Worst-Case-Szenario: Sein Schöpfer lehnt die Streichung ab

Nebojša Nakićenović · 26. MAI 2026

Worst-Case-Szenario: Nebojša Nakićenović lehnt die Streichung ab

Der Energieökonom Nebojša Nakićenović hat das Emissions-Szenario RCP8.5 mitentwickelt. Im ZEIT-Interview widerspricht er dem Mainstream der Klimaforschung und warnt vor dem politischen Missbrauch seiner Abschaffung.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Die Debatte um das Worst-Case-Szenario RCP8.5 ist längst keine rein wissenschaftliche mehr. US-Präsident Donald Trump und Abgeordnete der AfD nutzen die Auseinandersetzung, um der Klimaforschung Lügen und „Panikmache“ vorzuwerfen. In dieser Gemengelage meldet sich nun der Mann zu Wort, der das Szenario 2011 mitentwickelt hat: Der österreichische Energieökonom Nebojša Nakićenović.

In einem ausführlichen Interview mit der ZEIT - erschienen am 24. Mai 2026 - lehnt Nakićenović die Entscheidung des Weltklimarats ab, RCP8.5 aus dem künftigen Szenarienset (CMIP7) zu streichen. Sein Argument ist klar: „Es wäre unverantwortlich, nicht zu erforschen, was passieren wird, sollten die Emissionen ein katastrophal hohes Niveau bekommen.“ Das Szenario sei zwar nicht das wahrscheinlichste, aber ein notwendiges Werkzeug, um Klimamodelle zu testen und Anpassungsstrategien zu entwickeln.

Warum das Worst-Case-Szenario weiterhin relevant bleibt

Das Worst-Case-Klimaszenario RCP8.5 wurde 2011 am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg als Hochemissions-Szenario ohne Klimaschutzmaßnahmen entwickelt. Es setzt eine Verzehnfachung der Kohlenutzung und einen CO₂-Gehalt voraus, der zur Erwärmung um bis zu fünf Grad bis 2100 führen würde. Inzwischen gilt es in der Forschungsgemeinschaft überwiegend als „unplausibel“, weil Solar- und Windenergie sowie Elektromobilität die Emissionskurve bereits gebrochen haben.

Nakićenović teilt diese Einschätzung nur teilweise. Er räumt ein, dass das Szenario in Teilen überarbeitet werden müsste. Doch die Lage bleibt für ihn offen: Die USA sind erneut aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten, fossile Rückschläge sind geopolitisch möglich, und Rückkopplungseffekte wie der Rückgang der Wolkendecke beschleunigen die Erwärmung schneller als erwartet. „Zur Erinnerung: Trotz aller Bemühungen im Klimaschutz sinken die Emissionen nicht, sondern nehmen weiter zu.“

Nebojša Nakićenović (Foto: International Science Council)
Nebojša Nakićenović

Die Klimaforschungsplattform Carbon Brief bestätigt in einem aktuellen Faktencheck: Das Worst-Case-Szenario RCP8.5 war bei seiner Veröffentlichung als oberstes Dezil der damals verfügbaren Basisszenarien konzipiert - nicht als „Business as usual“. Die Gleichsetzung dieser beiden Begriffe sei ein Kommunikationsbruch zwischen Energiemodellierern und Klimaforschern gewesen, der dem Szenario zu Unrecht den Ruf eines Wahrscheinlichkeitspfades eingebracht habe.

Trump und AfD missbrauchen die wissenschaftliche Debatte

Genau hier setzt der politische Missbrauch an. Trump behauptet auf Truth Social, der IPCC habe „zugegeben“, mit seinen Szenarien falschgelegen zu haben. Die AfD sprach im Bundestag vom „größten Betrug an der Menschheit“. Beide Aussagen sind sachlich falsch: Der IPCC entwickelt keine Szenarien, er bewertet sie. Und die Abkehr von RCP8.5 folgt nicht aus einer Korrektur der Klimaforschung, sondern aus echten Fortschritten bei der Energiewende.

Nakićenović benennt diesen Zusammenhang direkt: Hätte die Welt rechtzeitig Klimaschutz betrieben, wäre RCP8.5 nie als realistisches Worst-Case-Szenario diskutiert worden. Das Paradox lautet: Der Erfolg der Energiewende macht das Szenario unwahrscheinlicher - und liefert gleichzeitig den fossilen Akteuren Munition, die Klimaforschung insgesamt zu diskreditieren.

Cleanthinking hat diesen Mechanismus bereits als „fossile Panik“ eingeordnet: Die Transformation wirkt, und genau das wird gegen die Forschung gewendet, die sie vorangetrieben hat.

Nakićenovićs Prognose: 2,5 bis 3,5 Grad als optimistisches Szenario

Was erwartet der Forscher für das Ende des Jahrhunderts? Nakićenović ist realistisch pessimistisch: Die Pariser Klimaziele werden „gewaltig überschritten“. Sein optimistischstes Szenario: eine Welt, in der China als Elektrostaat die Electrotech-Revolution vorantreibt und andere Volkswirtschaften dem Tempo folgen, führt zu einer Stabilisierung bei 2,5 bis 3,5 Grad. Selbst das wäre nach aktuellen wissenschaftlichen Maßstäben bereits als Worst Case einzustufen.

Zugleich gibt Nakićenović Hoffnung: In China sei heute jedes zweite Fahrzeug auf den Straßen elektrisch, das Land stemme mehr als zwei Drittel der globalen Investitionen in nachhaltige Technologien. Wenn andere Volkswirtschaften diesem Tempo folgen, sei ein Abkühlen der Erde nach dem Erwärmungsgipfel langfristig möglich - gestützt auf Natur und Technologie.

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