ENERGIEWENDE · 31. MAI 2026
Quelle: DER SPIEGELSpitzengespräch: Habecks Energiewende und das verlernte Vorausdenken
Im SPIEGEL-Spitzengespräch zieht Robert Habeck Bilanz. Sein härtester Vorwurf an die Regierung ist keine Tagespolitik, sondern eine Diagnose: Wer nicht in die Zukunft denken kann, gestaltet keine Energiewende. Er verwaltet sie zurück ins Fossile.
Anderthalb Stunden sitzt Robert Habeck am Freitagabend im Berliner Admiralspalast und redet über die großen Linien: Demokratie, Trump, den Krieg in der Ukraine. Der Satz aber, der für die Energiewende zählt, fällt fast nebenbei. Man könne sehen, warum die Regierung nicht aus dem Quark komme, sagt Habeck, und meint damit keinen fehlenden Fleiß, sondern eine fehlende Fähigkeit, in die Zukunft zu denken.
Das SPIEGEL-Spitzengespräch ist ein Bühnenformat, in dem nach Angela Merkel nun Habeck zu Gast war. Er spricht inzwischen als jemand, der raus ist aus dem Betrieb. Er forscht in Kopenhagen zu Geopolitik, hat kein Amt, keinen Wahlkampf, nichts mehr zu verkaufen.
Gerade dieser Außenblick macht seine energiepolitische Bilanz interessant, weil sie ohne Rücksicht auf die nächste Schlagzeile auskommt. Was er beschreibt, ist mehr als eine Spitze gegen Friedrich Merz. Es ist ein Muster, das sich in der deutschen Energiepolitik gerade hart materialisiert.
Wer das "Spitzengespräch" energiepolitisch liest, findet darin zwei konkurrierende Logiken. Die eine fragt, wie das Land in zehn Jahren mit Energie versorgt sein will, und entscheidet von dort aus rückwärts. Die andere verwaltet die Gegenwart und hofft, dass die Zukunft sich schon fügt.
Achtzig Milliarden, jedes Jahr
Habecks energiepolitisches Kernargument ist eine schlichte Rechnung. Deutschland gibt jedes Jahr rund 80 Milliarden Euro für fossile Importe aus, vor allem für Öl und Gas. Dieses Geld, so seine Formulierung, werde buchstäblich verbrannt: Es verlässt das Land, ohne Strukturen aufzubauen, ohne eine einzige Fabrik zu finanzieren.
Die Zahl hält dem Faktencheck stand. KfW Research beziffert die deutschen Nettoimporte fossiler Energieträger auf durchschnittlich 81 Milliarden Euro pro Jahr, für 2023 exakt auf 80,7 Milliarden. Habeck übertreibt also nicht, er rundet eher vorsichtig nach unten.
Der größte Brocken ist das Öl mit zuletzt rund 51 Milliarden Euro im Jahr, das Erdgas folgt mit etwa 19 Milliarden, die Steinkohle mit rund fünf. In Krisenjahren explodiert diese Summe: 2022, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, schnellte sie auf etwa 137 Milliarden Euro. Eine Volkswirtschaft, deren Energierechnung sich binnen eines Jahres fast verdoppeln kann, ist dem Weltmarkt ausgeliefert. Cleanthinking beschreibt das als fossiles Casino.
Beim Öl muss Deutschland nahezu den gesamten Verbrauch einführen, beim Gas fast ebenso viel. Diese Abhängigkeit taucht in keiner Quartalsbilanz auf und kann doch jeden Winter zur politischen Waffe werden, wie spätestens 2022 jeder gespürt hat. Wer dieses Geld im Land halten und in eigene Erzeugung lenken will, betreibt keine Ideologie. Er betreibt Kassensturz.
Die Kehrseite der Importrechnung ist verlorene Wertschöpfung. Geld, das für Öl und Gas ins Ausland fließt, schafft dort Arbeitsplätze und Gewinne, nicht hier. Jede Anlage, die heimischen Strom erzeugt, hält diese Summen dagegen im Inland, in Handwerk, Industrie und kommunalen Stadtwerken.
Strom, den niemand abdrehen kann
Die Antwort, die Habeck aus dieser Rechnung zieht, ist die gleiche, die er als Minister vertreten hat. In einer Energiekrise solle man Energie sparen, statt das zu verbilligen, wovon ohnehin zu wenig da ist. Und man solle das Land elektrifizieren, möglichst viel Strom selbst erzeugen, ohne Klima und Umwelt weiter zu belasten.
Elektrifizieren meint dabei mehr als grünen Strom im Netz. Es heißt, Öl und Gas dort zu ersetzen, wo sie heute direkt verbrannt werden: die Gasheizung durch die Wärmepumpe, den Verbrenner durch das Elektroauto, einzelne Industrieprozesse durch Strom statt Erdgas. Jede dieser Umstellungen verschiebt Nachfrage vom importierten Molekül zur heimisch erzeugbaren Kilowattstunde.
Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom DIW Berlin liefert dazu die wissenschaftliche Begründung. Erneuerbare Energien seien der beste Schutzschild, argumentiert sie seit Jahren: Sonne und Wind müsse niemand importieren, sie stünden ausreichend zur Verfügung, und kein Autokrat könne sie als Druckmittel einsetzen. In ihrem Bestseller „Kurzschluss“ nennt sie das Festhalten am Fossilen einen energiepolitischen Fehlschluss.
Allein mit neuen Wind- und Solarparks ist es dabei nicht getan. Das eigentliche Großprojekt sind Netze und Speicher, die den Strom dann verfügbar machen, wenn er gebraucht wird, und dorthin bringen, wo er fehlt. Dieser Ausbau entscheidet, ob aus günstigem Ökostrom auch eine verlässliche Versorgung wird.
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Vorausdenken heißt in dieser Lesart, die Abhängigkeit von morgen schon heute abzubauen. Das verdreht die übliche Kostendebatte. Was als teuer gilt, der Ausbau von Wind, Sonne, Netzen und Speichern, ist in Wahrheit die Versicherungsprämie gegen den nächsten Preisschock.
Was hingegen als billig verkauft wird, der schnelle Griff zum Gas, ist eine Wette darauf, dass die Weltlage schon stabil bleiben werde. In einer Zeit, in der die drei mächtigsten Länder von Autokraten oder solchen geführt werden, die es werden wollen, ist diese Wette leichtfertig. Genau das ist Habecks Punkt, und er ist sicherheitspolitisch, nicht ökologisch.
Habeck im Spitzengespräch: Die Regierung baut zurück
Genau an diesem Punkt dreht die Nachfolgeregierung um. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, seit Mai 2025 im Amt, setzt erkennbar andere Prioritäten. Ihre Kraftwerksstrategie sieht den Neubau von Gaskraftwerken in großem Stil vor, zunächst rund zwölf Gigawatt im Jahr 2026, von 2027 an sollen weitere zwanzig Gigawatt folgen.
Solche Kraftwerke sind keine Übergangslösung von wenigen Jahren. Einmal gebaut, laufen sie über Jahrzehnte und binden Kapital, Personal und Gasinfrastruktur an sich. Je mehr davon ans Netz gehen, desto teurer wird es, sie später wieder abzuschalten, ein klassischer Lock-in-Effekt.
Parallel arbeitet ihr Ministerium an einer EEG-Reform, deren Entwurf die feste Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen unter 25 Kilowatt ab 2027 streichen würde. Betroffen wären vor allem Anlagen auf privaten Hausdächern. Wer also selbst Strom erzeugen will, genau das, was Habeck zur Devise gemacht hatte, verlöre einen guten Teil seiner wirtschaftlichen Grundlage.
Diese Streichung trifft nicht Großinvestoren, sondern die Bürgerenergie auf Millionen Dächern, die einen Teil ihres Stroms ins Netz speist. Es ist die dezentrale Erzeugung, die Habeck meint, wenn er vom Selbermachen spricht. Die wasserstofffähigen Gaskraftwerke wiederum sind zunächst vor allem eines: Gaskraftwerke, deren spätere Umstellung auf Wasserstoff ein Versprechen bleibt.
Auf der Habenseite verbucht Reiche eine gesenkte Stromsteuer, die abgeschaffte Gasspeicherumlage und einen durchgesetzten Industriestrompreis. Gerade der Industriestrompreis aber zeigt, wie zweischneidig diese Bilanz ist. Im Kern verbilligt er Energie für die energieintensive, in weiten Teilen fossile Industrie, also für Stahl und Chemie.
Bemerkenswert ist, dass Habeck den Industriestrompreis selbst nie als sein Lieblingsinstrument betrachtet hat. Eine Subvention, die fossilen Verbrauch billiger macht, statt ihn zu ersetzen, läuft seiner eigenen Logik zuwider. Dass eine Maßnahme von beiden Lagern getragen wird, macht sie also nicht automatisch zukunftsfest.
Das Muster bleibt konsistent: mehr fossile Brücke, weniger dezentrale Erzeugung. Reiche war bis April 2025 Vorstandsvorsitzende von Westenergie, einer Eon-Tochter und einem der größten Gasnetzbetreiber des Landes. Diese Nähe macht ihre Politik nicht automatisch falsch, aber sie erklärt, aus welcher Logik heraus Gas als Komplementär gedacht wird und nicht als Auslaufmodell. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge spricht von einem Angriff auf die Energiewende.
Der eigentliche Kippmoment liegt woanders. Dieselbe Regierung, die versprochen hat, endlich zu liefern, zementiert mit jeder neuen Gasturbine die Importfalle, aus der Habeck heraus wollte. Sie sichert die Versorgung für heute und verschiebt die Rechnung auf morgen. Das ist die teurere Wette, nur fällt ihr Preis erst später an.
Raus aus Fossilen Energien: Eine Frage der Haltung
Was auf dem Spiel steht, reicht über Deutschland hinaus. Europa zahlt nach Habecks Angabe jedes Jahr 400 bis 450 Milliarden Euro für fossile Energien, ein erheblicher Teil davon fließt in Staaten, die es mit dem Kontinent nicht gut meinen. Jedes Jahr ohne beschleunigte Elektrifizierung verlängert diese Abhängigkeit und finanziert nebenbei jene Regime, gegen die sich Europa sicherheitspolitisch wappnen muss.
Habeck weist zugleich darauf hin, dass die jetzige Regierung längst Instrumente nutzt, die Merz im Wahlkampf noch als Unsinn abgetan hatte, vom schuldenfinanzierten Sondervermögen bis zur gelockerten Schuldenbremse. Willkommen in der Wirklichkeit, lautet sein Kommentar dazu. Beim Geld hat die Realität den Kurs korrigiert, bei der Energie aber läuft der Rückbau ungebremst weiter.
Dahinter steht ein Satz, der Habecks ganze Methode zusammenfasst: Alles, was man entscheidet, könne man eigentlich auch vorher entscheiden. Er fragt, warum die Politik so oft erst handelt, wenn die Katastrophe schon eingetreten ist. Beim Pandemieschutz und der Digitalisierung war es so, bei der Gasabhängigkeit ebenso, und bei der Elektrifizierung droht sich das Muster zu wiederholen.
Was Vorausdenken konkret hieße, ist keine Geheimwissenschaft: schnellerer Netzausbau, mehr Speicher, einfachere Genehmigungen, verlässliche Anreize für Wärmepumpe und Dachsolar. Nichts davon ist visionär, alles davon liegt auf dem Tisch. Es fehlt nicht das Wissen, sondern die Entscheidung, heute für übermorgen zu bauen.
Den Spott über den „Kinderbuchautor“ hat Habeck auf der Bühne umgedreht. Wer Menschen verlache, die sich andere Welten ausmalen könnten, treffe in Wahrheit „die Absage an politische Vorstellungskraft“. Genau diese Vorstellungskraft ist die Voraussetzung jeder Energiewende, denn ein Energiesystem für 2035 lässt sich nicht aus der Angst vor dem nächsten Winter heraus bauen.
Man muss Habecks Bilanz als Minister nicht in allem teilen, um zu sehen, worauf er hinauswill. Verwalten verlängert das Bestehende, auch dann, wenn es teuer und erpressbar ist. Gestalten heißt, die Abhängigkeit zu beenden, bevor sie zur Krise wird. Welche der beiden Logiken sich durchsetzt, entscheidet nicht nur über Strompreise, sondern darüber, wie souverän Deutschland in zehn Jahren ist.
QUELLEN
- SPIEGEL-Spitzengespräch mit Robert Habeck und Markus Feldenkirchen, Admiralspalast Berlin (29.05.2026): Veranstaltungsseite
- KfW Research (April 2025): Fossile Energieimporte Deutschlands
- BMWE (15.01.2026): Grundsatzeinigung zur Kraftwerksstrategie
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