KLIMAPOLITIK · ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION · 20. Mai 2026
Klimaszenario RCP8.5 wird unwahrscheinlich - die Transformation wirkt
Tichy, Reichelt, Bojanowski & Co. verkaufen den Erfolg der ökologischen Transformation als fossilen Freifahrtschein. Das ist rechte Entwarnungspropaganda, und sie ist verantwortungslos. Mancher, der auf diese tatsachenferne Interpretationsrealität hereinfällt, sitzt sogar am Kabinettstisch.
Cleanthinking / KI-generiertEs gibt eine echte gute Nachricht aus der Klimaforschung. Das extreme Klimaszenario RCP8.5, jahrelang das meistzitierte Hochszenario für die globale Erwärmung bis zum Jahr 2100, gilt nach aktuellem Forschungsstand als "sehr unwahrscheinlich". Weil sich die Klimaforschung geirrt hat? Nein! Weil die Welt sich verändert hat; weil Erneuerbare Energien billiger wurden als Kohle, weil Klimapolitik Wirkung zeigte, weil der globale Ausbau von Solar und Wind die Emissionspfade verschoben hat.
Das ist ein handfester Erfolg. Und es ist der Moment, in dem ein überschaubares, aber lautes Lager diesen Erfolg in sein Gegenteil zu verdrehen versucht.
Stefan Rahmstorf, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, bringt es auf den Punkt: „Dass die CO₂-Emissionen nicht mehr so stark ansteigen wie 2011 im ‚worst-case‘ Szenario (RCP8.5) angenommen, ist mindestens teilweise Erfolg der Klimapolitik. Es ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber keineswegs Grund zur Entwarnung." Selten war ein Satz aus der Klimaforschung präziser, und selten wurde er politisch verfehlter instrumentalisiert.
Der Auslöser der aktuellen Debatte ist ein Paper vom April 2026. Detlef van Vuuren, niederländischer Klimawissenschaftler und Hauptarchitekt des RCP-Szenario-Frameworks, hat in der Fachzeitschrift Geoscientific Model Development das neue Szenario-Framework für CMIP7 vorgestellt, die wissenschaftliche Grundlage des kommenden IPCC-Berichts AR7. Sein Kernergebnis: Das Hochszenario RCP8.5 ist unter heutigen Emissionspfaden sehr unwahrscheinlich geworden, weil sich Energiekosten, Klimapolitik und globaler Erneuerbaren-Ausbau seit 2011 fundamental verändert haben.
Auf dieses Paper beziehungsweise eine Interpretation eines Klimaleugners aus den USA beziehen sich alle: die seriöse Wissenschaft ebenso wie die rechten Entwarnungspropagandisten. Und, wie weit die Debatte reicht, zeigt die Tatsache, dass US-Präsident Donald Trump - bekanntlich der Solarteur des Jahres - sich genötigt sah, über die Qualität der Klimaforschung auszulassen. In verzerrender Weise, wie AP mithilfe von Klimaforscher Johan Rockström festgestellt hat.
Eine tiefgründige Einordnung dazu liefert auch Transformationsexperte Mario Buchinger:
Dieser Text erklärt, was das Klimaszenario RCP8.5 tatsächlich ist, warum seine geringere Wahrscheinlichkeit eine gute Nachricht für die ökologische Transformation ist, und warum die daraus destillierte Entwarnungspropaganda nicht nur falsch, sondern gefährlich ist.
Klimaszenario RCP8.5: Was ein Szenario ist, und was nicht
RCP steht für „Representative Concentration Pathway". Ein Szenario ist kein Beschluss, keine Prognose und keine Prophezeiung, sondern eine Projektion: Was passiert mit dem globalen Klima, wenn sich die Treibhausgaskonzentrationen so und so entwickeln? RCP8.5 beschreibt den Pfad mit dem höchsten Strahlungsantrieb von 8,5 Watt pro Quadratmeter bis 2100, und war schon bei seiner Erstellung um 2011 als Hochszenario konzipiert, nicht als Erwartungswert.
„Der IPCC erstellt keine Szenarien; in Wirklichkeit bewertet er sie nur und prüft ihre Klimafolgen”, betont Klimaforscher Reto Knutti auf Linkedin. „RCP8.5 war nie ein 'wahrscheinliches' Szenario, sondern wurde entwickelt, um die Folgen hoher Emissionen zu untersuchen.” Es sei ein „Was wäre wenn?“-Werkzeug, so der ehemalige IPCC-Autor.
Zeke Hausfather, Glen Peters und Piers Forster haben bereits 2020 in einem Nature-Kommentar festgehalten, dass Klimaszenario RCP8.5 „never a likely outcome even in a world that did not address climate change" war. Es war stets ein Worst-Case-Instrument, nützlich um Extremrisiken zu modellieren, aber nie als wahrscheinlichster Pfad gedacht. Dass dieser Punkt nicht konsequent kommuniziert wurde, war ein Kommunikationsproblem der Wissenschaft, das Hausfather und Kollegen offen einräumen.
Van Vuurens neues Paper legt nun fest: Das Hochszenario gilt unter heutigen Rahmenbedingungen als "sehr unwahrscheinlich". Das mittlere Szenario, auf das die Welt zusteuert, führt zu einer Erwärmung von rund 2,8 Grad Celsius bis 2100. Das ist keine Entwarnung. Das ist die neue Ausgangslage für mehr Klimaambition, nicht weniger.
Die gute Nachricht verdient eine ehrliche Einordnung
Warum ist die geringere Wahrscheinlichkeit von RCP8.5 eine gute Nachricht? Weil aus klimapolitischer Notwendigkeit heraus Marktkräfte entfesselt wurden, die nun nach eigener Logik laufen. Frühzeitige Investitionen in erneuerbare Energien haben Kostensenkungen ausgelöst, die ihrerseits neue Investitionen anzogen. Eine klassische S-Kurve, wie sie Tony Seba und das RethinkX-Team seit Jahren beschreiben: Solar ist heute die billigste Stromquelle der Menschheitsgeschichte, Wind-Onshore schlägt neue Kohle in fast jedem Markt.
Batterien sind so günstig geworden, dass die Verknüpfung von Solar, Wind und Batterien unschlagbar günstig und effizient geworden ist.
Die Disruption läuft exponentiell, in immer mehr Märkten gleichzeitig. Ein massiver Kohlboom als zentrale Voraussetzung für RCP8.5 ist nicht mehr nur klimapolitisch unerwünscht, sondern ökonomisch irrational. Nicht Regulierung allein hat das bewirkt, sondern entfesselte Marktkräfte, die keine Rückkehr mehr erlauben.
Hausfather, Peters und Forster zeigen in ihrer Analyse auf The Climate Brink: Die ökologische Transformation hat die erwartete Erwärmung bis 2100 gegenüber einem realistischen Baseline-Szenario um rund 0,7 Grad gesenkt. Das ist messbarer, echter Fortschritt.
Wie viel Investition nötig ist, um ihn zu sichern und auszubauen, zeigt der aktuelle New Energy Outlook 2026 von BloombergNEF: Während 2025 bereits 2,3 Billionen US-Dollar in die Energiewende flossen, wären für einen Paris-konformen Pfad 4,8 Billionen pro Jahr bis 2030 nötig, und 7,7 Billionen pro Jahr bis 2035.
Eine Welt mit 2,8 Grad mittlerer Erwärmung bis 2100 ist kein Ziel, das irgendjemand anstreben sollte. Ab 2 Grad verdreifacht sich der Anteil der Landfläche, auf der Hitze das menschliche Überleben unmöglich macht. Große Teile des globalen Südens, Westafrika, Südasien, der Nahe Osten, werden in Hitzeperioden schlicht unbewohnbar.
Mit jedem weiteren Grad Erwärmung verlässt schätzungsweise zehn Prozent der Weltbevölkerung den für menschliche Physiologie verträglichen Klimakorridor. Was folgt, sind Migrationsbewegungen ohne historisches Vorbild: Das Institut für Wirtschaft und Frieden prognostiziert bis 2050 rund 1,2 Milliarden klimabedingt vertriebene Menschen.
Wir sehen das alles schon heute, bei plus 1,6 Grad. Jeder Super-El-Niño ist ein kurzer Vorgeschmack auf das, was bei 2,8 Grad der Normalzustand wäre. Das ist kein Klimaalarmismus. Das sind die Zahlen.
Die tatsachenferne Interpretationsrealität
Outdoor Chiemgau freut sich auf YouTube: „Die gute Nachricht ist, wir werden nicht verbrennen." Apollo News interviewt Fritz Vahrenholt und titelt: „Der Weltuntergang ist abgesagt." Axel Bojanowski, Wissenschaftschef der WELT, liefert die Überschrift, die Kristina Schröder von der libertären Denkfabrik Republik 21 zur Kolumne ausbaut: „Die Apokalypse fällt aus. Können wir bitte noch mal über das Klimaziel sprechen?"
Diese Schlagzeilen haben eines gemeinsam: Sie beschreiben eine Apokalypse, die von seriöser Klimaforschung nie prognostiziert wurde, und feiern deren Ausbleiben als fossilen Freifahrtschein.
Vahrenholt, Tichy, Reichelt und Co. folgen demselben Mechanismus. Man nimmt ein reales Faktum - RCP8.5 ist weniger wahrscheinlich geworden - lässt den Kontext weg, zieht den Schluss, Klimaschutz war unnötig, und fügt die Forderung an: Klimaziele abschaffen, CO₂-Abgabe weg, Verbrennerverbot rückgängig machen. Tichy befeuert das in Richtung CDU und FDP, Reichelt baut bei Nius die publizistische Brücke zwischen rechtem Teil der CDU und gemäßigterem Flügel der AfD, Bojanowski liefert den seriös wirkenden Wissenschaftsrahmen in WELT und Bild.
„Diese ganze Episode ist eine offenkundige Ablenkungsstrategie von Klimaleugnern und der extremen Rechten. Vor allem die Verfechter des fossilen Status quo gehen angesichts der Energiekrise derzeit zunehmend die Argumente aus, warum wir an unserer Abhängigkeit von fossilen Energien festhalten sollten”, schreibt Prof. Niklas Höhne vom NewClimate Institute.
„Daher halten sie offenbar jedes Mittel für recht, um mit falschen Argumenten einen angeblichen Skandal zu konstruieren und von den eigentlichen Problemen abzulenken – ganz nach der rechtsextremen Strategie, 'den Raum mit Scheiße zu fluten'. Sie verschieben die demokratische Debatte damit aktiv in eine tatsachenfreie Zone.”
Was diese Akteure systematisch ignorieren: Das van-Vuuren-Paper, die Originalquelle dieser ganzen Diskussion, sagt explizit das Gegenteil von dem, was sie tatsachenavers fehlinterpretieren. Klimaziele und der globale Ausbau erneuerbarer Energien sind der Grund, warum das Hochszenario weniger wahrscheinlich wurde. Wer aus diesem Paper Argumente gegen Klimaziele ableitet, hat es entweder nicht gelesen oder entscheidet sich bewusst gegen seinen Inhalt.
Rahmstorf hat recht: wichtiger Schritt, aber keineswegs Entwarnung. Diese Formel wird trotzdem gezielt umgedeutet: von rechten Ideologen, fossilen Lobbyisten und ihren publizistischen Stichwortgebern. Das Lager ist überschaubar, aber laut. Und Teile davon sitzen am Kabinettstisch: Friedrich Merz, Katherina Reiche, Gitta Connemann.
Was das für Europa und Deutschland bedeutet
Europa steht an einem strategischen Scheideweg, der nichts mit Klimaideologie zu tun hat, aber viel mit Wirtschaftsvernunft. Laut BloombergNEF NEO 2026 fließen weltweit bereits mehr als 80 Prozent aller neu installierten Erzeugungskapazitäten in erneuerbare Energien. Nicht weil Klimakonferenzen es beschlossen haben, sondern weil Solar und Wind wirtschaftlich überlegen sind.
Das Ziel für Europa muss sein, das bessere China zu werden: nicht mit fossiler Energie im Rücken, sondern mit der besten Elektroindustrie, den klügsten Netzen, der günstigsten erneuerbaren Erzeugung, der leistungsstärksten Speichertechnologie. Die ökologische Transformation ist kein grünes Projekt. Sie ist das industriepolitische Fundament für Wohlstand in einer Welt, die sich ohnehin elektrifiziert, mit uns oder ohne uns.
Europa darf nicht auf die rechte Entwarnungspropaganda und tatsachenferne Interpretationswelt von Tichy, Reichelt und Co. hereinfallen. Stattdessen muss es das Beschleunigungspaket AccelerateEU konsequent vorantreiben - und sich im ökologischen kalten Krieg auf die Seite der Elektrostaaten schlagen.
Fazit: Ein Erfolg, der mehr Ambition verlangt
Das Klimaszenario RCP8.5 ist nicht „tot" und wurde nicht „zurückgezogen". Es ist ein Hochszenario, das unter heutigen Emissionspfaden als sehr unwahrscheinlich gilt, weil Klimapolitik und der globale Boom der Erneuerbaren die Welt auf einen anderen Pfad gebracht haben. Das ist ein echter Erfolg, der Anerkennung verdient.
Dieser Erfolg bedeutet: Das neue mittlere Szenario führt zu rund 2,8 Grad Celsius Erwärmung bis 2100. Das Pariser Abkommen strebt 1,5 bis maximal 2 Grad an. Die Lücke ist groß. Wer jetzt Klimaziele aufgeben will, weil das schlimmste Szenario weniger wahrscheinlich wurde, macht aus einem Teilerfolg eine Niederlage.
Stefan Rahmstorf hat es formuliert, präzise und ohne Spielraum für Missverständnisse: „Es ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber keineswegs Grund zur Entwarnung." Das ist die wissenschaftliche Einordnung. Alles andere ist Entwarnungspropaganda, und wer sie verbreitet, handelt nicht aus Erkenntnisinteresse, sondern aus politischem Kalkül.
Die gute Nachricht ist real. Sie verpflichtet zu mehr Investition zur Entfesselung weiterer Marktkräfte, nicht zu weniger Ambition.
Einfach mal da schauen.
https://youtube.com/shorts/rrv6ctSYOik?si=eV3KuRexHiNg4qsC
Kehrtwende in 3 Jahren. Oder besser gesagt seit Mai 2026.
Alle wussten schon 2011, das RCP8.5 unwahrscheinlich ist.