KOMMENTAR · 25. SEPTEMBER 2026

Europäische Gasversorgung: Die Bundesregierung erzeugt die Unsicherheit selbst
Ökonomen der TU Nürnberg empfehlen lange Verträge für die europäische Gasversorgung, weil der Ausbau der Erneuerbaren unsicher sei. Die Bundesregierung erzeugt diese Unsicherheit mit ihrem Netzpaket selbst. Teile der Presse machen daraus trotzdem ein Naturgesetz.
Das Energy Systems and Market Design Lab der Technischen Universität Nürnberg hat in dieser Woche einen Policy Brief zur Gasversorgung vorgelegt. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm hat ihn mit vier Kolleg*innen verfasst. Ihre Kernempfehlung: Europa soll einen größeren Teil seines künftigen Gasbedarfs über lange, flexibel gestaltete Lieferverträge absichern. Die Autoren begründen das unter anderem damit, dass niemand wisse, wie schnell Erneuerbare, Effizienz und Elektrifizierung das Gas verdrängen.
Daniel Wetzel hat die Studie für die WELT aufgegriffen. Er liest darin, dass überlastete Netze den Ausbau von Wind- und Solarstrom bremsen und Deutschland deshalb vom Gas abhängig bleibt. „Der Abschied vom Gas fällt schwerer als gedacht“, schreibt er. Wer die Studie selbst liest, findet an mehreren Stellen das Gegenteil.
Die Bundesregierung bremst den Ausbau, den das Gutachten für unsicher hält
Die Autoren halten zunächst fest, dass der Zubau von Wind- und Solaranlagen Ende 2025 auf oder teilweise sogar über dem Zielpfad lag. Für die kommenden Jahre sehen sie trotzdem „erhebliche Unsicherheit“. Als Grund nennen sie vor allem die geplante Kopplung der Ausbauziele an den Netzausbau und einen Redispatchvorbehalt in Regionen mit Netzengpässen. Beides würde den Zubau dort bremsen.
Beides stammt von der Bundesregierung. Das Kabinett hat das Netzpaket am 29. Juli 2026 beschlossen, das parlamentarische Verfahren läuft. In Gebieten mit mehr als fünf Prozent Redispatchbedarf müssen neue Anlagen Abregelungen teilweise ohne Entschädigung hinnehmen, laut überarbeitetem Entwurf bis zu zehn bis 20 Prozent ihres Jahresertrags. Netzbetreiber dürfen dort zudem neue Anschlüsse leichter ablehnen. Der Bundesverband Windenergie sieht das Risiko damit auf die Anlagenbetreiber verlagert und warnt vor einem gebremsten Ausbau (mehr dazu: Kritik am Netzpaket).
Im Verteilnetz fehlen vor allem Messdaten
Im Übertragungsnetz gibt es echte Engpässe. Das Engpassmanagement kostete 2024 rund 2,8 Milliarden Euro, 9,4 Terawattstunden erneuerbarer Strom wurden abgeregelt, meldet die Bundesnetzagentur (mehr dazu: Faktencheck zu den Redispatch-Kosten). Speicher und flexible Verbraucher können diese Engpässe entschärfen, ohne dass Deutschland den Zubau drosseln muss.
Im Verteilnetz bleibt die Überlastung oft eine Behauptung ohne Messung. Das Team um Claus Hartmann, Professor für nachhaltige Energieversorgung an der Hochschule Flensburg, hat im EKSH-geförderten Projekt LoMa das Verteilnetz der Stadtwerke Husum modelliert und mit Messdaten geprüft. Im Basisfall 2035 hängen dort 1.000 Ladepunkte und 2.600 Wärmepumpen am Netz, heute sind es 412 und 575. Trotzdem muss der Netzbetreiber an keinem einzigen Netzknoten nach Paragraf 14a Energiewirtschaftsgesetz eingreifen, also Wärmepumpen oder Ladepunkte kurzzeitig herunterregeln. Von 28.005 Leitungen sind nur zwei zu mehr als 90 Prozent ausgelastet.
Selbst im Extremszenario mit 5.000 Ladepunkten und 5.200 Wärmepumpen müsste der Netzbetreiber in einer Winterwoche nur rund drei Megawattstunden drosseln, etwa 0,6 Prozent der steuerbaren Last. Landesweit ließen sich so rund 72 Millionen Euro Netzausbau sparen. Die Grenze nennt Hartmann selbst: Sommerliche Engpässe durch Solarstrom löst Paragraf 14a nicht. Die Verteilnetzbetreiber stünden bei der Messung ihrer Niederspannungsnetze „noch ganz am Anfang“, schreibt er.
Zum 30. Juni 2026 hatten erst 3,17 von 54,14 Millionen Messlokationen ein intelligentes Messsystem, das sind 5,9 Prozent. Messungen des Speicherherstellers E3/DC zeigen, dass der bisherige Solarzubau das Ortsnetz nicht überlastet (mehr dazu: Keine Überlastung im Verteilnetz messbar). Nach einer Studie des Fraunhofer IEE für den Bundesverband Solarwirtschaft könnten Batteriespeicher an 1.313 ländlichen Umspannwerken zusätzlich rund 150 Gigawatt Photovoltaik aufnehmen (mehr dazu: Speicher an Umspannwerken).
Netzbetreiber verdienen über die Anreizregulierung vor allem an dem Kapital, das sie in Leitungen und Umspannwerke stecken. Für Messtechnik, Steuerung und Speicher fehlt ein vergleichbarer Anreiz. Solange das so bleibt, erscheint jedes ungemessene Ortsnetz als potenziell überlastet.
Wer in Primärenergie rechnet, übersieht die Elektrifizierung
Wetzel zitiert aus dem Gutachten, dass Erdöl mit 34,2 Prozent und Erdgas mit 27,7 Prozent weiterhin den größten Teil des deutschen Primärenergieverbrauchs decken. Die Zahlen stimmen. Der Ölanteil stieg seit 2019 von 30,6 auf 34,2 Prozent, obwohl Deutschland kaum mehr Öl verbrauchte: Der gesamte Energieverbrauch sank, der Ölverbrauch blieb nahezu gleich.
Die Autoren rechnen für 2030 eine Lücke von mehr als 1.700 Terawattstunden Primärenergie vor, die heimische Erneuerbare nicht decken. Im selben Absatz schreiben sie, dass diese Zahl den tatsächlichen Bedarf überschätzt. Strom in Wärmepumpen und Elektromotoren vermeidet die Umwandlungsverluste, die Heizkessel und Verbrenner in der Statistik aufblähen. Wetzel zitiert die Lücke und die Folgerung, sie müsse vor allem mit importiertem Erdgas gedeckt werden, den einschränkenden Satz der Autoren übernimmt er nicht.
Beim Klimagipfel COP31 in Antalya will die Türkei das Ziel „35 by 35“ beschließen lassen. Wetzel beschreibt es als Anstieg des Stromanteils am Primärenergiebedarf von 21 auf 35 Prozent. Tatsächlich bezieht sich das Ziel auf den Stromanteil am Endenergieverbrauch, heute rund 20 Prozent. Die Verwechslung von Primär- und Endenergie zieht sich durch seine Texte (mehr dazu: Wetzel und der Acht-Prozent-Irrtum).
Jede Wärmepumpe senkt den Gasbedarf vom ersten Tag an, jedes Elektroauto den Ölbedarf. Die Technik dafür ist billig geworden: Seit 2010 sind die Erzeugungskosten für Solarparks um rund 90 Prozent gefallen, für Windkraft an Land um 70 und auf See um 62 Prozent, rechnet die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien vor. Batteriepacks kosteten 2025 im Schnitt 108 Dollar pro Kilowattstunde, rund 93 Prozent weniger als 2010, meldet BloombergNEF.
Lange Gasverträge lösen das Klumpenrisiko nicht
Wie abhängig die europäische Gasversorgung inzwischen ist, zeigt die Studie selbst. Die EU importierte 2025 mehr als 870 Terawattstunden LNG aus den USA, 2021 waren es rund 240. Damit liegen die USA fast gleichauf mit Norwegen, das per Pipeline etwas mehr als 900 Terawattstunden liefert. Die Autoren stellen fest, dass sich Europas Importe dadurch wieder auf wenige große Lieferländer konzentrieren. Grimm hält diese Abhängigkeit für zu groß und will weitere Lieferanten erschließen, etwa Algerien.
Auch fürs Klima ist die Herkunft nicht egal. Pipelinegas aus Norwegen verursacht laut Studie in der Vorkette rund 20 Gramm CO2-Äquivalent je Kilowattstunde, die meisten LNG-Lieferungen, darunter die aus den USA, liegen zwischen 60 und 90 Gramm. Verflüssigung und Seetransport kosten Energie, bei der Förderung entweicht Methan.
Im Gutachten sehen die Autoren für Fracking in Deutschland derzeit keine eindeutige Notwendigkeit, die Rolle von blauem Wasserstoff halten sie für offen. Vor Journalisten sagte Grimm laut WELT, die europäische Eigenproduktion, etwa per Fracking, gehöre wieder auf die Tagesordnung. Die Gegenrechnung liefert ihr eigenes Material. Elektrifizierung senkt den Bedarf schneller, als die Primärenergiestatistik zeigt, Speicher an Umspannwerken holen mehr Solarstrom ins Bestandsnetz, und gemessene Ortsnetze machen pauschale Abregelung überflüssig.
Die US-Regierung zahlt derzeit Offshore-Windentwicklern Milliarden für die Rückgabe ihrer Pachten, die Unternehmen stecken das Geld in Gas- und LNG-Projekte (mehr dazu: RWE gibt seine Pachten vor der US-Küste zurück). Wer die europäische Gasversorgung jetzt für 20 Jahre und mehr vertraglich festlegt, tauscht ein Klumpenrisiko gegen das nächste. Die einzige Energie, die kein Lieferland drosseln kann, wächst auf deutschen Dächern und Feldern, solange die Bundesregierung sie lässt.
QUELLEN
- TU Nürnberg, Energy Systems and Market Design Lab: Vom Krisenmanagement zur Strategie: Die europäische Gasversorgung neu justieren, 23. September 2026.
- WELT: Fataler Gas-Irrtum - Wirtschaftsweise warnt vor dem Scheitern der Energiewende, 23. September 2026.
- neue energie / Windindustrie in Deutschland: Kabinettsbeschluss zu EEG und Netzpaket: Branche warnt vor neuen Hürden - Bundestag soll nachbessern, 31. Juli 2026.
- Rödl & Partner: Netzpaket Light? Referentenentwurf mit wesentlichen Änderungen, 2026.
- Hochschule Flensburg, LoMa-Projekt, Prof. Dr. Claus Hartmann: Wie viel § 14a EnWG braucht die lokale Wärme- und Verkehrswende?, 24. September 2026.
- energie & management: Netzengpasskosten 2024 um 500 Millionen Euro gesunken, 2025.
- Climate Home News: COP31 leaders unveil global targets, with spotlight on electrification, 9. Juni 2026.
- IRENA: Renewable Power Generation Costs in 2024, Juli 2025.
- BloombergNEF: New record lows for battery prices, 2025.