Die Welt verbrennt mehr Kohle und stößt trotzdem weniger CO2 aus

ENERGIEWENDE · 26. SEPTEMBER 2026

CO2-Emissionen 2026 sinken trotz Kohle-Rekord

Die Welt verbraucht 2026 so viel Kohle wie nie zuvor. Trotzdem sinken laut Carbon Brief die CO2-Emissionen 2026 aus fossilen Energien, weil die Ölnachfrage seit der Blockade der Straße von Hormus einbricht.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Simon Evans hat für Carbon Brief die jüngsten Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) für Kohle, Öl und Gas in Emissionen umgerechnet. Ergebnis: Der CO2-Ausstoß aus fossilen Brennstoffen sinkt 2026 um rund 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Fossile Energien verursachen zwei Drittel der globalen Treibhausgasemissionen. Den Zuwachs bei der Kohle gleichen Öl und Gas mehr als aus.

Veränderung der CO2-Emissionen 2026 nach Energieträger: Kohle steigt, Gas und Öl sinken
Grafik: Cleanthinking. Quelle: Carbon-Brief-Analyse auf Basis von IEA-Prognosen, Werte aus der Carbon-Brief-Grafik abgelesen

Warum die Kohle 2026 einen Rekord verzeichnet

Die Internationale Energieagentur beziffert die globale Kohlenachfrage 2026 auf 8,94 Milliarden Tonnen, ein Zuwachs von 1,2 Prozent gegenüber den 8,84 Milliarden Tonnen aus dem Vorjahr. Im Dezember 2025 hatte die Behörde noch einen leichten Rückgang erwartet.

Die IEA nennt zwei Gründe für den Zuwachs: die Krise im Nahen Osten und ein ungewöhnlich starkes El-Niño-Jahr. Höhere Gaspreise lassen Kraftwerksbetreiber von Gas auf Kohle wechseln, während El Niño die Wasserkraft schwächt und den Kühlbedarf erhöht.

Land Veränderung 2026 Treiber
China+1,0 %starke Stromnachfrage, schwacher Wind, teures LNG
Indien+4,2 %wachsende Stromnachfrage
Südkorea+6,0 %geringe Atomkraft-Verfügbarkeit, hohe Gaspreise
USA-7,0 %Rückgang nach Sonderanstieg 2025
Japan-1,0 %-

Quelle: IEA Coal Mid-Year Update 2026.

Carbon Brief betont, dass ein großer Teil des Kohle-Zuwachses nichts mit der Straße von Hormus zu tun hat, sondern mit El Niño und der Lage in China. Und wo Versorger wegen teuren Gases umsteigen, fahren sie Kohlekraftwerke, die schon stehen, länger und öfter. Diesen Wechsel können nur wenige Länder in großem Maßstab vollziehen.

Warum die CO2-Emissionen 2026 trotzdem sinken

Beim Gas hat sich die Prognose der IEA binnen eines halben Jahres gedreht. Im Januar erwartete die Behörde für 2026 ein Nachfragewachstum von zwei Prozent, im Juli stand ein Minus von 0,6 Prozent in der Tabelle. Der Preisdruck hat seither weiter zugenommen.

Beim Öl fällt die Korrektur noch drastischer aus. Im Januar rechnete die IEA noch mit einem Nachfragewachstum von 930.000 Barrel pro Tag. Im September erwartet sie einen Rückgang von 2,5 Millionen Barrel pro Tag, ein Minus von 2,4 Prozent gegenüber 2025. Dazwischen hat die Behörde ihre Prognose für die Ölnachfrage 2026 Monat für Monat gesenkt.

Noch im Oktober 2025 ging die IEA davon aus, dass die globale Ölnachfrage erst um 2030 ihren Höhepunkt erreicht. Carbon Brief setzt hinter diese Prognose inzwischen ein Fragezeichen. Gleichzeitig erreichen Elektroautos in Australien, China, Europa, Indonesien und Thailand neue Rekordanteile an den Neuzulassungen.

Die IEA streicht zwei Jahre Wachstum beim Öl

Ende Februar 2026 griffen die USA und Israel den Iran an, der Handel durch die Straße von Hormus kam fast zum Erliegen. Sieben Monate später zeigt der IEA-Ölmarktbericht vom 11. September das Ausmaß: minus 2,5 Millionen Barrel pro Tag für 2026, eine um 940.000 Barrel pro Tag stärkere Kürzung als im Vormonat.

IEA-Prognosen zur Ölnachfrage 2026 von Januar bis September: von plus 930.000 auf minus 2,5 Millionen Barrel pro Tag
Grafik: Cleanthinking. Quelle: IEA Oil Market Reports Januar bis September 2026, via Carbon Brief

Als Gründe nennt die Behörde festgefahrene Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran, Ausfälle bei petrochemischen Rohstoffen und Kraftstoffen sowie hohe Dieselpreise. Ohne Fortschritte im Konflikt drohe eine dauerhafte Zerstörung von Nachfrage, warnt die IEA.

„Mit jedem Monat, den der Konflikt andauert, steigt die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften Zerstörung von Nachfrage", sagt Sverre Alvik, Vizepräsident beim norwegischen Prüfkonzern DNV. DNV verweist zusätzlich auf die Elektromobilität: In neuen Märkten außerhalb Chinas, Europas und Nordamerikas haben sich die E-Auto-Verkäufe im Juli 2026 gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt.

Für 2027 erwartet die IEA eine Erholung um 2,6 Millionen Barrel pro Tag, die den diesjährigen Einbruch knapp ausgleicht. Die Ölnachfrage läge damit 2027 etwa auf dem Niveau von 2025. Im Juni hatte die Behörde für 2027 noch einen deutlichen Anstieg über das Niveau von 2025 erwartet.

Was bleibt, wenn die Krise vorbei ist

Lauri Myllyvirta hat für Carbon Brief nachgerechnet, dass Chinas CO2-Emissionen im zweiten Quartal 2026 um ein Prozent gesunken sind. Der Ölverbrauch brach um neun Prozent ein, im Verkehr sogar um 16 Prozent. Die Kohle in der Stromerzeugung legte um 2,4 Prozent zu, auch weil Netzbetreiber mehr Wind- und Solarstrom abregelten.

Nach Myllyvirtas Rechnung ist das ein Novum: Zum ersten Mal lässt ein rückläufiger Ölverbrauch Chinas Gesamtemissionen sinken. Chinas E-Auto-Bestand wächst binnen eines Jahres um 33 Prozent, das vermeidet im Quartal rund 19 Millionen Tonnen Ölverbrauch. Das passt zu Sinopecs eigener Einschätzung, dass Chinas Ölverbrauch seinen Höhepunkt bereits überschritten hat.

Im August stellten Elektroautos und Plug-in-Hybride nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua mit 60,6 Prozent einen Rekordanteil an den Neuwagenverkäufen in China.

Die Krise verschiebt auch Investitionsentscheidungen. Regierungen in Ländern, die ihre Stromversorgung auf importiertes Flüssigerdgas (LNG) stützen wollten, rücken laut Carbon Brief davon ab. Ein Teil setzt stattdessen auf heimische Solar- und Windkraft, ein anderer Teil hält länger an der Kohle fest. Welcher Weg sich durchsetzt, prägt die Emissionen dieser Länder weit über die Krise hinaus.

Ein halbes Prozent Rückgang ist wenig, und Kohle bleibt die größte einzelne CO2-Quelle der Welt. Ob der Rückgang 2027 weitergeht, hängt am Gaspreis. Die IEA rechnet für die Kohle 2027 nur dann mit einem Rückgang auf 8,91 Milliarden Tonnen, wenn sich die Spannungen im Nahen Osten tatsächlich abbauen.

Dan McCarthy vom US-Magazin Canary Media sieht einen Unterschied in der Haltbarkeit: Die Rückkehr zur Kohle nutzt Infrastruktur, die längst steht, um einen akuten Engpass abzufedern. Der Zubau von Elektroautos, Solaranlagen und Speichern ist dagegen Neubau, eine Antwort auf dieselbe Krise. Die Krise vergeht, sobald sich die Lage am Golf entspannt, und mit ihr der Anlass für die zusätzliche Kohle. Die E-Autos, Solaranlagen und Speicher, die Haushalte und Unternehmen in diesem Jahr gekauft haben, bleiben.

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