Feuerwetter: Die Zahl hinter Europas Bränden

KLIMAWISSEN · 31. JULI 2026

Feuerwetter: Der Index hinter Europas Brandsommer

Feuerwetter ist eine berechenbare Größe aus Hitze, Trockenheit, Luftfeuchte und Wind. Der Index beschreibt, ab wann ein Feuer nicht mehr zu löschen ist. Eine Attributionsstudie zeigt, wie weit der Klimawandel ihn in Frankreich und Spanien verschoben hat.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. Lesezeit LESEN


Nach jedem großen Waldbrand läuft dieselbe Debatte: Brandstiftung oder Klimawandel. Über 90 Prozent der Vegetationsbrände in Europa zünden Menschen, durch Fahrlässigkeit, Funkenflug von Maschinen oder Absicht. Ob aus einem solchen Funken 40.000 Hektar werden, entscheidet das Feuerwetter der Wochen davor.

Der Begriff geht seit dem Brandsommer 2026 durch die Nachrichten, und dahinter steht eine Zahl, die Meteorologen seit den 1970er-Jahren täglich fortschreiben. Sie beschreibt den Zustand einer Landschaft, bevor der Funke fällt. Und sie ist inzwischen so gut belegt, dass sich ihre Verschiebung durch den Klimawandel binnen einer Woche nach einem Brand beziffern lässt.

Was ist Feuerwetter?

Feuerwetter bezeichnet die Kombination aus Wetterbedingungen, die Entstehung und Ausbreitung von Vegetationsbränden begünstigt. Vier Größen zählen: hohe Temperatur, niedrige Luftfeuchtigkeit, ausbleibender Niederschlag und Wind. Der Weltklimarat führt die Kategorie in seinem Sechsten Sachstandsbericht und stellt fest, dass diese Bedingungen weiter zunehmen.

Der Mechanismus wirkt über den Wassergehalt der Brennstoffe. Bleibt Regen aus, geben Böden, Gräser, Laub und Totholz Wasser an die Luft ab, und niedrige Luftfeuchte beschleunigt diesen Entzug. Wind facht die Flammen an und trägt Glut über die Front hinaus, wo sie neue Herde setzt.

Feuerwetter zündet nichts. Es beschreibt, wie sich ein Feuer verhält, wenn es einmal brennt, und ob Löschkräfte überhaupt noch eine Chance haben. Darin liegt der praktische Wert der Größe: Sie trennt die Zündursache sauber von den Bedingungen, unter denen ein Funke außer Kontrolle gerät.

Wie wird Feuerwetter gemessen?

Standard in Europa ist das kanadische Fire Weather Index System, kurz FWI. Das europäische Waldbrand-Informationssystem EFFIS berechnet damit täglich die Waldbrandgefahr für den Kontinent.

Der FWI modelliert die Feuchte verschiedener Brennstoffklassen getrennt. Feine Brennstoffe wie Kiefernnadeln und Bodenstreu reagieren binnen Stunden auf einen Wetterumschwung, schwere wie Totholz und vergrabenes organisches Material brauchen Wochen. Diese Feuchtewerte kombiniert der Index mit den Tageswerten für Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Windgeschwindigkeit.

Für längere Zeiträume nutzen Forschende das Daily Severity Rating, kurz DSR. Es ist eine Potenztransformation des FWI, die Extremwerte stärker gewichtet und sich dadurch über mehrere Tage und größere Flächen aufsummieren lässt. World Weather Attribution betrachtet die sieben Tage mit dem stärksten Feuerwetter eines Jahres, in der Fachnotation DSR7x.

„ein Maß dafür, wie schwer es ist, solche extremen Feuer zu löschen“, nennt Klimaforscherin Friederike Otto vom Imperial College London den Index in der Tagesschau. Er verrechne unter anderem Feuchtigkeit, Temperatur und Windgeschwindigkeiten über ein Sieben-Tage-Fenster.

In Deutschland veröffentlicht der Deutsche Wetterdienst während der Saison täglich einen Waldbrandgefahrenindex mit fünf Stufen, von sehr geringer bis sehr hoher Gefahr. Er berechnet sich ebenfalls aus Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchte und Wind. Konkrete Brände sagt er nicht voraus, er beschreibt allein die Bedingungen.

Warum macht ein nasser Winter den Sommer gefährlicher?

Ein feuchter Winter wirkt zunächst wie Schutz. Er füllt die Böden und drückt die Waldbrandgefahr im Frühjahr. In trockenheitsgeprägten Landschaften kippt dieser Effekt binnen weniger Monate.

Der Januar 2026 war in Spanien der nasseste seit einem Vierteljahrhundert. Im Gebiet des späteren Ávila-Feuers fielen 175 Prozent mehr Niederschlag als üblich, was den Aufbau großer Mengen niedriger Vegetation ermöglichte. Der folgende Sommer wurde nach Angaben des staatlichen Wetterdienstes AEMET der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen.

Die zusätzliche Biomasse trocknete aus und stand als leicht entzündliches Feinmaterial bereit. Fachleute nennen die Abfolge weather whiplash, den Peitschenschlag von nass auf trocken. Dasselbe Muster hatte World Weather Attribution bereits für die iberischen Brände des Jahres 2025 nachgewiesen, und es tritt auch in anderen Feuerregionen der Welt auf.

Entscheidend ist dabei die oberflächennahe Bodenfeuchte bis sieben Zentimeter Tiefe, die Forschende als Näherung für die Brennstofffeuchte verwenden. Sie lag in Frankreich und Spanien trotz des nassen Winters schon im Frühjahr unter dem Mittel und blieb es den Sommer über. Wie stark veränderte Wetterlagen diese Austrocknung antreiben, hat eine Untersuchung der Universität Leipzig aufgeschlüsselt (mehr dazu: Dürre in Europa), wie schnell Böden binnen Wochen umkippen können, zeigt das Phänomen der Blitzdürre.

Wie stark hat der Klimawandel das Feuerwetter verschoben?

World Weather Attribution hat die Lage in Südwestfrankreich und Zentralspanien am 30. Juli 2026 ausgewertet, wenige Tage nach dem Ausbruch der Brände bei Bordeaux. Die Gruppe verglich die beobachteten DSR7x-Werte mit denen einer um 1,4 Grad kühleren Welt ohne menschengemachte Erwärmung. Weil die Analyse allein auf Beobachtungsdaten beruht, lag sie binnen einer Woche vor.

Feuerwetter im Juli 2026, Attributionsergebnisse von World Weather Attribution
RegionWiederkehrzeit heuteIntensität ggü. vorindustriellWahrscheinlichkeit ggü. vorindustriellWahrscheinlichkeit ggü. 2000
Südwestfrankreich (Gironde, Landes)rund 22 Jahre+46 Prozentmindestens Faktor 2mindestens +40 Prozent
Zentralspanien (Toledo, Ávila, Madrid, Guadalajara)rund 6 Jahre+42 Prozentmindestens Faktor 20mindestens Faktor 3

Die Faktoren sind Wahrscheinlichkeitsaussagen, keine Größenaussagen. Der Faktor zwanzig für Zentralspanien beschreibt, wie viel häufiger solche Lagen geworden sind. Die Heftigkeit selbst legte um rund 42 Prozent zu.

Für Südwestfrankreich gibt die Gruppe den Faktor zwei als konservative Untergrenze an, weil das statistische Modell dort schlechter zu den Daten passt und die Seltenheit des Ereignisses vermutlich unterschätzt. Auffällig ist der Unterschied in den Wiederkehrzeiten: Eine Feuerwetterlage dieser Stärke ist in Südwestfrankreich noch ungewöhnlich, in Zentralspanien tritt sie im heutigen Klima etwa alle sechs Jahre auf.

Den Rahmen liefern die Flächen. Nach Angaben des WWF sind in der EU seit Jahresbeginn rund 386.000 Hektar verbrannt, etwa dreimal so viel wie im langjährigen Mittel, und der Höhepunkt der Saison steht noch bevor. Das Feuer in der Gironde zerstörte rund 40.000 Hektar, in Spanien brannten zwischen dem 13. und 28. Juli rund 140.000 Hektar.

Überraschend findet Otto an dem Befund nichts. Die Studie zeige exakt das, was die Forschung erwartet habe.

Auf Deutschland lassen sich die Werte allerdings nicht übertragen, weil Vegetationstypen und Brandregime sich vom Mittelmeerraum deutlich unterscheiden. Der allgemeine Zusammenhang gilt trotzdem: Mit häufigeren Hitze- und Trockenphasen steigt die Wahrscheinlichkeit gefährlicher Feuerwetterlagen.

Die Folgen reichen weit über die Brandfläche hinaus. In Bordeaux erreichte die Feinstaubbelastung PM2,5 am 26. Juli ein Tagesmittel von 115 Mikrogramm pro Kubikmeter, rund das Zwanzigfache des Werts, unterhalb dessen die Luftqualität in Europa als annehmbar gilt. Frankreich gab daraufhin erstmals bei einer Luftschadstofflage die nationale FFP2-Reserve an Apotheken frei (mehr dazu: Rauchwelt 2040).

Was folgt daraus für Europas Brandvorsorge?

Die politische Debatte dreht sich um Löschflugzeuge und Einsatzkräfte. Der Feuerwetterindex beschreibt jedoch genau den Punkt, an dem Löschen physikalisch scheitert. Oberhalb bestimmter Werte lässt sich eine Front nicht mehr halten, unabhängig von der Zahl der Maschinen.

Ein Widerspruch in den Daten macht das greifbar. Die Zahl extremer Feuerwettertage steigt in Westeuropa seit den 1950er-Jahren, in den am stärksten betroffenen Gebieten um bis zu fünf Tage pro Jahrzehnt. Die verbrannte Fläche in Mittelmeereuropa ging im selben Zeitraum deutlich zurück, weil Prävention und Brandbekämpfung besser wurden.

Diese Unterdrückung hat einen Preis: Sie lässt Brennstoff auflaufen. Treffen dann Zündquelle und extremes Feuerwetter zusammen, entstehen Ereignisse, die jede verfügbare Löschkapazität übersteigen. Genau solche Fälle häufen sich seit 2022.

Die zweite Stellschraube liegt in der Landschaft selbst. In den Landes de Gascogne stehen über 800.000 Hektar dicht gepflanzter Seekiefern-Monokultur, mit Nadelstreu am Boden, Leiterbrennstoffen bis in die Kronen und geschlossenen Kronendächern. Eine Beimischung weniger brennbarer Laubbäume würde das Risiko senken, sie ist wirtschaftlich unattraktiv und bleibt deshalb Ausnahme (mehr dazu: Pyrocumulonimbus).

In Spanien wirkt die Landflucht in dieselbe Richtung. In der Provinz Castelló stieg der Anteil dichter Wälder binnen 50 Jahren von 17 auf 28 Prozent, weil aufgegebene Flächen zuwuchsen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen am Waldrand: Für Katalonien beziffern Forschende den Anstieg der menschlichen Exposition je verbrannter Fläche zwischen 1992 und 2021 auf 42 bis 138 Prozent.

Beeinflussbar bleibt vor allem das Zeitfenster zwischen Zündung und Entdeckung. Dort setzen Sensornetze und Satelliten an, etwa die Gasdetektoren von Dryad Networks oder die Infrarot-Kleinsatelliten von OroraTech. Sie verkürzen die Vorwarnzeit auf Minuten, solange ein Feuer noch klein genug ist, um bekämpft zu werden.

Die Brände wirken auf das System zurück, das sie begünstigt. Frankreichs Feuer setzten am 24. Juli rund 300.000 Tonnen Kohlenstoff pro Tag frei, womit die kumulierte Jahresbilanz bereits über den Extremjahren 2003 und 2022 lag. Für 22 EU-Staaten rechnet der Lancet Countdown mit über 8.000 vorzeitigen Todesfällen jährlich durch Luftverschmutzung aus Vegetationsbränden.

Anpassung stößt damit an Grenzen, und der Index macht sichtbar, wo diese Grenzen verlaufen. Landschaftsplanung, Artenmix und Früherkennung senken das Risiko im Einzelfall. Den Index selbst senkt allein der Rückgang der fossilen Verbrennung, und zu diesem Schluss kommt auch World Weather Attribution am Ende der Analyse.

Häufige Fragen zu Feuerwetter

Löst der Klimawandel Waldbrände aus?

Nein. Über 90 Prozent der Vegetationsbrände in Europa werden von Menschen gezündet, durch Fahrlässigkeit, Funkenflug oder Brandstiftung. Der Klimawandel verändert die Bedingungen, unter denen sich ein solcher Brand ausbreitet und schwerer löschen lässt.

Wie oft tritt extremes Feuerwetter heute auf?

Nach der Attributionsstudie von World Weather Attribution vom 30. Juli 2026 ist eine Feuerwetterlage vom Ausmaß des Juli 2026 in Südwestfrankreich etwa alle 20 Jahre zu erwarten. In Zentralspanien tritt sie im heutigen Klima etwa alle sechs Jahre auf.

Was bedeuten die Waldbrandgefahrenstufen des DWD?

Der Deutsche Wetterdienst bewertet die Waldbrandgefahr während der Saison täglich auf einer Skala von 1 (sehr gering) bis 5 (sehr hoch). Berechnet wird sie aus Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und Wind. Die Stufe sagt keinen Brand voraus, sie beschreibt nur, wie leicht sich ein Feuer entzünden und ausbreiten könnte.

Gelten die Ergebnisse aus Südeuropa auch für Deutschland?

Direkt übertragbar sind sie nicht, weil Vegetationstypen, Klima und Brandregime sich deutlich unterscheiden. Der grundsätzliche Zusammenhang gilt trotzdem: Je häufiger extreme Hitze und Trockenheit auftreten, desto wahrscheinlicher werden gefährliche Feuerwetterlagen auch in Mitteleuropa.

QUELLEN

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  1. World Weather Attribution: Climate change increases likelihood of compounding drivers of severe wildfire conditions in France and Spain, 30. Juli 2026.
  2. tagesschau.de: Studie zu Feuerwetter: Welche Rolle spielt der Klimawandel bei Waldbränden?, 31. Juli 2026.
  3. Deutscher Wetterdienst: Waldbrandgefahrenindex, abgerufen am 31. Juli 2026.
  4. European Forest Fire Information System (EFFIS): Fire Danger Forecast, abgerufen am 31. Juli 2026.
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