BIOÖKONOMIE · 14. SEPTEMBER 2026
New Standard Oil Llc.New Standard Oil nimmt Prototypanlage für Biomasseverwertung in Betrieb
Heu, Gärreste und anderes Grünzeug sollen in einer Halle in Tallinn zu Bioöl, Biokohle und Synthesegas werden. Zwei Fraunhofer-Institute liefern die Verfahren dafür, ein estnisches Cleantech-Unternehmen die Verschaltung.
Verfahren, die Biomasse thermisch in Öl, Gas und Kohle zerlegen, gibt es seit Jahren. Wer sie zu einer durchgehenden Produktionslinie verbinden will, stößt zwischen den einzelnen Schritten auf Schleusen und mechanische Übergabepunkte. Bislang bekommt niemand daraus ein System, das sich industriell rechnet.
Die Plattform „Uniformer" des estnischen Cleantech-Unternehmens New Standard Oil soll diese Übergänge überflüssig machen. Der erste industrielle Prototyp läuft in Tallinn. Die Partner testen ihn auf der Reifegradstufe TRL 6, der Stufe für Versuche im industriellen Maßstab.
Beteiligt sind das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB und das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT. Aus Bioabfällen sollen Biokohle, Bioöl, Synthesegas und funktionelle Proteine entstehen, Rohstoffe für Metallurgie, Chemie, Bau, Landwirtschaft und Energiewirtschaft.
Fraunhofer-Institute liefern Dampftrocknung und Reforming-Technik
Fraunhofer IGB bringt seine Erfahrung mit überhitztem Wasserdampf ein. Das Verfahren trocknet und homogenisiert Reststoffe wie Heu oder Gärreste, bevor sie weiterverarbeitet werden.
Diese milde Vorbehandlung bereitet das Material für die anschließende Pyrolyse oder das Thermo-Catalytic Reforming vor. Das Verfahren von Fraunhofer UMSICHT ist ein thermochemischer Prozess, der Reststoffe in Kraftstoffe, Kohlenstoffmaterialien und chemische Vorprodukte zerlegt.
„Eine zirkuläre Kohlenstoffwirtschaft benötigt Lösungen, die Prozesseffizienz, Rohstoffflexibilität und industrielle Skalierbarkeit miteinander verbinden", sagte Robert Daschner von Fraunhofer UMSICHT. New Standard Oil verantwortet die Systemintegration und die Reaktorentwicklung.
Eine patentangemeldete Methode des Cleantech-Unternehmens verbindet die thermochemischen Schritte zu einem durchgehenden Prozess. Schleusensysteme und mechanische Übergabepunkte entfallen dadurch. Das senkt nach Angaben der Firma die Kosten der Biomasseverwertung und erhöht die energetische Flexibilität der Anlage.
New Standard Oil prüft Anschluss an bayerisches Bioökonomie-Ökosystem
Die Ergebnisse aus Tallinn sollen die Richtung der nächsten Entwicklungsphase vorgeben. Auf ihnen sollen künftige Pilotprojekte und die Suche nach Industriepartnern aufbauen. Parallel dazu prüft New Standard Oil eine Kooperation im bayerischen Bioökonomie-Ökosystem, darunter Aktivitäten im BioCampus des Hafens Straubing-Sand.
„Bei erfolgreicher Validierung kann unsere Plattform dazu beitragen, Millionen Tonnen bislang ungenutzter Bioabfälle in ganz Europa in wertvolle erneuerbare Produkte umzuwandeln", sagte Firmengründer Tommy Biene. Zwei weitere Systemarchitekturen will das Unternehmen anschließend erproben.
Ähnliche Kreislauf-Projekte laufen bereits in Deutschland
Auch andere europäische Projekte verbinden Reststoffe mit neuen Wertschöpfungsketten. Das Hamburger Cleantech-Unternehmen traceless fertigt aus Agrar-Reststoffen einen kompostierbaren Kunststoffersatz und eröffnete dafür im Mai 2026 die weltweit erste Industrieanlage.
Radical Dot gewinnt aus Müll Grundstoffe für die chemische Industrie, ESTER Biotech spaltet Kunststoffe enzymatisch in ihre Bausteine zurück. Beide arbeiten biologisch, New Standard Oil setzt auf den thermochemischen Weg.
QUELLEN
- Fraunhofer IGB: Chemie- und Energiesektor lösen sich von fossilen Rohstoffen, 14. September 2026.