HANDELSDEFIZIT MIT CHINA: REKORD ERWARTET · 19. OKTOBER 2026

Chinas Hersteller bauen ihre Dominanz bei grünen Technologien aus
Chinesische Hersteller lieferten 2025 mindestens drei Viertel der weltweit verkauften Solarmodule, Windturbinen und Elektrofahrzeuge. Weil sie daheim kaum noch verdienen, drängen sie verstärkt nach Europa, schreibt das Mercator Institute for China Studies (Merics).
Chinas Dominanz bei grünen Technologien reicht über die Fabriken hinaus: Mindestens 57 Prozent der weltweiten Nachfrage nach diesen Produkten entfielen 2025 auf China selbst. Zu den Elektrofahrzeugen zählt Merics auch Plug-in-Hybride. Im Heimatmarkt liefern sich die Hersteller seit Jahren einen Wettlauf nach unten, der in China „Involution“ heißt: Alle leisten mehr, und keiner verdient mehr.
Bei Solarmodulen fielen die Preise laut dem Merics-Report vom Oktober 2026 von 2022 bis 2024 im Schnitt um 60 Prozent. Die führenden Hersteller schrieben 2025 Verluste von 10,75 Prozent des Umsatzes. Seit 2024 meldeten mehr als 150 Solarunternehmen Insolvenz an oder lösten sich auf.
Die Firmen halten durch, weil lokale Behörden sie stützen: Sie sichern Wachstum, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Peking habe den Kampf gegen die Überhitzung zur Priorität erklärt, packe die Ursachen aber nicht an, schreiben die Autoren. Im Solarsektor hätte China 2025 den weltweiten Bedarf bedienen können und dabei 40 Prozent seiner Kapazität ungenutzt gelassen. Die Autoren folgern, dass China seine Dominanz bei grünen Technologien weiter ausbaut, weil der Preisdruck die chinesischen Firmen gegenüber ausländischen stärkt.
Chinas Hersteller tragen ihre Dominanz bei grünen Technologien nach Europa
Dasselbe Fahrzeugmodell kostet in Europa bis zu doppelt so viel wie in China. BYD verkaufte 2025 mehr als ein Fünftel seiner Autos im Ausland und erzielte dort fast ein Drittel seines Autoumsatzes. Europa ist inzwischen das wichtigste Zielland chinesischer Solar-, Wind- und Elektrofahrzeugtechnik. Im ersten Halbjahr 2026 verlangsamte sich der Absatz in China, während die Exporte weiter zulegten. Die Ember-Daten, auf die sich Merics stützt, deuten für 2026 auf Ausfuhren nach Europa von mehr als 50 Milliarden US-Dollar hin. Die Schätzung beruht auf den Monaten Januar bis Juli.
Für europäische Käufer klingt das nach guten Nachrichten, denn billigere Technik senkt die Kosten der Energiewende, räumt Merics ein. Bei vergleichbarer Qualität liegen chinesische Produkte demnach 30 bis 50 Prozent unter den Preisen europäischer Anbieter. Für viele ausländische Firmen bleibe offenbar nur, die Produktion nach China zu verlagern. Je billiger der Bezug aus China sei, desto teurer werde der Aufbau alternativer Lieferketten. Das gefährde den Net Zero Industry Act, das EU-Gesetz zum Ausbau der eigenen Fertigung klimaneutraler Technik.
Merics zählt grüne Technik zur kritischen Infrastruktur. Wer Wechselrichter oder Speicher aus China einbaut, hängt an den Lieferketten und an den Cloud-Zugängen des Herstellers. Wie das aussieht, zeigte Anfang Oktober Sungrow: Ein Sicherheitsforscher gelangte bis in die Administratorkonten der Cloud des Wechselrichter-Herstellers. Von dort ließen sich Wechselrichter und Speicher in ganz Europa steuern (mehr dazu: Hacker hätte 470.000 Solaranlagen in Europa abschalten können).
Merics rät zur Zusammenarbeit auf europäischen Bedingungen, zu Mindestanforderungen für Lieferkettensicherheit und Cybersicherheit und zu weiteren Partnern außerhalb Chinas. „Zusammenarbeit sollte nicht auf Kosten der Abhängigkeit gehen“, heißt es im Report. Zugleich solle die EU ihre vorhandenen Handelsschutzinstrumente gegen Waren unter Herstellungskosten voll nutzen. Mit verhandelten Lösungen rechnen die Autoren nicht, weil China klargemacht habe, von seinem Handelskurs nicht abzuweichen.
Deutschland importiert fast zweieinhalbmal so viel aus China, wie es dorthin liefert
Wie sich der Wettbewerb auf Deutschland auswirkt, rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in einem Kurzbericht vom 15. Oktober vor. Das Handelsdefizit mit China dürfte 2026 erstmals mehr als 100 Milliarden Euro betragen und hat sich seit 2019 mehr als versiebenfacht. Die Zahl ist hochgerechnet und unterstellt, dass sich die Entwicklung des ersten Halbjahres fortsetzt. In diesen sechs Monaten importierte Deutschland fast zweieinhalbmal so viele Waren aus China, wie es dorthin exportierte.
Die Autoindustrie trägt mit knapp 24 Prozent am stärksten zum Anstieg des Defizits bei. Ihre Exporte nach China sinken gegenüber 2019 voraussichtlich um mehr als 50 Prozent, die Einfuhren chinesischer Autos und Autoteile steigen um mehr als 475 Prozent. Die Elektroindustrie steuert rund 30 Milliarden Euro zum Zuwachs bei. Im Maschinenbau kippt ein Überschuss von knapp zehn Milliarden Euro in ein Defizit von gut einer Milliarde.
Hohe Energiekosten erklären die Entwicklung laut IW nur zu einem kleinen Teil: Chemie, Papier, Glas und Metalle tragen zusammen rund vier Milliarden Euro bei. Das Institut verweist stattdessen auf sehr hohe Subventionen und einen stark unterbewerteten Yuan.
Aus den Zahlen leitet das IW eine Forderung ab. Der Europäische Rat solle die Kommission auffordern, ein neues handelspolitisches Instrument zu entwickeln. „Neben heimischen Reformen braucht es daher breite und zügig umsetzbare Ausgleichszölle“, sagt IW-Ökonom Jürgen Matthes. Ausgleichszölle sind Aufschläge auf subventionierte Importe, die deren Preisvorteil ausgleichen sollen.
Deutsche und französische Wirtschaftsweise raten dagegen von pauschalen Zöllen ab und wollen vorhandene Instrumente gezielter einsetzen (mehr dazu: Ökonomen wollen Europas Abhängigkeit von China gezielt abbauen).
Europa muss die chinesische Technik im eigenen Kreislauf halten
In der Electrotech-Revolution kommen die Produkte derzeit im Wesentlichen aus China. Electrotech, das sind Solarmodul, Windrad, Batterie, Elektromotor und Wärmepumpe, ersetzt Energie aus Verbrennung durch Strom (mehr dazu: Wie sich Öl, Gas und Kohle mit Electrotech ersetzen lassen). Günstige grüne Technologien aus China beschleunigen diesen Umbau, und Europa braucht sie dafür. Sie werfen aber eine Frage auf, die Merics in seinen Empfehlungen nicht stellt: Was geschieht mit den Geräten, wenn sie ausgedient haben?
Öl und Gas verbrennen und sind weg. Solarmodule, Akkus und Motoren behalten ihre Rohstoffe: Kupfer, Aluminium, Silizium und Lithium lassen sich zurückgewinnen. Führt Europa jede Produktgeneration aus China ein und liefert die Altgeräte später zum Recycling wieder dorthin, holt sich China auch den Vorteil der Kreislaufwirtschaft. Es bekommt die Rohstoffe, das Know-how und die Wertschöpfung. Darauf muss sich Europa vorbereiten, bevor die Altgeräte in großen Mengen anfallen. Sonst setzt sich die Dominanz bei grünen Technologien in der zweiten Produktgeneration fort.
Die EU hat sich in ihrer Rohstoffakte (Critical Raw Materials Act) Ziele für 2030 gesetzt. Mindestens 25 Prozent ihres jährlichen Verbrauchs strategischer Rohstoffe sollen aus Recycling stammen, höchstens 65 Prozent aus einem einzelnen Drittland. Dafür braucht Europa Recyclinganlagen im eigenen Land, eine verbindliche Rücknahme der Altprodukte und Hersteller, die ihre Geräte so bauen, dass sich die Metalle zurückgewinnen lassen.
Die Zusammenarbeit mit China auf europäischen Bedingungen, die Merics fordert, muss deshalb den Rohstoffkreislauf einschließen. Das heißt Partnerschaften, bei denen Fertigung und Recycling auf europäischem Boden stattfinden.