TUM-Professor Lienkamp zerlegt das Whitepaper seiner eigenen Uni

MOBILITÄT · 01. SEPTEMBER 2026

Elektroauto-Whitepaper in der Kritik: Fahrzeugtechnik-Professor Lienkamp widerspricht Uni-Präsident Hofmann

Der Streit um das TUM-Whitepaper zur Ökobilanz von Elektroautos erreicht die Universität selbst: Prof. Markus Lienkamp, Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik, widerspricht Uni-Präsident Thomas Hofmann öffentlich. Er hätte das Papier zur Überarbeitung zurückgewiesen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 MIN LESEN


Drei Tage lang wurde über das TUM-Whitepaper zur Ökobilanz von Elektroautos gestritten, ohne dass sich die Fahrzeugtechniker der Universität zu Wort gemeldet hätten. Jetzt tut es einer, und zwar deutlich: Wie der SPIEGEL berichtet, kritisiert Prof. Markus Lienkamp, Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik an der Technischen Universität München, das Papier seiner drei Kollegen in Methodik und Zustandekommen - und die politische Deutung, die TUM-Präsident Thomas Hofmann daraus gezogen hatte, gleich mit.

Die Vorgeschichte in Kürze: Die Bild am Sonntag machte aus dem damals noch unveröffentlichten Whitepaper die Schlagzeile „Die Auto-Lüge der EU". Nach der Veröffentlichung am Dienstag zeigte sich: Politiker wie Markus Söder und Journalisten wie Axel Bojanowski hatten Schlüsse gezogen, die im Volltext nicht stehen. Die TUM-Forschenden selbst verstehen ihr Papier als Argument für mehr Elektrifizierung.

Fachfremde Autoren, kein Peer-Review

Lienkamp kritisiert zunächst die Autorenauswahl. Die drei Verfasser des Whitepapers, ein Materialforscher, ein Experte für Kreislaufwirtschaft und ein Professor für Internationale Beziehungen, seien methodisch ausgewiesen, aber in der Domäne Automobil nicht erfahren. Relevante TUM-Professoren mit Fahrzeugexpertise, darunter Andreas Jossen, Malte Jaensch, Thomas Hamacher und Lienkamp selbst, seien nicht eingebunden worden.

Eine Prüfung durch unabhängige Fachkollegen vor der Veröffentlichung, in der Wissenschaft Standard, habe nicht stattgefunden. „Ich hätte als Reviewer das Paper zur Überarbeitung zurückgewiesen", schreibt Lienkamp laut SPIEGEL. Das Papier serviere „alter Wein in nicht besonders attraktiven Schläuchen".

Inhaltlich bemängelt Lienkamp, dass die Studie ihren Fokus auf grünen Stahl richtet - dabei sei die Batterie der Faktor, auf den es beim Unterschied zwischen Verbrenner und Elektroauto wirklich ankomme. Zudem stützten sich die Autoren vorwiegend auf ältere Studien zur CO₂-Bilanz von Strom und Batterien. Der rasante Fortschritt der vergangenen Jahre fehle in der Rechnung. Die im Whitepaper genannten 41 Prozent geringeren Lebenszyklus-Emissionen seien für ein heute gebautes Elektroauto deshalb zu niedrig gegriffen.

Aktuelle Herstellerangaben liegen deutlich über den 41 Prozent. Mercedes-Benz weist für die elektrische C-Klasse zwei Drittel niedrigere Emissionen aus als für die Verbrenner-Version, vom TÜV zertifiziert. BMW nennt für den iX3 eine Ersparnis von 56 Prozent mit europäischem Strommix und 72 Prozent mit reinem Ökostrom.

Wer gab den Auftrag, und warum

TUM-Präsident Thomas Hofmann, von Haus aus Lebensmittelchemiker, hatte die Studie selbst in Auftrag gegeben, laut SPIEGEL „vor dem Hintergrund der im Herbst anstehenden politischen Entscheidungen zur Zukunft der Automobilindustrie in Europa". Gemeint ist das EU-Automobilpaket, das die CO₂-Vorgaben für Hersteller aufweichen soll. Am Tag der Veröffentlichung erklärte Hofmann, die im Whitepaper genannten Werte belegten eine „substanzielle Fehlsteuerung der Klimastrategie der Europäischen Union".

Abgase am Auspuff zu messen und Elektroautos deshalb als emissionsfrei zu werten, sei der zentrale Irrtum der EU-Regulierung. Er forderte eine vollständige Umstellung auf Lebenszyklusanalyse.

Damit hat derselbe Mann die Studie in Auftrag gegeben, die drei Autoren ausgewählt, das Papier als Whitepaper ohne unabhängige Begutachtung angelegt und die politische Schlussfolgerung öffentlich selbst gezogen - während die Fachkollegen mit Automobil-Expertise im eigenen Haus außen vor blieben. Ob das etwas mit der Bild am Sonntag zu tun hat, die das Papier schon vor der offiziellen Veröffentlichung kannte, beantwortet der SPIEGEL-Bericht nicht. Welche Interessen der Präsident mit Auftrag und Deutung verfolgt, bleibt die offene Frage dieser Woche.

Giulio Mattioli, Verkehrsforscher an der TU Dortmund, ordnet die Kernaussage der Studie deutlich nüchterner ein. Dass Elektroautos Emissionen sparen, ohne sie ganz zu vermeiden, sei „wohlbekannt und unstreitig". Die Münchner Studie liefere weder eine neue Erkenntnis noch ein Argument gegen Elektroautos. Um die Klimaziele zu erreichen, müsse der Autoverkehr nicht nur elektrifiziert, sondern auch vermindert werden.

Lienkamps Fazit widerspricht Hofmanns Lesart

Auch Hofmanns Regulierungsvorschlag hält Lienkamp für verfehlt. Müsste die Autoindustrie für jeden Neuwagen eine eigene Lebenszyklusanalyse vorlegen, wäre das aus seiner Sicht ein erheblicher Aufwand ohne echten Nutzen. Die Auspuffmessung sei nicht perfekt, aber einfach und klar.

Am Ende zieht Lienkamp aus dem Whitepaper seiner Kollegen ein Fazit, das dem seines Uni-Präsidenten diametral entgegensteht: „Das Elektroauto ist die einzige langfristige Lösung zur Reduzierung der CO₂-Emissionen." Genau das besage die Studie im Kern, so Lienkamp, nur die Zusammenfassung enthalte merkwürdigerweise andere Schlüsse.

Der Streit um Auftrag, Autorenwahl und Deutung ändert nichts am Markttrend. Kaufentscheidungen folgen Reichweite, Preis und Ladeinfrastruktur, nicht der Pressestrategie eines Uni-Präsidenten.

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Herr Lienkamp hat völlig Recht.

Allerdings hätte die Autoren den ganzen Streit vermeiden können, wenn sie handwerklich vernünftig gearbeitet hätten. ZB statt eines Boxplots von Äpfel und Birnen eine ordentliche Trendanalyse. Die Abbildung hier

comment image

ist mit einer hypothetischen Zuordnung von Publikationsjahr zu Einsparung CO2 erstellt worden, wobei die Einsparung CO2 aus dem Boxplot (S. 16 des Whitepapers) entnommen wurde und die Publikationsjahre auch in etwa stimmen dürften.

Die tatsächliche Grafik dürfte ein wenig anders aussehen (die Daten konnte ich dem Paper nicht entnehmen), aber die Grafik zeigt deutlich, dass der Mittelwert überhaupt nichts über die aktuelle Situation aussagt und wohl eher das ist, was Wissenschaftler tunlichst nicht herstellen sollten: Ein Methodenartefakt.

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