ELECTROTECH-INDUSTRIE GEWINNT MACHT · 4. OKTOBER 2026

Börsenwert der grünen Wirtschaft wächst auf neun Billionen Euro
Im Schatten der fossilen Krisen wachsen Macht und Einfluss der Unternehmen, die mit sauberer Energie, Elektroautos oder Effizienz ihr Geld verdienen. Der Börsenwert dieser Electrotech-Industrie stieg fast unbemerkt auf mehr als zehn Billionen Dollar. Dabei steht die Electrotech-Revolution erst am Anfang.
Die London Stock Exchange Group (LSEG) betreibt die Londoner Börse und über ihre Tochter FTSE Russell eine der großen Indexfamilien der Welt. Für den Report „Investing in the green economy 2026" hat sie die Umsätze von mehr als 21.000 börsennotierten Unternehmen ausgewertet. Als grün zählt jeder Umsatz in einer von 133 Kategorien, von Solarmodulen über Wärmepumpen und Batterien bis zu Wasseraufbereitung und Recycling.
Gemessen am Börsenwert liegen nur Technologie und Industrie vor der grünen Wirtschaft. Das Gesundheitswesen hat sie 2025 erstmals überholt. Auf grüne Produkte und Dienstleistungen entfallen inzwischen 9,9 Prozent des Werts aller börsennotierten Aktien weltweit. Die Marke von zehn Billionen Dollar überschritt die grüne Wirtschaft im vierten Quartal 2025.
Grüne Aktien laufen seit 2008 dem Weltmarkt davon
Seit 2008 hat der FTSE Environmental Opportunities All Share Index den globalen Aktienmarkt um 133 Prozent übertroffen. Der Index bündelt Unternehmen, die mindestens ein Fünftel ihres Umsatzes grün erwirtschaften. Der Börsenwert der grünen Wirtschaft wuchs zwischen 2015 und 2025 um durchschnittlich 18 Prozent pro Jahr, der Gesamtmarkt um zwölf Prozent. Schneller wuchs nur der Technologiesektor mit 24 Prozent.
In den zwölf Monaten bis Ende April 2026 lag der Index 12,4 Prozent über dem Weltmarkt. Zweimal brach er in dieser Zeit ein: beim Zollschock Anfang 2025 und nach Beginn des Iran-Kriegs im März 2026. Beide Male folgte eine kräftige Erholung. Der Energieschock könne die Hinwendung zu sauberer Energie weiter beschleunigen, schreiben die Autoren. Er zeige, wie viele grüne Technologien die Energiesicherheit stärken (mehr dazu: Was Wärmepumpe und E-Lkw gegen die Iran-Krise leisten).
Unternehmen mit hohem grünem Anteil arbeiten profitabler. Wer mehr als die Hälfte seines Umsatzes grün erzielt, kommt laut LSEG auf eine höhere operative Marge als der Median der eigenen Branche. Sie liegt zwei bis vier Prozentpunkte darüber. Unternehmen mit kleinem grünem Anteil liegen dagegen zwei bis drei Punkte darunter. Die Autoren schreiben, dass ihre Auswertung nicht alle Unterschiede zwischen Branchen, Regionen und Geschäftsmodellen herausrechnet.
Elektroautos und Erneuerbare treiben den Börsenwert der grünen Wirtschaft
Die grünen Umsätze stiegen 2025 um 5,3 Prozent und damit so schnell wie seit 2022 nicht mehr. Den größten Sprung machten Hersteller von Elektroautos: Ihre Umsätze wuchsen um 62 Milliarden Dollar, rund 55 Milliarden Euro. In der Autoindustrie stammen inzwischen 61 Prozent des Börsenwerts aus grünem Geschäft, ein Jahr zuvor waren es 53 Prozent.
Als Treiber nennt LSEG die Elektrifizierung von Verkehr, Industrie und Gebäuden sowie den Strombedarf von KI-Rechenzentren. Die Autoren stützen sich dabei auch auf die Analyse „The Electrotech Revolution" des Thinktanks Ember. Electrotech meint dort alle Technologien, die Strom sauber erzeugen, speichern, verteilen und nutzen (mehr dazu: Kupfer, das Metall der Electrotech-Revolution). Am stärksten legten zuletzt Aktien von Stromerzeugern mit Wind und Sonne und von Herstellern ihrer Anlagen zu. Energietechnik und Stromerzeugung wuchsen laut LSEG in den vergangenen drei Jahren schneller als alle anderen grünen Sektoren, um 20 und 16 Prozent pro Jahr.
„Die Widerstandsfähigkeit der grünen Wirtschaft hängt nicht mehr von der Politik ab", sagt Matthew Roling, Gründungsdirektor der Abrams Climate Academy an der Northwestern University. Energiesicherheit, stabile Netze und sichere Lieferketten seien inzwischen die wichtigsten Treiber. Ein neues Solarkraftwerk gehe nach 18 Monaten ans Netz, ein Gaskraftwerk brauche bis zu fünf Jahre. Das sagte Roling dem Finanzdienst Bloomberg (mehr dazu: Google und Meta finanzieren die Konkurrenz der Gasturbine).
Asien setzt am meisten um, die USA stellen den größten Börsenwert
Asiatische Unternehmen erwirtschaften 47 Prozent der grünen Umsätze weltweit, angeführt von China und Japan. Den Börsenwert dominieren US-Unternehmen mit rund sechs Billionen Dollar, 57 Prozent des Gesamtwerts. Das gilt, obwohl die Regierung von Donald Trump Förderprogramme für saubere Energie zurückgedreht hat und Öl und Gas bevorzugt.
Deutschland fällt bei der Gewichtung auf. Grünes Geschäft trägt hier 15 Prozent zum Börsenwert bei, der weltweite Schnitt liegt bei zehn Prozent. Nur Taiwan kommt dank des Chipherstellers TSMC auf einen höheren Anteil. In Deutschland stammt das grüne Geschäft vor allem aus effizienter Industrietechnik, Elektroautos und Anlagen für erneuerbare Energien.
Auch am Anleihemarkt meldet LSEG einen Rekord. Unternehmen, Staaten und Förderbanken gaben 2025 grüne Anleihen über 605 Milliarden Dollar aus, umgerechnet rund 539 Milliarden Euro. Der Umlauf grüner Anleihen stieg bis Ende März 2026 auf 3,3 Billionen Dollar.
Grüne Aktien schwanken stärker als der Gesamtmarkt, warnen die Autoren. 2022 lag ihr Index am Jahresende 6,2 Prozent hinter dem Markt. Heute umfasst er 1.208 Unternehmen, doppelt so viele wie damals, und hängt weniger an Technologiewerten.
QUELLEN
- Bloomberg Opinion: A $10 Trillion Industry Sprang Up When We Weren't Looking, 25. Juni 2026.
- Europäische Zentralbank: Euro foreign exchange reference rates, 2. Oktober 2026.