in Deutschland verschärfen würde. Die Trockenjahre 2018 bis 2022 haben gezeigt, dass die Wasserverfügbarkeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und Ökosysteme konkurrieren bereits um die Ressource Grundwasser. Verlinden betont: „Es wird sehr viel Wasser verbraucht, obwohl Deutschland immer weiter Richtung Wasserknappheit steuert.“

Was die Befürworter sagen – und wo die Argumente dünn werden

Befürworter des Fracking argumentieren, dass moderne Technologien die Risiken erheblich reduzieren könnten. Die Expertenkommission des Bundestages schätzt das Risiko für Grundwasser und Oberflächengewässer als „gering“ ein – allerdings unter der Voraussetzung, dass der Stand der Technik beim Monitoring „vollumfänglich umgesetzt und fortlaufend an neue Erkenntnisse angepasst“ werde.

Auch der ehemalige BGR-Präsident Hans-Joachim Kümpel hat argumentiert, dass die Klimabilanz von heimischem Fracking-Gas besser sei als die von importiertem LNG, weil die langen Transportwege und die energieintensive Verflüssigung entfielen.

Dieses Argument hat einen wahren Kern: LNG aus den USA, das per Fracking gewonnen, verflüssigt und über den Atlantik transportiert wird, hat laut Howarths Berechnungen eine um mindestens 24 Prozent schlechtere Klimabilanz als Kohle – im schlimmsten Fall sogar um 274 Prozent. Heimische Förderung würde die Transportemissionen eliminieren.

Die Frage ist allerdings, ob das die richtige Schlussfolgerung ist – oder ob es nicht zeigt, dass Gas insgesamt das falsche Pferd ist.

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Denn die zentrale Schwäche des Fracking-Arguments bleibt: Es löst das strukturelle Problem nicht. Deutschland würde seine Abhängigkeit von einem fossilen Energieträger nicht beenden, sondern lediglich die Bezugsquelle wechseln – diesmal von ausländischem Gas zu inländischem Gas. Das ist exakt das Muster, das auch Claudia Kemfert beschreibt: Krise, Lieferantenwechsel, neue Abhängigkeit.

Fracking braucht Jahre – die Energiewende wirkt sofort

Selbst wenn Deutschland morgen beschlösse, Fracking zu erlauben, würde es Jahre dauern, bis nennenswertes Gas fließt. Genehmigungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfungen, Infrastrukturaufbau, Probebohrungen – die Vorlaufzeit beträgt nach Expertenschätzungen fünf bis zehn Jahre. Gegen die akute Iran-Krise hilft Fracking also gar nicht. Es ist ein Vorschlag für ein Problem, das es in dieser Form nicht mehr geben sollte, wenn die Energiewende konsequent umgesetzt wird.

Verlinden formuliert die Alternative klar: „Statt Mieterinnen und Mieter in Deutschland in die Gaskostenfalle zu schicken, die Energiewende zu zerstören und unser Land immer weiter in die Abhängigkeit von der Fossilwirtschaft zu stürzen, sollte Frau Reiche endlich Verantwortung übernehmen. Erneuerbare Energien müssen dringend weiter ausgebaut werden.“

Die Zahlen stützen diese Position. Die Kosten für Solarstrom sind seit 2010 um über 80 Prozent gefallen, die für Windstrom um mehr als 60 Prozent. Erneuerbare Energien sind nicht nur klimafreundlicher – sie sind auch billiger, schneller verfügbar und machen unabhängig von geopolitischen Krisen. Kein Autokrat kann den Wind abstellen. Keine Meerenge kann die Sonne blockieren.

Die eigentliche Frage, die der Fracking-Vorstoß aufwirft, ist keine technische. Es ist eine politische: Warum greift Deutschland bei jeder Energiekrise reflexartig zur nächsten fossilen Lösung – statt das fossile System zu überwinden? Verlinden bringt es so auf den Punkt: „Ich mache mir große Sorgen, wo das für uns alle enden soll.“

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Quelle Tagesspiegel
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Ich war mal im Bereich Geothermie tätig. Bei geothermischen Tiefenbohrungen gibt’s die selblen Probleme wie beim Gas-Fracking. Über den Sommer hinweg werden wir die Gasspeicher so wie bisher nicht mehr voll bekommen. Dann ist die Industrie und Produktion aus Deutschland aber schon weg. Die Zahl der Insolvenzen steigt, der Produktionsindex geht weiter zurück und die Arbeitslosigkeit steigt und liegt schon bei 3 Mio..

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