Deutschlands größte Agri-PV-Anlage geht neben dem BER ans Netz

PHOTOVOLTAIK · 07. SEPTEMBER 2026

Agri-PV Selchow: Rekordanlage im Schatten des BER

Direkt an der Südbahn des Flughafens, jahrelang Symbol für verschleppte Großprojekte, geht am 8. September bei Selchow Deutschlands größte Agri-PV-Anlage mit Ackerbau ans Netz. 74.000 Module, ein Bio-Landwirt aus der Schorfheide und eine Berliner Landesgesellschaft zeigen, wie aus Flächenkonkurrenz eine Kaskade wird. Zeitgleich beschneidet die EEG-Novelle 2027 genau diese Bauweise.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. Lesezeit LESEN


Der BER wurde über Jahre zur Chiffre für deutsches Staatsversagen: neun Jahre Verzug, ein Milliardengrab, ein Synonym für verschleppte Großprojekte. Am 8. September 2026 wird direkt neben der südlichen Startbahn ein anderes Projekt eingeweiht: Agri-PV Selchow, ein Jahr nach dem Spatenstich.

Auf rund 70 Hektar bei Selchow, einem Ortsteil von Schönefeld, geht Deutschlands größte Agri-PV-Anlage mit durchgehendem Ackerbau ans Netz. Agri-PV bezeichnet die gleichzeitige Nutzung einer Fläche für Solarstrom und Landwirtschaft. Die Fläche gehört den Berliner Stadtgütern, einer landeseigenen Gesellschaft, die knapp 17.000 Hektar in Brandenburg verwaltet. Bislang wurde hier konventionell Ackerbau betrieben. Künftig liefert dieselbe Fläche Strom für 16.500 Haushalte und weiterhin Nahrungsmittel.

„Böden sind eine begrenzte und umkämpfte Ressource", sagt Katrin Stary, Geschäftsführerin der Berliner Stadtgüter. Der Satz beschreibt einen Konflikt, der sich in den kommenden Jahren verschärfen wird: Ackerland für Nahrungsmittel, Fläche für Solarstrom, Fläche für Naturschutz, alles konkurriert um dieselben Quadratmeter. Selchow ist der Versuch, aus dieser Konkurrenz eine gemeinsame Nutzung zu machen. „Aus einem Entweder-oder wird ein Sowohl-als-Auch", sagt Stary dazu.

Der Acker verschwindet nicht unter der Technik

74.000 bifaziale Solarmodule stehen auf Nachführsystemen, sogenannten Trackern, die dem Sonnenstand folgen und sich um bis zu 60 Grad neigen. Bifazial heißt: Die Module nehmen Licht von beiden Seiten auf, auch das vom Boden reflektierte. Gegenüber starr montierten Modulen bringen die Tracker 25 bis 30 Prozent mehr Stromertrag. Die Anlage kommt auf 48 Megawatt Spitzenleistung und soll 59 Gigawattstunden pro Jahr liefern, das vermeidet rund 21.500 Tonnen CO₂ jährlich.

Die Module stehen bis zu 3,50 Meter hoch aufgeständert, in Reihen mit elf Metern Abstand zueinander. Ein Meter davon ist Wildblumenstreifen mit regionalem Saatgut, die restlichen neun Meter bleiben Arbeitsbreite für Traktor und Erntemaschine. Macht 90 Prozent der Gesamtfläche, die weiter landwirtschaftlich nutzbar bleibt, nicht nur am Rand der Anlage, sondern zwischen den Modulreihen selbst.

„Wir verbauen keine Standardlösung, bei der der Acker unter der Technik verschwindet", sagt Thomas K. Müller, Projektleiter und Bereichsleiter regenerative Energie bei den Berliner Stadtgütern. Der Unterschied zu vielen Freiflächenanlagen liegt in der Aufständerung: Wo klassische Solarparks die Fläche unter den Modulen meist nur noch als Schafweide nutzen, bleibt sie in Selchow ackerfähig. „Das ermöglicht es, dass die Landwirtschaft nicht nur am Rand, sondern zwischen den Modulen möglich ist", erklärt Müller.

Bewirtschaftet wird die Fläche von Sven Geelhaar, Bio-Landwirt aus Chorin in der Schorfheide. Sein Familienbetrieb umfasst rund 300 Hektar, Bioland-zertifiziert seit 2016, 2018 vom Großvater übernommen. Er baut Erdbeeren, Kartoffeln und Marktfrüchte an, hält Angus-Rinder und Legehennen in Mobilställen und vermarktet direkt über Hofautomat und Onlineshop. Die Berliner Stadtgüter hatten öffentlich einen Landwirtschaftsprofi mit Interesse an Agri-PV gesucht, bevorzugt ökologisch wirtschaftend. Geelhaar setzte sich in der Ausschreibung durch.

Ab September wird zunächst der Boden bearbeitet und eine Zwischenfrucht ausgesät. Ab 2027 sind Körnerhirse, Luzerne und Ackergräser geplant, möglicherweise Mohn oder Raps. Mais bleibt ausgeschlossen, wegen der Vogelschlaggefahr am direkt angrenzenden Flughafen.

Agri-PV Selchow: Was die Module für den Acker leisten

Der Standort hat überwiegend leichte Böden, 22 bis 35 Bodenpunkte, also unterdurchschnittliche Ertragsfähigkeit nach der deutschen Bodenschätzung. Genau hier soll die Doppelnutzung einen Zusatznutzen bringen. Die Module wirken wie eine Teilüberdachung: Sie schützen vor extremer Sonneneinstrahlung, mildern Starkregen ab und dämpfen Trockenphasen. Geelhaar selbst beschreibt es so: Die Module „können vor extremer Sonne und Starkregen schützen sowie Trockenheit abmildern".

Im April 2026 fiel auf der Fläche kaum Regen, ein trockener Monat in einer Region, die ohnehin zu den niederschlagsärmsten Deutschlands zählt. Unter den Modulreihen ließ sich trotzdem noch Bodenfeuchtigkeit feststellen, ein erster Praxisbeleg dafür, dass die Teilbeschattung tatsächlich etwas bringt und kein bloßes Verkaufsargument ist.

Ob sich der Effekt über mehrere Vegetationsperioden hält, welche Kulturen davon profitieren und welche nicht, das misst nun eine wissenschaftliche Begleitforschung. Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, kurz ZALF, die TU Dresden und das Bundesamt für Naturschutz sammeln über Jahre Daten zu Ertrag, Bodenfeuchte und Biodiversität. Die Ergebnisse sollen künftigen Agri-PV-Projekten als Grundlage dienen, an anderen Standorten, mit anderen Böden, anderen Kulturen.

„Mit dem Agri-PV-Leuchtturmprojekt in Schönefeld zeigt Elysium mit seinen Partnern, wie der Markthochlauf von großflächiger Agri-PV in Deutschland gelingen kann", sagt Richard Härtel, COO des Projektentwicklers Elysium Solar. Gebaut hat GoldbeckSolar, Eigentümerin der Anlage ist klimaVest, ein Privatanlegerfonds der Commerz-Real-Gruppe. Der Netzanschluss war unkompliziert: Eine 110-Kilovolt-Leitung verläuft direkt an der Fläche.

Zum Vergleich der Größenordnungen: Der Klimapark Steinhöfel von Sunfarming ist als Solarpark größer angelegt, funktioniert aber nach einem anderen Prinzip, dort dominiert die Schafbeweidung unter den Modulen. Selchow ist die größere Anlage, wenn man den Maßstab an durchgehendem Ackerbau zwischen den Modulreihen anlegt.

Die Förderung schrumpft, während die Anlage ans Netz geht

Während in Selchow die Module ans Netz gehen, verschlechtert sich die Förderlage für genau diese Bauweise. Das Bundeskabinett hat am 29. Juli 2026 die EEG-Novelle 2027 beschlossen, verantwortet vom Bundeswirtschaftsministerium unter Katherina Reiche, geplantes Inkrafttreten am 1. Januar 2027, noch unter EU-Beihilfevorbehalt. Für Agri-PV und die verwandte Moor-PV soll der Förderbonus künftig bei 0,5 Cent pro Kilowattstunde liegen.

Verbände wie Landvolk Niedersachsen und Bioland fordern mindestens 2,5 Cent pro Kilowattstunde. Ihre Rechnung: Die hochaufgeständerte Bauweise, wie sie auch in Selchow zum Einsatz kommt, kostet deutlich mehr als eine klassische Freiflächenanlage, mit 0,5 Cent lassen sich diese Mehrkosten nicht decken. Dazu kommt eine neue technische Hürde, der Bonus soll künftig nur noch bei mindestens 2,10 Metern lichter Höhe greifen.

Die einschneidendste Änderung betrifft die Ausschreibungsstruktur selbst. Seit 2024 gab es ein eigenes Ausschreibungssegment für Spezial-Solaranlagen, das Agri-PV, Moor-PV, Parkplatz-PV und Floating-PV zusammenfasste und vor der billigeren klassischen Freiflächen-PV schützte. Die Novelle streicht dieses Segment. Ab 2027 muss Agri-PV direkt gegen klassische Freiflächenanlagen konkurrieren, obwohl deren Kosten pro Kilowattstunde strukturell niedriger liegen.

Bioland, Naturland und der Bundesverband Solarwirtschaft kritisieren das unabhängig voneinander als einseitige Ausrichtung auf billige Freiflächen-PV. Zu Agri-PV hat sich Ministerin Reiche selbst nicht geäußert. Ihr Haus nennt die Novelle einen Paradigmenwechsel mit erklärtem Fokus auf kostengünstigen Zubau, und genau diese Linie geht nach Einschätzung der Verbände strukturell zulasten teurerer Doppelnutzungskonzepte.

Härtel benennt die Konsequenz für Projekte wie Selchow direkt: Die Anlage bei Schönefeld sei überhaupt nur ohne EEG-Förderung realisierbar gewesen, weil klimaVest sie über eine eigene Fondsfinanzierung trägt. Andere Agri-PV-Vorhaben, die auf auskömmliche Förderung angewiesen sind, hätten dieses Polster nicht.

Damit steht Selchow für zwei Dinge gleichzeitig. Die Anlage beweist, dass Ackerbau und Solarstrom auf derselben Fläche funktionieren, mit belegbarem Zusatznutzen für den Boden und wissenschaftlicher Begleitung, die künftigen Projekten als Blaupause dienen kann. Und sie zeigt, dass ohne eine Finanzierung wie die von klimaVest kaum ein zweites Projekt dieser Größenordnung in Deutschland ans Netz gehen dürfte, solange die EEG-Novelle in ihrer jetzigen Form steht.

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