Kupfer: Das Metall der Electrotech-Revolution

RESSOURCEN · 20. JUNI 2026

Kupfer in der Energiewende: Warum das rote Metall zum strategischen Engpass wird

Kein anderer Rohstoff verbindet die großen Trends der Dekarbonisierung so direkt wie Kupfer. Es steckt in Windrädern und Elektroautos, in Wärmepumpen und Rechenzentren, in Stromnetzen und Ladesäulen. Während die Nachfrage explodiert, beginnt das Angebot zu stocken.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN LESEN


Die Electrotech-Revolution verschlingt Kupfer. Jede Technologie, die fossile Brennstoffe durch Strom ersetzt, braucht mehr davon. Das macht den Rohstoff zu einer stillen Voraussetzung der gesamten Energiewende.

Warum Kupfer kaum zu ersetzen ist

Kupfer leitet Strom besser als fast jedes andere Metall. Nur Silber ist überlegen, kostet aber rund 100-mal mehr. Damit ist es das unverzichtbare Material überall dort, wo Strom fließt.

Aluminium kommt als teilweiser Ersatz in Frage, vor allem bei Hochspannungsleitungen. In Elektromotoren, Transformatoren und Leiterplatten stößt es an physikalische Grenzen: Es leitet schlechter, korrodiert anders und lässt sich schwerer zu feinen Drähten verarbeiten.

Die Elektroindustrie verbraucht laut Deutschem Kupferinstitut rund 57 Prozent des gesamten Metalls, hauptsächlich für Kabel, Leitungen und Draht. Der Rest verteilt sich auf Maschinenbau, Bauwirtschaft und Konsumgüter.

Was die Elektrifizierung an Kupfer verschlingt

Die globale Nachfrage lag 2025 bei rund 28 Millionen Tonnen pro Jahr. S&P Global erwartet bis 2040 einen Anstieg auf 42 Millionen Tonnen, ein Plus von 50 Prozent. Der größte Treiber: die Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie.

TechnologieKupferbedarfKontext
Elektroauto50-80 kg3- bis 4-mal so viel wie ein Verbrenner
Offshore-Windturbine (10 MW)20-30 t (inkl. Seekabel)Onshore: 3-5 t pro MW
KI-Rechenzentrum20-30 t pro MW KapazitätHyperscale: bis 50.000 t pro Anlage
Photovoltaik-Anlage4-5 t pro MW
Wärmepumpeca. 5 kg

Die Zahlen summieren sich. Goldman Sachs schätzt, dass Elektromobilität bis 2030 rund 40 Prozent des kupferbezogenen Nachfragezuwachses aus erneuerbaren Energien ausmachen wird. Windkraft steht für weitere 20 Prozent.

Dazu kommt KI als neuer Nachfragetreiber. Der jährliche Bedarf allein für den Bau neuer Rechenzentren wird auf 1,1 Millionen Tonnen bis 2030 geschätzt - knapp drei Prozent der globalen Nachfrage. Und auch der Netzausbau, der all diese elektrischen Verbraucher verbinden muss, treibt den Bedarf weiter nach oben.

Peak Copper: Warum das Angebot nicht mithält

Noch übersteigt die Kupferproduktion knapp den Verbrauch. Aber die Zeichen stehen auf Verknappung. S&P Global prognostiziert, dass die weltweite Minenproduktion um 2030 ihren Höhepunkt erreicht und danach sinkt.

Im schlimmsten Fall fehlen der Welt 2040 rund zehn Millionen Tonnenpro Jahr. Das wäre ein Viertel der dann erwarteten Nachfrage. S&P Global nennt das ein „systemisches Risiko für globale Industrien und das Wirtschaftswachstum".

Drei Faktoren treiben die Verknappung. Die Kupfergehalte in bestehenden Minen sinken seit Jahren: In Chile lag der Durchschnitt vor 20 Jahren bei 1,5 Prozent, heute bei unter einem Prozent. Gleichzeitig werden neue große Lagerstätten seltener entdeckt. Und von der Entdeckung bis zur Inbetriebnahme einer Mine vergehen im Schnitt 17 Jahre.

Der Preis spiegelt diese Erwartungen. An der Londoner Metallbörse LME kletterte er 2025 um rund 44 Prozent. Im Juni 2026 liegt er bei etwa 14.000 Dollar pro Tonne. An der US-Terminbörse CME erreichte er im Mai 2026 ein Allzeithoch.

Europa und Deutschland entdecken den eigenen Untergrund

Deutschland verbraucht rund eine Million Tonnen pro Jahr, mehr als jedes andere EU-Land. Kein Gramm davon kommt aus heimischer Minenproduktion. Aurubis, Europas größter Kupferschmelzer in Hamburg, muss sein gesamtes Konzentrat importieren.

Dabei lagern im deutschen Boden nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) mindestens 2,4 Millionen Tonnen Kupfer. Der Grund liegt in der Geologie: Vor 255 Millionen Jahren hinterließ das Zechsteinmeer ein kupferhaltiges Schieferflöz, das sich von Polen über Deutschland bis nach Großbritannien erstreckt.

Inzwischen treiben drei Projekte die Erkundung voran. Anglo American hat im Rahmen des Projekts „Löwenstern" Explorationslizenzen über 1.900 Quadratkilometer in Thüringen erworben und bohrt dort seit 2023.

Die KSL Kupferschiefer Lausitz plant nahe Spremberg ein Untertagebergwerk mit einem Ziel von 1,32 Millionen Tonnen des Metalls, Produktionsbeginn frühestens 2035. GreenX Metals aus Australien erkundet in Nordhessen das historische Kupferrevier Richelsdorf, wo bis in die 1950er-Jahre 416.500 Tonnen gefördert wurden.

Die Europäische Union hat Kupfer 2024 im Rahmen des Critical Raw Materials Act als „kritischen„ und „strategischen“ Rohstoff eingestuft. Das Gesetz sieht vor, dass bis 2030 mindestens zehn Prozent des jährlichen EU-Verbrauchs aus europäischer Förderung kommen sollen. Die Parallelen zur Lithium-Förderung sind offensichtlich: Auch dort hat Europa lange gezögert und holt jetzt mit Projekten wie Vulcan Energy im Oberrheingraben auf.

Die Grenzen des Kupferrecyclings

Das Metall eignet sich für Recycling besser als die meisten Materialien. Nach dem Einschmelzen hat es exakt die gleichen Eigenschaften wie Primärkupfer. Das unterscheidet es von Kunststoffen oder Papier.

Aurubis, Europas größter Recycler, gewinnt 45 Prozent seines raffinierten Kupfers aus Sekundärmaterial und will bis 2030 auf die Hälfte kommen. In der deutschen Raffinadeproduktion stammten 2024 rund 41 Prozent des Metalls aus Recycling (BGR, 2025).

Die steigende Nachfrage kann Recycling allerdings nicht allein decken. S&P Global erwartet, dass sich die globale Recyclingmenge bis 2040 von vier auf zehn Millionen Tonnen mehr als verdoppelt. Das wäre dann maximal ein Viertel des Gesamtbedarfs. Der Rest muss weiterhin aus Minen kommen.

Kupfer als geopolitischer Machtfaktor

Die drei größten Produzenten sind Chile (5,3 Mio. t, 2025), die Demokratische Republik Kongo (3,2 Mio. t) und Peru (2,7 Mio. t). Zusammen liefern sie rund 40 Prozent der globalen Förderung.

China kontrolliert über 40 Prozent der weltweiten Kupferschmelzkapazität, obwohl es selbst nur sieben bis acht Prozent des Konzentrats fördert. Den Rohstoff sichert sich Peking über Beteiligungen an afrikanischen Minen. Der Lobito-Korridor von Angola nach Sambia ist dabei zu einer zentralen Transportroute geworden.

Die USA haben Kupfer 2025 auf die Liste der strategisch wichtigen Rohstoffe gesetzt. Die EU hat 2024 mit dem Critical Raw Materials Act nachgezogen. Deutschland hat einen Rohstofffonds aufgelegt. Doch der Wettlauf wird nicht in Ministerien entschieden, sondern in Minen - und dort liegen zwischen Entdeckung und Produktion Jahrzehnte.

Wie viel Kupfer steckt in einem Elektroauto?

Ein Elektroauto enthält 50 bis 80 Kilogramm Kupfer, drei- bis viermal so viel wie ein vergleichbarer Verbrenner. Das Metall der Electrotech-Revlolution steckt im Elektromotor, in der Batterie, der Leistungselektronik und den Kabelbäumen.

Kann Kupfer durch andere Materialien ersetzt werden?

Nur eingeschränkt. Aluminium kommt als Alternative bei Hochspannungsleitungen in Frage. In Elektromotoren, Transformatoren und Elektronik ist Kupfer wegen seiner überlegenen Leitfähigkeit und Verarbeitbarkeit kaum zu ersetzen.

Wann wird Kupfer knapp?

S&P Global prognostiziert Peak Copper, also den Höhepunkt der Minenproduktion, für 2030. Ab dann könnte eine wachsende Versorgungslücke entstehen. Bis 2040 könnten der Welt jährlich bis zu zehn Millionen Tonnen Kupfer fehlen.

Gibt es Kupfervorkommen in Deutschland?

Ja. Die BGR schätzt die deutschen Reserven auf mindestens 2,4 Millionen Tonnen. Aktuell laufen Erkundungsprojekte in Thüringen (Anglo American), in der Lausitz (KSL) und in Nordhessen (GreenX Metals).

QUELLEN

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  1. S&P Global (Januar 2026): Substantial Shortfall in Copper Supply Widens
  2. Anglo American: Kupfer Copper Germany
  3. BGR/DERA (Dezember 2025): Rohstoffsituation in Deutschland 2024
  4. EU-Kommission (2024): Critical Raw Materials Act
  5. KSL Lausitz: Projektinformationen
  6. GreenX Metals (2024): Exploration Target Tannenberg Copper Project
  7. WirtschaftsWoche (Güßgen/Thier, 5. Juni 2026): „Rhöngold", Heft 24/2026.
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