Feinmechanik ist unser Ding. Zeit nicht.

STANDORTPOLITIK · 28. AUGUST 2026

Standort Deutschland: Warum wir nicht am Können scheitern, sondern am Tempo

Robotik, Energie, Ernährung: In drei Zukunftsfeldern steht ein exponentiell wachsender Gegner einem linear arbeitenden Apparat gegenüber. Die Standortdebatte diskutiert derweil über Lohnnebenkosten. Sie diskutiert die falsche Größe.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN LESEN


Alois Knoll hat schon einmal in einem kleinen Saal gestanden, in dem die Zukunft der Robotik verhandelt wurde. Im Jahr 2000 war der Professor der TU München Programmvorsitzender der ersten Humanoids-Konferenz der Fachwelt, mit rund 100 Experten. 26 Jahre später stand Knoll auf der World Robot Conference in Peking, die vom 19. bis 23. August 2026 stattfand. Mehr als 300 Aussteller zeigten dort ihre Technik, parallel traten bei den 2. World Humanoid Robot Games 666 Teams mit 2.056 Robotern aus 16 Ländern an, eine Vervierfachung gegenüber dem Vorjahr.

Im Interview auf der Konferenz sagt Knoll über den chinesischen Fortschritt: „Aber dadurch, dass halt in China massiv investiert wird, ist auch der technologische Fortschritt und ich meine wirklich technologisch, also auch die Theorie dahinter, einfach exponentiell. Das kann man nicht anders sagen.“

Feinmechanik ist unser Ding

Knoll erklärt im selben Gespräch, warum die Roboterhand das schwierigste Bauteil eines Humanoiden ist. Statt einzelner Motoren pro Gelenk arbeitet sie mit Sehnenzug, bis zu 26 Freiheitsgraden und feinauflösender Sensorik in den Fingerkuppen, die Druck und Textur erfassen muss wie eine menschliche Hand. Sein Urteil dazu: „Ein Wunderwerk der Feinmechanik und Feinmechanik ist ja eigentlich unser Ding in Deutschland, sollte man meinen.“

In diesem Video ist auch das Interview mit Prof. Knoll zu finden.

Die übliche Standortdebatte kreist um Bürokratie, Lohnnebenkosten und Energiepreise. Alles drei sind Kostengrößen. In Robotik, Energie und Ernährung geht es aber um Zeit. Wer für eine Zulassung drei Jahre braucht, während der Wettbewerber neun Monate benötigt, hat kein Kostenproblem. Er verliert den Markt, bevor er ihn betritt.

In drei Feldern steht ein exponentiell wachsender Gegner einem linear arbeitenden Apparat gegenüber: Chinas Robotikfortschritt, das Klimasystem, die globale Ernährungskrise. Genehmigungsverfahren, Zulassungsprozesse und Legislaturperioden sind lineare Instrumente. Gegen ein exponentielles Problem ist ein lineares Verfahren nicht langsam. Es ist chancenlos.

Robotik: der Gegner heißt China

China lieferte 2025 rund 90 Prozent aller weltweit ausgelieferten humanoiden Roboter. AgiBot kam auf 5.168 Einheiten, Unitree auf über 4.200. Peking hat sich das Ziel gesetzt, bis Ende 2026 10.000 Humanoide im kommerziellen Einsatz zu haben. Dahinter steht Kapital in einer Größenordnung, die deutsche Förderprogramme nicht kennen: ein staatlicher KI-Industrie-Investitionsfonds mit 60 Milliarden Renminbi, umgerechnet rund 8,2 Milliarden US-Dollar, dazu allein im ersten Quartal 2026 Wagniskapital von 3,3 Milliarden US-Dollar über 126 Deals in chinesische Robotik-Start-ups. 2025 waren es insgesamt 39,8 Milliarden Renminbi, ein Plus von 326 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die deutsche Robotik- und Automatisierungsbranche kam 2025 auf rund 14,5 Milliarden Euro Umsatz, ein Minus von 10 Prozent.

Neura Robotics aus Metzingen zeigt, dass es anders geht. Das 2019 von David Reger gegründete Unternehmen sammelte im Juni 2026 in einer Series C bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar ein, die größte Finanzierungsrunde, die je ein Full-Stack-Robotikunternehmen weltweit erzielt hat. Investoren waren unter anderem Nvidia, Amazon, Bosch, Schaeffler und die Europäische Investitionsbank. Deutsche Technik aus Baden-Württemberg zieht also durchaus Milliarden an, wenn Tempo und Vision zusammenkommen.

Nur ist Neura die Ausnahme. Kuka ging 2016 für rund 4,5 Milliarden Euro an den chinesischen Midea-Konzern, 2022 folgten Squeeze-out und Delisting. Bis Ende 2026 baut das Unternehmen in Augsburg 560 Vollzeitstellen ab. Der Münchner Cobot-Pionier Franka Emika meldete am 1. November 2023 Insolvenz an, einen Tag später ging er an Agile Robots, dahinter stehen SoftBank und Foxconn. Im April 2026 ging thyssenkrupp Automation Engineering mit rund 650 Beschäftigten an zehn Standorten ebenfalls an Agile Robots. Vereinbart worden war der Verkauf schon im November 2025, heute firmiert das Geschäft als Krause Automation.

Drei deutsche Namen der industriellen Robotik sind damit binnen zehn Jahren an Eigentümer in China beziehungsweise an einen Käufer mit japanischem und taiwanischem Kapital im Rücken übergegangen. Das Können war da. Verloren wurde am Kapital, an der Geschwindigkeit, mit der es investiert wurde, und an der Geduld, die es trug.

Energie: der Gegner heißt Physik

Deutsche Verfahren können schnell sein. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies prägte den Begriff der neuen Deutschlandgeschwindigkeit beim Bau des LNG-Terminals Wilhelmshaven, das in knapp zehn Monaten stand. Bundeskanzler Scholz übernahm die Formel später. 2024 genehmigten die Behörden fast 15 Gigawatt Windkraft an Land, ein Plus von 90 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein Rekord. Genehmigungstempo und Realisierungstempo sind allerdings zwei verschiedene Uhren: Der tatsächliche Zubau blieb 2024 trotz des Rekords unter dem Vorjahreswert.

Ausgerechnet bei dieser Ressource tritt die Bundesregierung jetzt auf die Bremse. Am 29. Juli 2026 beschloss das Kabinett EEG-Novelle und Netzpaket, der Bundestag berät im September, das Inkrafttreten ist für den 1. Januar 2027 geplant. Laut Referentenentwurf sollen kleine Solaranlagen künftig ohne Förderung auskommen, ein direkter Einschnitt für Prosumer. Beim Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz einigte sich die Bundesregierung im Januar 2026 mit der EU-Kommission auf 12 Gigawatt steuerbare Kapazität. Davon sind 10 Gigawatt faktisch Gaskraftwerke, nur 2 Gigawatt sind technologieoffen ausgeschrieben.

Was das kostet, führen zwei Investitionsentscheidungen eines einzigen Konzerns vor. Schwarz Digits, die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, baut in Lübbenau im Spreewald für 11 Milliarden Euro sein größtes Rechenzentrum, auf dem Gelände eines ehemaligen Braunkohlekraftwerks, ausdrücklich mit Grünstrom versorgt. Am 27. August 2026, einen Monat nach dem Kabinettsbeschluss zur Ausbaubremse, verkündete das Unternehmen den nächsten Standort: 5,6 Milliarden Euro für ein Rechenzentrum in Dummerstorf bei Rostock, wenige Kilometer von der Offshore-Konverterstation Bentwisch entfernt.

Beide Standorte eint derselbe Grund: der Zugriff auf Windstrom. Die Bundesregierung bremst mit EEG-Novelle und Kapazitätsgesetz ausgerechnet die Ressource, wegen der elf Milliarden Euro nach Brandenburg und 5,6 Milliarden Euro nach Mecklenburg-Vorpommern fließen. Erneuerbare sind hier keine Klimapolitik mehr. Sie sind der Standortfaktor, um den Konzerne ihre Milliardeninvestitionen herum planen.

Ernährung: der Gegner heißt Zulassungsverfahren

Die europäische Novel-Food-Verordnung sieht für neuartige Lebensmittel wie kultiviertes Fleisch oder Präzisionsfermentation eine Bearbeitungszeit von 18 Monaten vor. In der Praxis vergehen allein bis zur Stellungnahme der Lebensmittelbehörde EFSA im Schnitt 937 Tage, rund 2,6 Jahre. Bis zur endgültigen Entscheidung sind es im Durchschnitt 30 Monate, im Extremfall deutlich mehr: Das niederländische Unternehmen The Protein Brewery wartete auf die Zulassung seines Mykoproteins Fermotein sechs Jahre.

Singapur entscheidet in 9 bis 12 Monaten. Die Folge ist Abwanderung. Das niederländische Kultivierfleisch-Unternehmen Meatable startet zuerst in Singapur, dann in den USA, die EU zuletzt. Onego Bio, Vivici und 21st.Bio priorisieren inzwischen den US-Markt vor dem europäischen.

Dabei hätte Deutschland die Industrie dafür im eigenen Land: Formo aus Berlin finanziert seine Präzisionsfermentation unter anderem über einen Kredit der Europäischen Investitionsbank, Cultimate Foods arbeitet an kultiviertem Fett, Infinite Roots aus Hamburg an Pilzmyzel. Die geplante Reform der EU-Kommission, der Biotech Act, soll Fristen verkürzen und die sogenannten Clock-Stops begrenzen, mit denen sich Verfahren durch Nachforderungen in die Länge ziehen. Novel Foods sind von den im selben Gesetz vorgesehenen Regulatory Sandboxes aber ausdrücklich ausgenommen, ein Widerspruch, den der Lebensmittelverband FoodDrinkEurope öffentlich kritisiert.

Der KI-Kontrast am Standort Deutschland

Bundeskanzler Merz nannte Künstliche Intelligenz bei der Kabinettsklausur in Neuhardenberg Ende August 2026 die vierte industrielle Revolution. Wenn hierzulande über KI gesprochen wird, geht es überwiegend um automatisierte Verwaltungsprozesse. In China ist KI längst im Alltag angekommen: Der Robotaxi-Dienst Apollo Go zählt mittlerweile mehr als 100 Millionen kumulierte Fahrten, Peking erteilte im Juli 2026 die ersten Genehmigungen für vollständig fahrerlosen Betrieb.

Der nächste Schritt sind Humanoide in Haushalt und Pflege. Die Ideen sind hier wie dort bekannt. Verschieden ist das Tempo, mit dem sie in die Anwendung kommen.

Das Sichtbarkeitsproblem

Wer kennt David Reger? Wer kennt Alois Knoll? Neura Robotics hat gerade die größte Finanzierungsrunde eines Full-Stack-Robotikunternehmens weltweit eingesammelt. Ein deutscher Professor verantwortete vor 26 Jahren das Programm der ersten Fachkonferenz zu humanoiden Robotern und steht heute in einer Halle mit über 2.000 Konkurrenzmodellen aus China. Beide kommen in der öffentlichen Standortdebatte kaum vor.

Deutschland hat neben dem Tempoproblem ein Erzählproblem über die eigenen Gestalter. Wer nicht erzählt wird, zieht kein Kapital an, keine Talente und keine politische Priorität. Sichtbarkeit ist damit selbst ein Stück Standortpolitik.

Knoll stellt in Peking die entscheidende Frage: „Wer hat die Vision, ja, um sowas auch über viele Jahre durchzuhalten?“

Die Antwort fällt besser aus, als die Standortdebatte glauben macht. David Reger baut in Metzingen die Roboter, über die in Peking geredet wird. Alois Knoll erforscht in München die Hände, an denen die Branche bis heute scheitert. Raffael Wohlgensinger lässt mit Formo in Berlin Milchproteine fermentieren, Infinite Roots züchtet in Hamburg Pilzmyzel.

An Vision fehlt es diesen Gestaltern nicht. Es fehlt ihnen an Sichtbarkeit. Und an einer Politik, die nicht ausgerechnet dann die Bremse reinhaut, wenn Tempo entsteht.

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