Teslas Cybercab-Start: Waymo ist meilenweit voraus, und Europa stimmt Anfang Oktober ab

ELEKTROMOBILITÄT · 03. SEPTEMBER 2026

Cybercab-Start heute Nacht: Holt Tesla seinen Hauptkonkurrent Waymo ein?

Tesla zeigt sein Cybercab am Abend des 3. September 2026 erstmals im Straßenbild von Austin, ein Fahrzeug ohne Lenkrad, ohne Pedale. Konkurrent Waymo fährt mit über 4.000 Fahrzeugen längst im Alltag. Anfang Oktober soll ein EU-Ausschuss über die europaweite Zulassung von Teslas Fahrassistenz entscheiden, und Deutschland hat dabei ein gewichtiges Wort mitzureden.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN. LESEN


In der heutigen Nacht von Donnerstag auf Freitag, deutscher Zeit, stellen Tesla und Elon Musk ihr Cybercab der Öffentlichkeit vor. Dazu versammeln sich in der Innenstadt von Austin im US-Bundesstaat Texas geladene Gäste. Es wird beispielsweise Livestreams von Tesla-Fans wie dem Youtuber „Brighter with Herbert“ geben, die die erste Fahrt mit dem Cybercab ohne Pedale und Lenkrad als „historisch“ bezeichnen. Es geht also um die ersten Stunden des Cybercabs im echten Straßenverkehr. Die Steuerung basiert auf der erweiterten bzw. angepassten FSD-Software, die heute schon wenige Robotaxis (Model-Y) durch Austin manövriert.

Wie das Fahrzeug aussehen wird, ist in unserem Vorbericht zum Launch zu erfahren.

Beginnt jetzt das Zeitalter des autonomen Fahrens? Erste Cybercab-Sichtungen sind bereits überliefert, wie das Video von Adan Guajardo zeigt:

Waymo gegen Tesla: 45 gegen 4.000

Aller Anfang ist schwer - auch für Elon Musk, den Dauer-Optimisten, der zu Gigantomanie neigt. Wie klein der Bestand ist, zeigt das texanische Fahrzeugregister TxMCCS. Am 31. August 2026 waren dort 45 Cybercabs eingetragen, kurz zuvor waren es sieben. Die gesamte zugelassene Tesla-Robotaxi-Flotte in Texas kommt auf 276 Fahrzeuge, davon 269 Model Y. Ein Depot im Süden Austins mit zunächst 48 Ladepunkten ist genehmigt.

Waymo meldete am 1. September 2026 drei neue Märkte: Denver, San Diego und Tampa. Damit fahren über 4.000 Waymo-Fahrzeuge in 14 US-Städten, mehr als 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche, über 200 Millionen reale Meilen. Bis Jahresende will Waymo eine Million Fahrten pro Woche erreichen. Amazons Zoox, die Nummer drei, verkauft Fahrten bislang nur in Las Vegas.

Waymos Angriff und die Kostenfrage

Waymo nutzte den 1. September auch für einen direkten Angriff. In einem Blogpost und gegenüber dem Medium Axios argumentierte das Unternehmen, Kameras allein lösten Autonomie nicht. Waymo fährt mit Lidar, Radar und Kameras, Tesla nur mit Kameras und einer Software, die Fahrverhalten aus Milliarden gefahrener Kilometer lernt statt aus festen Regeln. Welche Philosophie wird gewinnen? Unklar.

Beide Seiten haben ein Argument, das trägt. Waymo rüstet Serienfahrzeuge mit teurer Zusatzsensorik nach, jedes Auto kostet dadurch ein Vielfaches eines Model Y. Genau das macht Kamera-only und eine einzige, über alle Fahrzeuge skalierende KI für Tesla zur Voraussetzung, ein Robotaxi überhaupt zu Massenprodukt-Preisen anzubieten. Ob diese Wette technisch aufgeht, lässt sich an 45 Fahrzeugen kaum belegen. Dass Lidar unverzichtbar ist, beweisen 200 Millionen Waymo-Meilen allerdings auch nicht, sie beweisen nur, dass es mit Lidar geht.

Sicherheitsdaten aus Austin geben der Debatte Gewicht, unabhängig von der laufenden NHTSA-Ermittlung zu Sichtverhältnissen, über die Cleanthinking bereits berichtet hat. Seit dem Start des dortigen Robotaxi-Dienstes im Juni 2025 zählte CBS News 14 Unfälle, fünf weitere kamen zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 hinzu. Tesla schwärzt in der öffentlichen NHTSA-Datenbank sämtliche Unfallbeschreibungen als vertrauliche Geschäftsinformation. Waymo und Zoox tun das nicht.

Dieselbe Wette, anderer Rechtsraum

In den USA zertifiziert Tesla das Cybercab selbst nach den geltenden Sicherheitsstandards FMVSS, statt die reguläre Ausnahmegenehmigung nach Part 555 zu beantragen. Diese Ausnahme wäre auf 2.500 Fahrzeuge gedeckelt, die Selbstzertifizierung umgeht die Grenze. NHTSA-Chef Jonathan Morrison sagte am 9. Juli 2026, seine Behörde werde die Lenkradpflicht „absolut" auf eine Streichung prüfen. Beschlossen ist das nicht. Angepasst wurde bislang nur die Bremspedal-Regel FMVSS 135, deren Kommentarfrist am 27. Juli 2026 auslief. Tesla wartet die Regeländerung nicht ab, es fährt vorher.

In der EU verfolgt Tesla dieselbe Grundidee mit anderen Mitteln: eine Ausnahme sichern, bevor das reguläre Verfahren nachzieht. Grundlage ist Artikel 39 der EU-Verordnung 2018/858, über den die niederländische RDW eine Typgenehmigung für FSD Supervised erteilt hat. Fünf Wochen vor der Abstimmung, die daraus eine EU-Zulassung machen soll, stellte Tesla am 1. September 2026 das Beweisdokument dieser Genehmigung öffentlich ins Netz, garniert mit dem Satz, der Sicherheitsgewinn bleibe in weiten Teilen Europas „locked behind bureaucracy".

Wichtig für die Einordnung: Cybercab und FSD Supervised sind nicht dasselbe Produkt. Das Cybercab ist ein Robotaxi, das ohne Fahrer im Fahrzeug unterwegs sein soll, in der SAE-Skala des autonomen Fahrens Stufe 4. FSD Supervised ist ein Assistenzsystem für Serienfahrzeuge mit Lenkrad, bei dem der Mensch jederzeit haftet und eingreifen muss. Tesla nennt es Level 2, das Bundesverkehrsministerium widerspricht sogar dem (dazu unten). Verbunden sind beide durch dieselbe Kamera-KI und dieselbe Taktik, Ausnahmen vor dem Regelwerk zu sichern. Verwechselt werden sie trotzdem ständig, weil beide unter der Marke FSD laufen.

Was das Dashboard wirklich zeigt

Im selben Post heißt es, FSD sei in fünf EU-Ländern zugelassen, werde von über 70.000 Kund*innen genutzt und gerate 4,1-mal seltener in einen Unfall als manuelles Fahren, gemessen über 100 Millionen Kilometer auf EU-Straßen. Die „fünf Länder" sind eine Entscheidung plus vier Anerkennungen: Die RDW hat am 10. April 2026 genehmigt, Litauen und Estland haben das Zertifikat im Mai 2026 übernommen, Dänemark und Belgien es im Juni 2026 nach eigener Aktenprüfung anerkannt, Belgien nach zusätzlichen 5.000 Testkilometern in Flandern.

Die Zahl 4,1 taucht im Dashboard an keiner Stelle auf, die 100 Millionen Kilometer auch nicht. Beide Werte stehen nur im Post, ohne Methodik. Was das Dashboard tatsächlich enthält, ist ein Vergleich innerhalb der eigenen Flotte, nicht gegen den allgemeinen Verkehr: FSD Supervised gegen manuell gefahrene Teslas, aufgeteilt in Fahrzeuge mit aktiven Sicherheitsfeatures und ältere Modelle ohne, überwiegend frühe Model S und Model X ab Verkaufsstart 2012. Die alte Vergleichsflotte begründet Tesla mit dem Durchschnittsalter aller Autos auf europäischen Straßen von 12,3 Jahren. Als Unfall zählt, was den Airbag auslöst (major) oder einen Geschwindigkeitssprung von mindestens 8 km/h verursacht (minor), sofern FSD in den fünf Sekunden davor aktiv war.

Die Unfalldaten stammen laut Dashboard aus Nordamerika, nicht aus Europa. Für Europa weist es eine Ingenieurs-Testflotte aus, keine Kundenflotte: rund 994.000 FSD-Meilen in acht Ländern ohne Kollision, davon 193.805 Meilen in Deutschland. Die Grenzen benennt Tesla selbst: Verkehrsdichte, Wetter, Tageszeit und die Frage, wann Fahrer*innen FSD überhaupt einschalten, seien nicht kontrolliert.

Die Ergebnisse seien „als beobachtete Zusammenhänge unter geschichteten Bedingungen zu verstehen, nicht als kausale Schätzungen aus einem randomisierten Experiment". Die Vergleichsbasis der 4,1 ist dem Dashboard damit nicht zu entnehmen. Rechnerisch entspräche der Wert einer Unfallrate von 24 Prozent des Referenzwerts und läge in der Spanne, die Tesla in Nordamerika gegen die alten Fahrzeuge ohne Assistenz ausweist. Ob die Zahl so entstanden ist, verrätTesla nicht.

Unter den fünf beantragten Ausnahmen von der UN-Regelung 171 ist eine besonders auffällig: Tesla beantragt, dass FSD Supervised in bestimmten Fällen schneller als das erkannte Tempolimit fahren darf, „um die dem umgebenden Verkehr angemessene Geschwindigkeit zu haben". Tesla bittet also Europas Zulassungsbehörden offiziell um die Erlaubnis, das Tempolimit zu überschreiten.

Der unsichtbare Ausschuss

Der Europäische Verkehrssicherheitsrat ETSC kritisierte das Verfahren Ende April 2026 scharf. Ein „nicht gewähltes Gremium" tage hinter verschlossenen Türen in Brüssel, „ohne öffentliche Beratung und ohne Möglichkeit für die Zivilgesellschaft, gehört zu werden". Der ETSC zitiert die Chefin der US-Unfalluntersuchungsbehörde NTSB, Jennifer Homendy, die nach zwei tödlichen Unfällen mit Fords BlueCruise im März 2026 urteilte, solche Systeme funktionierten „in erster Linie als Komfortlösung, aber nicht als Sicherheitsgewinn".

Je fähiger ein System wirke, desto schlechter überwachten Fahrer*innen es. Kameraüberwachung des Fahrers könne den Effekt abschwächen, nicht beseitigen. Der ETSC forderte Kommissionsvizepräsident Stéphane Séjourné auf, die Abstimmung auszusetzen, bis öffentlich debattiert wurde, und schrieb erneut an die EU-Verkehrsminister. Sein Kernargument: Europa hat kein Äquivalent zur NTSB, niemand untersucht hier unabhängig und öffentlich, wie sich solche Systeme im Alltag verhalten.

Anfang Oktober und Deutschlands Stimme

Über eine EU-weite Zulassung soll der Technische Ausschuss Kraftfahrzeuge (TCMV) am 6. Oktober 2026 entscheiden. Bestätigt hat die Kommission den Termin nicht. Er stammt aus Teslas Post und aus einem Beitrag auf X, der eine E-Mail des Bundesverkehrsministeriums zitiert. Einzelne Beobachter erwarten eine Verschiebung ins Jahr 2027. Nötig ist eine qualifizierte Mehrheit: mindestens 15 der 27 Mitgliedstaaten, die zusammen 65 Prozent der EU-Bevölkerung stellen. Stimmt der Ausschuss zu, ermächtigt die Kommission per Durchführungsrechtsakt die RDW, eine EU-weit gültige Typgenehmigung auszustellen, und muss anschließend die UN-Regelung 171 selbst anpassen.

Deutschland ist dabei kein Zuschauer. Christian Hirte (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, erklärte im Juli 2026 auf abgeordnetenwatch.de, eine Genehmigung nach Artikel 39 gelte „nicht automatisch in jedem Mitgliedstaat.“ Das Kraftfahrt-Bundesamt solle ein Tesla-Fahrzeug zur eigenen Erprobung erhalten, um „eine fundierte deutsche Position dazu zu erarbeiten". Ende August 2026 legte Hirte nach: Weil das System „in wesentlichen Punkten von den bestehenden harmonisierten Prüfnormen abweicht", handle es sich „nicht um eine Level-2-Genehmigung nach UN-Regelung Nr. 171."

Über Artikel 39 sei bislang nur Fords BlueCruise zugelassen worden, „lediglich als Autobahn-Assistent". Und: Weiteren Prüfungsbedarf hätten Österreich, Tschechien, Spanien, Frankreich, Finnland, Irland, Bulgarien und Schweden angemeldet.

Was das heißt, lässt sich überschlagen. Diese acht Staaten und Deutschland stellen rund 248 der etwa 449 Millionen EU-Einwohner, gut 55 Prozent. Die Sperrminorität beginnt bei 35 Prozent. Deutschland und Frankreich allein kommen auf knapp 34 Prozent, ein einziger weiterer der genannten Staaten reicht. Prüfungsbedarf ist kein Nein. Aber ohne Berlin und Paris ist die 65-Prozent-Hürde nicht zu nehmen. Deutschland entscheidet also über ein System mit, das es im eigenen Land noch nicht erlaubt: Ein in Grünheide gebautes Model Y darf mit FSD durch Belgien fahren, in Brandenburg nicht.

Die Dringlichkeit begründet Tesla mit der Zahl der Verkehrstoten: 2025 starben auf europäischen Straßen laut vorläufigen Angaben der EU-Kommission 19.400 Menschen, 580 weniger als 2024, im Schnitt 53 pro Tag. Die Statistik stimmt. Dass FSD Supervised sie senkt, ist ein Produktversprechen, das bislang niemand außer Tesla geprüft hat.

Heute Nacht will Tesla beim Cybercab-Start den nächsten Meilenstein in Richtung autonomes Fahren erreichen. Die Welt wird genau hinschauen, ob Autos ohne Lenkrad und Pedale die Sicherheit im Straßenverkehr wirklich erhöhen können. Eine erste Antwort darauf dürfte es dann am 6. Oktober geben: Hebt Europa dann den Daumen für das oft kritisch beäugte Tesla FSD?

Zum Fahrzeug selbst, Design, Serienproduktion, Zielpreis, mehr im Vorbericht zum Cybercab-Start in Austin und zur Enthüllung im Oktober 2024.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x