INDUSTRIEWÄRME · 3. AUGUST 2026
IberdrolaKeramikindustrie elektrifizieren: Was Equipe Cerámicas in Spanien zeigt
Spaniens Keramikindustrie elektrifiziert ihre Hochtemperaturöfen: Equipe Cerámicas deckt in Castellón bereits 16,67 Prozent der Produktion mit Strom statt Gas, günstiger als der fossile Ofen. Ein Wasserstoff-Test der Branche scheiterte dagegen an den Kosten.
Strom schlägt Gas jetzt auch dort, wo es richtig heiß wird: Der spanische Fliesenhersteller Equipe Cerámicas brennt einen wachsenden Teil seiner Produktion in Elektroöfen, weil das günstiger ist als in den Gasöfen nebenan. Anfang Juli hat das Unternehmen den zweiten Elektroofen hochgefahren, zehn Millionen Euro Investition, 3.500 Quadratmeter Tagesproduktion. Der erste läuft seit zwei Jahren so überzeugend, dass die Firma ohne Fördergeld aus eigenen Mitteln nachgelegt hat. Zwei von zwölf Öfen arbeiten damit elektrisch, 16,67 Prozent der Gesamtproduktion.
Der Standort ist kein Zufall: Rund um Castellón an der spanischen Mittelmeerküste sitzt eines der größten Keramik-Cluster Europas, 124 Unternehmen mit 300 Öfen, die 2,7 Prozent des spanischen BIP erwirtschaften. Die Branche gehört zu den energiehungrigsten überhaupt: Der Brennprozess bei 1.200 Grad verschlingt allein 55 Prozent des gesamten Energiebedarfs eines Fliesenwerks. Genau in diesem Hochtemperatursegment galt Elektrifizierung lange als nicht wettbewerbsfähig.
Keramikindustrie elektrifizieren: Wie sich die Rechnung dreht
Equipe-Chef Rogelio Vila rechnet vor: Das Brennen kostet im Elektroofen 0,7 Euro pro Quadratmeter, im Gasofen 0,8 Euro. Die Kalkulation klammert die aktuelle Kriegslage im Iran noch aus, die Gaspreise weiter nach oben treiben dürfte. Möglich wird die Differenz durch fehlende Verbrennungsgase und eine kleinere Brennkammer: Der Elektroofen arbeitet 2,4-mal effizienter als sein Gas-Pendant.
„Der Prozess bleibt unverändert und ist bereits wettbewerbsfähig, ohne direkte CO₂-Emissionen", sagt Vila. Ein weiterer Vorteil: Der Elektroofen lässt sich ein- und ausschalten. Der Gasofen dagegen muss durchlaufen, weil er bis zu acht Stunden zum Aufheizen braucht. Gebaut hat die Anlage der lokale Hersteller Systemfoc mit Unterstützung des Instituts für Keramiktechnologie (ITC). Auch Pamesa Grupo, Europas größter Fliesenhersteller, testet inzwischen einen Elektroofen des Herstellers Kerajet.
Der Weg, den die spanischen Fliesenhersteller gehen, wird auch in Deutschland beschritten: Das Bremer Startup Heatrix hat seinen elektrischen Lufterhitzer erstmals in einem Ziegelwerk installiert, wo er den fossilen Gasbrenner im laufenden Betrieb ersetzt. Ziegel und Fliesen brauchen ähnliche Brenntemperaturen, die Herausforderung ist dieselbe: Hochtemperatur-Prozesswärme galt lange als kaum elektrifizierbar.
Wasserstoff-Test zeigt: Technisch machbar, wirtschaftlich chancenlos
Parallel zur Elektrifizierung hat der spanische Branchenverband Anffecc zwischen 2023 und 2025 erneuerbaren Wasserstoff für die Herstellung keramischer Fritten getestet, das sind glasartige Vorprodukte für Glasuren, deren Schmelzprozess 1.500 Grad erfordert. Investition: 2,1 Millionen Euro, größtenteils von der Region Valencia gefördert. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Qualität und Eigenschaften der Fritten entsprechen dem Gas-Standard, aber Wasserstoff bleibt vier- bis fünfmal teurer als Erdgas.
Anffecc rechnet vor, was eine Umstellung der gesamten Branche bräuchte: 2.000 Gigawattstunden Strom pro Jahr, das entspricht 935 Fußballfeldern voller Solarpaneele, dazu 802.000 Kubikmeter Wasser jährlich, umgerechnet 321 olympische Schwimmbecken. Am Pilotprojekt beteiligt waren unter anderem BP und Carburos Metálicos-Air Products. Die Erkenntnisse gingen an alle 22 Zulieferunternehmen der Branche, die zusammen 1,36 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften.
Die Allianz dahinter: Auch andere Branchen ziehen mit
Equipe Cerámicas ist Teil der Allianz Q-Cero, der 155 spanische Unternehmen angehören, getragen von der Technischen Universität Madrid, Tecnalia und Iberdrola. Ziel des Bündnisses: die thermische Nachfrage der Industrie elektrifizieren. Zwei weitere Mitglieder liefern bereits Resultate.
Pepsico erreichte Ende 2025 am Getränkestandort Etxabarri-Ibiña Netto-Null bei Scope 1 und 2, nachdem der Gaskessel durch einen elektrischen ersetzt wurde, vier Millionen Euro Investition, ergänzt um eine 2,5-Megawatt-Solaranlage und eine elektrische Gabelstapler-Flotte. Die Agrargenossenschaft Grupo AN ersetzte vor zehn Jahren Diesel-Generatoren in der Bewässerung durch Strom und senkte ihre Energiekosten damit um 40 bis 50 Prozent, seit 2023 ergänzt um eine Wärmepumpe.
Das spanische Institut für Keramiktechnologie rechnet mit zehn Prozent elektrifizierten Öfen bis 2030, 40 Prozent bis 2040 und vollständiger Elektrifizierung bis 2050. Zwei Hürden bremsen das Tempo: Das Stromnetz in der Region Castellón ist bereits zu 100 Prozent ausgelastet, und die Stromsteuer liegt höher als die Tabaksteuer. „Der Netzzugang wird jeden Tag komplizierter und bestimmt den Wandel", sagt Grupo-AN-Einkaufsleiter Javier Navarro. 2024 zahlte die Keramikbranche 37 Millionen Euro für Emissionsrechte, bis 2034 soll diese Summe um 20 Prozent steigen, weil die kostenlose Zuteilung schrumpft.
Die drei Beispiele zeigen ein Muster: Wo sich Prozesswärme technisch elektrifizieren lässt, rechnet sich der Umstieg bereits heute, mit eigenem Kapital bei Equipe Cerámicas, im Verbund bei Pepsico und Grupo AN. Wasserstoff bleibt dagegen selbst nach jahrelangem Testbetrieb ein Kostenproblem, vier- bis fünfmal teurer als Gas, ohne Aussicht auf schnelle Besserung. Für die meisten Industrieprozesse ist Elektrifizierung deshalb der wirksamste Hebel zur Dekarbonisierung, überall dort, wo genug Strom verfügbar ist und das Netz nicht zum Nadelöhr wird. In Deutschland hängt das Tempo vor allem an einer Größe: Bei der Industriewärme entscheidet der Strompreis, ob Gasbrenner ersetzt werden oder weiterlaufen.
QUELLEN
- Cinco Días: El sector azulejero apuesta por el horno eléctrico para descarbonizar su actividad, 31.07.2026.