Windkraft wird billiger. Nur nicht in Deutschland

ENERGIEWENDE · 03. JULI 2026

Kosten der Windenergie: Deutschland ist der Ausreißer, nicht China

Strom aus Wind und Sonne wird weltweit billiger, in China schneller als irgendwo sonst. Deutschland läuft gegen diesen Trend. Der neue IRENA-Kostenreport zeigt, wo der Aufschlag entsteht: bei Planung, Netzanschluss und Material, kaum bei der Technik selbst.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN LESEN


Ein Windpark an Land kostete in China 2025 zehn Prozent weniger als im Vorjahr: 789 US-Dollar pro Kilowatt, der niedrigste Wert weltweit. In Deutschland stiegen die Baukosten im selben Zeitraum um drei bis sieben Prozent. Kaum ein anderer großer Markt verteuerte sich so deutlich.

Das ist der zentrale Befund im neuen Kostenreport der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA): Fast überall auf der Welt sinken die Kosten der Windenergie, in Deutschland steigen sie. Der Report vergleicht die sogenannten Total Installed Costs (TIC), also alles, was ein Windpark oder eine Solaranlage bis zur Inbetriebnahme kostet: Turbinen, Module, Fundamente, Netzanschluss, Planung, Genehmigung.

Bei Windkraft an Land liegt Deutschland 2025 bei 1.828 US-Dollar pro Kilowatt, mehr als doppelt so viel wie China. Auch die Stromgestehungskosten laufen auseinander: 52 US-Dollar pro Megawattstunde in Deutschland, 27 in China. Gemeint ist der Strompreis, den eine Anlage über ihre gesamte Lebensdauer mindestens erlösen muss.

Was den deutschen Windpark verteuert

IRENA verweist für Deutschland auf Zahlen des Beratungsunternehmens Deutsche WindGuard: Die Investitionskosten für Planung, Netzanschluss und weitere Projektschritte sind entlang der gesamten Entwicklungskette gestiegen. Teurer wird vor allem der Weg vom Projektantrag bis zum Baubeginn.

Auf reine Verwaltungskosten lässt sich das aber nicht reduzieren. Laut IRENA machen Turbinen in Deutschland weiterhin 47 Prozent der Gesamtinvestition aus, in den USA sind es 55 Prozent.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags zeichnet die Entwicklung auf Basis der WindGuard-Erhebung nach: Die Hauptinvestitionskosten für Windturbinen sanken zwischen 2015 und 2020, seither steigen sie wieder. Treiber sind Rohstoff- und Logistikkosten, verstärkt durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ab 2022. Für 2024 nennt der Bericht 910 bis 1.420 Euro pro Kilowatt, inklusive Fundament.

Zwei Effekte überlagern sich also: weltweit teureres Material und teurere Logistik, dazu ein deutscher Aufschlag bei Planung und Netzanschluss. An der Turbinentechnik selbst liegt es kaum.

Dabei spricht der Ertrag sogar für den Standort: Deutsche Windparks erreichten 2025 einen Kapazitätsfaktor von 46 Prozent, einen der höchsten Werte aller von IRENA erfassten Länder. Der Kapazitätsfaktor beschreibt, wie viel Strom eine Anlage im Verhältnis zu ihrer Nennleistung tatsächlich liefert. Die höheren Investitionskosten fressen diesen Vorteil laut Report auf.

LandWind-TIC 2025 (USD/kW)Veränderung ggü. 2024Wind-LCOE 2025 (USD/MWh)
China789-10 %27
Brasilien1.282-4 %31
Indien1.172+3 %43
USA1.668+4 %40
Deutschland1.828+3 bis +7 %52
Quelle: IRENA (2026), Renewable Power Generation Costs in 2025. TIC = Total Installed Costs, LCOE = Stromgestehungskosten.

Was an der Solar-Zahl irritiert

Bei Solarparks meldet IRENA für Deutschland den stärksten Kostenanstieg aller im Report genannten Länder: plus 40 Prozent auf 850 US-Dollar pro Kilowatt. Als Treiber nennt der Report Verkabelung, Gestelle, Wechselrichter und Bauleistung, während die Modulpreise europaweit fielen. Frankreich (minus 24 Prozent) und Spanien (minus 18 Prozent) bewegen sich in die Gegenrichtung.

Diese Zahl passt nicht zu dem, was deutsche Marktbeobachter zeitgleich berichten. Fraunhofer ISE und der Bundesverband Solarwirtschaft sehen für Freiflächenanlagen über 10 Megawattpeak eher sinkende Systempreise: 600 bis 1.000 Euro pro Kilowattpeak, bei Spotmarkt-Modulpreisen von 0,09 bis 0,15 Euro pro Watt.

Der Widerspruch lässt sich mit den vorliegenden Quellen nicht auflösen. Denkbar sind unterschiedliche Anlagensegmente, ein Wechselkurs- oder Basiseffekt im IRENA-Datensatz oder eine andere Erhebungsmethodik. Bei den Windkraft-Zahlen gibt es diese Unschärfe nicht: IRENA und der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags stützen sich übereinstimmend auf die Erhebungen der Deutschen WindGuard.

Liegt es am Kapital?

Das IRENA-Vorwort bietet eine Erklärung an, die auf viele Länder zutrifft: Der bindende Engpass seien vielerorts inzwischen die Kapitalkosten. Länderrisiko, Zinsniveau und Inflation erklären laut dem IRENA-eigenen Finanzierungsmodell 56 Prozent der weltweiten Unterschiede bei den Finanzierungskosten, die Technologie 24 Prozent.

Auf Deutschland passt dieses Argument nur bedingt, es zielt auf Schwellen- und Entwicklungsländer mit hohem Länderrisiko. Für Deutschland trennt der Report sauber: Die Stromgestehungskosten stiegen, weil höhere Investitionskosten bei Planung und Netzanschluss die guten Kapazitätsfaktoren überkompensierten. Der deutsche Fall ist kein Kapitalkosten-Problem, sondern ein Struktur-Problem.

Der Strommarkt zeigt ein ähnliches Muster

Die Daten von Fraunhofer ISE zum ersten Halbjahr 2026 zeigen ein verwandtes Bild. Erneuerbare deckten 58,5 Prozent der deutschen Netzlast, ein Rekordwert. Zugleich stieg der volumengewichtete Day-Ahead-Börsenstrompreis von 86,64 auf 93,70 Euro pro Megawattstunde.

Fraunhofer ISE nennt dafür kurzfristige Gründe: schwachen Wind im Januar und Februar sowie Folgeeffekte des Iran-Kriegs auf die Gaspreise, die die frühjahrstypische Preissenkung ausbremsten. Mit den IRENA-Baukosten hat dieser Börsenpreis unmittelbar nichts zu tun. Das Grundmuster ähnelt sich trotzdem: Deutschland baut mehr erneuerbare Kapazität, ohne dass die Kosten im gleichen Tempo sinken.

An dieser Stelle beginnt der eigentliche Flaschenhals: Trassen, Netzanschlüsse und Genehmigungsverfahren begrenzen das Tempo der Energiewende. Die vier Übertragungsnetzbetreiber veranschlagen rund 14.200 Kilometer neue Stromtrassen bis 2045, mit einem geschätzten Investitionsbedarf von 650 Milliarden Euro. Die IRENA-Zahlen zeigen, dass dieser Engpass auf der Kostenseite einzelner Windparks angekommen ist.

Was das für die Energiewende bedeutet

Der Report räumt mit zwei bequemen Erzählungen zugleich auf. Die eine hält Erneuerbare für ein Auslaufmodell mit steigenden Kosten, global stimmt das Gegenteil. Die andere wiegt sich in der Gewissheit, Deutschland liege beim Ausbau automatisch auf der richtigen Kostenspur.

Wer Windkraft in Deutschland günstiger machen will, muss auf keine neue Turbinengeneration warten. Der Hebel liegt bei kürzeren Planungs- und Genehmigungswegen und einem Netzanschluss, der kein eigener Kostentreiber ist. China zeigt, wie schnell die Kurve dreht, wenn Verfahren und Markt mitziehen.

QUELLEN

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  1. IRENA: Renewable Power Generation Costs in 2025, 2026.
  2. Deutsche WindGuard: Kostensituation der Windenergie an Land - Stand 2025, Oktober 2025.
  3. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags: Kosten von Windenergieanlagen und bestimmten Seltenen Erden (WD 5 - 3000 - 085/25), 20. November 2025.
  4. Fraunhofer ISE: Öffentliche Nettostromerzeugung in Deutschland im ersten Halbjahr 2026, Pressemitteilung, 1. Juli 2026.
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