Wie die neue Energiewelt den Massenmarkt erobert

ENERGIEWENDE · 02. JULI 2026

Bequem, günstig, für alle: Energiemanagement wird Massenmarkt

Speicher, Wallbox, Wärmepumpe und E-Auto verschmelzen zu Komplettpaketen, gesteuert von künstlicher Intelligenz. Die Messe München zeigt: Nach den Pionieren kommen die Preisbewussten. Und der Wettbewerb um sie drückt die Preise.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit LESEN


München, Ende Juni. Die Hallen der Energiemesse The smarter E sind ausgebucht, 2.650 Aussteller, rund 105.000 Fachbesucher*innen aus 163 Ländern. Wer durch die Gänge läuft, findet kaum noch Einzelgeräte, sondern Systeme, die Photovoltaik, Speicher, Wallbox und Wärmepumpe zu einem Paket verbinden und das Energiemanagement gleich mitliefern.

Ein unscheinbares Detail erzählt die ganze Geschichte. Notstrom war bislang ein Zusatzprojekt: eigene Umschaltbox, zusätzliche Verkabelung, Elektrikertermin. Beim neuen Speichersystem SigenStor Neo des chinesischen Herstellers Sigenergy ist die Ersatzstromversorgung schlicht eingebaut, bei einem Netzausfall läuft das Haus ohne Unterbrechung weiter.

Die Messe zeigt vor allem: Die Zeit der Technik-Pioniere und Bastler*innen läuft ab, der Massenmarkt übernimmt.

Notstrom ab Werk, Denken inklusive

Sigenergy steht beispielhaft für diesen Umbau. Der Hersteller zeigt in München ein komplettes Ökosystem: den Speicher, der Wechselrichter, Batterie und Steuerung in einem Gehäuse vereint, dazu eine eigene Wärmepumpe und eine Ladestation für das E-Auto. Über allem sitzt ein KI-Agent, der das Zusammenspiel übernimmt.

Nutzer*innen geben nur noch das Ziel vor, etwa eine möglichst niedrige Stromrechnung oder eine Reserve für den Notfall. Wann geladen, geheizt oder eingespeist wird, entscheidet die Software anhand von Wetter, Börsenpreisen und Gewohnheiten des Haushalts. Niemand muss mehr den ganzen Tag auf eine App schauen, das Energiemanagement läuft im Hintergrund. Autonomes Fahren fürs Heimkraftwerk, so lässt sich das Versprechen zusammenfassen.

Möglich wird das, weil die Hardware rapide günstiger geworden ist. Heimspeicher kosten im Marktdurchschnitt noch rund 315 Euro pro Kilowattstunde, etwa ein Drittel weniger als 2023. Ein Zehn-Kilowattstunden-Speicher inklusive Installation ist für 3.000 bis 5.000 Euro zu haben.

Und der Trend reicht weit über einen Hersteller hinaus. Elektrifizierung und Heim-Energie-Management nehmen auch auf der Light + Building und der Hannover Messe immer mehr Raum ein. Wer seine Geräte nicht integriert und intelligent steuerbar macht, fällt in diesem Markt zurück.

Nach den Pionieren kommen die Preisbewussten

Diese Bequemlichkeit ist kein Luxusmerkmal, sie ist die Eintrittskarte für eine neue Zielgruppe. Die frühen Jahre der Energiewende gehörten Menschen, die aus Überzeugung investierten und gerne selbst optimierten. Die Kundschaft, um die es jetzt geht, will vor allem günstig und ohne Risiko in die neue Energiewelt, mit Technik, die sich anfühlt wie ein Haushaltsgerät.

Wie ernst die Branche diesen Wechsel nimmt, zeigt Volkswagen. Zur Messe kündigte die Energietochter Elli ein Paket für bidirektionales Laden an: DC-Wallbox, eigener Stromtarif und App aus einer Hand, das E-Auto wird zum Speicher für Haus und Netz. Rund eine Million Fahrzeuge auf MEB-Plattform sind in Europa technisch dafür vorbereitet, 360.000 davon in Deutschland. Kompatibel sind zunächst ID.-Modelle ab Software-Version 3.5 mit großer Batterie sowie alle Fahrzeuge der neuen Software-Generation.

„Kundinnen und Kunden sollen nicht einzelne Bausteine zusammensuchen müssen, sondern ein integriertes Angebot erhalten”, sagt Silke Bagschik, bei Volkswagen verantwortlich für After Sales und Kundenkontakt. Im ersten Vertragsjahr winkt ein Bonus von bis zu 720 Euro, der Bestellstart ist für Ende 2026 geplant. Das klingt zunächst nach überschaubarer Rendite, doch der eigentliche Hebel liegt tiefer.

Der Markt erreicht damit gerade seinen Kipppunkt, davon ist Herbert Diess überzeugt, Verwaltungsratschef von The Mobility House. Die bidirektionale Wallbox seines Unternehmens, die auch hinter dem Volkswagen-Angebot steckt, kostet 1.000 bis 2.000 Euro. Bisherige Pilotlösungen lagen beim Doppelten bis Fünffachen, damit rechnete sich das Gesamtpaket schlicht nicht.

Dazu kommt ein Motiv, das sich nur bedingt in Cent ausdrücken lässt. Viele dieser Kund*innen suchen Unabhängigkeit: neun Monate im Jahr praktisch ohne Energieversorger auskommen, bei einem Stromausfall weiter fernsehen und Wäsche waschen können. Diess beschreibt diese emotionale Komponente als Kaufargument, das weit über den Bonus hinausreicht.

Wer verkauft künftig den Strom?

Mit der marktreifen Technik ist ein Verteilungskampf eröffnet. Wer verkauft die Wallbox, wer das Gesamtsystem, wer den Stromvertrag? Autohersteller, etablierte Versorger und junge Energieunternehmen bewerben sich plötzlich um denselben Haushalt, und sobald einer wie The Mobility House mit einer günstigen Wallbox vorlegt, müssen die anderen nachziehen. Dieser Innovationsdruck arbeitet für die Verbraucher*innen.

Konkurriert wird sogar über die Architektur der Systeme. BMW setzt beim bidirektionalen Laden auf eine proprietäre Lösung, die Wallbox von The Mobility House ist offen ausgelegt und soll markenübergreifend funktionieren. Diess erwartet, dass bald noch günstigere Geräte folgen, darunter AC-Lösungen, die die Technik direkt ins Auto verlagern.

Bidirektionale DC-Wallbox von The Mobility House
Die bidirektionale Wallbox von The Mobility House steckt auch hinter dem Volkswagen-Angebot. Foto: The Mobility House

Warum alle in dieses Geschäft drängen, zeigt ein Blick auf die Strombörse. An sonnigen Tagen fallen die Preise mittags stundenlang gegen null, an Feiertagen wie dem Pfingstsonntag rutschen sie tief ins Negative, während Gaskraftwerke die Abendstunden erheblich verteuern. Für Stromhändler ist diese Spreizung ein warmer Regen, wie Diess es nennt: Wer billig einlagert und teuer verkauft, verdient an jedem Tag mit Sonnenschein. Und diese Schwankungen werden auf Jahre bleiben, denn der Solarausbau läuft schneller als jeder Netzausbau.

Genau dafür bündeln Unternehmen wie The Mobility House, Enpal, 1Komma5° oder Next Kraftwerke tausende Batterien, E-Autos und Wärmepumpen zu virtuellen Kraftwerken, also zu einem gemeinsam steuerbaren Großspeicher. Auch Volkswagen verfolgt dieses Zielbild: Elli will Fahrzeugbatterien mit zentralen und dezentralen Speichern bündeln und die Flexibilität an den Energiemärkten vermarkten. Die Energiewende brauche Speicher und viele davon stünden bereits in den Garagen der Kund*innen, argumentiert Elli-Chef Giovanni Palazzo. Parallel wird die Direktvermarktung attraktiver, bei der ein Dienstleister den eigenen Solarstrom an der Börse verkauft. Erste Anbieter kündigen an, sie direkt in ihre Heimspeicher-Systeme zu integrieren, selbst für kleine Anlagen.

„Überall, wo Speicher ins Netz kommt, fallen die Strompreise”, sagt Diess im Gespräch auf der Power2Drive und verweist auf Australien und Texas. Je mehr Haushalte mitmachen, desto stärker sinken die Kosten für alle, auch für jene ohne eigene Anlage.

Ein Getränkekasten für die Mietwohnung

Die vielleicht folgenreichste Meldung dieser Tage zielt auf alle, die gar kein Dach besitzen. Für Mieter*innen führte der Weg in die neue Energiewelt bislang fast ausschließlich über das Balkonkraftwerk. Octopus Energy bringt mit der Powerbank einen rund zwei Kilowattstunden großen Speicher von der Größe eines Getränkekastens auf den Markt, der einfach in die Steckdose der Mietwohnung gesteckt wird und in wenigen Minuten läuft. Tagsüber tankt er günstigen Sonnen- und Windstrom, abends trägt er die Grundlast von Kühlschrank, Router und Fernseher, rechnerisch mit einer kostenlosen Kilowattstunde pro Tag als Gutschrift.

Für Eigenheime ohne Solaranlage legt der Versorger die Powerbank XL auf: rund zehn Kilowattstunden Speicher, einmalig 1.999 Euro, dafür zehn Jahre lang null Euro Stromkosten auf die ersten 2.000 Kilowattstunden im Jahr. „Damit wird die Energiewende einfacher, günstiger und demokratischer”, sagt Bastian Gierull, Deutschland-Chef von Octopus Energy.

Damit wachsen Millionen Mieterhaushalte in das Kundenpotenzial der Hersteller hinein. Mehr Stückzahlen bedeuten schneller sinkende Preise, die wiederum neue Käuferschichten erschließen: Die Spirale dreht sich weiter. Wohin sie führen kann, lässt sich in Großbritannien besichtigen, wo Octopus mit flexiblen Tarifen und der Steuerungsplattform Kraken binnen eines Jahrzehnts zum größten Versorger des Landes aufgestiegen ist, oder in Frankreich, wo The Mobility House und Renault E-Auto-Fahrer*innen bereits kostenloses Laden gegen Netzdienste bieten.

Berlin kürzt, der Markt zieht davon

Während in München der Aufbruch gefeiert wird, plant Berlin den Rotstift. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will die feste Einspeisevergütung für neue kleine Photovoltaikanlagen abschaffen, ab 2027 soll ein entsprechendes Gesetz greifen. In der Branche hat sich der Eindruck festgesetzt, das Ministerium schaue eher auf die etablierten Energieversorger als auf deren Kund*innen. Den voll integrierten Haushalt trifft das kaum: Eigenverbrauch spart deutlich mehr als die aktuell 7,78 Cent Vergütung je eingespeister Kilowattstunde, und Flexibilitätserlöse kommen obendrauf.

Für Einsteiger*innen sieht die Rechnung anders aus. Wer preisbewusst kalkuliert, für den ist die garantierte Vergütung der letzten rund 20 Prozent Überschussstrom oft das Argument, das die Investition kippen lässt. Wird sie ersatzlos gestrichen, bremst das ausgerechnet jene Zielgruppe, die den Massenmarkt gerade erst betritt. Ungelöst bleibt zudem der Zielkonflikt der Verteilnetzbetreiber, deren reguliertes Geschäftsmodell den Netzausbau belohnt, während Heimspeicher und V2G die Netze entlasten. Diess hält das für eines der großen, kaum adressierten Themen der Energiewende.

Dabei ist der Systemnutzen längst beziffert. Fraunhofer ISI und ISE veranschlagen in einer Studie für Transport & Environment das Einsparpotenzial des bidirektionalen Ladens in Europa auf bis zu 22 Milliarden Euro jährlich im Jahr 2040, kumuliert auf rund 175 Milliarden Euro zwischen 2030 und 2040. Allein 2024 wurden in Deutschland zudem rund 9.374 Gigawattstunden erneuerbarer Strom abgeregelt, rechnerisch genug, um drei Millionen E-Autos ein Jahr lang zu betreiben.

Die neue Energiewelt ist damit keine Vision für Visionär*innen mehr. Sie steht als fertiges Paket im Regal, passt in die Garage des Reihenhauses und neben die Spüle der Mietwohnung, und sie rechnet sich zunehmend ohne Förderung. Kundschaft und Technik sind da. Es fehlt eine Politik, die den Hochlauf begleitet statt bremst.

Vielleicht reden wir in zwei Jahren schon darüber, dass sich das E-Auto tagsüber selbst vermietet, wenn es niemand braucht. Bis dahin gilt: Der Strom für den Feierabend kommt immer öfter aus der eigenen Garage. Oder aus dem Getränkekasten hinter der Wohnungstür.

QUELLEN

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  1. Volkswagen Group / Elli: Volkswagen Group und Elli bringen Vehicle-to-Grid-Laden in den Volumenmarkt, 23. Juni 2026.
  2. Octopus Energy: Günstiger Strom für alle: Octopus bringt mit neuen Batterielösungen die Energiewende in jede Wohnung, 22. Juni 2026.
  3. Sigenergy: Sigenergy Unveils SigenStor Neo and Complete Home Energy Ecosystem at Intersolar Europe 2026, 24. Juni 2026.
  4. Video-Interview mit Herbert Diess (The Mobility House) auf der Power2Drive, München, Juni 2026.
  5. Fraunhofer ISE/ISI für Transport & Environment: Potential of a full EV-power-system integration in Europe & how to realise it, Oktober 2024.
  6. energie-experten.org: Stromspeicher-Preise 2026: Entwicklung & Vergleich, abgerufen im Juli 2026.
  7. ADAC: Solarförderung: Bund will fixe Einspeisevergütung abschaffen, 2026.
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