STROM UND ERNTE VOM SELBEN ACKER · 1. OKTOBER 2026

Wie Landwirte mit Agri-PV Strom und Ernte von einer Fläche holen
Bei Agri-PV stehen Solarmodule über oder zwischen den Pflanzenreihen, der Traktor fährt weiter. Das spart Acker, kostet aber mehr als ein klassischer Solarpark. Normen, Erträge, Förderregeln und Anlagen mit Stand September 2026.
Sonnenlicht ist auf dem Acker ein knappes Gut, um das sich Pflanzen und Solarzellen streiten. Lange galt deshalb ein Entweder-oder. Wer einen Solarpark auf Ackerland baute, nahm dem Betrieb die Fläche für die gesamte Laufzeit der Anlage. Mit Agri-PV legen Planer beide Nutzungen übereinander oder nebeneinander, und die Landwirtschaft bleibt Hauptnutzung.
Die Idee ist älter als die Energiewende. Adolf Goetzberger, Gründer des Fraunhofer ISE, beschrieb sie 1981 mit Armin Zastrow im Artikel „Kartoffeln unter dem Kollektor“. Eine der ersten deutschen Forschungsanlagen entstand 2016 in Heggelbach am Bodensee. Seither haben Normungsgremien, Gesetzgeber und Bundesnetzagentur eigene Regeln für die Doppelnutzung geschaffen.
Für die Energiewende zählt Agri-PV aus einem nüchternen Grund. Das Fraunhofer ISE hat für Deutschland einen Bedarf von 300 bis 450 Gigawatt Photovoltaik bis 2045 berechnet, und jede Freifläche verschärft den Streit um Ackerland. Die grundsätzlichen Vor- und Nachteile der Photovoltaik gelten auch hier. Neu ist die Frage, wie viel Ernte eine Solaranlage kosten darf.
Inhalt
Was unterscheidet Agri-PV von einem gewöhnlichen Solarpark
Den Unterschied macht die Rangfolge der Nutzungen: Die Landwirtschaft bleibt Hauptnutzung, der Strom kommt dazu. Festgeschrieben ist das in der DIN SPEC 91434 vom Mai 2021. Sie kennt zwei Kategorien. In Kategorie I stehen die Module mit mindestens 2,10 Metern lichter Höhe, die Bewirtschaftung läuft darunter.
In Kategorie II bleiben die Module niedriger, Mähwerk und Pflug fahren zwischen den Reihen. Die Norm setzt harte Grenzen für den Flächenverlust durch Stützen, Fundamente und Wege. In Kategorie I dürfen höchstens zehn Prozent der Projektfläche wegfallen, in Kategorie II höchstens 15 Prozent. Der Ernteertrag muss nach dem Bau mindestens 66 Prozent des Referenzertrags erreichen.
Technisch reicht die Spanne vom Moduldach über Obstbäumen bis zur senkrechten Modulwand im Grünland. Hoch aufgeständerte Anlagen überspannen Acker, Obst oder Hopfen und können die Kultur gleichzeitig schützen. Bodennahe Systeme, etwa senkrecht montierte Modulreihen, lassen breite Streifen für die Maschinen frei. Nachgeführte Module, sogenannte Tracker, drehen sich mit der Sonne und lenken damit auch den Schatten.
Wie viel Strom ein Hektar Agri-PV liefert
Das technische Potenzial für hoch aufgeständerte Agri-PV in Deutschland beziffert das Fraunhofer ISE auf rund 1.700 Gigawatt Peak. Die Zahl steht im Leitfaden „Agri-Photovoltaik: Chance für Landwirtschaft und Energiewende“, vierte Auflage vom Juni 2025. Nach dieser Abschätzung würden rund vier Prozent der Agrarflächen genügen, um den Strombedarf bilanziell zu decken. Bodennahe Anlagen auf Dauergrünland erschließen bei 0,35 Megawatt Peak je Hektar weitere 1.200 Gigawatt Peak.
Der Vergleich mit Energiepflanzen fällt deutlich aus. Auf rund 2,16 Millionen Hektar, etwa 13 Prozent der Agrarfläche, wuchsen 2024 Energiepflanzen, davon rund 0,9 Millionen Hektar Mais für Biogas. Das Umweltbundesamt empfiehlt im Positionspapier „Photovoltaik auf dem Acker?“ vom Dezember 2025, diesen Anbau zu verringern und Agri-PV auszubauen. Der Fraunhofer-Leitfaden nennt für Agri-PV den Faktor 32 beim Strom je Hektar gegenüber Energiemais.
Wie groß der Vorsprung ausfällt, hängt von der Bezugsfläche ab. Das UBA stellt dazu Werte von Jonas Böhm aus dem Jahr 2023 zusammen, gerechnet im durchschnittlichen Ertragsszenario.
| Anlagentyp | kWh je Hektar Anlagenfläche und Jahr | kWh je Hektar verlorener Agrarfläche und Jahr |
|---|---|---|
| Solarpark konventionell | 848.095 | 848.095 |
| Agri-PV vertikal | 338.808 | 3.388.082 |
| Agri-PV horizontal | 575.481 | 7.193.514 |
Quelle: Umweltbundesamt, Positionspapier „Photovoltaik auf dem Acker?“, Dezember 2025, Tabelle 1 nach Böhm 2023. Bezogen auf die ganze Anlagenfläche liefert der klassische Solarpark mehr Strom, weil seine Modulreihen dichter stehen. Bezogen auf den verlorenen Acker liegt Agri-PV um ein Vielfaches vorn.
Welche Kulturen unter Solarmodulen gut wachsen
Schattentolerante Kulturen eignen sich nach bisherigen Versuchen am besten für Agri-PV. Der Fraunhofer-Leitfaden nennt Blattgemüse wie Salat, Kleegras, Kern-, Stein- und Beerenobst sowie Bärlauch, Spargel und Hopfen. Mais kommt dagegen schlecht mit dem Schatten zurecht, schreibt das UBA. Unter dem Moduldach sind Pflanzen besser vor Regen, Hagel, Sonnenbrand und Wind geschützt, Hagelschutznetze oder Folientunnel lassen sich teilweise einsparen.
Wie stark das Wetter die Bilanz verschiebt, zeigt Heggelbach. Dort stehen 720 Module mit 194 Kilowatt Peak in mehr als fünf Metern Höhe über einem Drittel Hektar Acker. Unter der Anlage kam im Schnitt 30 Prozent weniger photosynthetisch nutzbares Licht an. Kartoffeln, Weizen und Sellerie verloren im ersten Jahr rund 18 bis 19 Prozent Ertrag, Kleegras nur 5,3 Prozent.
Im Dürresommer 2018 drehte sich das Bild. Sellerie legte gegenüber der Referenzfläche um zwölf Prozent zu, Kartoffeln um elf und Winterweizen um drei Prozent. Bei Kartoffeln erreichte die Fläche so eine Landnutzungseffizienz von 186 Prozent, also 103 Prozent Ernte plus 83 Prozent Solarstrom. Das Jahr 2019 brachte wieder Einbußen von 19 Prozent bei Kleegras bis 33 Prozent bei Knollensellerie.
Im Hopfenbau testen Fraunhofer ISE und die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf die Technik seit April 2023. Auf dem Hofgut Wimmer in Neuhub in der Hallertau hängen die Module sieben Meter über dem Hopfengarten. In den ersten beiden Ertragsjahren sank der Hopfenertrag um 15 bis 20 Prozent. Für die nächste Anlage stellen die Planer die Module deshalb steiler und parallel zu den Hopfenreihen.
Was Betreiber bei Förderung und Baurecht beachten müssen
Das EEG führt Agri-PV als „besondere Solaranlage“ auf Ackerflächen, Dauerkulturen und Grünland, jeweils ohne Moorboden. Mit dem Solarpaket I vom Mai 2024 schuf der Bundestag dafür ein eigenes Kontingent in den Ausschreibungen. Paragraf 37d EEG sieht für 2026 vorrangig 1.200 Megawatt vor, für 2028 dann 2.000 Megawatt. Voraussetzung sind 2,10 Meter lichte Höhe oder 0,80 Meter bei rein senkrechten Anlagen.
Angewendet wird dieses Kontingent bislang nicht. Für den Gebotstermin am 1. Juli 2026 meldete die Bundesnetzagentur, dass die beihilferechtliche Genehmigung der EU-Kommission weiterhin fehlt. Deshalb gilt das allgemeine Zuschlagsverfahren, und hoch aufgeständerte Agri-PV erhält den Aufschlag nach altem Recht. Für Zuschläge der Jahre 2026 bis 2028 beträgt er laut top agrar 0,5 Cent pro Kilowattstunde.
Den gleichen Vorbehalt nennt die Clearingstelle EEG|KWKG für den Agri-PV-Bonus kleinerer Anlagen außerhalb der Ausschreibung. In der Juli-Runde 2026 lag der Höchstwert bei 5,90 Cent pro Kilowattstunde. Der mengengewichtete Zuschlagswert erreichte 4,79 Cent, so die Ergebnisübersicht der Bundesnetzagentur. Stand dieser Angaben ist September 2026.
Für die Agrarförderung zählt die GAP-Direktzahlungen-Verordnung. Nach Paragraf 12 bleibt eine Fläche beihilfefähig, wenn übliche Maschinen sie weiter bearbeiten können. Die Anlage darf die nutzbare Fläche nach DIN SPEC 91434 um höchstens 15 Prozent verringern. Ein gewöhnlicher Solarpark fällt dagegen aus den Direktzahlungen heraus.
Im Baurecht privilegiert Paragraf 35 Absatz 1 Nummer 9 BauGB kleinere Agri-PV-Anlagen im Außenbereich. Die Anlage muss räumlich und funktional zu einem Agrarbetrieb gehören und darf höchstens 25.000 Quadratmeter Grundfläche belegen. Je Hofstelle ist nur eine solche Anlage zulässig. Größere Projekte fallen nicht unter diese Privilegierung und brauchen in der Regel eine Bauleitplanung der Gemeinde, Stand September 2026.
Warum Agri-PV mehr kostet als ein Solarpark
Hohe Stützen, mehr Stahl und weitere Reihenabstände treiben die Kosten. Trommsdorff und Kollegen ermittelten 2024 für Anlagen über vier Metern Höhe rund 50 Prozent höhere Stromgestehungskosten als beim konventionellen Solarpark. Bodennahe Systeme lagen nur geringfügig darüber, fasst das UBA zusammen. Es hält vor allem die günstigeren vertikalen Anlagen für aussichtsreich.
Schärfer urteilt Jonas Böhm vom Thünen-Institut in einer Analyse für die Fachzeitschrift Land Use Policy, die das pv magazine im Februar 2026 vorstellte. Je nach System kostet Agri-PV demnach vier bis 148 Prozent mehr als ein Solarpark, heißt es im Bericht über die Studie. Bei hoch aufgeständerten Anlagen summieren sich die Mehrkosten auf 42.000 bis 75.000 Euro je Hektar und Jahr. Nach Böhms Rechnung übersteigt das den möglichen Agrarertrag derselben Fläche deutlich.
Aus Sicht von Cleanthinking folgt daraus eine klare Arbeitsteilung. Betriebe gewinnen mit dem hohen Moduldach am meisten, wo es Hagelnetz, Folie oder Frostschutz ersetzt, also bei Obst, Beeren, Wein und Hopfen. Im Getreidebau und auf Grünland sprechen die Zahlen eher für senkrechte Modulreihen oder Tracker. Jeder Hektar davon hilft, weil Solarstrom die Börsenpreise drückt, ohne dass ein Betrieb Ackerland aufgibt.
Wo in Deutschland Agri-PV-Anlagen schon Strom liefern
Im kommerziellen Maßstab läuft seit Anfang September 2026 eine Anlage in Selchow bei Schönefeld, direkt neben dem Flughafen BER. Die Anlage mit 48 Megawatt nutzt nachgeführte Module in 3,5 Metern Höhe mit elf Metern Reihenabstand. Neun Meter davon bewirtschaftet Biolandwirt Sven Geelhaar, meldete das pv magazine. Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, die TU Dresden und das Bundesamt für Naturschutz begleiten das Projekt wissenschaftlich.
Die Berliner Stadtgüter als Flächeneigentümer rechnen mit Strom für rund 16.500 Haushalte. Ebenfalls in Brandenburg liegt der deutlich größere Klimapark Steinhöfel des Entwicklers Sunfarming mit Modulen in mindestens 2,10 Metern Höhe. Solche Anlagen im Kraftwerksmaßstab zeigen, ob Ackerbau und Artenschutz unter Modulen auch auf großer Fläche funktionieren.
Im Pilotstadium stecken die Sonderkulturen. Neben der Hopfenanlage in der Hallertau planen und beforschen Partner in der Modellregion Agri-PV Baden-Württemberg fünf Anlagen mit Kern- und Beerenobst. Zusammen sollen sie 1.700 Kilowatt erreichen, so ein Flyer des Fraunhofer ISE von 2025. Heggelbach lieferte bis 2021 die Grundlagen, das Forschungsprojekt APV-RESOLA ist abgeschlossen.
International liegt Asien weit vorn. Von den weltweit über 14 Gigawatt Peak Agri-PV entfielen im Juli 2021 mehr als zwölf Gigawatt Peak auf China, schätzt das Fraunhofer ISE. In Mittel- und Osteuropa sehen Analysten ebenfalls großes Agri-PV-Potenzial. Für den deutschen Ausbau wartet die Branche vor allem auf die EU-Genehmigung für das eigene Ausschreibungskontingent.
QUELLEN
- Fraunhofer ISE: Agri-Photovoltaik: Doppelt ernten, 2025.
- Bundesnetzagentur: Solar Freifläche, Beendete Ausschreibungen und Statistiken, abgerufen 28.09.2026.