Ölförderung im Wattenmeer: Die falsche Klimarechnung von Mittelplate

ENERGIEWENDE · 23. AUGUST 2026

Ölförderung im Wattenmeer: Die falsche Klimarechnung von Mittelplate

Deutschlands einzige Ölbohrinsel im Wattenmeer gilt als Sonderfall. Harbour-Energy-Chefin Claudia Kromberg nennt eine Schließung eine Verschlechterung für den Klimaschutz. Die Rechnung übersieht, was zählt: die verbrannte Menge, nicht die geförderte.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


„Wenn wir die Mittelplate schließen müssten, wäre das eine Verschlechterung für den Klimaschutz“, sagt Claudia Kromberg, Deutschlandchefin von Harbour Energy, in einer Reportage der WELT AM SONNTAG vom 23. August 2026 über Deutschlands einzige Ölbohrinsel im Wattenmeer. Widerspruch bekommt sie im Text nicht. Das Argument bleibt stehen, obwohl es sich in wenigen Schritten widerlegen lässt.

Mittelplate liegt seit 1987 mitten im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe. Die Plattform liefert nach Angaben des Branchenverbands BVEG rund 55 Prozent der deutschen Erdölproduktion, knapp eine Million Tonnen im Jahr, aus einem Feld, dessen Förderrecht 2041 ausläuft. Betreiber Harbour Energy beschäftigt rund 90 Menschen auf der Insel und stützt laut BVEG etwa 2.000 Arbeitsplätze in der Region.

Die Deutsche Umwelthilfe klagt seit Oktober 2024 gegen die Betriebspläne der Anlage. Der Streit um die Ölförderung im Wattenmeer ist damit zugleich ein Rechtsstreit und eine Klimafrage, und genau hier trennt sich, was oft vermischt wird. Kromberg beantwortet die Klimafrage mit einer Zahl zur Förderqualität. Die eigentliche Klimafrage stellt sich woanders.

Der erste Fehler: Förderung gegen Import gerechnet

Krombergs Logik unterstellt eine feste Größe: Wird in der Nordsee nicht gefördert, kommt das Öl eben per Tanker aus dem Ausland, mit längerem Transportweg und schlechterer Klimabilanz. Diese Rechnung hat nur einen Fehler. Sie behandelt die deutsche Ölnachfrage als gegeben, obwohl sie es nicht ist.

Die eigentliche Alternative zur Mittelplate ist nicht Importöl. Es ist Öl, das gar nicht erst verbrannt wird. Nach dem Global EV Outlook 2026 der Internationalen Energieagentur verdrängte die weltweite Flotte an Elektroautos im Jahr 2025 rund 1,7 Millionen Barrel Öl pro Tag, bis 2030 rechnet die IEA mit rund 5 Millionen Barrel täglich.

Mittelplate fördert etwa 17.000 Barrel am Tag. Die gesamte deutsche Ölproduktion, zu der die Plattform gut die Hälfte beiträgt, deckt knapp zwei Prozent des nationalen Bedarfs. Die globale Elektroflotte verdrängt Tag für Tag hundertmal mehr Öl, als die Plattform liefert. Jedes verkaufte E-Auto ersetzt ein Stück Ölförderung, ohne dass dafür eine Klage nötig wäre.

Kategorie Menge (Barrel/Tag)
Förderung Mittelplate17.000
Von E-Flotte verdrängte Ölnachfrage, weltweit 20251.700.000
Prognose verdrängte Ölnachfrage 20305.000.000

Quelle: IEA Global EV Outlook 2026; BVEG.

Diese Verschiebung ist auch eine Versorgungssicherheitsfrage, nicht nur eine Klimafrage. Wie Elektrifizierung Abhängigkeit von Ölimporten abbaut, hat Cleanthinking bereits am Beispiel der Iran-Krise eingeordnet. Den aktuellen Marktkontext zur Ölnachfrage 2026 liefert die Analyse zum Ölmarkt im Kriegsjahr.

Der zweite Fehler: saubere Förderung, schmutzige Verbrennung

Die WamS-Reportage beschreibt Mittelplate als nahezu emissionsfreien Betrieb: Ökostrom vom Festland, ein Wasserstoff-Versorgungsschiff, gedimmte Lichter zum Schutz von Zugvögeln, geklärtes Abwasser. Alles das betrifft die Emissionen der Förderung selbst, in der Klimabilanzierung Scope 1 und 2 genannt. Es ist ein reales, prüfbares Detail, aber es beantwortet die falsche Frage.

Der weitaus größte Teil der Lebenszyklus-Emissionen von Rohöl entsteht nicht bei der Förderung, sondern beim Verbrennen des daraus gewonnenen Kraftstoffs. Nach der Well-to-Wheel-Methodik des International Council on Clean Transportation liegen die Emissionen aus Förderung und Raffinierung von Rohöl im Schnitt bei rund 12 Gramm CO2-Äquivalent pro Megajoule, die Verbrennung von Benzin und Diesel im Fahrzeug bei rund 73 Gramm. Verbrennung macht damit rund 86 Prozent der gesamten Well-to-Wheel-Emissionen aus, Förderung und Raffinierung zusammen den Rest.

Der Branchenverband BVEG beziffert die Förderintensität von Mittelplate auf 0,26 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Barrel, gegenüber 16 Kilogramm im weltweiten Branchendurchschnitt. Die Zahl stammt vom Verband selbst, eine unabhängige Bestätigung gibt es bislang nicht. Selbst wenn sie zutrifft, ändert sie an der Gesamtrechnung wenig, weil dieser Teil ohnehin nur einen kleinen Bruchteil der Emissionen ausmacht.

Auch der kurze Transportweg, mit dem die Reportage argumentiert, endet nach elf Kilometern Pipeline an Land. Von dort geht das Öl an die Raffinerie Heide, die daraus unter anderem Flugbenzin für den Hamburger Flughafen macht, und an die Raffinerie Brunsbüttel für Bitumen. Beides sind Endprodukte, die anschließend noch per Lkw weiterverteilt werden, bevor sie überhaupt verbrannt werden.

Ein Bestandsschutz, den kein Gericht bestätigt hat

„Bei Betriebsbeginn von Mittelplate gab es die FFH-Richtlinie noch nicht, es gilt also Bestandsschutz“, sagt Kromberg in derselben Reportage. Das Wattenmeer ist seit 1998 FFH-Gebiet und seit 2001 Vogelschutzgebiet, die Plattform fördert seit 1987. Die Aussage klingt nach einer Rechtstatsache, ist aber bislang eine Behauptung, die kein Gericht bestätigt hat.

Die DUH klagte im Oktober 2024 gegen den Betriebsplan 2024 bis 2026, weil eine FFH-Verträglichkeitsprüfung fehle. Das Verwaltungsgericht Schleswig erklärte die Zulassung am 26. Februar 2026 für unwirksam und verhängte einen Förderstopp (Az. 6 B 17/24). Das Oberverwaltungsgericht Schleswig erlaubte die Förderung am 6. März 2026 per Eilentscheidung vorläufig wieder und wies den Eilantrag der DUH am 12. Mai 2026 endgültig zurück (Az. 5 MB 5/26).

Das Gericht begründete das ausdrücklich mit einer reinen Folgenabwägung, nicht mit einer inhaltlichen Prüfung. Die Erfolgsaussichten der Hauptsache bezeichneten die Richter als offen. Das Hauptsacheverfahren (Az. 6 A 51/24) läuft weiter, am 31. Juli 2026 stellte die DUH einen neuen Eilantrag und weitete die Klage auf den aktuellen Hauptbetriebsplan 2026 bis 2028 aus, für den nach ihrer Darstellung erneut keine FFH-Prüfung vorliegt.

Die FFH-Rechtsfrage ist damit in drei Gerichtsbeschlüssen nie inhaltlich geklärt worden. Das erstinstanzliche Gericht hielt die Zulassung sogar für unwirksam, bevor die zweite Instanz sie aus Gründen der Folgenabwägung vorläufig laufen ließ. Wer daraus, wie Kromberg, einen gesicherten Bestandsschutz macht, greift einer Entscheidung vor, die noch aussteht. Wer daraus, wie die DUH es in Teilen ihrer Kommunikation tut, bereits einen historischen Sieg macht, tut dasselbe in die andere Richtung.

Die Förderabgabe, die Harbour Energy an Schleswig-Holstein zahlt, fiel laut BVEG von 72 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 45 Millionen Euro im Jahr 2025. Rund 60 Prozent der Reserven liegen laut WamS noch im Boden, das Förderrecht endet 2041. Mittelplate wird also so oder so kleiner, mit oder ohne Urteil.

Der Streit um die Ölförderung im Wattenmeer ist damit vor allem ein Rückzugsgefecht um ein auslaufendes Feld. Die Frage, die über die deutsche Versorgungssicherheit entscheidet, wird nicht auf einer Bohrinsel im Wattenmeer verhandelt. Sie entscheidet sich in den Zulassungszahlen für Elektroautos.

QUELLEN

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  1. WELT AM SONNTAG: „Das Öl, das wir nicht wollen dürfen“, Daniel Wetzel, 23.08.2026.
  2. Oberverwaltungsgericht Schleswig: Pressemitteilung zur einstweiligen Erlaubnis der Ölförderung, 06.03.2026.
  3. Oberverwaltungsgericht Schleswig: Pressemitteilung zur Zurückweisung des Eilantrags, 12.05.2026.
  4. Deutsche Umwelthilfe: Pressemitteilung zum neuen Eilantrag gegen die Förderplattform Mittelplate, 31.07.2026.
  5. BVEG: Stellungnahme zur Klage der Deutschen Umwelthilfe zur Erdölproduktion auf Mittelplate, 03.03.2026.
  6. IEA: Global EV Outlook 2026.
  7. ICCT: Carbon Intensity of Crude Oil in Europe, Dezember 2010.
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