Richard Heede verfolgte das CO₂ bis zu den Förderkonzernen zurück

VON DER FÖRDERMENGE ZUR KLIMAKLAGE · 23. OKTOBER 2026

Wenige Carbon Majors stehen für den Großteil der fossilen Emissionen

Saudi Aramco, Coal India und der chinesische Kohlekonzern CHN Energy führen die Liste für 2024 an. Die Datenbank rechnet ihnen auch das CO2 zu, das ihre Kunden beim Verbrennen von Öl, Gas und Kohle ausstoßen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8 Min. LESEN


Klimapolitik zählt Emissionen dort, wo sie aus dem Schornstein oder dem Auspuff kommen: in Ländern, Kraftwerken, Fahrzeugen. Der US-Forscher Richard Heede stellte eine andere Frage. Er wollte wissen, welche Unternehmen den Kohlenstoff überhaupt aus dem Boden geholt und verkauft haben.

Seine Antwort erschien im November 2013 in der Fachzeitschrift Climatic Change. Heede ordnete darin 914 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent aus den Jahren 1751 bis 2010 genau 90 Öl-, Gas-, Kohle- und Zementproduzenten zu. Das entsprach 63 Prozent der weltweiten industriellen CO2- und Methanemissionen in diesem Zeitraum. Diese Produzenten nannte er Carbon Majors.

Aus der Tabelle ist seither ein Werkzeug geworden, das Klimaforschende, Investoren und Gerichte nutzen. Die Londoner Denkfabrik InfluenceMap führt die Datenbank Carbon Majors heute weiter und veröffentlicht jährlich neue Zahlen.

Wie InfluenceMap einem Konzern seine Emissionen zurechnet

Ausgangspunkt ist die Fördermenge. InfluenceMap nimmt die Nettoproduktion jedes Unternehmens an Öl, Gas, Kohle und Zement, bevorzugt aus dessen eigenen Berichten. Fehlen solche Angaben, greift das Team laut Methodik der Datenbank auf Drittquellen wie die US-Energiebehörde EIA zurück. Aus der Menge errechnet es dann, wie viel CO2 beim Verbrennen entsteht.

Dieser Anteil heißt in der Bilanzierungssprache Scope 3, Kategorie elf: Emissionen aus der Nutzung verkaufter Produkte. Er macht fast 90 Prozent der erfassten Menge aus. Den Rest bilden direkte Emissionen aus dem Betrieb, also Scope 1. Dazu zählen abgefackeltes und abgeblasenes CO2, Methan aus Lecks in Gruben und Leitungen sowie der Eigenverbrauch von Gas. Methan rechnet die Datenbank mit dem 28-fachen Erwärmungspotenzial von CO2 über 100 Jahre um.

Um Doppelzählungen zu vermeiden, zieht InfluenceMap einen pauschalen Anteil für nichtenergetische Nutzung ab, etwa in der Petrochemie. Zugekauftes Rohöl und Gas für den Weiterverkauf bleibt draußen, ebenso Brennstoff und Strom der Zementwerke. Die Datenbank unterscheidet drei Eigentumsformen: börsennotierte und private Konzerne, Staatskonzerne mit mehr als 50 Prozent Staatsanteil und Nationalstaaten, vor allem bei Kohle.

Bei Fusionen wandern die historischen Emissionen zum überlebenden Unternehmen. Exxon und Mobil erscheinen deshalb als ExxonMobil, auch für die Jahrzehnte vor ihrem Zusammenschluss. Für frühe Jahre fehlen oft Förderdaten, vor allem vor dem US-Wertpapiergesetz von 1933. Die Zahlen fallen deshalb eher zu niedrig als zu hoch aus.

Welche Konzerne die Rangliste für 2024 anführen

Im Januar 2026 legte InfluenceMap das Daten-Update für 2024 vor, Stand Oktober 2026 der jüngste Jahrgang. Die Datenbank erfasst 178 Produzenten, davon 166 aktive. Ihnen ordnet sie für 2024 rund 34,7 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent zu, 0,8 Prozent mehr als 2023. Das entspricht etwa 80 Prozent der globalen CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen und Zement.

Nur 32 Unternehmen standen 2024 für mehr als die Hälfte dieser globalen Emissionen. Fünf Jahre zuvor waren es noch 38. Die 20 größten Carbon Majors kamen zusammen auf 18 Milliarden Tonnen, also 41,8 Prozent. Die Daten für 2023 hatten ein ähnliches Bild ergeben (mehr dazu: Fossile Konzerne und ihr Anteil an den CO2-Emissionen).

Rang und Produzent (Eigentum)Emissionen 2024 in Mio. t CO₂e
1. Saudi Aramco (Staat)1.786
2. Coal India (Staat)1.684
3. CHN Energy (Staat)1.679
4. National Iranian Oil Company (Staat)1.387
5. Gazprom (Staat)1.293
6. Jinneng Group (Staat)1.129
7. China, Zement950
8. Rosneft (Staat)763
9. CNPC (Staat)750
10. Shandong Energy (Staat)750
13. ExxonMobil (Investoren)677
15. Chevron (Investoren)577
20. Shell (Investoren)426

Quelle: InfluenceMap, Carbon Majors 2024 Data Update, Januar 2026. Auswahl: die zehn größten Emittenten sowie die drei größten börsennotierten Konzerne unter den Top 20. Werte inklusive Verbrennung der verkauften Produkte.

Staatskonzerne prägen die Liste. Sie stellten 16 der 20 größten Emittenten und standen 2024 für mehr als die Hälfte der globalen fossilen Emissionen. Börsennotierte und private Konzerne kamen auf 23,7 Prozent. Die meisten Staatskonzerne steigerten ihren Ausstoß gegenüber dem Vorjahr. Unter den investorengeführten Unternehmen senkten 57 Prozent ihre Emissionen.

Woher die Zahl von 100 Unternehmen und 71 Prozent stammt

Der bekannteste Satz über die Carbon Majors stammt aus dem Jahr 2017. Die Investoreninitiative CDP veröffentlichte damals mit Heedes Climate Accountability Institute einen Bericht. Danach waren 100 aktive fossile Produzenten mit 71 Prozent der industriellen Treibhausgasemissionen seit 1988 verknüpft. Ganze 25 Produzenten kamen für 1988 bis 2015 auf 51 Prozent.

Seither kursiert die Zahl in sozialen Netzwerken, oft verkürzt zu „100 Konzerne verursachen 71 Prozent der Emissionen“. Die britische Faktencheck-Organisation Full Fact hat sie 2018 geprüft und für korrekt, aber erklärungsbedürftig befunden. Die 71 Prozent umfassen auch das CO2, das Kunden beim Verbrennen der verkauften Brennstoffe ausstoßen. Landnutzung und Methan aus der Landwirtschaft fehlen in der Rechnung.

Der CDP-Bericht teilte die Verantwortung schon 2017 nach Eigentum auf. Staatskonzerne standen für 59 Prozent der Emissionen seit 1988, börsennotierte Konzerne für 32 Prozent, Unternehmen in Privatbesitz für neun Prozent. Wer die Zahl nur gegen börsennotierte Ölkonzerne richtet, übersieht also den größeren Teil.

Warum dieselbe Tonne CO2 in mehreren Bilanzen steht

Die Zurechnung ist eine Bilanzierungskonvention, kein Schuldspruch. Dieselbe Tonne CO2 taucht in mehreren Rechnungen auf. Das Land, in dem ein Kraftwerk steht, meldet sie im nationalen Treibhausgasinventar. Der Stromversorger führt sie als Scope 1, der Kohleförderer als Scope 3. Wer alle Unternehmensbilanzen addiert, erhält deshalb mehr als den tatsächlichen Ausstoß.

Daraus folgt ein Einwand gegen die Methode. Das Benzin verbrennt die Autofahrerin, das Kerosin die Fluggesellschaft, die Kohle das Kraftwerk. Ohne Nachfrage gäbe es keine Förderung. Umgekehrt entscheiden wenige Förderkonzerne über Investitionen in neue Felder, während Verbraucher ihre Alternativen nur begrenzt wählen können.

Die Forschenden selbst ziehen die Grenze offen. Heede schrieb 2013, er wolle die historischen Emissionen als Faktum dokumentieren und ihre Bedeutung für die Politik zur Diskussion stellen. Die Autorinnen und Autoren der ETH-Studie von 2025 nennen die Zurechnung der gesamten Wertschöpfungskette eine Modellwahl. Weitergehende Überlegungen zu Verantwortung schließe sie nicht aus.

Wie Forschende Hitzewellen einzelnen Konzernen zuordnen

Attributionsforschende nutzen die Datenbank Carbon Majors als Eingangsgröße. Sie berechnen, wie stark der Klimawandel ein Wetterereignis wahrscheinlicher oder heftiger gemacht hat. Aus den Emissionen eines Konzerns modellieren sie seinen Anteil an der Erwärmung und daraus seinen Beitrag zu einzelnen Extremen.

Ein Team um die ETH-Klimaforscherin Sonia Seneviratne hat so 213 Hitzewellen der Jahre 2000 bis 2023 untersucht und im September 2025 in Nature veröffentlicht. Die 180 erfassten Carbon Majors erklären danach 0,67 Grad der rund 1,30 Grad Erwärmung, die 2023 gegenüber 1850 bis 1900 gemessen wurde. Schon der Beitrag eines einzelnen Produzenten ermöglichte danach 16 bis 53 Hitzewellen, die sonst praktisch ausgeschlossen gewesen wären.

Als „praktisch ausgeschlossen“ werten die Forschenden ein Ereignis, das der Klimawandel mindestens 10.000-mal wahrscheinlicher gemacht hat. Zur Stärke der Hitze rechnet die Studie gesondert: Die Emissionen der Carbon Majors erklären die Hälfte des Intensitätsanstiegs. Ihre Grenzen benennt die Studie selbst. Hitzewellen in Afrika und Lateinamerika fehlen weitgehend, weil Behörden sie dort selten systematisch erfassen. Rechtliche Verantwortung bewertet das Team nicht, es sieht seine Ergebnisse als Material für diese Prüfung.

Einen Schritt weiter gehen die Dartmouth-Forscher Christopher Callahan und Justin Mankin. In ihrem Nature-Beitrag vom April 2025 rechnen sie Hitzeschäden in Geld um. Die Emissionen von Chevron haben danach von 1991 bis 2020 sehr wahrscheinlich Hitzeschäden zwischen 791 Milliarden und 3,6 Billionen US-Dollar verursacht. „Die wissenschaftliche Grundlage für Klimahaftung ist geklärt“, schreiben die beiden.

Was Gerichte mit den Daten der Carbon Majors anfangen

Vor Gericht entscheidet am Ende die Rechtsfrage. Das zeigt der Fall des Peruaners Saúl Luciano Lliuya. Das Oberlandesgericht Hamm wies seine Klage gegen RWE im Mai 2025 ab. Eine Haftung großer Emittenten hielt es aber grundsätzlich für möglich (mehr dazu: Saúl Lliuyas Klimaklage gegen RWE vor dem OLG Hamm).

In den Niederlanden verlor Milieudefensie in zweiter Instanz. Das Haager Bezirksgericht hatte Shell 2021 noch zu einer Minderung verpflichtet: minus 45 Prozent bis Ende 2030, gemessen an 2019. Das Berufungsgericht in Den Haag bestätigte im November 2024 Shells Pflicht zur Minderung, wies die Klage aber ab. Einen konkreten Prozentsatz konnte es nicht festlegen.

In den USA verklagte Kalifornien 2023 fünf Ölkonzerne auf Schadenersatz für Klimafolgen (mehr dazu: Kalifornien verklagt Big Oil). InfluenceMap zieht in einer Übersicht vom Oktober 2026 Bilanz: Bislang hat kein Gericht einem großen fossilen Konzern umfangreichen Schadenersatz auferlegt.

Wer über die künftigen Emissionen entscheidet

Die Liste der Carbon Majors zeigt, wo die Entscheidung über künftige Emissionen fällt. Sie fällt bei Förderkonzernen in Riad, Neu-Delhi, Peking und Moskau ebenso wie in Houston und London. Unter den zehn größten Emittenten 2024 findet sich kein einziger börsennotierter Konzern.

Fast 90 Prozent der Tonnen in dieser Datenbank entstehen erst beim Verbrennen. Wenn Wärmepumpen Gasthermen ersetzen, Elektroautos Verbrenner und Solar- und Windparks Kohlekraftwerke, sinkt die Nachfrage, auf der die Fördermengen beruhen. An der jährlichen Rangliste der Carbon Majors lässt sich ablesen, wie schnell das gelingt.

QUELLEN

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  1. InfluenceMap: The Carbon Majors Database: Launch Report, April 2024.
  2. Climate Accountability Institute: Projekte und Berichte von Richard Heede, abgerufen Oktober 2026.
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