E-Kerosin: Erfunden in Dresden, gefeiert in Shanghai

LUFTFAHRT · 22. JULI 2026

E-Kerosin: Erfunden in Dresden, gefeiert in Shanghai

Das Cleantech-Startup Carbonology aus Shanghai feiert E-Kerosin als Weltsensation, erfunden wurde die Technik in Dresden. Während Berlin Milliarden in Kernfusion steckt, strich der Bundesrat zum Jahreswechsel die einzige Nachfragegarantie für die eigene Industrie.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. Lesezeit LESEN


Im März 2026 verkündet Robin Ren über die South China Morning Post, sein Startup Carbonology könne Kerosin aus Luft, Wasser und Ökostrom herstellen, zu Preisen, die mit fossilem Kerosin konkurrieren könnten. Der frühere Tesla-Vizepräsident, der einst die Gigafactory Shanghai mitverhandelte, nennt das Verfahren einen Durchbruch. Im Januar 2026 war im Forschungszentrum Shanghai-Lingang die erste Testlinie angelaufen, im März verließ das erste Barrel Kerosin die Anlage.

Diese Ankündigung kommt mir bekannt vor. Ihr deutsches Original habe ich selbst miterlebt, elf Jahre früher, in Dresden.

Am 23. März 2015 floss bei Sunfire in Dresden zum ersten Mal Blue Crude, ein synthetisches Rohöl aus CO₂, Wasser und Strom. Ich war damals Pressesprecher des Unternehmens und stand daneben, als wenige Wochen später Forschungsministerin Johanna Wanka ihren Dienstwagen, einen Audi A8, mit e-Diesel aus genau dieser Anlage betankte. Das Verfahren, das Ren heute als chinesische Weltneuheit vorstellt, lief in Dresden bereits 2014 im Demonstrationsmaßstab.

2015 befüllte die damalige Bundesforschungsministerin Johanna Wanke ihren Dienstwagen mit dem synthetischen Kraftstoff. Foto: v.l. Christian von Olshausen, CTO von sunfire (links) und Reiner Mangold, damals Leiter Nachhaltige Produktentwicklung Audi.
2015 befüllte die damalige Bundesforschungsministerin Johanna Wanke ihren Dienstwagen mit dem synthetischen Kraftstoff. Foto: v.l. Christian von Olshausen, CTO von sunfire (links) und Reiner Mangold, damals Leiter Nachhaltige Produktentwicklung Audi. (Foto: Audi AG)

Die eigentliche Geschichte dieses Sommers spielt deshalb in Berlin: Eine Technologie, bei der deutsche Firmen bis heute weltweit führen, wird gerade politisch ausgehungert, exakt in dem Moment, in dem die ersten Anlagen anlaufen.

CO₂ aus der Luft, Kerosin aus dem Elektrolyseur

Carbonology nennt sein Verfahren Direct Air Capture, kurz DAC: Anlagen filtern CO₂ direkt aus der Umgebungsluft. Das ist jedoch nur die Kohlenstoffquelle, nicht der eigentliche Herstellungsweg zum Kerosin.

Tatsächlich handelt es sich um klassisches Power-to-Liquid, kurz PtL: Das CO₂ aus der Luft wird mit Wasserstoff aus einem Elektrolyseur und Ökostrom über die Fischer-Tropsch-Synthese, ein jahrzehntealtes Verfahren aus der Kohleverflüssigung, zu flüssigem Kerosin verarbeitet. Mitgründer Zhang Hongxi brachte laut Unternehmensangaben Erfahrung vom kanadischen DAC-Pionier Carbon Engineering mit. Was auf der Bühne wie eine neue Technologie wirkt, ist eine neue Kombination bekannter Bausteine.

Von einer industriellen Anlage ist Carbonology weit entfernt, die Testlinie in Shanghai-Lingang läuft in der 100-Tonnen-Klasse. Erst im Juni 2026 begann in der Region Ningxia der Bau eines Projekts im Kilotonnen-Maßstab, eine Anlage für 10.000 Tonnen pro Jahr ist für 2027 angekündigt, aber noch nicht gebaut.

Finanziert wird das Startup von HongShan, dem chinesischen Ableger von Sequoia, und von Tencent, das sich im Oktober 2025 mit 2,5 Prozent beteiligte. Die vorausgegangene Angel-Runde lag im niedrigen zweistelligen Millionenbereich Renminbi, ein bescheidener Betrag für die vermarktete Weltsensation.

Am lautesten ist der Claim, den niemand belegt: Carbonology verspreche Preisparität mit fossilem Kerosin, heißt es in der Berichterstattung, eine einzige Zahl dazu hat das Unternehmen nie genannt. Ren räumte laut chinesischen Medienberichten ein, das Verfahren sei energieintensiv und teuer. Unabhängige Studien, etwa vom International Council on Clean Transportation und vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, kommen auf das Drei- bis Sechsfache des fossilen Preises. Zertifiziert ist das Verfahren nach dem in der Luftfahrt üblichen ASTM-Standard bislang nicht.

Wer diese Technik heute wirklich beherrscht

Sunfire baut heute keine kompletten PtL-Anlagen mehr, sondern konzentriert sich auf Elektrolyseure, das Herzstück jeder solchen Kette, in der Wasser mit Strom in Wasserstoff gespalten wird. Über 500 Millionen Euro Finanzierung sind seit der Serie E 2024 in das Dresdner Unternehmen geflossen. Im Januar 2026 bestellten die spanischen Energiekonzerne Repsol, Enagás und Petronor bei Sunfire Elektrolyseure mit 200 Megawatt Leistung, einer der größten Aufträge der Branche weltweit.

Am weitesten ist Ineratec, eine Ausgründung des Karlsruher Instituts für Technologie. Die Anlage ERA ONE in Frankfurt-Höchst läuft seit Juni 2025 und soll bis zu 2.500 Tonnen PtL-Kerosin pro Jahr produzieren, nach Unternehmensangaben Europas größte Anlage dieser Art. Seit Juni 2026 ist sie nach ISCC-EU zertifiziert, dem Nachhaltigkeitsstandard für Bio- und E-Kraftstoffe, als erste PtL-Anlage überhaupt, am 8. Juni 2026 flog eine KLM-Maschine von Amsterdam nach Hamburg mit fünf Prozent Ineratec-Kerosin im Tank.

Die Serie B brachte Ineratec 2024 129 Millionen US-Dollar. Erfahrung mit Luft-CO₂ hat Ineratec aus dem Forschungsprojekt Kopernikus P2X, wo es gemeinsam mit dem Schweizer DAC-Anbieter Climeworks Kraftstoff aus Luft-CO₂ demonstrierte. Während Carbonology im März sein erstes Barrel feierte, belieferte Ineratec im Juni bereits einen echten Linienflug mit zertifiziertem Treibstoff, gemessen an diesem Maßstab liegt die deutsche Technik vorn.

In Schwedt entsteht mit Concrete Chemicals, einem Gemeinschaftsunternehmen von Enertrag und Zaffra, Shells Plattform für nachhaltigen Flugkraftstoff (e-SAF), Deutschlands bislang größte geplante Anlage dieser Art. Über 37.000 Tonnen pro Jahr sollen dort entstehen, 30.000 Tonnen e-Kerosin und 7.000 Tonnen e-Naphtha, das Kohlendioxid liefert die benachbarte Papierfabrik Leipa. Der Bund fördert das Projekt mit 350 Millionen Euro, die finale Investitionsentscheidung fällt aber erst 2027, sie hängt an der Nachfragegarantie, die der Bundesrat gerade gestrichen hat.

Einen dritten Weg geht das Schweizer Unternehmen Synhelion, das mit konzentrierter Sonnenwärme statt Elektrolyse arbeitet: Solarthermie spaltet CO₂ und Wasser zu Synthesegas, das per Fischer-Tropsch-Synthese zu Kerosin wird. Die Anlage DAWN in Jülich gilt als weltweit erste industrielle Solartreibstoff-Anlage, die Fluggesellschaft Swiss hat sich als Abnehmerin verpflichtet. Das zeigt: Sobald eine Airline verbindlich zusagt, entsteht Nachfrage, unabhängig vom Verfahren.

Unternehmen Verfahren Status Finanzierung / Förderung
Sunfire (Dresden)Elektrolyse (Zulieferer)200-MW-Auftrag Spanien, Jan. 2026>500 Mio. Euro (Serie E)
Ineratec (Karlsruhe)Elektrolyse-PtL, Fischer-TropschISCC-zertifiziert, bis 2.500 t/a129 Mio. USD (Serie B)
Concrete Chemicals (Schwedt)Elektrolyse-PtL>37.000 t/a geplant, FID 2027350 Mio. Euro Förderung
Caphenia (Bernau/Frankfurt)Plasma-Boudouard + Fischer-TropschDemoanlage 500 t/a, Start H1 2025>2 Mio. Euro (Hessen)
refuel.green (Dresden)Plasmakatalyse (e-Methanol)Pilot ca. 1 l/Woche, Schwedt1,2 Mio. Euro (Pre-Seed)
Synhelion (Schweiz)Solarthermie / Sun-to-LiquidAnlage DAWN in Betriebk. A.
Carbonology (Shanghai)Elektrolyse-PtL (DAC als CO₂-Quelle)Testlinie, 1. Barrel März 2026zweistellige Mio. RMB (Angel)

Quelle: Unternehmensangaben, Stand Juli 2026.

Diese Kompetenz reicht über den deutschen Markt hinaus. Die Prüfungsgesellschaft EY beziffert den weltweiten Investitionsbedarf für nachhaltigen Flugkraftstoff auf ein bis anderthalb Billionen US-Dollar, dafür braucht es weltweit hunderte Anlagen, und Sunfires Auftrag aus Spanien zeigt: Deutsches Engineering ist schon gefragt. Die Technik ist vorhanden, was fehlt, ist politische Rückendeckung im eigenen Land.

Die Quote fällt, kurz bevor die Anlagen anlaufen

Am 19. Dezember 2025 beendete der Bundesrat die nationale PtL-Quote, wirksam zum 1. Januar 2026. Die Quote hätte Luftfahrtunternehmen verpflichtet, einen wachsenden Anteil ihres Kerosins aus Power-to-Liquid-Anlagen zu beziehen.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft begrüßte die Streichung. Die Quote sei ein „energie- und klimapolitischer Irrweg" gewesen, erklärte Hauptgeschäftsführer Joachim Lang, da mangels industrieller Produktion ohnehin nur Strafzahlungen gedroht hätten.

Die Argumentation dreht die Kausalität um: Die Quote war das Instrument, das Investitionssicherheit schafft, aus der Produktion erst entsteht. Wer die Nachfrage streicht, weil es noch kein Angebot gibt, verhindert das Angebot dauerhaft. Die Deutsche Umwelthilfe protestierte aus genau diesem Grund gegen die Entscheidung.

Für Unternehmen wie Concrete Chemicals, die 2027 über den Bau ihrer Großanlage entscheiden, war die Quote genau das Signal, das eine Investitionsentscheidung braucht: eine verlässliche, wachsende Abnahmeverpflichtung. Sie fiel weg in dem Moment, in dem die ersten Testanlagen in Betrieb gingen, in Shanghai wie in Dresden.

Neun Milliarden für eine Wette in den 2040er Jahren

Im Oktober 2025 beschloss die Bundesregierung einen Kernfusions-Aktionsplan mit einem Volumen von rund neun Milliarden Euro über mehrere Jahre. Forschungsministerin Dorothee Bär nannte ihn ein „Flaggschiff der Hightech-Agenda", Ziel ist das erste kommerzielle Fusionskraftwerk der Welt.

Strom aus Fusion ist frühestens in den 2040er Jahren zu erwarten, Beobachter sprechen von einer Wette auf eine Technologie ohne Präzedenzfall im Netzbetrieb. Vergleichbar sind die Fördersummen nicht eins zu eins, der Fusions-Aktionsplan ist ein mehrjähriges Gesamtprogramm, die Förderungen für e-Kerosin sind einzelne Projektzuschüsse. An der Prioritätenfrage ändert das nichts: Neun Milliarden Euro fließen in dieses Wagnis, während die einzige heute marktreife Lösung zur Dekarbonisierung der Luftfahrt ihre gesetzliche Nachfragegarantie verliert.

Wie schmal die Förderbasis ist, zeigen die Einzelbeträge: Caphenia, ein kleineres Startup, erhält aus Hessen gut zwei Millionen Euro, Concrete Chemicals mit 350 Millionen Euro die größte Einzelförderung der Branche, aber einmalig, für ein Projekt, dessen Investitionsentscheidung erst 2027 fällt.

Bundeskanzler Friedrich Merz forderte in seiner Eröffnungsrede zur IAA Mobility am 9. September 2025 „technologische Führung ‚made in Germany'" und rief zum Forschen, Entwickeln, Produzieren und Exportieren als Leitbilder auf. Bei e-Kerosin existiert diese Führung bereits, mit Sunfire, Ineratec und Concrete Chemicals. Drei Monate später ließ derselbe Staat die Nachfragegarantie für genau diese Führung auslaufen.

Wie klein der deutsche Beitrag bisher ist, zeigt die globale Zahl: Der Anteil von nachhaltigem Flugkraftstoff am weltweiten Kerosinbedarf stieg nach IATA-Angaben von rund 0,3 Prozent 2024 auf voraussichtlich 0,8 Prozent 2026, das Wachstum verlangsamt sich bereits. Das ist Flugkraftstoff aus Biomasse eingerechnet, der Anteil aus reinem Power-to-Liquid liegt nahe null. Das ist kein Widerspruch zur deutschen Führung bei dieser Technologie, die liegt in Technologiereife, Zertifizierung und Anlagenbau, nicht im weltweit produzierten Volumen.

Deutschland selbst vertankt jährlich acht bis zehn Millionen Tonnen Kerosin, die größte deutsche Anlage in Schwedt würde davon nur rund 0,3 Prozent decken. Dasselbe Muster zeigt sich bei Carbonologys niedrigem zweistelligen Millionenbetrag an Startkapital: Gemessen an dem, was der weltweite Umbau der Luftfahrt kostet, ist die gesamte Branche unterfinanziert, in China wie in Deutschland.

Warum Chile eine Warnung ist, keine Blaupause

Wie es nicht laufen sollte, zeigt Haru Oni in Chile, das Vorzeigeprojekt von Porsche und dem Anlagenbauer HIF Global. Dort entsteht E-Benzin im Demonstrationsmaßstab, gut 100.000 Liter kumuliert bei einem Ziel von rund 130.000 Litern, die Skalierung wurde von 2025 auf 2029 verschoben. Das größere Folgeprojekt Cabo Negro mit einem angekündigten Volumen von rund 830 Millionen US-Dollar ist bisher nur angekündigt, nicht gebaut.

Die Herstellkosten liegen bei rund zehn Euro pro Liter, das ISCC-Zertifikat wurde im Juli 2026 erneuert, die Liefervereinbarung zwischen Porsche und Shell aus dem Mai 2025 bleibt ein Showcase ohne relevante Mengen. E-Fuel fürs Auto ist damit klima- und energiepolitisch Unsinn: Man erzeugt die teuersten Elektronen der Welt für eine Anwendung, für die das Batterieauto längst die wirtschaftlichere Lösung ist, und verschifft den fertigen Sprit anschließend von Patagonien nach Europa, wofür wiederum grüner Schiffstreibstoff nötig wäre. Doppelte Energieverschwendung für ein Problem, das bereits gelöst ist.

Auch Norsk e-Fuel in Norwegen zeigt, wie lange sich die Kommerzialisierung ziehen kann. Das Unternehmen ist seit acht bis zehn Jahren dabei, hat mehrere Zieljahre gerissen und steckt heute erst in der Basic-Engineering-Phase, neues Ziel ist 2032.

Was in beiden Fällen fehlschlägt, ist die zentrale Anlage fernab jeder Infrastruktur, mitten in der Wüste oder in Patagonien. Was dagegen vorankommt, sind Anlagen an bestehenden Industriestandorten mit vorhandenem CO₂ und vorhandenen Netzen, Ineratec in Frankfurt-Höchst, Concrete Chemicals in Schwedt. Kerosin lässt sich gut transportieren, die Standortfrage ist damit nicht endgültig entschieden, aber wer hunderte Anlagen weltweit bauen will, braucht vor allem eines: einen Anlagenbau, der das modular und industriell beherrscht.

Genau das ist die Kompetenz, die Sunfire, Ineratec, Concrete Chemicals und Synhelion bereits haben, unabhängig davon, ob die nächste Anlage in Schwedt steht oder in Ningxia. Die Technologie ist da, der Anlagenbau ist da, was fehlt, ist der politische Wille, daraus einen Markt zu machen. Bis dahin kommt die nächste Ankündigung aus Shanghai, ihr Ursprung liegt in Dresden.

Transparenz: Der Autor war 2014 bis 2016 Pressesprecher von Sunfire und berichtet in diesem Beitrag auch über seinen früheren Arbeitgeber.

QUELLEN

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  1. Frankfurter Rundschau (nach South China Morning Post): Kraftstoff aus Kohlendioxid und Wasser: Start-up will die Ölbranche überflüssig machen, 20.03.2026.
  2. Green Car Congress: Research facility in Dresden produces first batch of Audi e-diesel, 21.04.2015.
  3. Deutsche Umwelthilfe: Quote für E-Kerosin im Flugverkehr abgeschafft, Dezember 2025.
  4. IATA: Fact Sheet Sustainable Aviation Fuels (SAF), Juni 2026.
  5. EY: Erhöhung der Produktionskapazität für nachhaltige Flugkraftstoffe: Weltweit Investitionen von 1,0 bis 1,5 Billionen US-Dollar nötig, März 2025.
  6. ICCT / Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: Analysen zu Power-to-Liquid-Kosten.
  7. eFuels Forum: HIF Global renews ISCC EU certification for Haru Oni, 17.07.2026.
  8. Norsk e-Fuel: Projects.
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