Zeke Hausfather misst, wie schnell sich die Erde erwärmt

KÖPFE DER KLIMAFORSCHUNG, FOLGE 1 · 29. SEPTEMBER 2026

Zeke Hausfather prüft, ob die Klimamodelle richtig lagen

Der Forscher von Berkeley Earth und Stripe hat nachgerechnet, wie gut frühe Klimaprognosen trafen. Er warnt vor zu heißen Modellen und vor dem Extremszenario RCP8.5. Heute sieht er deutliche Belege für eine schnellere Erwärmung.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Wenn im Januar die Jahresbilanzen der globalen Temperatur erscheinen, hat Zeke Hausfather seine Vorhersage meist schon Monate vorher veröffentlicht. Der US-Klimawissenschaftler arbeitet für die Temperaturdatengruppe Berkeley Earth, das Zahlungsunternehmen Stripe und das britische Fachportal Carbon Brief. Er erforscht vor allem zwei Größen: das Tempo der Erderwärmung und die Treffsicherheit der Modelle, die es vorausberechnen.

Zeke Hausfather hat in zwei Richtungen widersprochen. Er wies nach, dass Klimamodelle seit den 1970er-Jahren die spätere Erwärmung gut vorhersagten. Gleichzeitig kritisierte er Kolleg*innen, die das Extremszenario RCP8.5 als wahrscheinlichen Normalfall behandelten, und Modelle, die zu heiß rechnen. Seit einigen Jahren warnt derselbe Forscher, dass sich die Erwärmung beschleunigt hat.

Wer ist Zeke Hausfather und für wen arbeitet er

Laut seiner eigenen Website studierte Hausfather zunächst Politikwissenschaft am Grinnell College, Abschluss 2005. Es folgten ein Master in Umweltmanagement an der Vrije Universiteit Amsterdam als Fulbright-Stipendiat und ein Master in Klima- und Energiepolitik in Yale. Die Promotion in Klimawissenschaft und Energiesystemen schloss er 2019 an der University of California in Berkeley ab.

Zeke Hausfather: berufliche Stationen des Klimaforschers seit 2012
Berufliche Stationen von Zeke Hausfather. Grafik: Cleanthinking.de

Von 2007 bis 2013 arbeitete Hausfather in der Cleantech-Wirtschaft. Als Mitgründer und Chefwissenschaftler von C3 und Efficiency 2.0 baute er Modelle für Effizienzprogramme von Energieversorgern. Von 2019 bis 2022 leitete er die Klima- und Energieabteilung des kalifornischen Breakthrough Institute.

Seit 2012 forscht Hausfather bei Berkeley Earth, einer unabhängigen Gruppe, die eine der großen globalen Temperaturreihen erstellt. Laut dem ersten Kapitel des sechsten IPCC-Sachstandsberichts umfasst der Datensatz in neueren Versionen mehr als 40.000 Landstationen. Dasselbe Kapitel führt Zeke Hausfather als beitragenden Autor. Für den siebten Bericht des Weltklimarats IPCC ist er Leitautor.

Bei Stripe leitet Hausfather seit 2022 die Klimaforschung für Frontier. Die Käufergemeinschaft will laut eigener Darstellung dauerhafte CO2-Entnahme für 1,8 Milliarden Dollar bis 2040 abnehmen (Stand September 2026). Hausfather prüft dort, ob die Verfahren der Anbieter wissenschaftlich halten, was sie versprechen. Für Carbon Brief schreibt er seit 2017 Analysen und Faktenchecks, mit dem Klimaforscher Andrew Dessler betreibt er den Newsletter The Climate Brink.

SteckbriefZeke Hausfather
PromotionUC Berkeley, Energy and Resources Group, 2019
Berkeley EarthResearch Scientist seit 2012
Carbon BriefKlimaanalyst seit 2017
StripeClimate Research Lead (Frontier) seit 2022
IPCCBeitragender Autor AR6 (WG1), Leitautor AR7
Weitere GutachtenKapitel Klimatrends im Fifth U.S. National Climate Assessment (2023)
Publikationenmehr als 40 begutachtete Fachartikel

Quelle: zekehausfather.com, IPCC AR6 WG1 Kapitel 1, Berkeley Earth, Stand September 2026.

Wie gut haben frühe Klimamodelle die Erwärmung vorhergesagt

Die bekannteste Arbeit von Zeke Hausfather ist ein Rückblick. Mit Henri Drake, Tristan Abbott und dem NASA-Klimaforscher Gavin Schmidt verglich er Klimamodelle aus den Jahren 1970 bis 2007 mit der tatsächlich gemessenen Erwärmung. Die Studie erschien Anfang 2020 in den Geophysical Research Letters. Das Team prüfte 17 Modellprojektionen gegen die beobachteten Temperaturen bis Ende 2017.

Laut einem Bericht des NASA Goddard Institute for Space Studies vom Januar 2020 trafen zehn der 17 Projektionen die Beobachtungen eng. Manche Modelle waren mit falschen Annahmen über künftige CO2-Konzentrationen gestartet, die Forscher rechneten das heraus. Nach dieser Korrektur stimmten 14 Projektionen mit der Messung überein.

Ein Modell kann die Physik richtig abbilden und trotzdem danebenliegen, weil die Menschheit mehr oder weniger Treibhausgase ausgestoßen hat als angenommen. Hausfather und seine Mitautoren bewerteten deshalb die Erwärmung pro Einheit Strahlungsantrieb, also pro zusätzlich zurückgehaltener Wärmeenergie. Das erste Kapitel des sechsten IPCC-Sachstandsberichts beschreibt dieses Verfahren, um Abweichungen zwischen angenommenen und tatsächlichen Antrieben teilweise zu korrigieren.

Warum warnt Hausfather vor zu heißen Klimamodellen

Die Modellgeneration CMIP6 umfasst mehr als 50 Klimamodelle, einige reagieren deutlich stärker auf CO2 als ihre Vorgänger. Die Klimasensitivität beschreibt, wie stark sich die Erde bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration langfristig erwärmt (mehr dazu: Treibhauseffekt einfach erklärt). Laut einer Auswertung von Hausfather und Dessler vom Januar 2024 lagen 18 Prozent der CMIP6-Modelle über fünf Grad.

Im Mai 2022 veröffentlichte Hausfather mit Kate Marvel, Gavin Schmidt, John Nielsen-Gammon und Mark Zelinka einen Kommentar in Nature zum „Hot Model”-Problem. Die Autor*innen verweisen darauf, dass der IPCC die Modelle im sechsten Bericht bereits danach gewichtet hatte, wie gut sie andere Belege reproduzieren. Diese Praxis, fordern sie, soll auch die übrige Forschung übernehmen.

Konkret schlugen die fünf Forscher*innen vor, für Folgenabschätzungen nur Modelle zu verwenden, deren kurzfristige Klimasensitivität im wahrscheinlichen IPCC-Bereich von 1,4 bis 2,2 Grad liegt. Laut mehreren Studien, auf die sich Hausfather beruft, geben die sehr heißen Modelle die Temperaturen der Vergangenheit schlecht wieder und scheitern an der letzten Eiszeit. Eine Sammelauswertung von 2020, an der Hausfather mitschrieb, grenzt die Klimasensitivität mit hoher Wahrscheinlichkeit auf zwei bis fünf Grad ein.

Warum hält Hausfather das Szenario RCP8.5 für unplausibel

Im Januar 2020 schrieben Zeke Hausfather und Glen Peters vom norwegischen Klimaforschungsinstitut CICERO einen Nature-Kommentar gegen eine eingefahrene Gewohnheit. Viele Studien behandelten das Emissionsszenario RCP8.5 als „Business as usual”, also als Welt ohne Klimapolitik. Die Autoren forderten, das schlimmste Szenario nicht länger als wahrscheinlichstes darzustellen. Wer realistischere Ausgangsszenarien nutze, mache bessere Politik.

Die Forschergruppe um Detlef van Vuuren mustert RCP8.5 in den neuen Szenarien für den siebten IPCC-Bericht aus. Im Mai 2026 ordneten Hausfather, Peters und Piers Forster das in einem Beitrag auf The Climate Brink ein. Das Szenario lag demnach schon bei seiner Entstehung am oberen Rand der Ausgangsszenarien, um das 90. Perzentil. Es unterstellte eine Verdreifachung der CO2-Emissionen bis 2100.

US-Präsident Donald Trump feierte die Ausmusterung als Eingeständnis falscher Projektionen, die drei Forscher widersprachen. Hausfather und seine Koautoren schätzen, dass Politik und billigere saubere Energie die erwartete Erwärmung bis 2100 um rund 0,7 Grad gesenkt haben. Im neuen mittleren Szenario erwärmt sich die Erde nach ihrer Rechnung trotzdem um 2,8 Grad bis 2100 und um 3,7 Grad bis 2150.

Im September 2026 legte Hausfather mit dem Journalisten David Wallace-Wells in der New York Times nach. Auf dem heutigen Pfad erwärmt sich die Erde bis 2150 laut seiner Zusammenfassung des Gastbeitrags mit 77 Prozent Wahrscheinlichkeit um mehr als drei Grad. Die Landflächen erwärmen sich laut Hausfather etwa 50 Prozent schneller als der globale Durchschnitt und liegen bereits über zwei Grad.

Wie sagt Zeke Hausfather die Temperatur des nächsten Jahres voraus

Hausfather veröffentlicht seit Jahren Prognosen für die globale Mitteltemperatur des Folgejahres, auch bei Carbon Brief. Er nutzt dafür ein statistisches Regressionsmodell, das auf Daten seit 1970 trainiert ist. Darin verrechnet er den langfristigen Trend, die Temperatur des Vorjahres, den jüngsten Monatswert und die Vorhersage für El Niño und La Niña.

Für 2026 sagte Hausfather im Dezember 2025 eine Erwärmung von 1,41 Grad über dem vorindustriellen Niveau voraus. Im Juli 2026 hob er die Schätzung auf 1,50 Grad an, mit einer Spanne von 1,44 bis 1,57 Grad. Nach seiner Rechnung vom 30. Juli 2026 landet 2026 mit rund 66 Prozent Wahrscheinlichkeit auf Platz zwei hinter 2024. Für 2027 erwartet er 1,70 Grad und mit etwa 91 Prozent Wahrscheinlichkeit einen neuen Rekord.

Den Anstieg erklärt Hausfather mit dem El Niño, den die Vorhersagemodelle seit dem Frühjahr immer stärker sehen (mehr dazu: El Niño auf Rekordkurs). Mit dem Klimaforscher James Hansen lieferte sich Hausfather 2026 einen öffentlichen Wettstreit. Hansen sagt für den NASA-Datensatz einen Rekord voraus, Hausfather rechnet mit dem Mittel aus sechs Datensätzen (mehr dazu: El-Niño-Rekord 2026).

Warum sieht Hausfather eine Beschleunigung der Erwärmung

„Ich äußere mich über Klimadaten in der Regel ziemlich maßvoll”, schrieb er im Juli 2026 auf The Climate Brink. Wirklich schockiert habe ihn nur der September 2023, der 0,5 Grad wärmer ausfiel als jeder frühere September. Im Oktober 2023 schrieb er in der New York Times, die Daten deuteten auf eine beschleunigte Erwärmung in den vergangenen 15 Jahren hin.

Die Oberflächentemperatur allein reicht Zeke Hausfather als Beweis nicht aus. In einer Analyse vom Juni 2025 stützt er sich auf mehrere unabhängige Belege. Nach 1970 erwärmte sich die Erde lange um rund 0,19 Grad pro Jahrzehnt. Die Arbeitsgruppe um Piers Forster beziffert den menschengemachten Anteil im jüngsten Jahrzehnt auf 0,27 Grad pro Jahrzehnt, an dieser Studie von 2025 schrieb Hausfather mit.

Als Hauptursache nennt Hausfather den Rückgang der Schwefelemissionen. Weniger Aerosole in der Luft reflektieren weniger Sonnenlicht, dadurch kommt Treibhauswärme zum Vorschein, die bisher verdeckt war. Die Meere nahmen um das Jahr 2000 rund zwölf Zettajoule Wärme pro Jahr auf, zuletzt etwa 15 Zettajoule. Auch das Energieungleichgewicht der Erde, die Differenz zwischen ein- und ausgehender Strahlung, ist deutlich gestiegen (mehr dazu: Klima-Ticker).

Hausfather zitiert eine Vorabveröffentlichung von Stefan Rahmstorf und Grant Foster. Die beiden finden nach Abzug natürlicher Schwankungen einen klaren Trendbruch nach 2010 (mehr dazu: Stefan Rahmstorf im Porträt). Die Autor*innen einer anderen Studie konnten keinen jüngeren Trendbruch nachweisen. Hausfather hält ihnen entgegen, dass ihr Verfahren einen Anstieg der Erwärmungsrate um 85 Prozent gebraucht hätte, um ihn zu erkennen.

Nach den Klimamodellen ist unter heutiger Politik ohnehin eine schnellere Erwärmung zu erwarten. Zusammen mit Meereswärme, Energiebilanz und dem Aerosol-Mechanismus sieht Hausfather deshalb eine klare Beschleunigung. Er hoffe, sich zu irren, schreibt er, ihm wäre eine Welt mit gleichbleibender oder sinkender Erwärmungsrate lieber. Die Belege seien aber zu stark, um sie zu ignorieren.

QUELLEN

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  1. NASA GISS: Hausfather et al. 2020: Evaluating the performance of past climate model projections, Geophysical Research Letters 47, 2020.
  2. The Climate Brink: My 2026 and 2027 global temperature forecasts, 20.12.2025.
  3. The Climate Brink: Higher warming predictions for 2026 and 2027, 30.04.2026.
  4. Berkeley Earth: Team, abgerufen 28.09.2026.
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