ENERGIEWENDE · 3. SEPTEMBER 2026
StatkraftSolarer Kipppunkt: 64 Länder decken über die Hälfte ihres Stroms mit Wind, Wasser und Sonne
Albanien, Bhutan, Nepal, Island und Lesotho erzeugten 2025 ihren gesamten Strom aus Wind, Wasser und Sonne, 14 Länder kamen auf mindestens 95 Prozent. Das zeigt eine aktualisierte Tabelle von Mark Jacobson (Stanford). Für Forscher ist das der Beleg für einen solaren Kipppunkt, einen positiven.
Die fünf 100-Prozent-Länder setzen fast vollständig auf Wasserkraft, Island ergänzt Geothermie. Knapp dahinter folgen Äthiopien, die Demokratische Republik Kongo, Paraguay, Costa Rica und Norwegen mit mehr als 98 Prozent. Dies geht aus einer Länderliste hervor, die Mark Jacobson, Professor für Bau- und Umweltingenieurwesen an der Stanford University, am 27. August 2026 veröffentlicht hat.
Zehn Länder produzieren rechnerisch mehr sauberen Strom, als sie selbst verbrauchen. Laos erreicht 257 Prozent seines Bedarfs, Paraguay 152 Prozent, Norwegen 115 Prozent. Eine Stufe darunter liegt die Gruppe der Staaten, die mehr als die Hälfte ihres Stroms aus Wind, Wasser und Solar erzeugen, kurz WWS. Darin finden sich Brasilien, Kanada, Spanien, Österreich und die Schweiz. Die Daten stammen vom Thinktank Ember und der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien IRENA.
Weltweit liegt der WWS-Anteil an der Stromerzeugung bei 31,6 Prozent. Solarstrom aus Großanlagen trägt 8,75 Prozent bei und hat damit erstmals die Windkraft mit 8,54 Prozent überholt. Wasserkraft bleibt mit 14 Prozent die größte saubere Quelle. Biomasse und Atomkraft zählt Jacobson nicht zu WWS.
Deutschland liegt bei 49 Prozent
Deutschland erzeugte 2025 nach Jacobsons Rechnung 49 Prozent seines Stroms aus Wind, Wasser und Solar. Windkraft steuerte 27,2 Prozent bei, Solar 17,9 Prozent, Wasserkraft 3,9 Prozent. In der offiziellen Statistik liegt der Erneuerbaren-Anteil höher, bei rund 56 Prozent, weil dort Biomasse mitzählt. Kleinanlagen hinter dem Zähler, etwa Balkonkraftwerke ohne Einspeisung, erfasst die Tabelle ebenfalls nicht.
Im Solaranteil gehört Deutschland damit zur Weltspitze der großen Volkswirtschaften. Chile kommt auf 25 Prozent, Spanien auf 21,9 Prozent, die Niederlande auf 21,1 Prozent, Australien auf 19,7 Prozent. Namibia erreicht mit 35,4 Prozent den höchsten Solaranteil überhaupt.
| Land | WWS-Anteil Erzeugung | davon Solar | WWS in % des Bedarfs |
|---|---|---|---|
| Nepal | 100,0 | 1,1 | 101,2 |
| Island | 100,0 | 0,1 | 99,7 |
| Paraguay | 99,5 | 0,0 | 152,4 |
| Costa Rica | 99,5 | 0,7 | 102,8 |
| Norwegen | 98,9 | 0,3 | 115,2 |
| Österreich | 77,2 | 14,1 | 73,1 |
| Dänemark | 72,1 | 13,4 | 59,5 |
| Schweiz | 66,2 | 12,1 | 66,1 |
| Spanien | 53,6 | 21,9 | 56,2 |
| Deutschland | 49,0 | 17,9 | 47,2 |
| China | 35,0 | 11,1 | 35,1 |
| USA | 24,6 | 8,6 | 24,5 |
| Welt | 31,6 | 8,8 | 31,6 |
Quelle: Jacobson (Stanford), 27. August 2026, Datenbasis Ember und IRENA, Werte für 2025. WWS = Wind, Wasser (inkl. Geothermie), Solar aus Großanlagen, ohne Biomasse und Atomkraft.
Was ein solarer Kipppunkt ist
Der Begriff Kipppunkt ist aus der Klimaforschung bekannt, meist als Warnung. Schmilzt das Grönlandeis oder stockt die atlantische Umwälzzirkulation, verstärken sich Rückkopplungen so lange, bis ein System in einen neuen Zustand kippt. Dieselbe Mechanik gibt es mit umgekehrtem Vorzeichen. Forscher um Tim Lenton von der University of Exeter nennen das positive Kipppunkte: Wird eine Technologie günstiger, wird sie öfter gebaut, und durch den Bau wird sie noch günstiger.
Für Solar haben Femke Nijsse und Kollegen von der University of Exeter und dem University College London 2023 in Nature Communications berechnet, dass dieser Punkt bereits überschritten ist. „Ein globaler, unumkehrbarer solarer Kipppunkt könnte überschritten sein”, schreiben die Autoren. Die Photovoltaik werde die Strommärkte auch ohne weitere Klimapolitik dominieren, bis 2050 als größte Energiequelle der Welt. Cleanthinking hat die Studie 2023 vor der COP28 vorgestellt.
Der Preis für Solarmodule ist seit 2010 um rund 95 Prozent gefallen. 2025 baute die Welt nach Zahlen des Netzwerks REN21 rund 600 Gigawatt Solarleistung zu, so viel wie nie. Den anderen Kipppunkt, den der WELT im Juni ausrief, das Ende des Erneuerbaren-Booms, geben die Zubauzahlen nicht her.
Wasserkraft trägt die 100-Prozent-Länder, Solar den Trend
Die Geografie von Bhutan, Paraguay oder Nepal mit Staudämmen für über 98 Prozent des Stroms lässt sich nicht kopieren. Das Wachstum der letzten Jahre kommt dagegen aus Wind und Solar, und beide sind überall verfügbar. Unter den 14 Ländern über 95 Prozent hat allein Costa Rica mit 12 Prozent Wind und 12 Prozent Geothermie einen breiteren Mix.
Albanien zeigt, wie ein Wasserkraft-Land Solar obendrauf baut. 2025 kamen dort bereits 5,6 Prozent des Stroms aus Photovoltaik, vor allem aus dem 140-Megawatt-Park Karavasta bei Fier, dem größten Solarpark des Westbalkans. Auf dem Stausee des Banja-Wasserkraftwerks betreibt Statkraft seit 2023 die erste schwimmende Solaranlage des Landes mit zwei Megawatt (Aufmacherbild). Solar ergänzt die Wasserkraft vor allem im Sommer, wenn die Pegel der Stauseen sinken.
„Wir brauchen keine Wundertechnologien”, sagte Jacobson bereits 2024 zur ersten Fassung der Liste. Nötig sei, alles zu elektrifizieren und den Strom mit Wind, Wasser und Solar zu erzeugen. Jacobson vertritt seit Jahren die Position, dass 100 Prozent WWS für alle Sektoren technisch und wirtschaftlich möglich seien, ohne Biomasse, Atomkraft oder CO₂-Abscheidung.
Auf der Vorgängerliste von 2024 standen sieben Länder mit mehr als 99,7 Prozent und rund 47 Länder über der Hälfte. Beide Gruppen sind seitdem gewachsen, die obere auf 14, die untere um 17 Länder. Deutschland lag 2024 knapp über 40 Prozent WWS, 2025 bei 49. Der solare Kipppunkt zeigt sich in dieser Liste weniger an der Spitze als an der Steigung.
QUELLEN
- Mark Z. Jacobson, Stanford University: 64 Countries/Territories That Generated 50-100% of Their Grid Electricity Supply With Wind-Water-Solar in 2025, 27. August 2026.
- Nature Communications: The momentum of the solar energy transition, 17. Oktober 2023.
- The Independent: Seven countries now generate 100% of their electricity from renewable energy, 23. April 2024.
- Ember: Electricity Data Explorer, 2026.