PHOTOVOLTAIK · 30. AUGUST 2026

Afrikas Solarboom nimmt Fahrt auf
Afrika erlebt das dritte Solar-Rekordjahr in Folge: Rund 100.000 Module gehen 2026 jeden Tag ans Netz oder aufs Dach, 36 von 54 Ländern installieren so viel Photovoltaik wie nie zuvor. Ein neuer Report von Ember und dem African Tech Futures Lab vermisst Afrikas Solarboom erstmals für den ganzen Kontinent.
Der Solarboom in Afrika beschleunigt sich weiter: 17 Gigawatt Solarkapazität kommen nach den Berechnungen des Reports 2026 hinzu, ein Plus von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 51 Prozent Wachstum 2025 und 25 Prozent 2024. Der Zubau eines einzigen Jahres liefert damit rechnerisch rund 23 Terawattstunden Strom, mehr als die Stromnachfrage des Kontinents in einem durchschnittlichen Jahr des vergangenen Jahrzehnts überhaupt gewachsen ist.
Chinas Solarmodul-Exporte nach Afrika stiegen in den zwölf Monaten bis Juni 2026 auf 23 Gigawatt. Der Kontinent liegt damit auf Augenhöhe mit dem Nahen Osten und knapp hinter Lateinamerika.
Lange trug fast allein Südafrika den afrikanischen Solarmarkt. Das ist vorbei: Sein Anteil an den Solarimporten des Kontinents sank von 52 Prozent 2023 auf 20 Prozent, weil überall sonst das Wachstum explodiert.
19 Länder haben ihren Zubau binnen eines Jahres mehr als verdoppelt, sechs sind inzwischen Gigawatt-Märkte: Südafrika (3,3 Gigawatt), Ägypten (2,0), Nigeria und die DR Kongo (je 1,7), Algerien (1,4) und Marokko (1,0). Senegal baut zwischen 2023 und 2026 Solarkapazität im Umfang von fast 80 Prozent seiner gesamten Netzkapazität von 2023 zu.
Zehn Länder, in denen Solar das Stromsystem umkrempelt
In zehn Ländern mit zusammen 190 Millionen Einwohnern fügt allein der Solarzubau des Jahres 2026 mehr als 10 Prozent zur bisherigen Jahresstromerzeugung hinzu. Hinter jedem Prozentwert steht eine eigene Geschichte:
- Sierra Leone (97 Prozent): Das erste Solar-Speicher-Kraftwerk des Landes ging im Juli 2026 ans Netz, mit 35 Megawattstunden Batteriespeicher das erste nennenswerte Kraftwerksprojekt seit fast einem Jahrzehnt.
- Togo (24 Prozent): Die Regierung plant 400 Megawatt Solar für den universellen Stromzugang bis 2030, das Kraftwerk Blitta wird von 50 auf 70 Megawatt erweitert.
- Somalia (21 Prozent): Ende 2025 wurden Solar-Speicher-Projekte über 23 Megawatt für Baidoa, Galkayo und Garowe vergeben, ausgeschrieben sind weitere 55 Megawatt plus 160 Megawattstunden Speicher am Jazeera-Kraftwerk in Mogadischu.
- Dschibuti (21 Prozent): Der Grand-Bara-Solarpark startet 2026 mit 25 Megawatt plus Speicher und kann auf 100 Megawatt wachsen. Das Land will bis 2035 komplett erneuerbaren Strom.
- DR Kongo (14 Prozent): Mit 544 Prozent Wachstum der stärkste Zubau des Kontinents. An der Kupfermine Kamoa-Kakula läuft seit August 2026 Afrikas erstes 24-Stunden-Solarkraftwerk: 233 Megawatt Photovoltaik plus 526 Megawattstunden Batteriespeicher verdrängen Diesel und sparen laut Betreiber rund 78.750 Tonnen CO2 pro Jahr.
- Komoren (14 Prozent): Ein 6,3-Megawatt-Solarpark in Moroni versorgt seit 2025 über 5.000 Haushalte, seit April 2026 läuft zusätzlich eine 16-Megawatt-Anlage mit Speicher.
- Namibia (12 Prozent): NamPower baut bei Rosh Pinah das mit 100 Megawatt größte Solarkraftwerk des Landes, Investition rund 88 Millionen US-Dollar, Betriebsstart für Mitte 2026 geplant.
- Liberia (12 Prozent): Das erste Solar-Großkraftwerk des Landes (20 Megawatt) ging 2026 unter einem Weltbank-Programm in Betrieb, ein 50-Megawatt-Projekt mit Batteriespeicher ist vereinbart.
- Tschad (11 Prozent): Für die Hauptstadtregion N'Djamena entsteht ein 120-Megawatt-Solarprojekt, geplante drei weitere Anlagen über zusammen 500 Megawatt würden die Netzkapazität des Landes um rund 63 Prozent erhöhen.
- Lesotho (10 Prozent): Das Solarkraftwerk Ha Ramarothole wächst seit Juli 2026 von 30 auf 80 Megawatt, die Weltbank finanziert zusätzlich den Sprung von 53 Prozent Stromzugang auf Vollversorgung bis 2030.
Billiger als Diesel: Was den afrikanischen Solarboom antreibt
Der stärkste Treiber ist der Preis, verglichen mit der Alternative Diesel. Ein Jahr chinesischer Solarmodul-Importe nach Afrika kostete rund 2,4 Milliarden US-Dollar. Dieselbe Strommenge mit Diesel-Generatoren zu erzeugen, würde denselben Betrag alle drei Monate kosten, rechnet der Report vor. Solarmodule amortisieren sich gegenüber Diesel damit rechnerisch innerhalb der ersten drei Monate und liefern danach jahrzehntelang.
In Nigeria kaufen Haushalte und Unternehmen inzwischen massenhaft Batteriespeicher, um Lastabwürfe im Stromnetz zu überbrücken, das Land importiert mehr Dollar-Wert an Batterien als an Solarmodulen aus China.
Dazu kommt das Tempo. Ember-Forschungsleiter Daan Walter bringt es sinngemäß auf den Punkt: In einem entlegenen afrikanischen Dorf dauere der Bau einer Stromleitung ein Jahrzehnt, ein Solarpanel dagegen sei binnen eines Monats installiert. Rund 75 Prozent des Zubaus der Jahre 2023 bis 2025 entfallen deshalb auf dezentrale Anlagen, meist Dächer von Haushalten und Unternehmen.
Wie das vor Ort aussieht, zeigt das ugandische Dorf Kijumba: Licht kam dort bisher von Gras oder Feuerholz, seit 2024 bringt die Kampagne REPower Afrika Solarstrom in solche Dörfer und bildet lokale Frauen zu Installateurinnen aus. Der Global Solar Council kommt unabhängig von Ember auf ein ähnliches Bild, dessen Chefin Sonia Dunlop auf ein knappes Fazit: „Afrikas Solar-Revolution ist da.“
„Es ist unglaublich zu sehen, wie viele Unternehmen und Privatpersonen in so vielen afrikanischen Ländern sich für Solaranlagen entscheiden. Solarmodule sind so billig geworden, dass die Wirtschaftlichkeit einfach überzeugt“, sagt Dave Jones, Chief Analyst bei Ember.
Weil so viel davon auf privaten Dächern und hinter dem Stromzähler passiert, hinken offizielle Zahlen dem Geschehen hinterher: Embers Schätzung für 2025 liegt mit 12 Gigawatt etwa doppelt so hoch wie die Werte der Internationalen Energieagentur IEA und der Erneuerbaren-Organisation IRENA. Der Report fordert deshalb bessere nationale Melderegister, damit Netzbetreiber und Regierungen planen können, was längst gebaut wird.
„Überall in Afrika expandieren dezentrale Energieanlagen rasant und überholen in vielen Fällen die Netzkapazität. Dieser Wandel ist chaotisch und disruptiv, weit entfernt vom geordneten Modell, das die nationalen Strategien vorsehen“, sagt Joel Nana, Research Director beim African Tech Futures Lab.
In Afrika: Fabriken für Amerika, Module aus China
Eine Pointe des Reports liegt in Afrikas eigener Industrie. Die Modulfertigung des Kontinents vervierfacht sich 2026 auf rund 3.500 Megawatt, getragen von neuen Fabriken in Ägypten (2.000 Megawatt, unter anderem EliTe Solar in Ain Sokhna mit rund 800 Beschäftigten) und Tansania. Doch diese Werke produzieren überwiegend für den Export in die USA, wo chinesische Ware durch Zölle teuer ist, während 94 Prozent der in Afrika installierten Module weiterhin aus China kommen. Afrikanische Fabriken beliefern also Amerika, afrikanische Dächer beliefert China.
Neue US-Zölle auf Solarimporte ab Dezember 2026 könnten diesen Exportweg allerdings verbauen, und Chinas Wegfall der Export-Steuervergünstigung verteuert chinesische Module bereits leicht. Beides zusammen könnte die neuen Fabriken künftig dorthin lenken, wo ihre Module ohnehin gebraucht werden: auf den eigenen Kontinent.
Wo deutsche Netztechnik anschließen könnte
Die nächste Aufgabe benennt der Report gleich mit: die vielen dezentralen Solar- und Speicheranlagen konstruktiv in die Netze einzubinden, statt sie als Parallelsystem laufen zu lassen. Genau an diesem Punkt setzt eine Technik an, die in Deutschland bereits im Feldtest läuft: Batteriespeicher mit netzbildenden Wechselrichtern stabilisieren Spannung und Frequenz im Netz aktiv, statt nur Strom zu speichern und einzuspeisen.
Ein Beispiel liefert der Speicherpark von Schoenergie im rheinland-pfälzischen Föhren, den Westnetz, Fraunhofer ISE und die Universität Stuttgart im Forschungsprojekt SUREVIVE gemeinsam betreiben. Für Netze, in denen private Solaranlagen die zentrale Erzeugung überholen, wird solche Technik zur Voraussetzung für stabilen Betrieb.
Langfristig könnte auch eine zweite deutsche Entwicklung relevant werden: die Perowskit-Tandemzelle, die den Wirkungsgrad von Solarmodulen über das Silizium-Limit hinaus hebt. Wo Dachfläche knapp und der Ertrag pro Quadratmeter entscheidend ist, wie auf vielen afrikanischen Hausdächern, zahlt sich ein höherer Wirkungsgrad direkt aus.
QUELLEN
- Ember/African Tech Futures Lab: The take-off in African solar that official statistics can't yet see, 27.08.2026.
- Stephanie Pappas: Why solar power is taking over the world, Scientific American, 18.08.2026.
- Energy-Storage.News: Africa's first 24/7 solar baseload power plant goes online at DRC copper mine, 25.08.2026.
- pv magazine: Sierra Leone switches on first solar storage project, 31.07.2026.
- pv magazine: Namibia starts building 100 MW solar project, 23.06.2025.
- Xinhua: Lesotho launches second phase of Ha Ramarothole solar plant, 11.07.2026.