KLIMASCHUTZ · 24. AUGUST 2026

Moore als CO2-Speicher: der Klimahebel, den niemand zieht
Wälder verlieren an Speicherkraft, der Ozean nimmt laut aktueller Forschung spürbar weniger CO2 auf als erwartet. Moore könnten das Gegenbild liefern: pro Fläche binden sie mehr Kohlenstoff als jeder Wald, wenn sie nass sind. Deutschland hat den Ausbaupfad beschlossen, doch in der Fläche kommt er kaum an.
Ein Torfmoor speichert Kohlenstoff, ohne dass ein Baum darauf wächst. 15 Zentimeter Torfschicht binden auf derselben Fläche etwa so viel Kohlenstoff wie ein hundertjähriger Wald, ist die Schicht einen Meter dick, ist es das Sechsfache.
Moore bedecken nur drei bis vier Prozent der Landfläche der Erde, speichern aber bis zu einem Drittel des weltweiten Bodenkohlenstoffs, doppelt so viel wie alle Wälder der Welt zusammen. Das ist der Befund des Global Peatlands Assessment der Vereinten Nationen, mit dem auch das Greifswald Moor Centrum seit Jahren für Moorschutz wirbt.
Forschende der Technischen Universität München zeigen, dass Europas Wälder seit 2018 in beispiellosem Tempo Biomasse verlieren, im Schnitt 46 Prozent mehr pro Hektar und Jahr als zwischen 1985 und 2017, getrieben von Dürre und Borkenkäfer. Der deutsche Wald kämpft mit denselben Ursachen, und auch der Kipppunkt am Amazonas zeigt, wie schnell eine Senke kippen kann: Dort setzt Wald streckenweise bereits mehr Kohlenstoff frei, als er bindet.
Auch der Ozean, die zweite große natürliche Senke, nimmt weniger CO2 auf als gedacht: 2023 nahmen die Weltmeere fast eine Milliarde Tonnen oder rund zehn Prozent weniger CO2 auf als nach den Vorjahren zu erwarten war, vor allem wegen der Rekordtemperaturen im Nordatlantik (Müller et al., ETH Zürich). Die dritte Senke, das Moor, unterscheidet sich davon grundlegend: Ob sie speichert oder emittiert, hängt nicht von Wetter oder Ökosystem-Stress ab, sondern von einer politischen Entscheidung, die Deutschland getroffen, aber bislang kaum umgesetzt hat.
Ein Speicher, der zur Quelle kippt
Moore als CO2-Speicher funktionieren nur intakt und wassergesättigt. Trockengelegt kehrt sich der Effekt um: Ohne Wasser kommt Sauerstoff an den Torfkörper, Mikroorganismen zersetzen ihn, und Jahrtausende gespeicherter Kohlenstoff entweicht als CO2. Genau das ist in Deutschland der Regelfall: 92 Prozent der Moorböden sind entwässert, meist für Landwirtschaft.
Sie verursachen dadurch rund 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr (Stand 2020, BMLEH), gut sieben Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen.
Damit sind entwässerte Moore heute keine Randgröße der deutschen Klimabilanz, sondern eine der größten Einzelquellen außerhalb von Energie und Industrie. Die Zahl ist seit Jahren bekannt, die Kehrseite seltener mitgedacht: Wiedervernässung stoppt die Emissionen weitgehend, macht die Fläche aber nicht sofort zur Senke. Bis ein wiedervernässtes Moor wieder Torf aufbaut und damit netto Kohlenstoff bindet, vergehen Jahrzehnte.
Der Ausbaupfad existiert bereits
2022 legte die Bundesregierung die Nationale Moorschutzstrategie vor. Ziel: die jährlichen Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Moorböden bis 2030 um fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente senken. Finanziell unterlegt wurde das Vorhaben erst im März 2023, als das Kabinett das ressortübergreifende Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK) mit einem Gesamtvolumen von vier Milliarden Euro beschloss.
Im April 2026 ist mit der Förderrichtlinie Palu ein zweites, konkreteres Instrument dazugekommen, benannt nach der Paludikultur, der Bewirtschaftung nasser Moorflächen. Landwirtschaftsminister Alois Rainer stellte die Richtlinie vor, seither ist sie in Kraft und Landwirte können Anträge stellen: Bis Ende 2029 stehen 1,75 Milliarden Euro bereit, um rund 90.000 Hektar land- und forstwirtschaftlich genutzter Moorböden dauerhaft wiederzuvernässen.
Die Summe ist Teil des ANK-Gesamtvolumens, nicht zusätzlich dazu, gut vierzig Prozent des Programms fließen damit allein in den Moorbodenschutz. Ziel: 2,25 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente weniger pro Jahr bis 2030, rein rechnerisch knapp die Hälfte dessen, was die Moorschutzstrategie insgesamt für 2030 anpeilt.
Was auf nassem Boden wächst
Paludikultur ersetzt klassische Landwirtschaft auf entwässertem Moor durch Anbau auf nassem: Schilf, Rohrkolben, Torfmoos oder Seggen wachsen dort, wo vorher Mais oder Weidegras stand. Die Biomasse geht in Dämmstoffe, Verpackungen, Bau- und Papierprodukte. Wie viel CO2 eine Fläche dabei einspart, hängt stark von der Vornutzung ab: Entwässerte Ackerböden emittieren rund 37 Tonnen CO2-Äquivalente pro Hektar und Jahr, Grünland rund 29 Tonnen. Paludikultur drückt beide Werte auf fünf bis acht Tonnen. Die Einsparung von 20 bis gut 30 Tonnen pro Hektar und Jahr liegt deutlich über dem, was andere Klimaschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft erreichen.
„Moorböden wiederzuvernässen ist Klimaschutz als Geschäftsmodell”, sagte Rainer bei der Vorstellung der Richtlinie. Landwirte, die umstellen, sollen mit Paludikultur-Rohstoffen eine zusätzliche Einkommensquelle neben Milch und Getreide erschließen, so das Kalkül der Förderrichtlinie.
Dass sich damit tatsächlich Geld verdienen lässt, versuchen 14 Unternehmen zu zeigen, die sich in der PaludiAllianz zusammengeschlossen haben, einem Projekt der Michael Succow Stiftung, der Umweltstiftung Michael Otto und der Universität Greifswald. Die beteiligten Firmen kommen vor allem aus Bau-, Verpackungs-, Dämmstoff- und Papierindustrie und wollen Lieferketten für Paludikultur-Rohstoffe aufbauen, die bislang schlicht nicht existieren.
Warum der Hebel trotzdem kaum bewegt wird
Die Förderrichtlinie ist vier Monate alt, das ANK-Programm läuft seit 2023. Sichtbar geworden ist davon wenig, öffentlich diskutiert noch weniger. Das liegt an der Struktur des Problems selbst: Wiedervernässung setzt voraus, dass Landwirte ihre Betriebe umstellen und in eine Wertschöpfungskette investieren, die noch im Aufbau ist. Paludikultur ist Nische, nicht Standard. Abnehmer für Rohrkolben-Dämmstoffe oder Schilf-Verpackungen bleiben regional begrenzt.
Franziska Tanneberger vom Greifswald Moor Centrum, 2024 mit dem Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgezeichnet, hat im DBU-Interview wiederholt gemahnt, dass das aktuelle Wiedervernässungstempo nicht ausreicht, um die Klimaziele für Moorböden zu erreichen. Ein Zielkonflikt bleibt dabei ungelöst: Wiedervernässung kann Erträge auf angrenzenden Flächen verändern, und nicht jeder Betrieb kann sofort auf Paludikultur umstellen.
Der Unterschied zu Wald- und Ozean-Senken liegt trotzdem in der Steuerbarkeit. Ob ein Wald mehr oder weniger Kohlenstoff bindet, hängt von Faktoren außerhalb direkter politischer Kontrolle ab: Dürre und Borkenkäferbefall, beide durch den Klimawandel verschärft. Ob ein Moor nass oder trocken ist, entscheidet dagegen ein Grabenstau, eine bauliche Maßnahme, die binnen Wochen wirkt. Der schnelle Effekt ist dabei der Emissionsstopp; bis die Fläche selbst wieder Kohlenstoff bindet, dauert es auch hier Jahrzehnte.
Gezogen wird der Moor-Hebel bislang trotzdem nur auf einem Bruchteil der Fläche: Die 90.000 Hektar, die Palu bis 2029 wiedervernässen soll, entsprechen rund fünf Prozent der gut 1,6 Millionen Hektar entwässerter Moorböden in Deutschland.
Cleanthinking hat bereits 2021 über ein Moor-Pilotprojekt der Audi Stiftung für Umwelt berichtet, das nach einer fairen Vergütung für Landwirte suchte, die als „Klimawirte” ihre Flächen wiedervernässen. Die Vergütungsfrage von damals ist mit der Palu-Förderrichtlinie jetzt bundesweit unterlegt, die Umsetzung in der Fläche steht trotzdem noch am Anfang. Auch beim Bodenkohlenstoff-Start-up Humify zeigt sich dasselbe Muster: Die Technik zur CO2-Speicherung existiert, das Tempo der Umsetzung ist die eigentliche Hürde.
Häufige Fragen zu Mooren als CO2-Speicher
Wie viel CO₂ speichern Moore im Vergleich zu Wäldern?
15 Zentimeter Torfschicht binden auf gleicher Fläche etwa so viel Kohlenstoff wie ein hundertjähriger Wald, bei einem Meter Torf ist es das Sechsfache. Weltweit speichern Moore auf nur drei bis vier Prozent der Landfläche bis zu einem Drittel des weltweiten Bodenkohlenstoffs.
Was bekommen Landwirte für die Wiedervernässung ihrer Moorflächen?
Über die Palu-Förderrichtlinie unterstützt der Bund bis Ende 2029 mit 1,75 Milliarden Euro die Umstellung auf nasse Bewirtschaftung. Wer auf Paludikultur umstellt, erschließt sich zudem eine laufende Einkommensquelle: Aus Schilf, Rohrkolben oder Torfmoos entstehen Rohstoffe für Dämmstoffe, Verpackungen und Bauprodukte.
Was ist die Palu-Förderrichtlinie?
Die im April 2026 vorgestellte, seither in Kraft befindliche Förderrichtlinie des Bundeslandwirtschaftsministeriums stellt bis Ende 2029 1,75 Milliarden Euro bereit, um rund 90.000 Hektar Moorböden wiederzuvernässen. Ziel ist eine Emissionsminderung von 2,25 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Jahr bis 2030.
Wie lange dauert es, bis ein wiedervernässtes Moor wieder Kohlenstoff speichert?
Wiedervernässung stoppt die laufenden Emissionen weitgehend sofort. Bis die Fläche wieder Torf aufbaut und damit netto zur Kohlenstoffsenke wird, vergehen jedoch Jahrzehnte, weil Torf nur sehr langsam wächst.
Diese Entwicklung ist auch im Klima-Ticker von Cleanthinking dokumentiert, der laufend aktuelle Fakten und Studien zur Klimakrise sammelt.
QUELLEN
- UNEP: Global Peatlands Assessment: The State of the World's Peatlands, 2022.
- Columbia Climate School: The Ocean Carbon Sink Is Ailing, 04.09.2025.
- Nature Geoscience: Accelerating biomass loss from forest disturbances across Europe, 2026.
- BMLEH: Klimaschutz durch Moorbodenschutz, 2026.
- BMLEH: Rainer: Freiwilliger Moorbodenschutz als attraktives Geschäftsmodell, Pressemitteilung, 17. April 2026.
- Bundesumweltministerium: Palu: Wiedervernässung und Bewirtschaftung von Moorböden, April 2026.
- toMOORow: Verbundprojekt PaludiAllianz, ohne Datum.
- Deutsche Bundesstiftung Umwelt: Dr. Franziska Tanneberger im Interview über Moorschutz als Chance für Klimaschutz, Biodiversität und Landwirtschaft, 2024.