Die Ozeane steigen so schnell wie in keinem Jahrhundert der letzten 3.000 Jahre

WIE SCHNELL DAS WASSER STEIGT · 06. OKTOBER 2026

Warmes Wasser und schmelzendes Eis beschleunigen den Meeresspiegelanstieg

Satelliten vermessen die Höhe der Ozeane seit 1993, und das jährliche Plus hat sich seither mehr als verdoppelt. Der Meeresspiegelanstieg speist sich aus zwei Quellen: Wärme dehnt das Meerwasser aus, Gletscher und Eisschilde verlieren Masse.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. LESEN


Um rund 20 Zentimeter lag der globale Meeresspiegel 2018 höher als 1901. So bilanziert es der Weltklimarat in der Zusammenfassung seines sechsten Sachstandsberichts. In keinem Jahrhundert der vergangenen 3.000 Jahre ist das Meer schneller gestiegen als seit 1900. Der Meeresspiegelanstieg hat sich dabei beschleunigt: Zwischen 1901 und 1971 kamen im Schnitt 1,3 Millimeter pro Jahr hinzu, zwischen 2006 und 2018 bereits 3,7 Millimeter.

Für die Küsten zählt weniger der einzelne Millimeter als die verschobene Ausgangslage. Jede Sturmflut setzt auf einem höheren mittleren Wasserstand auf. Extremwasserstände, die bisher einmal im Jahrhundert vorkamen, treten laut IPCC bis 2100 an vielen Pegeln mindestens jährlich auf. Je nach Emissionspfad betrifft das 60 bis 82 Prozent der Messstationen. Seit mindestens 1971 treibt laut IPCC sehr wahrscheinlich vor allem der Mensch den Anstieg (mehr dazu: Klimawandel verstehen).

Wie schnell steigt der Meeresspiegel seit Beginn der Satellitenmessung

Seit 1992 kreisen Satelliten wie Topex/Poseidon und später Sentinel-6 über den Ozeanen und messen die Meereshöhe per Radar. Ihre Daten zeigen den Meeresspiegelanstieg erstmals global und lückenlos. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat im März 2026 ihren Bericht State of the Global Climate 2025 vorgelegt. Demnach lag der Meeresspiegel 2025 etwa elf Zentimeter über dem Stand von 1993. Damit erreichte er fast den Rekordwert aus dem Jahr 2024.

Die WMO beziffert auch das Tempo beim Meeresspiegelanstieg. Zwischen 1993 und 2011 stieg das Meer laut ihrer Kurzfassung um 2,65 Millimeter pro Jahr. Von 2012 bis 2025 waren es 4,75 Millimeter jährlich. Hinter dem Sprung stehen Rekorde beim Wärmeinhalt der Ozeane und starke Gletscherverluste (mehr dazu: WMO Klimabericht 2025).

Die NASA kommt zum selben Befund. Seit 1993 hat sich die jährliche Anstiegsrate mehr als verdoppelt, schreibt die Raumfahrtbehörde in einer Analyse vom März 2025. Im Jahr 2024 legte das Meer um 5,9 Millimeter zu, erwartet hatten die Forschenden 4,3 Millimeter. Zwei Drittel davon gingen auf die Wärmeausdehnung zurück, in den Jahren zuvor hatte das Schmelzwasser rund zwei Drittel geliefert. „Die Anstiegsrate wird immer schneller“, sagt Josh Willis, Meeresspiegelforscher am Jet Propulsion Laboratory der NASA.

Woher kommt das Wasser für den Meeresspiegelanstieg

Zwei Mechanismen treiben den Meeresspiegelanstieg. Der erste braucht kein zusätzliches Wasser: Meerwasser dehnt sich aus, wenn es sich erwärmt. Laut IPCC hat der Ozean von 1971 bis 2018 rund 91 Prozent der zusätzlichen Energie im Klimasystem gespeichert. Der zweite bringt neues Wasser ins Meer. Gebirgsgletscher, der grönländische und der antarktische Eisschild verlieren Masse, und ihr Schmelzwasser fließt in die Ozeane.

Ein kleinerer Posten stammt vom Land. Menschen pumpen Grundwasser ab, das am Ende über Flüsse und Verdunstung im Meer landet. Stauseen halten umgekehrt Wasser zurück. Im 20. Jahrhundert überwog der Rückhalt durch neue Talsperren, seit den 1990er-Jahren liefert der Landwasserspeicher netto Wasser ans Meer.

Was den Meeresspiegelanstieg antreibt: Anteile am beobachteten Anstieg
Beitrag1901 bis 20181993 bis 2018
Wärmeausdehnung des Meerwassers38 %46 %
Gebirgsgletscher41 %19 %
Grönländischer Eisschild25 %15 %
Antarktischer Eisschild4 %9 %
Landwasserspeicher-8 %11 %
Gemessener Anstieg gesamt202 mm81 mm

Quelle: IPCC AR6 WG1, Kapitel 9, Tabelle 9.5 (2021); Anteile bezogen auf die Summe der Einzelbeiträge, gerundet; Stand Oktober 2026

Über das gesamte 20. Jahrhundert lieferten Gebirgsgletscher und Wärmeausdehnung den Großteil. Seither verschiebt sich das Gewicht zu den Eisschilden. Laut Kapitel 9 des IPCC-Berichts trugen Grönland und die Antarktis von 2010 bis 2019 viermal so viel zum Meeresspiegelanstieg bei wie von 1992 bis 1999. Zwischen 2006 und 2018 war das Landeis aus Gletschern und Eisschilden zusammen die größte Quelle.

Grönland verlor nach derselben Auswertung zwischen 1992 und 2020 rund 4890 Gigatonnen Eis, das Meer stieg dadurch um 13,5 Millimeter. Die Antarktis gab im gleichen Zeitraum 2670 Gigatonnen ab, entsprechend 7,4 Millimetern. Zusammen ergibt das gut zwei Zentimeter in knapp drei Jahrzehnten, und der Eisverlust an beiden Polen geht weiter. Forschende untersuchen seit Jahren, wie nah der grönländische Eisschild einer Kipp-Schwelle gekommen ist (mehr dazu: Das grönländische Eisschild steht kurz vor Klima-Kipppunkt).

Wie stark fällt der Meeresspiegelanstieg bis 2100 aus

Bis zur Jahrhundertmitte unterscheiden sich die Szenarien kaum. Der IPCC rechnet für 2050 mit rund 20 Zentimetern gegenüber dem Mittel der Jahre 1995 bis 2014, egal welcher Emissionspfad eintritt. Danach gehen die Szenarien deutlich auseinander.

Projizierter globaler Meeresspiegelanstieg bis 2100 nach Emissionsszenario
Szenario (SSP)MedianWahrscheinliche Spanne
SSP1-1.9 (sehr niedrige Emissionen)0,38 m0,28 bis 0,55 m
SSP1-2.6 (niedrige Emissionen)0,44 m0,32 bis 0,62 m
SSP2-4.5 (mittlere Emissionen)0,56 m0,44 bis 0,76 m
SSP3-7.0 (hohe Emissionen)0,68 m0,55 bis 0,90 m
SSP5-8.5 (sehr hohe Emissionen)0,77 m0,63 bis 1,01 m
SSP5-8.5 mit unsicheren Eisschild-Prozessen (geringes Vertrauen)0,88 m0,63 bis 1,60 m

Quelle: IPCC AR6 WG1, Kapitel 9, Tabelle 9.9 (2021); Bezugszeitraum 1995 bis 2014; letzte Zeile: 17. bis 83. Perzentil statt bewerteter Spanne; Stand Oktober 2026

Die Spannen nennt der IPCC „wahrscheinlich“, gemeint ist eine Wahrscheinlichkeit von mindestens zwei Dritteln. Außerhalb davon bleibt ein Pfad, den der Bericht als unwahrscheinlich, aber folgenreich führt. Bei sehr hohen Emissionen lässt sich ein Anstieg von fast zwei Metern bis 2100 und fünf Metern bis 2150 nicht ausschließen. Das Vertrauen in diese Zahlen stuft der IPCC als gering ein, weil sie auf Eisschild-Prozessen mit tiefer Unsicherheit beruhen.

Der Meeresspiegelanstieg verläuft regional verschieden. Meeresströmungen, Schwerkrafteffekte schmelzender Eismassen und sich hebende oder senkende Küsten verschieben die lokalen Werte. Für die meisten Küstenorte liegt der projizierte Anstieg im 21. Jahrhundert laut IPCC innerhalb von 20 Prozent um den globalen Mittelwert.

Warum der Meeresspiegelanstieg auch ohne neue Emissionen weitergeht

Der Ozean reagiert langsam. Die Wärme von der Oberfläche braucht Jahrhunderte, um in die Tiefsee vorzudringen, und dehnt dort weiter Wasser aus. Eisschilde mit Kilometern Dicke passen sich noch träger an ein wärmeres Klima an. Deshalb steigt der Meeresspiegel laut IPCC über Jahrhunderte bis Jahrtausende weiter und bleibt für Tausende Jahre erhöht.

Fachleute sprechen vom festgelegten Meeresspiegelanstieg: dem Teil, der auch dann kommt, wenn die Emissionen sofort enden. Eine im IPCC-Bericht zitierte Studie beziffert ihn allein für die Emissionen bis 2016 auf 0,7 bis 1,1 Meter bis zum Jahr 2300. Für die Gebirgsgletscher schätzt ein Modell, dass rund 36 Prozent ihrer Masse durch vergangene Emissionen ohnehin verloren gehen.

Über 2000 Jahre gerechnet hängt der Meeresspiegelanstieg vor allem an der Spitzenerwärmung. Bei 1,5 Grad rechnet der IPCC mit zwei bis drei Metern, bei zwei Grad mit zwei bis sechs Metern. Bei fünf Grad wären es 19 bis 22 Meter.

Warum Forschende die Antarktis am schwersten berechnen können

Die größte Unsicherheit liegt in der Westantarktis. Große Teile ihres Eises liegen auf Felsgrund unter dem Meeresspiegel. Schwimmende Schelfeise bremsen die Gletscher dahinter. Dringt warmes Meerwasser unter das Eis und schmilzt es von unten, kann sich die Aufsetzlinie landeinwärts verschieben und der Eisfluss beschleunigen.

Im Zentrum steht der Thwaites-Gletscher in der Amundsensee, mit rund 120 Kilometern der breiteste Gletscher der Erde. Sein Eisverlust liefert nach Angaben der International Thwaites Glacier Collaboration etwa vier Prozent des globalen Meeresspiegelanstiegs. Zerfiele er vollständig, stiege das Meer um 65 Zentimeter. Das östliche Schelfeis vor Thwaites dünnte in den drei Jahrzehnten nach 1978 um zehn bis 33 Prozent aus.

Seither melden Forschende neue Risse und Brüche im Schelfeis (mehr dazu: Thwaites-Schelfeis zerbricht). Wie schnell daraus Meeresspiegelanstieg wird, bleibt offen. Den Mechanismus abbrechender Eisklippen bildet laut IPCC bislang nur ein einziges Eisschildmodell ab, seine Gültigkeit gilt als unbewiesen. Ausgeschlossen ist er nicht, deshalb führt der Bericht ihn im Pfad mit geringem Vertrauen.

Forschungsteams messen deshalb dort, wo bisher kaum Daten existieren. Sie bohren durch das Eis und schicken Roboter unter das Schelfeis (mehr dazu: Expedition zum Doomsday-Gletscher). Mit diesen Messungen wollen sie die Eisschildmodelle verbessern.

Wie Niedersachsen und Schleswig-Holstein ihre Deiche anpassen

An der deutschen Küste ist der Meeresspiegelanstieg längst messbar. Am Pegel Cuxhaven stieg das Meer seit 1900 um über 25 Zentimeter, in Warnemünde an der Ostsee um mehr als 20 Zentimeter. Das meldete das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie im September 2025. Im Oktober 2023 stieg das Wasser bei einer Ostsee-Sturmflut in Flensburg auf 2,27 Meter über Mittel, den höchsten Wert seit 1872.

Niedersachsen plant seine Deiche seit 2007 mit einem Vorsorgemaß für den Klimawandel. Der Landesbetrieb NLWKN hat diesen Aufschlag nach den jüngeren IPCC-Berichten von 50 auf 100 Zentimeter verdoppelt. Der niedersächsische Klimadeich lässt sich bei ungünstiger Entwicklung um einen weiteren Meter erhöhen.

Schleswig-Holstein verfolgt mit dem Generalplan Küstenschutz ein ähnliches Prinzip. Zu verstärkende Landesschutzdeiche erhalten einen Klimazuschlag von etwa einem halben Meter und eine flachere Außenböschung. So hält der heutige Sicherheitsstandard auch bei einem Meter höherem Meeresspiegel, beschreibt das Umweltbundesamt die Strategie. Eine Baureserve erlaubt später einen weiteren Meter, zusammen also bis zu zwei Meter (Stand Oktober 2026).

Ein Meter Vorsorge entspricht ungefähr dem oberen Ende der wahrscheinlichen IPCC-Spanne für 2100, die Baureserve deckt einen Teil des unsicheren Pfads ab. Der IPCC zählt Überflutungen an Küsten und Flüssen zu den wesentlichen Klimarisiken für Europa (mehr dazu: Was sind die wesentlichen Klimarisiken in Europa?). Wo Deiche zu teuer sind, wird der Meeresspiegelanstieg zu einem Grund, die Heimat zu verlassen (mehr dazu: Klimamigration). Für 2150 nennt der IPCC Medianwerte von 0,57 Metern im niedrigsten und 1,32 Metern im höchsten Szenario.

QUELLEN

  1. WMO: State of the Global Climate 2025, 23. März 2026.

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