PHOTOVOLTAIK · 11. JULI 2026
KI-generiertSolarboom in den USA: Der Markt, der sich nicht aufhalten lässt
Im Mai 2026 lieferte Solar erstmals mehr Strom als Kohle im US-amerikanischen Netz. Das passierte, während Washingtons Regierung die Steuergutschrift für Solaranlagen strich, neue Kohlekraftwerke per Dekret förderte und Offshore-Wind-Projekte stoppte. Eine Regierung macht Anti-Solar-Politik. Der Markt läuft ihr davon.
Im Mai 2026 hat Solar in den USA zum ersten Mal Kohle als Stromquelle überholt. Das Londoner Energiethink-Tank Ember hat die offiziellen EIA-Daten ausgewertet. Die Kerndaten auf einen Blick:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Solarstrom Mai 2026 | 45,5 TWh (12,8 % des US-Netzes) |
| Kohlestrom Mai 2026 | 43,4 TWh (12,2 % des US-Netzes) |
| Wachstum Solar ggü. Mai 2025 | +17 % |
| Neu installierte Solarkapazität Q1 2026 in Trump-Bundesstaaten | 74 % aller neuen Kapazität |
Seit Jahrzehnten war Kohle die Referenzgröße des amerikanischen Stromsystems. Im Mai 2026 rutschte sie auf den vierten Platz, hinter Gas, Kernkraft und Solar. Und das war kein Sondereffekt eines sonnigen Wochenendes, sondern das Ergebnis eines strukturellen Wandels.
Was Trumps Energiepolitik konkret bedeutet
Mit dem „One Big Beautiful Bill", unterzeichnet am 4. Juli 2025, strich die Trump-Regierung die 30-prozentige Bundessteuergutschrift für Eigenheimbesitzer beim Kauf von Solaranlagen ab Ende 2025, fast zehn Jahre früher als vom Inflation Reduction Act vorgesehen. Für gewerbliche Solar-Leasing-Modelle gilt der Kredit noch bis Ende 2027, danach läuft er aus. Parallel dazu unterzeichnete Trump einen nationalen Energienotstand, der die inländische Kohleförderung ankurbeln soll, und wies das Verteidigungsministerium an, verstärkt Kohlestrom abzunehmen. Windprojekte im Bundesgewässer wurden gestoppt.
Die Logik dahinter ist politisch, nicht ökonomisch. Neue Solarkapazität ist in den USA inzwischen günstiger als jede andere Stromerzeugungsform, auch ohne Förderung. 74 Prozent aller im ersten Quartal 2026 neu installierten Solarkapazität stammen aus Bundesstaaten, die Trump bei der Wahl 2024 gewonnen hat: Texas, Florida, Ohio, Indiana, Michigan, Arizona und Mississippi stehen unter den zehn größten Solarmärkten. Der politische Wille und die Investitionsentscheidungen der Unternehmen laufen in entgegengesetzte Richtungen.
Aaron Nichols, Solar-Politikforscher, beschreibt das Muster gegenüber Euronews so: Amerikanische Haushalte und Unternehmen entscheiden sich für Solar, obwohl die Regierung steuerliche Anreize streicht und versucht, Kohle wiederzubeleben. Auf Unternehmensebene melden Installateure wie SolarTech aus Kalifornien, dass sich ihre Umsätze im Vergleich zu 2024 mehr als verdoppelt haben. Exact Solar aus Pennsylvania erwartet für 2026 ebenfalls eine Verdopplung des Umsatzes.
Fünf Jahre, die alles verändert haben
Der Mai-Datenpunkt ist Momentaufnahme einer längeren Verschiebung. Im Mai 2021 kam Kohle noch auf 19,7 Prozent des US-Strommixes, Solar auf 5,4 Prozent. Fünf Jahre später hat sich Kohles Anteil fast halbiert, Solars Anteil hat sich mehr als verdoppelt. Ember nennt das explizit einen strukturellen Wandel: Die Energieeffizienz-Ökonomie treibt ihn, nicht die Klimapolitik.
Global belegt das der Global Energy Review 2026: Solar ist die am schnellsten wachsende Energiequelle der Geschichte. In den USA kamen Solar und Stromspeicher zusammen auf 79 Prozent aller neu installierten Kapazität im ersten Jahr der Trump-Regierung. Für das Gesamtjahr 2026 prognostiziert die Branche, dass Erneuerbare und Batteriespeicher 99 Prozent aller neu ans Netz gehenden Kapazitäten stellen werden.
Kohle erlebt das Gegenteil. Trotz Trumps Nationalem Energienotstand ist Kohleproduktion nicht gewachsen, weil die wirtschaftlichen Grundlagen fehlen. Neue Kohlekraftwerke rechnen sich schlicht nicht mehr, wenn Solar billiger ist. Das hält auch Cleanthinkings Analyse zu Trumps Kohle-Politik fest: Der politische Versuch, Kohle zu reanimieren, läuft gegen die Marktstruktur.
Das deutsche Balkonkraftwerk auf dem Weg nach New York
Während sich die Debatte in Washington um Großkraftwerke und Steuergesetzgebung dreht, passiert an der Steckdose etwas anderes. Ende Mai 2026 verabschiedete das New Yorker Parlament den SUNNY Act, kurz für Solar Up Now New York, und schickte ihn zur Unterschrift an Gouverneurin Kathy Hochul. Das Gesetz würde Steckersolargeräte legalisieren: kleine Photovoltaik-Module mit bis zu 1.200 Watt AC-Leistung, die direkt in eine normale 120-Volt-Haushaltssteckdose eingesteckt werden. In Deutschland kennt man das als Balkonkraftwerk.
Deutschland hat dieses Format zur Massenanwendung gebracht: Bis Juni 2025 waren über eine Million Balkonkraftwerke registriert, die kumulierte Leistung liegt bei knapp einem Gigawatt. Was das für Haushalte bedeutet, erklärt das Cleanthinking-Balkonkraftwerk-FAQ.
Mit ihrer Unterschrift wäre New York der achte US-Bundesstaat, der Steckersolar-Gesetzgebung in Kraft setzt. Bereits verabschiedet haben ähnliche Gesetze Utah, Connecticut, Maryland, Maine, Virginia, Colorado und New Hampshire. Mehr als 28 weitere Bundesstaaten und Washington D.C. haben aktive Gesetzentwürfe. Hochul hat bis Ende 2026 Zeit für ihre Entscheidung.
Die transatlantische Dynamik ist bemerkenswert: Eine Technologie, die in Deutschland entstanden ist, weil die Regulierung dort zuerst den Weg freigemacht hat, findet jetzt in den USA Anklang, von der Basis aus, in Wohnhäusern und Mietwohnungen, und das in einem politischen Klima, das Solar eigentlich bremsen will.
Was der Solarboom in den USA für Europa bedeutet
Die Marktdynamik in den USA ist kein isoliertes Phänomen. Erneuerbare Energien haben weltweit den Punkt erreicht, an dem die Ökonomie allein trägt. Politischer Rückenwind beschleunigt, politischer Gegenwind bremst, aber er dreht den Trend nicht mehr um.
Für Europa ergibt sich daraus eine strategische Lesart. Wer die Energiewende als Wettbewerbsstrategie begreift, kann beobachten, dass selbst eine Regierung mit aktivem Gegeninteresse den Markttrend in vier Jahren nicht umgedreht hat. Kohles Anteil am US-Netz ist in fünf Jahren von 19,7 auf 12,2 Prozent gefallen, während Solar von 5,4 auf 12,8 Prozent gestiegen ist. Beide Kurven bewegen sich unabhängig vom politischen Vorzeichen der jeweiligen Regierung.
Das Argument fossiler Interessengruppen, erneuerbare Energien seien auf staatliche Subventionen angewiesen und ohne sie nicht überlebensfähig, bekommt mit dem Mai 2026 einen neuen Datenpunkt. Ausgerechnet in dem Land, das aktiv versucht, Solar zu bremsen, überholt Solar zum ersten Mal in der Geschichte die Kohle.
Disruption, die keine Erlaubnis braucht
Der Mai 2026 wird als Datum in Erinnerung bleiben. Nicht weil er einen politischen Beschluss markiert, sondern weil er das Ergebnis von Millionen von Einzelentscheidungen sichtbar macht: Haushalte, Unternehmen und Netzbetreiber, die auf Solar gesetzt haben, weil die Rechnung stimmt.
Installateure melden zweistellige Wachstumsraten oder Umsatzverdopplung, Bundesstaaten verabschieden Gesetze für Steckersolar, und das Netz zeigt, was passiert, wenn Millionen kleine Entscheidungen gleichzeitig in dieselbe Richtung zeigen. Politischer Widerstand kann das verlangsamen. Aufhalten hat er es in den USA nicht geschafft.
Was das für die deutschen Gestalter der sauberen Zukunft bedeutet: Das Balkonkraftwerk, das hier zur Massenanwendung geworden ist, zeigt in New York gerade, dass Bürgersolar kein deutsches Nischenphänomen ist. Es ist ein Marktformat, das überall funktioniert, wo die Regulierung es zulässt.
QUELLEN
- Ember: Solar overtakes coal in US electricity for the first month on record, Juni 2026.
- Euronews: A strategic mistake of colossal proportions: Why Trump is losing the war on renewables, 28. Juni 2026.
- New York State Senate: SUNNY Act Passes NYS Legislature, 2026.
- PBS NewsHour: Solar power hits new milestones in the U.S., 2026