Ucaneo weiht erste deutsche DAC-Anlage ein

CARBON REMOVAL · 03. JULI 2026

Ucaneo weiht erste industrielle DAC-Anlage in Berlin ein

Das Cleantech-Startup filtert CO2 mit Strom statt Wärme direkt aus der Luft und lagert es dauerhaft in dänischen Gesteinsschichten. Heute wird die Anlage in Berlin-Marzahn offiziell eingeweiht, sie ist bereits seit Juni in Betrieb.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 MIN LESEN


In Berlin-Marzahn steht seit Juni Deutschlands erste industrielle Anlage zur direkten CO2-Abscheidung aus der Luft, kombiniert mit geologischer Speicherung. Heute weiht das Cleantech-Startup Ucaneo die Anlage offiziell ein.

Sie ist auf eine Kapazität von 150 Tonnen CO2 pro Jahr ausgelegt und damit die derzeit größte Direct-Air-Capture-Anlage (DAC) in Deutschland.

Das gefilterte CO2 wird per Lkw nach Dänemark transportiert und dort dauerhaft in Gesteinsformationen gespeichert. Damit ist Marzahn nach Unternehmensangaben das erste deutsche Projekt, das CO2-Abscheidung direkt mit geologischer Speicherung verknüpft, nicht nur eine weitere Klimaschutzmaßnahme, sondern ein technisches Novum für den Standort Deutschland.

Wie sich das Verfahren von Climeworks unterscheidet

Die Technologie von Ucaneo arbeitet bei Raumtemperatur. Ein flüssiges Lösungsmittel mit Enzymen bindet CO2 aus der Luft, ähnlich wie die menschliche Lunge Sauerstoff aufnimmt. Elektrische Spannung setzt das Gas anschließend wieder frei. Das Verfahren braucht keine Wärme, sondern Strom. Den können die Berliner flexibel auf Zeiten mit viel Wind- und Solarstrom legen.

Der Schweizer Marktführer Climeworks setzt dagegen auf Hitze: Filtermodule werden auf rund 100 Grad erhitzt, dafür braucht es kontinuierlich verfügbare Wärmequellen. Auf Island nutzt Climeworks Geothermie, in Hinwil bei Zürich Abwärme aus einem Müllkraftwerk. Climeworks ist dabei auf geologische Speicherstätten in unmittelbarer Nähe der Anlage angewiesen, auf Island direkt vor Ort im Basaltgestein. Die Berliner sind hier flexibler: Das Verfahren trennt Abscheidung und Speicherung räumlich, das CO2 aus Marzahn wird eigens nach Dänemark transportiert.

Beim Preis liegt das Unternehmen nach eigenen Angaben aktuell bei unter 300 Euro pro Tonne CO2. Eine unabhängige Machbarkeitsstudie soll laut Unternehmen langfristig einen Pfad unter 100 Euro pro Tonne bestätigen. Climeworks liegt laut Marktschätzungen bei 600 bis 800 Dollar pro Tonne.

Für die Standardisierung von Planung und Automatisierung kooperieren die Berliner mit Siemens. „Der Aufbau der Kohlenstoffwirtschaft braucht skalierbare und zuverlässige Infrastruktur", sagt Florian Tiller, Mitgründer und CEO von Ucaneo. „Siemens ist dabei ein Schlüsselpartner, wenn es darum geht, DAC-Systeme zu standardisieren und zu automatisieren und so den kosteneffizienten Einsatz im industriellen Maßstab zu ermöglichen. Gemeinsam bauen wir die belastbare Infrastruktur für CO2-Entnahme, die wir brauchen, um vom ersten verifizierten deutschen DAC- und Speicherprojekt zu künftigen Anlagen weltweit zu skalieren."

„Unsere Aufgabe ist es, diese Innovation von der ersten Anlage zum weltweiten Rollout zu bringen, über eine standardisierte Automatisierungsvorlage, die jede weitere Anlage beschleunigt", sagt Christian Gückel, Head of Vertical Chemicals bei Siemens Digital Industries. Für Siemens ist das Verfahren der Berliner „effizient, vollständig elektrifiziert und bereit für den industriellen Maßstab".

KennzahlUcaneo (Berlin)Climeworks (Mammoth, Island)
Kapazität150 Tonnen CO2/Jahr36.000 Tonnen CO2/Jahr
Kosten pro Tonneunter 300 Euro (Unternehmensangabe)600-800 US-Dollar (Schätzung)
EnergiequelleStrom, flexibel steuerbarWärme (ca. 100 °C), kontinuierlich
SpeicherungGesteinsformationen in DänemarkBasaltgestein vor Ort auf Island

Warum die Nachfrage nach DAC-CO2 gerade wächst

Das abgeschiedene CO2 aus Marzahn erreicht laut Siemens und Ucaneo eine Reinheit von über 99,9 Prozent und ist damit industrietauglich für die Weiterverarbeitung, etwa zu nachhaltigem Flugkraftstoff (SAF), Methanol oder für Lebensmittel- und Getränkeanwendungen. Das trifft auf einen Markt, der gerade erst entsteht.

Die EU-Verordnung ReFuelEU verpflichtet Fluggesellschaften, an EU-Flughäfen ab 2030 mindestens 1,2 Prozent des Kerosins als synthetischen E-Kraftstoff beizumischen. Bis 2050 steigt dieser Anteil auf 35 Prozent. Für die Herstellung von E-Kerosin wird CO2 als Rohstoff benötigt, ein Grund, warum die Nachfrage nach DAC-CO2 zusätzlich zur reinen Klimaschutz-Speicherung wächst.

Für 2027 plant Ucaneo laut Siemens bereits eine Folgeanlage mit etwa der zehnfachen Kapazität, rund 1.500 Tonnen CO2 pro Jahr. Der Baubeginn ist für kommendes Jahr vorgesehen. Bis 2035 wollen die Berliner auf eine jährliche Entnahme von einer halben Gigatonne CO2 kommen, laut Siemens ungefähr die Größenordnung der gesamten jährlichen CO2-Emissionen Kanadas.

Aramco Ventures als Investor: Wo die Kritik ansetzt

An der Seed-Runde der Berliner beteiligt war unter anderem Aramco Ventures, der Venture-Capital-Arm von Saudi Aramco. Der Ölkonzern stößt laut Berechnungen von Klimaforschern jährlich rund 2,5 Milliarden Tonnen CO2 aus und gilt als das Unternehmen mit dem weltweit größten Treibhausgas-Fußabdruck.

Kritiker warnen seit Jahren vor einem Moral-Hazard-Effekt: DAC-Technologie könnte fossilen Konzernen als Feigenblatt dienen, um eigene Emissionen nicht zu senken, sondern rechnerisch zu kompensieren. Climeworks reagiert darauf mit einer klaren Governance-Regel: Das Unternehmen verkauft keine Entnahme-Zertifikate an Öl- und Gasförderer und arbeitet nicht mit Enhanced Oil Recovery zusammen, bei der abgeschiedenes CO2 zur Förderung weiteren Öls in Lagerstätten gepresst wird.

Ob die Berliner eine vergleichbare Regel für ihre Investoren und Kunden haben, ist öffentlich nicht dokumentiert. Kapital von Saudi Aramco in einer Infrastruktur zu haben, die CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt, ist kein Widerspruch per se, Carbon Removal braucht Kapital in Milliardenhöhe, und fossile Konzerne haben davon viel. Entscheidend ist die Frage, die das Unternehmen bislang nicht öffentlich beantwortet: Wer darf die erzeugten Entnahme-Zertifikate am Ende nutzen, und dient die Anlage der Emissionsminderung oder der Reputationspflege eines Ölkonzerns.

Einordnung im DAC-Markt 2026

Ucaneo reiht sich in ein Feld ein, das 2026 spürbar in Bewegung gerät. Das niederländische Unternehmen Skytree hat kürzlich eine eigene DAC-Anlage in Betrieb genommen, Climeworks hat mit der TD Bank einen mehrjährigen Vertrag über CO2-Entnahme-Zertifikate geschlossen. Laut Siemens zeigt der Marzahner Standort vor allem eines: In Deutschland ist die Technologie aus dem Pilotstadium heraus und wird zur industriellen Infrastrukturfrage.

QUELLEN

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  1. Siemens: Siemens and Ucaneo partner to scale direct air capture, 25. Juni 2026
  2. Tagesspiegel, Thomas Loy: In Marzahn entsteht eine Vorzeigeanlage: Berliner Start-up will tonnenweise CO2 aus der Luft ziehen
  3. Energiezone Podcast, Interview mit Florian Tiller (Ucaneo)
  4. rbb, Juni 2026
  5. Cleanthinking: Skytree DAC-Anlage Niederlande
  6. Cleanthinking: Climeworks Solutions TD Bank CDR-Vertrag
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