Der RWE Campus (Sabine Klobusek, RWE AG)
Peter Liese: „Der RWE-Chef rief an und sagte: Wir müssen den Emissionshandel retten“
Industrie-Zoff um den Emissionshandel
Der Anruf kam vom RWE-Chef. Vor 15 Jahren noch der größte Gegner des Emissionshandels, ist der Konzern heute sein wichtigster Verteidiger. Wie die Frontlinien in der deutschen Industrie 2026 wirklich verlaufen, schildert CDU-Europaabgeordneter Peter Liese im Klima-Labor von ntv.
Im Oktober 2025 forderte Christian Kullmann die Abschaffung des Emissionshandels. Der Evonik-Chef nannte das System der CO₂-Bepreisung einen „volkswirtschaftlichen Irrsinn“. Was folgte, war kein Beifall aus der Industrie, sondern der Absturz der Heidelberg-Materials-Aktie und ein Anruf des RWE-Chefs bei dem CDU-Europaabgeordneten Peter Liese: „Wir müssen den Emissionshandel retten.“ Liese schildert die Episode im Klima-Labor-Podcast von ntv. Sie zeigt, wer 2026 wirklich den ETS verteidigt und wer ihn schrotten will.
Der Anruf vom RWE-Chef
Kullmanns Vorstoß war ein Brandbeschleuniger. Für eine deutsche Industrie, die seit Jahren auf das CO₂-Bepreisungssystem als Investitionsanker setzt, kam die Forderung zur Unzeit. Die Reaktion an den Börsen war prompt: Heidelberg Materials, einer der größten Zementhersteller Europas und mitten im Aufbau klimaneutraler Werke mit CO₂-Abscheidung, sah den Aktienkurs einbrechen.
Peter Liese rekonstruiert die Lage im ntv-Interview nüchtern. Wer in zweistellige Milliardeninvestitionen für CO₂-arme Produktion gegangen ist, kann eine Entwertung dieser Wette nicht akzeptieren. Die Frage, ob der ETS bestehen bleibt, ist für Heidelberg Materials keine politische Meinungsfrage, sondern eine Bilanzfrage.
Wenige Wochen später kam der Anruf, den Liese im Klima-Labor schildert. Der RWE-Chef habe sich gemeldet und gefragt, was hier passiere. Mit der Aufforderung, das System zu retten. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil RWE noch vor einer Dekade der vehementeste deutsche Gegner einer wirksamen CO₂-Bepreisung war. Inzwischen baut der Konzern Wind und Speicher massiv aus, das Geschäftsmodell hängt am stabilen CO₂-Preis. Wer am ETS rüttelt, rüttelt am Renditemodell.
Peter Liese und Christian Kullmann haben sich seit Oktober mehrfach getroffen. Das Ergebnis ist eine öffentliche Verständigung: Kullmann bekennt sich zum Emissionshandel und zu den europäischen Klimazielen. Liese bekennt sich zu Reformen. Die Forderung nach Abschaffung ist damit vom Tisch. Wer sich derzeit gegen das System stellt, steht in der eigenen Wirtschaftscommunity zunehmend isoliert.
Wo Liese den ETS reformiert sehen will
Liese ist Klimaschützer aus Überzeugung, aber Realist genug, Reformbedarf einzugestehen. Im Klima-Labor benennt er drei Felder. Sie haben einen gemeinsamen Nenner: Der ETS muss so kalibriert sein, dass die Industrie ihn als Investitionssignal lesen kann, nicht als Existenzrisiko.
Erstens die Marktstabilitätsreserve. Vor einer Dekade scheiterte der ETS am eigenen Konstruktionsfehler: zu viele Zertifikate, Preise zwischen null und fünf Euro, kein Anreiz für grüne Investitionen. Die Antwort war die Marktstabilitätsreserve, in die überschüssige Zertifikate verschoben werden. Das aktuelle Problem: Bei zu viel Bestand werden sie gelöscht. Springt die Konjunktur an, fehlen genau diese Zertifikate, die Preise schießen nach oben. Liese will das Löschen aussetzen. Die Reserve wird so zum Puffer, nicht zur Falle.
Zweitens die Anerkennung von CO₂-Entnahme. Wer CO₂ aus der Atmosphäre entnehme und unterirdisch speichere, müsse das im Emissionshandel anerkannt bekommen, fordert Liese. Damit zielt er auf die Zementindustrie. Heidelberg Materials und andere können ihre Werke nur mit CCS klimaneutral betreiben, weil ein erheblicher Teil der CO₂-Emissionen prozessbedingt aus dem Kalkstein selbst stammt, nicht aus Verbrennung. Wer hier nicht abscheidet, kommt schlicht nicht auf null. Die Ampelkoalition habe CCS oft erwähnt, aber nie genehmigt. Vier Jahre seien dadurch verloren, sagt Liese.
Drittens die Höhe der Reduktionsziele. Hier wird Liese ungewöhnlich offen. Er habe ein „Grummeln im Bauch“ gehabt, als ihm Ursula von der Leyen mitgeteilt habe, die EU werde die Emissionen bis 2030 um 55 Prozent reduzieren. Sein eigener, moderaterer Gesetzentwurf war in der vorherigen Legislaturperiode gescheitert. Heute hätten wir mit diesem Entwurf weniger Probleme, sagt er. Reform heißt für Liese nicht, das Ziel aufzugeben, sondern den Pfad praktikabler zu machen. „Nach fest kommt ab“, zitiert er einen Handwerkerspruch.
Aktuell liegt der Preis pro Tonne CO₂ im ETS bei rund 70 Euro. Das Fraunhofer-Institut beziffert die Schwelle, ab der CCS sich rechnet, auf 200 Euro. Dazwischen liegt noch ein weiter Weg. Genau hier setzt der Streit an: schwächen oder stärken.
Schneider, Reiche und der Streit um die Marschrichtung
Vor wenigen Monaten haben die EU-Umweltminister entschieden, den Emissionshandel für Wärme und Verkehr (ETS-2) um ein Jahr auf 2028 zu verschieben. Liese nennt das im Klima-Labor einen „schweren Fehler“ und macht keinen Hehl daraus, dass er Umweltminister Carsten Schneider direkt darauf angesprochen habe. Es betrübe ihn, dass Deutschland zugestimmt habe.
Die Logik der Verschiebung wird selten so klar formuliert wie von Peter Liese. Es geht nicht um eine zusätzliche Belastung. Deutschland hat bereits einen nationalen CO₂-Preis für Wärme und Verkehr. Im gemeinsamen europäischen System wäre der Preis im ersten Jahr sogar niedriger als der deutsche. Wer Spediteure und Mittelständler entlasten will, sollte den ETS-2 also einführen, nicht verschieben.
Liese spart auch die Bundeswirtschaftsministerin nicht aus. Katherina Reiche kennt er aus ihrer Zeit als Staatssekretärin unter den Umweltministern Norbert Röttgen und Peter Altmaier. Er habe sich gefreut, als sie für das Amt vorgeschlagen worden sei, in der Erwartung, dass jemand komme, der Umwelt und Wirtschaft verstehe und Lösungen suche statt Streit. Die Zwischenbilanz fällt anders aus. Er sei von ihr enttäuscht. Sich öffentlich gegen den Wunsch des Kanzlers nach Einigkeit zu stellen, sei nicht glücklich gewesen. Liese hofft, dass Reiche zu ihrer alten Überzeugung zurückfindet: Klimaschutz mit Pragmatismus.
Politisch interessant ist die Lage, weil sie auseinandertreibt, was lange als geschlossener Block galt. RWE, Heidelberg Materials, EVP-Spitze, Bundeskanzler Friedrich Merz, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Sie alle stehen hinter dem Emissionshandel. Reiche steht in Teilen daneben. Das ist die Linie zwischen denen, die den ETS als Ordnungsrahmen für Investitionen lesen, und denen, die ihn als Belastung framen.
Was bedeutet das für die deutsche Industrie?
Für mittelständische Investoren und Spediteure ist die Botschaft konkret. Wer Ladeinfrastruktur für E-Lkw und E-Busse anschafft, kalkuliert mit dem CO₂-Preis als Korridor. Verläuft dieser Korridor in Deutschland anders als in Polen oder Italien, lohnt sich die Investition unter Umständen nicht. Ein gemeinsamer europäischer Preis hätte für deutsche Unternehmen Planungssicherheit, im ersten Jahr sogar einen Wettbewerbsvorteil.
Für die Großindustrie ist die Lage komplexer, aber nicht weniger eindeutig. Heidelberg Materials hat seine Klimaneutralitäts-Strategie auf eine konstante CO₂-Bepreisung aufgebaut. Eine Abschaffung würde nicht nur einzelne Investitionen, sondern ganze Geschäftsmodelle entwerten. RWE hat das längst durchgerechnet. Der Konzern verdient heute mit erneuerbarer Stromerzeugung und Speichertechnologie, also Geschäftsfeldern, die ohne CO₂-Preis ihre Wettbewerbslogik verlieren. Der Anruf vom RWE-Chef ist deshalb keine Sentimentalität, sondern Eigeninteresse in Reinform.
Liese formuliert die geopolitische Dimension nüchtern. Allein die Welt retten könne Europa nicht. Den globalen Klimaschutz scheitern lassen aber sehr wohl. Donald Trump sei der Einzige, der radikal Nein zum Klimaschutz sage. Selbst der argentinische Präsident Javier Milei, ein erklärter Trump-Verbündeter, sei nicht aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestiegen. Die EU habe die Einhaltung von Paris zur Bedingung des Mercosur-Handelsabkommens gemacht. Wer am europäischen Markt teilhaben will, akzeptiert europäische Klimaregeln. Das ist die geopolitische Hebelwirkung des ETS.
Was bedeutet das für Verbraucher? Der CO₂-Preis steigt im aktuellen System nicht so schnell, wie Klimaschützer fordern, aber er steigt verlässlich. Wer eine Heizung wechselt oder ein Auto kauft, kalkuliert mit dem Preiskorridor. Eine Abschaffung würde diese Kalkulation entwerten, eine Aussetzung sie nur verzögern. Wer auf Wärmepumpe und E-Auto umgestellt hat, profitiert vom ETS, nicht von seiner Schwächung.
Peter Liese und Christian Kullmann fordern: Reform statt Abriss
Was im Klima-Labor sichtbar wird, ist eine Bestandsaufnahme der wahren Frontlinien. Nicht Industrie gegen Klimaschutz, sondern eine kleine Gruppe alter Akteure gegen einen breiten Konsens aus Konzernen, Politik und Verbrauchern. Der Anruf des RWE-Chefs ist Symptom: Die Geschäftsmodelle der deutschen Wirtschaft sind weiter als das öffentliche Lärm-Niveau.
Die Lehre der Episode ist klar. Wer den Emissionshandel schrotten will, schrottet das Geschäftsmodell der eigenen Industrie. Diese Erkenntnis hat sich 2026 weitgehend durchgesetzt. Im Bundeswirtschaftsministerium muss sie offenbar noch ankommen.
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Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit 20 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.