Reiche verschont Industrie und Gewerbe bei der Grüngasquote

INDUSTRIE UND GEWERBE BLEIBEN AUSSEN VOR · 14. OKTOBER 2026

Das Wirtschaftsministerium lässt nur Privathaushalte die Grüngasquote zahlen

Ab 2028 müssen Gasversorger und Heizölhändler klimaneutrale Brennstoffe beimischen, zunächst ein Prozent. Die Pflicht greift nur bei Gas und Öl, mit dem Privathaushalte heizen. Industrie, Gewerbe und Verkehr sind ausgenommen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. LESEN


Das Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) hat Eckpunkte für eine Grüngas- und Grünheizölquote vorgelegt. Ausgenommen sind laut dem Papier, das dem Handelsblatt vorliegt, auch die Strom- und die Fernwärmeerzeugung. Zu den Kosten macht das Ministerium keine Angaben. Am Freitag lädt es Branchenverbände zu einem ersten Dialog ein, bis zum 1. Dezember muss die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vorlegen.

Die Quote gehört zum Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), mit dem die Koalition aus Union und SPD im Sommer die 65-Prozent-Regel gestrichen hat. Für Gas- und Ölheizungen, die seit dem 29. Juli 2026 eingebaut werden, gilt bereits die Bio-Treppe: zehn Prozent Biobrennstoff ab 2029, steigend auf 60 Prozent bis 2040. Die Grüngasquote soll die Heizungen im Bestand erfassen. Im Gesetz selbst hat der Bundestag sie nicht geregelt, Paragraf 42a verpflichtet die Regierung nur, einen Entwurf nachzureichen (mehr dazu: Grüngasquote im Wärmesektor).

Versorger dürfen Fehlmengen im Folgejahr nachholen

Nach den Eckpunkten verdoppelt sich die Quote 2029 auf zwei Prozent. 2030 soll sie bei fünf, 2032 bei zehn und 2035 bei 20 Prozent liegen. Für 2040 sind 50 Prozent vorgesehen, für 2045 dann 100 Prozent. Verantwortlich sind die Inverkehrbringer, also die Unternehmen, die Erdgas und Heizöl auf den Markt bringen.

Den Pfad können die Unternehmen flexibel erfüllen. Eine Übererfüllung dürfen sie im Folgejahr anrechnen, eine Untererfüllung im nächsten Jahr nachholen, überschüssige Mengen sollen handelbar sein. Wer die Quote verfehlt, leistet eine Ersatzzahlung. Wie hoch sie ausfällt und ob Versorger sie an ihre Kund*innen weitergeben dürfen, lässt das Papier nach Angaben von t-online offen. Den Anstieg selbst könne die Regierung verschieben, wenn Marktentwicklungen dies erforderlich machten, heißt es im Papier.

Anrechnen lassen können die Versorger Biomethan, Bioöl, Wasserstoff und daraus hergestelltes synthetisches Methan, sofern die Brennstoffe die Nachhaltigkeitsvorgaben der EU erfüllen. Grüner Wasserstoff zählt zunächst dreifach, blauer und türkiser Wasserstoff mit einem noch offenen, geringeren Faktor. Beide Boni sollen bis 2045 abschmelzen, berichtet pv magazine.

Mieterhaushalte tragen das Kostenrisiko der Grüngasquote

Was die Quote kosten könnte, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Umweltorganisation Bellona berechnet. Bei einem Anteil von sieben Prozent, den das Papier für 2031 vorsieht, steige der Erdgaspreis um 0,43 bis 1,69 Cent pro Kilowattstunde. Ein typisches Einfamilienhaus zahle im mittleren Szenario gut neun Prozent mehr fürs Heizen, bei 38 Prozent im Jahr 2038 knapp 18 Prozent. Das IW unterstellt, dass die Versorger die Quote je zur Hälfte mit Biomethan und grünem Wasserstoff erfüllen.

Weil Industrie und Gewerbe ausgenommen sind, landen die Mehrkosten nur auf den Rechnungen privater Gas- und Ölkund*innen. Die Grüngasquote zahlen damit auch Mieter*innen, die über ihre Heizung nicht entscheiden. Bei der CO2-Kostenaufteilung beteiligt der Gesetzgeber Vermieter nach dem Zustand des Gebäudes. Für die Bio-Treppe neuer Heizungen hat er im GModG dagegen festgelegt, dass Mieter*innen die Mehrkosten oberhalb eines Bioanteils von 30 Prozent allein tragen. Eine Aufteilung der Quotenkosten im Bestand sieht das Eckpunktepapier nach den bisherigen Berichten nicht vor.

„Das Eckpunktepapier offenbart die Planlosigkeit der Bundesregierung“, sagt Barbara Metz, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Am meisten profitiere die Gaswirtschaft. Die Quote sei kaum verbindlich, weil Lieferanten Fehlmengen nachholen dürften. Die DUH hat gemeinsam mit vier Mieter*innen bereits Verfassungsbeschwerde gegen das GModG eingereicht.

Stadtwerke und Bioenergiebranche fordern mehr Biomethan

Die Stadtwerke vermissen eine Antwort darauf, woher die zusätzlichen Mengen kommen sollen. „Hier erwarten wir von der Bundesregierung eine Biomethanstrategie mit konkreten Vorschlägen zur Mengenausweitung“, sagt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Die Ausnahme für Strom- und Fernwärmeerzeugung begrüßt der Verband. Eine Studie der Deutschen Energie-Agentur (Dena) warnt laut Handelsblatt, der Bedarf im Gebäudesektor übersteige langfristig die heimischen Biomassekapazitäten deutlich.

Das Hauptstadtbüro Bioenergie nennt die Eckpunkte eine solide Diskussionsgrundlage und wirbt für eine ehrgeizigere Quote. Die Mehrfachanrechnung von Wasserstoff kritisiert Leiterin Sandra Rostek dagegen als Rechentrick, der den Wettbewerb zwischen den Energieträgern verzerre. Gase, die bereits im Herkunftsland subventioniert wurden, dürften nicht angerechnet werden. Ein Bündnis aus mehr als 20 Unternehmen und Verbänden, darunter Uniper und Sefe, hält die Knappheit von Biomethan für „künstlich geschaffen“.

Greenpeace lehnt grüne Gase in der Heizung grundsätzlich ab. „Damit Gebäude zu heizen, ist wie mit Champagner duschen - möglich, aber unsinnig“, sagt Noemi Mundhaas von Greenpeace. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Alaa Alhamwi kritisiert, dass sich Versorger über die Ersatzzahlung von der Quote freikaufen könnten. Wie lange die Gaswirtschaft für die Quote geworben hat und warum Eon sie ablehnt, zeichnet Correctiv nach (mehr dazu: Eon gegen Uniper).

Ob Bestandsheizungen 2045 überhaupt noch ein Gasnetz vorfinden, ist offen. Die Branche rechnet laut t-online damit, dass ein Großteil der Gasnetze stillgelegt werden muss, falls grünes Heizen mit Gas unbezahlbar wird. Eine Fraunhofer-Studie hält die Stilllegung bis 2045 auch mit Bio-Treppe für unausweichlich.

QUELLEN

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  1. Handelsblatt: Allein private Haushalte müssen Grüngasquote bezahlen, 14. Oktober 2026.
  2. Deutsche Umwelthilfe: Deutsche Umwelthilfe kritisiert Eckpunkte der Bundesregierung zur Einführung der Grüngasquote als klimapolitisch unwirksam, 14. Oktober 2026.
  3. Hauptstadtbüro Bioenergie: Bioenergiebranche fordert Nachbesserungen an Grüngas- und Grünheizölquote, 14. Oktober 2026.
  4. dpa-AFX via finanzen.net: Kritik an geplanter „Grüngasquote“ für Heizungen, 14. Oktober 2026.
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